"Heute versuchen wir, die Athleten in Trainingsgruppen zu kombinieren und passgenaue Trainingsinhalte anzubieten"

Skilanglauf
Jochen Behle, Bundestrainer im DSV

EINSTIEG ALS BUNDESTRAINER

Seit ihrem Amtsantritt verzeichnet der Skilanglauf einen deutlichen Aufschwung.

Der Skilanglauf ist in Deutschland inzwischen salonfähig geworden und ich wünsche mir, daß wir den Aufschwung der letzten Jahre aufrecht erhalten können. Die öffentliche Anerkennung kam vor allem durch die internationalen Erfolge unserer Sportler.

Worauf führen Sie die Leistungssteigerung zurück ?

Ein solcher Aufschwung geht nur, wenn man so wenig Fehler als möglich macht und fast ohne Ausfallquote arbeitet. Wir können es uns bei der geringen Anzahl von Spitzenathleten nicht erlauben, auch nur ein Talent zu verlieren. D.h. das Training insgesamt und die Qualität der Trainingsinhalte müssen einfach stimmen und wir müssen die Sportler bei der Stange halten.

Wie kam es zu Ihrem Engagement als Bundestrainer ?

Während meiner Karriere habe ich viel kritisiert, weil ich eigene Vorstellungen hatte und bei anderen Nationen gesehen habe, wie es laufen kann. Beim Verband war ich als Querdenker bekannt und hatte genug Querelen. Daher konnte ich mir nicht vorstellen, einmal Bundestrainer zu werden. Als der DSV mir dann doch dieses Amt anbot, habe ich gesagt: "Ich habe sehr konkrete Vorstellungen, und ich bin hartnäckig - merkt euch das !" Seit ich in der Verantwortung bin, zehre ich schon von meinen Erfahrungen und versuche, sie umzusetzen.

AUFGABEN

In welchem Rahmen machen Sie die finanzielle Planung und welche Vorteile hat das ?

Bei mir laufen sämtliche Abrechnungen und Planungen zusammen. Ich buche jeden Flug und kümmere mich um den gesamten Transport von Mensch und Material. So sind wir mit der Organisation beweglicher und können auf die Bedürfnisse der Athleten und Trainer eingehen.

Das sind aber unübliche Aufgaben für einen Bundestrainer !

Ja, aber im Unterschied zu meinen Kollegen trainiere ich nicht am Mann. Auf diese Art und Weise kann ich sämtliche Prozesse neutral begleiten, Nominierungen wertfrei treffen und komme nicht in den Konflikt, einen Athleten oder meine Trainingsgruppe zu bevorteilen.

VERÄNDERUNGEN

Welche strukturellen Veränderungen haben Sie seit ihrem Amtsantritt durchgesetzt ?

Die erste Änderung betraf die Trainer an den Stützpunkten. Früher hat der Bundestrainer Trainingspläne für die Stützpunkte geschrieben und sie wurden dort erfüllt. Das war mir zu wenig individuell. Heute versuchen wir, die Athleten in Trainingsgruppen zu kombinieren und passgenaue Trainingsinhalte anzubieten.

Wie haben Sie es geschafft, sich gegenüber dem alten System durchzusetzen ?

Ich hatte genaue Vorstellungen, was ich verändern wollte. Da gibt es die Hauptpunkte, bei denen ich in keinem Fall nachgeben konnte und einige Dinge, über die ich bereit war zu diskutieren. Vor allem wollte ich eine klare Linie in alle Aktivitäten und Entscheidungen bringen. Ich habe einen geraden Weg vorgegeben, wozu konkrete Grundsätze gehören. Die oberste Prämisse ist Teamfähigkeit. Wer das nicht schafft, hat bei uns keinen Platz.

ZUSAMMENARBEIT MIT ATHLETEN

Wie arbeiten die Trainer mit den Sportlern zusammen und welche Rolle spielen Sie dabei ?

Unsere Strukturen sind auf die Sportler ausgerichtet und wir arbeiten sehr konstruktiv mit ihnen zusammen. Wir wollen sie zu Selbständigkeit und Selbstverantwortung erziehen. D.h. die Athleten sollen in der Lage sein, selbständig zu handeln und dabei taktische Ratschläge der Trainer im Wettkampf zu nutzen. Mir ist der Dialog mit dem Sportler sehr wichtig, denn er muß letztendlich die Leistung bringen. Und da gehört es manchmal zu meiner Pflicht, den Athleten schwierige Entscheidungen plausibel zu erklären.

Und wie sind die Sportler in diese Zusammenarbeit eingebunden ?

