"Biathlon sollte man so telegen wie möglich machen, aber der Sport selbst muss weiterhin im Vordergrund stehen"

Biathlon
Norbert Baier, Technischer Leiter im DSV

ATTRAKTIVITÄT

Biathlon hat einen unglaublichen Auftrieb genommen. Es muß super sein, diesen Sport zu "verkaufen".

Ja, aber man muß aufpassen, wo die Grenzen dieses Verkaufs sind. Biathlon sollte man so telegen wie möglich machen, aber der Sport selbst muß weiterhin im Vordergrund stehen. Das Drumherum stimmt heutzutage und ich finde, wir haben eine gute Mischung. Durch die gesteigerte Attraktivität und die Topleistungen unserer Athleten kommen die Zuschauer an die Strecken und vor den Fernseher. Meßbar ist das u. a. durch unsere Einschaltquoten bei den Weltcups in Oberhof und Ruhpolding. Zur "Prime-Time" haben fünf bis sechs Millionen Zuschauer Biathlon angesehen. "Belohnt" werden unsere Fans durch die hervorragenden Leistungen unserer Topathleten.

VERÄNDERUNGEN DER WETTFORMATE

Welche Veränderungen gab es, um Biathlon attraktiver zu machen ?

Der Internationale Verband hat Änderungen bei den Rennformaten vorgenommen. Heute gibt es z.B. den Massenstart, Rennen der besten 30 Athleten im Gesamtweltcup, einen Verfolgungs-wettkampf (die 60 Besten aus dem Sprintwettkampf) und die Staffel. Es hat sich einfach gezeigt, daß der Zuschauer unterhalten werden will und da hilft es, wenn er einfach und schnell nachvollziehen kann, wer im Moment vorne ist. Das Interessante an Biathlon ist, dass bis zum letzten Schuss und bis zur letzten Runde gewartet werden muss, da das Klassement jederzeit auf der Strecke oder beim letzten Schießen nochmals durcheinander gewirbelt werden kann.

Wie hat man denn die Publikumsnähe im Biathlon erreicht, welche Maßnahmen wurden da getroffen ?

Die längste Strecke ist der Einzellauf mit 4 km rund ums Stadion. In der Staffel laufen die Damen 2 km und die Herren 2,5 km. D.h. die sind schnell wieder im Stadion, genauso wie im Sprint - da laufen sie eine 3,3 km-Runde. Für die Zuschauer sind diese kurzen Runden attraktiv, weil die Athleten oft vorbeikommen. Außerdem setzen wir an bestimmten, exponierten Stellen Videowände ein. In Ruhpolding und Oberhof haben wir drei solcher Videowände. Also der Zuschauer ist immer - egal ob er im Stadion, am Schießstand oder auf der Strecke steht - "voll im Bilde und hautnah dabei".

TRAINING - STÜTZPUNKTE

Welche Veränderungen hat der DSV intern vollzogen und welche Trainingszentren gibt es ?

Dem Biathlon hat der Zusammenschluß von Ost und West 1991 gut getan hat. Auf einmal hatten wir eine sehr schlagkräftige Mannschaft. Erwähnenswert ist in dem Zusammenhang auch die ganze Vereinheitlichung der Trainer, die relativ problemlos über die Bühne ging. Im Osten wurde Oberhof ausgebaut, dort waren die meisten Athleten zum Zeitpunkt des Zusammenschlusses. Als ein weiterer Stützpunkt kam Altenberg-Zinnwald dazu. Und wir haben Ruhpolding als bayerischen Stützpunkt, wo u.a. auch der Weltcup stattfindet.

Und wo arbeiten die zuständigen Trainer ?

Im Biathlon sind die verantwortlichen Leute vor Ort, d.h. die Bundestrainer arbeiten in Ruhpolding und Oberhof. Durch diese Konstellation können die Athleten jeden Tag mit ihrem bekannten Trainer arbeiten. Das ist auch ein Riesenvorteil, als Probleme mit etwaigen Heimtrainern gar nicht erst aufkommen. In den anderen Sportarten haben die Bundestrainer wesentlich weniger Einfluß auf die Athleten. Unsere Athleten wissen von Trainingsbeginn an, was zu tun ist, was an Trainingsmaßnahmen ansteht, und können sich darauf einstellen.

SITUATION IM NACHWUCHS

Die Nachwuchsförderung im Bereich Biathlon funktioniert scheinbar wie das Bretzelbacken !

