"Meiner Meinung nach könnten hochtalentierte Spieler bereits mit 18 Jahren kurzfristig eingesetzt werden."

Basketball
Dirk Bauermann, Vereinstrainer bei Lietuvos Rytas Vilnius und Bundestrainer Polen

Dirk Bauermann musste seine aktive Basketball-Karriere mit 29 Jahren wegen einer Verletzung beenden. Danach erwarb er die A-Trainer-Lizenz und stieg ins Trainer-Geschäft ein. Seine Erfahrungen als Trainer resultieren aus der Zusammenarbeit mit verschiedenen Vereins- und Nationalmannschaften. In seine Zeit als Bundestrainer des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) von 2003 bis 2011 fiel die Olympia-Teilnahme des DBB-Teams 2008 in Peking.

MANNSCHAFTEN - UNTERSCHIEDE

Herr Bauermann, seit Anfang 2013 sind Sie Nationalcoach in Polen und Vereinstrainer beim BC Lietuvos Rytas Vilnius in Litauen. Wie schaffen Sie diese Doppelbelastung?

So eine Konstellation gehört wohl zu meinem Trainer-Schicksal, denn eine doppelte Belastung hatte ich schon während meiner Zeit in Deutschland. Als Bundestrainer habe ich bereits sieben Jahre lang Bamberg und den FC Bayern gleichzeitig mit der Nationalmannschaft betreut. Eine solche Doppelbelastung stellt eine enorme Anstrengung dar, aber es hat funktioniert und darauf kommt es am Ende an.

Welche Unterschiede sehen Sie zwischen Vereinsmannschaften und einer Nationalmannschaft?

Als Vereinstrainer stelle ich gemeinsam mit dem Sportdirektor die Mannschaft im Rahmen eines vorgegebenen Budgets zusammen, die Auswahl an Spielern ist unvergleichlich viel größer, in der Nationalmannschaft ist das grundsätzlich anders. Die Auswahl für den Verein orientiert sich immer stark an der Spielkonzeption bzw. -philosophie des Trainers, in der Nationalmannschaft muss sich die Spielweise stark nach dem vorhandenen Spielermaterial richten. Der zweite Unterschied besteht in der Dauer der Arbeit mit der Mannschaft. Ein Vereinstrainer hat mehr Zeit Spieler und Team zu entwickeln.

AUFBAU EINER MANNSCHAFT

Wie lange dauert es, eine gemeinsame Identität als Mannschaft zu entwickeln?

Basketball ist ein taktisch-strategisch komplexes Spiel, das eine hohe technische und athletische Qualität erfordert. Es gibt unzählige individual- und gruppentaktische Lösungsmöglichkeiten. Dieser Prozess benötigt Zeit, es braucht eine hohe Anzahl von Trainingseinheiten, um die notwendige Sicherheit in den Abläufen zu erreichen.

Wie viel Zeit steht Ihnen für die Saisonvorbereitung einer Mannschaft zur Verfügung?

Für die Saisonvorbereitung bei den Vereinen erhalten wir 6 bis 8 Wochen. Wenn man jedoch eine Mannschaft in weiten Teilen neu zusammengestellt hat, muss die Saisonvorbereitung entsprechend ausgeweitet werden. Dagegen sollte man die Vorbereitung einer gut eingespielten, erfahrenen Mannschaft - oder bei älteren Spielern - eher reduzieren.

Wie können Sie auf die unterschiedlichen Anforderungen eingehen?

Prinzipiell geschieht das Basketball-Training einer Mannschaft immer gemeinsam. Sonderfälle, wie z.B. ältere oder angeschlagene Spieler, bekommen mehr Zeit zur Regeneration. Individualisierte Inhalte haben wir im Bereich des sportartspezifischen basketballerischen Fertigkeitstrainings und beim Athletik-Training. Wenn beispielsweise ein junger Spieler athletische Defizite hat, achten wir darauf, dass er in diesem Bereich gezielt trainiert. Insofern vereinbaren wir Ziele für die Zusammenarbeit, wie sich ein Spieler über die Saison entwickeln soll, welche kurz- und langfristigen Ziele wir für ihn haben.

NEUE FÖRDERSTRUKTUREN IM DBB

Wie haben die Förderstrukturen des DBB auf diese Anforderungen reagiert und welche Möglichkeiten bieten sie?

Seit 2006 werden die Spieler zwei Jahre früher gesichtet. Für das nationale Sichtungsturnier wurden inhaltliche Vorgaben gemacht, die Mittel wurden vom U-20- in den U-16/14-Bereich umgeschichtet, gemeinsam mit der ING DiBa wurde das Projekt "Talente mit Perspektive" ins Leben gerufen und wir haben einen gemeinsamen Lehrgang aller Jugendnationalmannschaften zu Beginn eines jeden Sommers durchgeführt.

Zeigt diese frühere Förderung schon Früchte?

Absolut, schauen Sie sich doch die hervorragenden Platzierungen aller Jugendnationalmannschaften, insbesondere der U16 und U20 in den letzten Jahren an. Aber natürlich sind dafür nicht nur die strukturellen Veränderungen im Verband verantwortlich, sondern auch die hervorragende Arbeit der Trainer. Von hoher Bedeutung ist aber auch das viel größer gewordene Engagement der BEKO BLL (Basketball Bundesliga) im Jugendbereich, das gemeinsame Projekt NBBL und JBBL sowie die mittlerweile klare Perspektive Profibasketball, die ein hochveranlagter junger Spieler anders als noch vor sechs Jahren für sich entwickeln kann.

Das hört sich nach einer effektiven Jugendförderung an. Wie passt diese zu dem modernisierten Schulsystem?

Durch das G8-System geraten der gesamte Jugendleistungssport und der Leistungssport insgesamt in große Schwierigkeiten. Denn die Jugendlichen sind vor 16 Uhr nicht verfügbar. Und wenn sie dann zum Sport kommen, sind sie schon fix und fertig. Im Augenblick sind schulische und sportliche Ausbildung konkurrierende Systeme. Die Lösungen, die die Politik anbietet, sind vollkommen unzureichend. All das wird auf dem Rücken der jungen Athleten und der Familien ausgetragen. Das halte ich für einen unwürdigen und unzumutbaren Zustand.

Gibt es weitere Bereiche, die im Sinne des deutschen Leistungssports verändert werden sollten?

Aus meiner Sicht hängt die weitere Entwicklung unserer Sportart stark von der Qualität der Jugendarbeit in den Profivereinen ab und von den Perspektiven, die junge Spieler haben, bei harter Arbeit einmal Profispieler zu werden. In diesem Bereich hat sich viel zum Positiven verändert, zum Teil ist die Arbeit und sind die Reformen vorbildlich.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2013). "Meiner Meinung nach könnten hochtalentierte Spieler bereits mit 18 Jahren kurzfristig eingesetzt werden."Leistungssport, 43 (3), S. 52-53.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
http://philippka.de/index.php?id=148
www.leistungssport.net