"Wir woll(t)en Talenten eine individuelle Ausbildung ermöglichen."

Basketball Jürgen Barth, Referent Geschäftsbereich Leistungssport im DOSB

Jürgen Barth spielte bis zum Alter von 25 Jahren aktiv Basketball in der 1. und 2. Bundesliga beim TV Langen. Er studierte Sport und Geografie an der TH Darmstadt und fungiert seit 35 Jahren als Trainer beim TV Langen.

BASKETBALL IN DEUTSCHLAND - DIRK NOWITZKY

Der Deutsche Basketball steht durch die Erfolge eines Dirk Nowitzki und die Olympiateilnahme so gut wie nie da !

Die Erfolge in den letzten 10 Jahren, die dem Basketballsport in Deutschland Auftrieb gegeben haben, sind ganz eng mit Dirk Nowitzki verknüpft. Ich wünschte, diesem Beispiel könnten zukünftig noch andere Deutsche Spieler folgen.

Wie wird es mit Dirk Nowitzki und der Nationalmannschaft weitergehen ?

Die Mannschaft hat im Kern schon seit 7, 8, 9 Jahren zusammen gespielt und mit der Olympiateilnahme in Peking ein großes Highlight gesetzt. Aber diese "Generation Nowitzki" wird auch nicht ewig spielen - einige haben schon aufgehört und bei Dirk ist der zukünftige Einsatz in der Nationalmannschaft derzeit noch offen. Bereits in Peking war zu erkennen, daß einige Spieler ihren Zenit überschritten haben.

Ergeben sich Ihre Sorgen aus dieser Situation der Nationalmannschaft ?

Meine Sorgen rühren aus der Tatsache, daß die jungen Nationalspieler und der Nachwuchs wenig bis gar nicht in den Vereinen der Basketball-Bundesliga (BBL) eingesetzt werden. Dem Deutschen Basketball gehen meines Erachtens ganze Jahrgänge verloren, weil sich unsere 19- bis 22-jährigen Nachwuchsspieler noch nicht gegen 24-jährige College-Absolventen und die anderen ausländischen Spieler - überwiegend aus den USA - durchsetzen können.

FÖRDERUNG IN DEN COLLEGUES IN DEN USA

Wie kommt es zu dem großen Angebot an College-Spielern ?

Im amerikanischen College-System werden jedes Jahr viele Tausend Spieler ausgebildet, von denen vielleicht 0,1 Prozent den Sprung in die National Basketball Association (NBA) schaffen. Dort gibt es 30 Teams mit jeweils einem Kader zwischen 18 und 20 Spielern, d.h. insgesamt spielen ca.550 bis 600 Profis in der NBA. Unterhalb der NBA gibt es eine "Development-League" - dort spielen jüngere Basketballer, die es noch nicht geschafft haben oder weiterhin auf einen Einsatz in der NBA spekulieren. Aber der überwiegende Teil der College-Absolventen muß sich nach Alternativen umsehen.

Und wo sind diese Alternativen ?

Spieler, die in den USA keinen Arbeitsplatz finden, gehen nach Europa, Südamerika, Asien oder Australien, d.h., sie spielen weltweit. Gerade in Europa können diese Profis noch viel Geld im Basketball verdienen. Einige spielen 10 Jahre in verschiedenen Vereinen und tingeln zum Teil durch Europa.

NACHWUCHSFÖRDERUNG IN DEUTSCHLAND

Der TV Langen betreibt eine besondere Nachwuchsförderung. Wie kam es dazu ?

Vor mehr 20 Jahren haben wir beim TV Langen mit einer gezielten Nachwuchsförderung angefangen. Wir wollten Talenten eine individuelle Ausbildung ermöglichen, denn die üblichen Vereinsstrukturen können leistungssportliche Anforderungen allenfalls unzureichend befriedigen und Basketballer trainierten bis dahin überwiegend im Mannschaftsverbund. Dieses Manko soll das 1985 gegründete Basket-Teilzeit-Internat (BTI) Langen ausgleichen.

Wie beurteilen Sie die Geschichte des BTI und wie soll es weitergehen ?

Damals war das Basketball-Teilzeit-Internat (BTI) das erste Modell-Projekt im deutschen Spielsport, gefördert durch öffentliche Mittel, die Stiftung Deutsche Sporthilfe, das Land Hessen, die Stadt Langen und den TV Langen. Bisher sind wir sehr zufrieden mit unserem Modell, nur schläft die Konkurrenz nicht und in der Zwischenzeit gibt es einige Vollzeit-Internate.

KOOPERATION MIT DEN DEUTSCHE BANK SKYLINERS

Bei den Deutsche Bank Skyliners stehen zwei Langener Spieler im Kader...

... momentan nutzen beide die guten Trainingsmöglichkeiten und -partner bei den Skyliners. Der TV Langen kooperiert seit einigen Jahren mit den Skyliners, aber die Zielsetzungen in der BBL haben sich u.a. durch die Ausländeröffnung (Bosman-Urteil) verändert. Alle BBL-Vereine stehen unter einem so hohen Erfolgsdruck, daß sie wenig Zeit und Möglichkeiten haben, Talente systematisch zu entwickeln. Mittlerweile findet man kaum 22- bis 24-jährige Nachwuchsleute, die dort eingesetzt werden.

Was ist die Konsequenz im Basketball ?

