" "Beim Bobsport geht es um Kopf und Kragen"

Bobsport
Raimund Bethge, Bundestrainer im BSD

Raimund Bethge hat als Bob- und Skeleton-Cheftrainer in den vergangenen 15 Jahren die Grundlage für 105 Medaillengewinne bei internationalen Meisterschaften und Olympischen Spielen gelegt. Allein bei den Winterspielen 2006 in Turin gewannen die deutschen Bobfahrer alle drei Goldmedaillen. 1979 begann er seine Trainerkarriere, die mit der Auszeichnung zum "DOSB-Trainer des Jahres" öffentliche Anerkennung bekam. Der 59-Jährige spendete das Preisgeld von 10.000 Euro für die Nachwuchsförderung seines Verbandes.

TRAINER DES JAHRES 2006 - INTEGRATION DER TEAMS

Im Dezember wurden Sie zum "DOSB-Trainer des Jahres 2006" gewählt. Welche Bedeutung hat diese Ehrung für Sie ?

Die Ehrung in Weimar war das Größte, was mir in den 25 Jahren als Trainer passiert ist. 1979 habe ich in Oberhof angefangen und bin 1990 nach der Wende nach Berchtesgaden gekommen. In der Zeit galt meine Konzentration voll und ganz meinem Job. Ich möchte jedoch betonen, daß ich die Auszeichnung als Anerkennung für die Arbeit des gesamten Teams verstehe. Denn nur wenn die Zusammenarbeit mit Athleten, Heimtrainern und den Betreuern an den Stützpunkten gut funktioniert, kann man Erfolge feiern.

Welche Themen haben Sie in Ihrer Trainerkarriere besonders beschäftigt ?

Eine wichtige Aufgabe war das Zusammenfügen der beiden deutschen Mannschaften nach der Wiedervereinigung. Diese Veränderungen betrafen die gesamte Struktur - u.a. wurde die neue Geschäftsstelle in Berchtesgaden angesiedelt und ich mußte an den Königssee umziehen. Zu der Zeit hatten wir ein großes Potential an Leistungsträgern aus dem Osten und dem Westen. Es war sehr schwer und z.T. schmerzlich, die beiden Mannschaften auf eine zu verringern.

Wie haben Sie diese schwierige Aufgabe angepackt ?

Mit der alten DDR-Mannschaft hatte ich schon von 1979 bis 1990 zusammengearbeitet - die kannten mich zur Genüge und wir hatten keine Probleme. Schwieriger war die Situation der Westathletenj. Daher wollte ich bei der Vereinigung der Athleten von Anfang an Vorurteilen entgegenwirken und das Vertrauen der Athleten aus dem Westen gewinnen. In unserer Sportart geht es immer um Zeiten und die habe ich als Nominierungskriterium genommen. Wenn die Entscheidungen durch nachvollziehbare und transparente Kriterien zustande kommen, merken die Athleten, daß es allein um die Leistung und den Bobsport geht.

WETTKAMPFBETREUUNG

Welche Aufgabe haben die Trainer während der Wettkämpfe ?

Der Bobsport ist eine Rennsportart, da geht es um Kopf und Kragen. Unser Piloten sind einerseits erfahren und kennen die Bahnen. Andererseits tragen sie eine große Verantwortung für die Leistung und vor allem die Gesundheit ihrer Mitfahrer. Den Trainern kommt bei den Wettkämpfen mehr eine beratende Rolle zu und ein vertrauensvolles Verhältnis ist entscheidend.

Können Sie uns die Inhalte dieser Beratungen beschreiben ?

Zwar wird immer wieder von der Ideallinie gesprochen, aber die gibt es eigentlich nicht. Uns interessiert viel mehr, wie ein Pilot die Kurvendurchfahrt bewältigt und wie er aus einer Kurve herausfährt. Mit den Piloten diskutieren wir bestimmte Lenkeinsätze. Das geschieht zwischen den Läufen und da lassen wir auch unsere Beobachtungen zu Mannschaften einfließen, die besonders gut gefahren sind. Für jede Bahn haben die Piloten ein Programm im Kopf gespeichert. Man kann ihnen die Augen verbinden, dann fahren die das Programm ab.

MOMENTUM NUTZEN - FEHLERVERARBEITUNG

Gibt es eine Art Momentum, daß sich auf den einzelnen Streckenteilen fortpflanzt ?

Die Fahrt auf der Geraden hängt von der Kurvendurch- und -ausfahrt ab. Im letzten Drittel der Kurve entscheidet sich die Güte der Weiterfahrt. Wenn der Pilot dort den Druck richtig trifft, dann die Fahrt optimal weiter. Wenn korrigiert werden muß oder der Druck zu gering ist, fängt das ganze System an zu Rutschen und zu Schlingern. Und das bedeutet Zeitverlust.

Wenn ein Pilot am Anfang der Fahrt einen Fehler macht, verfolgt ihn dieser weiter ?