Ich war schon immer für den mündigen Athleten und meine Vorstellungen lassen sich nur gemeinsam mit den Athleten verwirklichen. Wenn sich die Sportler mit den Trainingsinhalten identifizieren, erreicht man eine ganz andere Effektivität und Qualität der Zusammenarbeit. Als Beispiel möchte ich ein bewußt durchgeführtes Training nennen, dem ein (auf Befehl) abgeleistetes Training gegenüber steht. Die höchste Qualität erreiche ich durch bewußtes Training, wenn der Körper und der Kopf bei der Sache sind.

ZUSAMMENARBEIT MIT TRAINERN

Wie sieht die Arbeit für einen Heimtrainer aus ?

Ich will, daß die Heimtrainer sich in die Arbeit einbringen, daß sie kritisch diskutieren und ihre Motivation auf die Athleten übertragen. Jenseits der Vorgaben und Richtlinien, die wir gemeinsam abstimmen, kann ein Heimtrainer sich frei entfalten und in Eigenverantwortung arbeiten.

Sie haben erzählt, daß Sie sich auf die Seite der Athleten stellen - tun Sie das auch für Ihre Trainer ?

An den Stützpunkten verrichten die Heimtrainer das tagtägliche Training mit den Athleten und wenn es Schwierigkeiten oder negative Dinge zu besprechen gibt, übernehme ich das oft. Ich meine, das aufgrund meiner Verantwortung für das Team machen zu können. Vielleicht sind die Athleten dann mal böse auf mich, aber das Training mit ihrem Heimtrainer läuft in einer guten Atmosphäre weiter.

Wie wirkt sich die Individualisierung an den Stützpunkten bei Lehrgängen aus ?

Wenn wir uns zu Lehrgangsmaßnahmen treffen, werden gewisse Trainingsinhalte gemeinsam durchgeführt. Das schafft eine Wettkampfatmosphäre und Vergleichswerte für die einzelnen Gruppen. Andererseits zwingen uns die unterschiedlichen Ausgangsniveaus, zu Teilen individuell zu trainieren. Aber gerade diese Individualisierung und die oben genannte Gruppendynamik haben meiner Meinung nach den Sprung nach vorne gebracht.

MOTIVATION UND LEISTUNG

Wie schaffen Sie es, Sportler für den Skilanglauf zu motivieren, wo doch die Lust auf Leistung dahinschwindet ?

Ich gebe denjenigen schon Recht, die sagen "die Jugendlichen sind nicht mehr so motiviert" - es gibt einfach ein großes Angebot an so genannten Funsportarten. Heute sind auch immer weniger Leute bereit, sich zu quälen und was zu erreichen. Training sollte dem Sportler Freude machen und seine Motivation für den Leistungssport stützen. Sonst kriegen wir Probleme mit so trainingsintensiven Sportarten wie Langlauf. Da nur die wenigsten Geld verdienen, brauchen wir Erfolge als Motivation. Selbst wenn wir momentan gut dastehen, wird es aber für uns in Zukunft nicht einfacher werden.

Wie können Sie junge Sportler vom Skilanglaufen begeistern ?

Junge Sportler wollen ein abwechslungsreiches freudbetontes Training und die Inhalte der Ausbildung müssen vielseitig sein. Das kommt ihnen nachher zu Gute, weil Langlaufen den gesamten Körper beansprucht, sowohl auf Seiten der Ausdauer als auch bei der Kraft. Außerdem weichen wir im Sommer auf Radfahren, Inliner und Cross-Laufen aus.

Welche Faktoren spielen dabei noch eine Rolle ?

In dem Zusammenhang ist die Dynamik einer Trainingsgruppe im Nachwuchsbereich nicht zu unterschätzen. Schon im Kinderbereich gibt es sowas wie einen Macher, einen Anführer oder Bestimmer - und die muß man für sich und die Gruppe einsetzen. Die Gruppendynamik beeinflußt für meine Begriffe auch die Entwicklung ihrer einzelnen Mitglieder. Oft setzt sich der Fleißigste durch während das Talent auf der Strecke bleibt. Nach wie vor ist das größte Talent, das man für die Sportart Skilanglauf haben kann, der Fleiß. Talent für Skilanglauf und die schönste Technik helfen nichts, wenn man die Kondition nicht hat, einen Wettkampf durchzulaufen.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff. E. & Behle, J. (2007). "Heute versuchen wir, die Athleten in Trainingsgruppen zu kombinieren und passgenaue Trainingsinhalte anzubieten" Leistungssport 37 (1), 49-54.

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