Wenn das nur so einfach ginge - auch wir haben unsere Probleme. Im Juniorenbereich sind wir unheimlich erfolgreich, aber der Sprung vom Junior zum Senior ist sehr groß. Im Biathlon haben wir insofern Schwierigkeiten, als unten einige Talente verhungern, wenn man oben eine starke Truppe hat. Sie bekommen weniger Möglichkeiten auf der internationalen Bühne. Zwar versuchen wir, ihnen immer wieder Chancen zu eröffnen, aber es kann für den einen oder anderen Athleten frustrierend sein, wenn er merkt "ich komme bis in den B-Kader rein, aber dann ist es für mich vorbei".

REIZ DES BIATHLON

Was begeistert Jugendliche am Biathlon ?

Die jungen Leute schießen gerne, die suchen einfach die Herausforderung, dieses kleine Ziel zu treffen. Und im Biathlon muß man die Synthese von Laufen und Schießen finden. Das ist der Anreiz, der uns die jungen Athleten zutreibt. Unsere Topathleten üben auch eine große Vorbildwirkung aus - die Jugendlichen sehen sie im Fernsehen, sind begeistert und wollen dann auch Biathlon betreiben.

Woher kommen die Biathleten, vom Langlaufen oder vom Schießen ?

Wir haben Athleten, die aus dem Laufbereich herüber gekommen sind, aber es gibt auch viele, die von Anfang an Biathlon machen. Es gibt solche und solche: Katrin Apel oder Kati Wilhelm kamen vom Laufen zum Biathlon und Martina Glagow, Andrea Henkel oder Simone Denkinger sind reine Biathleten. Das Entscheidende ist das Schießen und wer das nicht kapiert, der packt es nicht.

TEAMGEIST

Biathleten trainieren, reisen und bestreiten Wettkämpfe zusammen - gibt es da keinen Lagerkoller ?

In diesem Winter ist die Mannschaft schon im November gemeinsam nach Skandinavien gereist und ist dort bis zum 1. Weltcup geblieben. Die waren fünf Wochen unterwegs und von Lagerkoller war nichts zu spüren. Obwohl die Trainer ihre Bedenken hatten, wollten gerade die Mädchen solange dort bleiben ohne nach Hause zu kommen. Das schweißt zusammen und fördert den Teamgeist. Die Athleten verstehen sich meiner Meinung nach wirklich gut und Reibereien habe ich bei unserer Mannschaft überhaupt nicht feststellen können. Vor allem kennen sich alle Athleten untereinander sehr gut und jeder akzeptiert den anderen. Natürlich hat jeder irgendwo seinen Privatbereich und seine Privatsphäre, das ist ganz klar.

PULSVERHALTEN IM WETTKAMPF

Sie haben über die Synthese von Laufen und Schießen gesprochen. Ich stelle es mir als sehr schwierig vor, volle Pulle an einen Schießstand zu laufen und dann zielsicher zu schießen.

Die Höhe des Pulses ist unterschiedlich, je nachdem wie der Schießstand angelaufen wird. Der Ruhpoldinger Stand ist insofern einfacher, weil die Athleten hier aus einer Abfahrt in den Schießstand hereinfahren können. Da ist der Puls schon ein bißchen runter gegangen, aber das macht das Schießen nicht unbedingt leichter. Wenn aber ein Schießstand aus einem Anstieg heraus angelaufen wird, dann ist das umgekehrt. Hier ist es dann schwieriger das richtige Anlaufverhalten zu finden. Oberhof ist vergleichsweise schwieriger, weil vor dem Schießstand der größte Teil der Strecken immer bergauf und zum Stand gearbeitet werden muss. Hier spielt dann das richtige Pulsverhalten eine entscheidende Rolle.

Wie hoch ist der Puls dann beim Laufen im Vergleich zum Schießen ?

Aus dem Laufen heraus haben die Athleten ungefähr einen Puls von 170 oder 175 Schlägen. Beim Schießen sollten sie nicht unter 140 Schläge kommen, weil sonst die Treffsicherheit darunter leidet. Wenn sie einen hohen Puls haben, sagen wir mal um die 160, haben sie einen kurzen, schnellen Schlag. Da ist es wesentlich leichter zu schießen als wenn sie in das negative Pulsverhalten hineinkommen. Unter 140 Schläge oder gar 130 wird der Pulsschlag kräftiger und der Ausschlag der Waffe wird wesentlich größer, quasi durch eine Hoch-Tief-Bewegung. Wenn ein Athlet diese ideale Verfassung für das Schießen verpaßt und in das negative Pulsverhalten kommt, sprechen wir von der "Nähmaschine". Dann kommt die Unruhe von unten nach oben, über ein Zittern der Beine.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2006). Biathlon sollte man so telegen wie möglich machen, aber der Sport selbst muss weiterhin im Vordergrund stehen. Leistungssport, 36 (2), S. 9-13.

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