Im Basketball hat man Doppellizenzen eingeführt, mit der Spieler bis zum Alter von 24 für zwei Vereine gleichzeitig spielen können. In Langen haben Robin und Kai ihre sportliche Heimat, sie bekommen in der ProA-Liga viel Spielzeit und sind unverzichtbar für die Mannschaft. Daneben finden die beiden Spieler bei den Skyliners ergänzende Trainingsmöglichkeiten. In Frankfurt können sie punktuell am Teamtraining der Profis teilnehmen, arbeiten regelmässig mit Individualtrainern und machen das Athletiktraining mit.

EINSATZZEITEN DER NATIONALSPIELER

Wo spielen die aktuellen Nationalspieler und wie viel Einsatzzeit haben sie ?

Dirk Nowitzki und Jan-Hendrik Jagla spielen im Ausland, Pascal Röller und Konrad Wysocki in Frankfurt, Steffen Hamann in Berlin, Robert Garrett und Demond Greene in Bamberg. In der BBL erhalten diese Nationalspieler im Schnitt zwischen 20 und 30 Minuten Einsatzzeit pro Spiel. Bei den Jüngeren sieht die Situation schon anders aus: Tim Ohlbrecht (Bamberg) spielt ca. 10 Minuten und Johannes Herber und Philip Zwiener sitzen bei Alba Berlin zumeist auf der Ersatzbank.

Da stimmt doch was nicht - ein Nationalspieler und Olympiateilnehmer sitzt in der BBL auf der Ersatzbank !!

Ja, so ist es. Aber so jung ist ein Philip Zwiener mit 24 Jahren nicht mehr und den anderen Spielern zwischen 20 und 24 Jahren geht es in der BBL auch nicht besser - das ist aus meiner Sicht das Kernproblem des Deutschen Basketball. Und wenn ich an die Zukunft nach Nowitzki und Co. denke, sieht die Situation für die Nationalmannschaft derzeit nicht so rosig aus.

FÖRDERUNG DER NACHWUCHSSPIELER

Ergreift der DBB Maßnahmen, um die Situation für die Nachwuchsspieler zu verbessern ?

Bundestrainer Dirk Bauermann hat dieses Thema in der Öffentlichkeit mehrfach angesprochen und eine Reduzierung der Ausländerzahl in der BBL eingefordert. Der DBB hat gemeinsam mi der BBL und der AG 2. Liga das Wettkampfsystem im Nachwuchsbereich verändert. Vor drei Jahren wurde eine Nachwuchsbundesliga (NBBL) für Spieler bis 19 Jahre eingeführt. Außerdem wird es aber der Saison 2009/2010 eine U16 Jugendbundesliga (JBBL) geben. In diesem Jahr hat der DBB mit dezentralem Stützpunkttraining unter Leitung der Bundestrainer begonnen...

Das sich nach guter Nachwuchsförderung an...

An der Nachwuchsförderung mangelt es im DBB und bei vielen Vereinen nicht. Wir haben gute Bedingungen bei der Ausbildung der Jugendlichen durch die Internate und durch die beiden neuen Jugend-Ligen gibt es einen Konzentrationsprozess der besseren Spieler im Jugendbereich. Das sind alles gute Ansätze, nur leider lösen diese positiven Entwicklungen "das Kernproblem" nicht.

NACHWUCHSARBEIT VS. KOMMERZIELLE INTERESSEN IN DER BUNDESLIGA

Gibt es unterschiedliche Interessen zwischen den "kommerziellen BBL-Vereinen" und der Nachwuchsarbeit?

Die unterschiedliche Interessenlage ist der Grund, warum die Kooperation zwischen den Skyliners und dem TV Langen nicht mehr so gut funktioniert wie wir uns das ursprünglich für unseren Nachwuchs ausgemalt haben. Als wir die Kooperation begonnen haben, war die Ausländerregel ganz anders und da hatte der Plan "wir bilden Spieler aus und geben sie dann an die Skyliners ab" eine andere Berechtigung.

Die kommerziellen Interessen der Vereine kann man gut nachvollziehen. Wie steht es um den DBB und die Entwicklung des Basketballs in Deutschland ?

Die Entwicklung von deutschen Nachwuchsspielern, der Nationalmannschaft und dem Bundesliga-Betrieb geht meines Erachtens nur Hand-in-Hand und da stellt sich die generelle Frage: "Wie entwickeln wir die Sportart weiter ?" Meines Erachtens haben die BBL-Vereine auch eine Verantwortung für die Nationalspieler und sollten auch für ausreichende Einsatzzeiten für die nachwachsende Generation sorgen.

Was würden Sie sich für die Zukunft des Basketball wünschen ?

Für die Entwicklung des Basketballs wünsche ich mir mehr Vertrauen in junge Spieler und einen intensiven, sportfachlichen Austauch zwischen dem Verband und den Ligen. Dort müßten meines Erachtens Fragen wie: "Welche Liga-Strukturen brauchen wir, wie viele Ausländer sollten zugelassen werden?" inhaltlich diskutiert werden. Ja, wir brauchen Ausländer, das befruchtet unseren Sport und fördert die Qualität der deutschen Sportler. Aber der Einsatz von Ausländern darf keinesfalls unseren eigenen Nachwuchs ersticken !!

Autorin:
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle:
Pfaff, E. (2009). "Wir woll(t)en Talenten eine individuelle Ausbildung ermöglichen." Leistungssport, 39 (3) S. 22-25.

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