Das ist eines der Geheimnisse der ganzen Sache - im Bobsport passieren genug Fehler, aber die muß ein Pilot schnellstmöglich abhaken. Wenn man sich an einem Fehler festhält, verliert man nicht nur den roten Faden, sondern auch Zeit. Im Wettkampf gewinnt der, der die wenigsten Fehler macht und eine möglichst solide Fahrt hinlegt. Im Bobsport kann man nichts Besonderes machen: Es gibt nur einen Weg runter, die Kurvenfolge bleibt und die erarbeitete Linie ist klar. Schließlich kommt es darauf an, maximal oder schnellstmöglich zu starten.

BELASTUNGEN DER BOBFAHRER - STARTPHASE

Wie hoch ist die körperliche Belastung, die bei einer Fahrt auftritt ? Gibt es da Pulswerte ?

Bei den Piloten haben wir Pulsmessungen gemacht, die bis zu 180 Schläge erreichen. Anhand der einzelnen Pulswerte konnten wir genau sehen, auf welchen Abschnitten der Bahn der Bob gefahren ist. Schwierige Passagen wie komplizierte Kurven oder große Druckkurven sind regelrecht pulstreibend. Insgesamt entsteht die größte körperliche Leistung beim Start. Da muß die gesamte Masse eines Bobs über 50 bis 60 Meter angeschoben werden. Diese Strecke wird mit Startzeiten zwischen 5,10 oder 4,80 Sekunden überwunden und die Höchstgeschwindigkeit beim Einstieg liegt bei ungefähr 11 Metern pro Sekunde.

Welche Faktoren sind bei der Startphase wichtig ?

Die Startphase ist insofern kompliziert, weil Mensch und Material auf eine optimale Geschwindigkeit gebracht werden müssen. Am Ende der Lauf- und Anschubstrecke folgt der Einstieg in den Bob. Wo und in welcher Phase dieser Einstieg erfolgt, entscheidet darüber, mit wieviel Schwung ein Bob auf die Strecke geht. Das Wichtigste ist, den optimalen Übergang zwischen Schubkraft und der Fahrt zu finden, d.h. den Schwung in Fahrt umzusetzen. Diese Feinabstimmung hängt von der Bahn und von einem reibungslosen Einstieg der Besatzung ab.

KOORDINATION DER CREWS

Wie findet eine perfekt koordinierte Bob-Crew den optimalen Einstiegspunkt ?

Das ist eine Trainingsfrage und das Ziel ist eine automatisierte Koordination des Einstiegs. Der Pilot gibt in der Startphase die Lauflänge vor, die er mit wachsender Erfahrung optimiert auf den verschiedenen Bahnen optimiert. Manches Mal nimmt er eine schlechtere Startzeit bewußt in Kauf, wenn dadurch schneller Fahrt aufgenommen werden kann. Diese Strategie erkennt man, wenn er bei der ersten Zwischenzeit wieder Zeit gut gemacht hat.

Wie oft trainieren die kompletten Bob-Besatzungen gemeinsam ?

Die Menge an gemeinsamer Trainingszeit ist sehr unterschiedlich und es kommt darauf an, wie die Mannschaften zusammengesetzt sind. Es gab und gibt Mannschaften, die treffen sich im Sommer sporadisch zum Starttraining und im Oktober trainieren sie lediglich ein paar Wochen zusammen. In Oberhof können unsere Athleten momentan täglich gemeinsam trainieren, weil sie in der Sportfördergruppe sind. Da es nicht immer erforderlich ist, gemeinsam zu trainieren, teilen wir die Athleten unseren Stützpunkten oder Olympiastützpunkten - wie Potsdam oder München - zu. Dort machen die Sportler ihr Spezialtraining und kommen dann zu den Trainingsmaßnahmen in der Vorbereitungsphase zusammen.

NACHWUCHSFÖRDERUNG

Der deutsche Bobsport ist außerordentlich erfolgreich - können wir auf diese Erfolge bauen ?

Wenn man die Medaillenausbeute bei den Olympischen Spielen in Turin 2006 betrachtet - von drei Möglichkeiten haben wir alle gewonnen - trifft das zu. Aber wir sind ein relativ kleiner Verband und ich mache mir auch Sorgen um die Zukunft des Bobsports. Zur Zeit ist die rückläufige Tendenz im Nachwuchs unser größtes Problem.

Gibt es Pläne, wie man den Nachwuchs gezielter an den Bobsport heranführen kann ?

Aufgrund dieser abnehmenden Tendenz wollen wir uns verstärkt Pilotenentwicklung widmen und neue Wege gehen. Da denken wir z.B. an eine Bobschule oder wollen Bremser zu Piloten ausbilden. Aber wir wollen auch neue Athleten für den Bobsport interessieren. Da für diese Pläne so gut wie kein Geld vorhanden in der Verbandskasse vorhanden ist, soll das DOSB-Preisgeld als Starthilfe für die Kleinen, den Bobsport-Nachwuchs, dienen.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. & Bethge, R. (2007). Beim Bobsport geht es um Kopf und Kragen. Leistungssport 37 (2), S. 50-54

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
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