"Unsere Trainings-Programme sind alles andere als einzigartig oder sehr innovativ."

Schwimmen
Bob Bowman, Schwimm-Trainer von Michael Phelps (USA)

Bob Bowman schloss sein Studium 1987 als Bachelor für Entwicklungs-Psychologie und Musikkomposition an der Florida-State-University in Tallahassee ab. Von 1988 bis 1992 arbeitete Bowman als Assistenz-Trainer verschiedener Vereine, danach zeichnete er als Head-Coach von 1992 bis 1997 verantwortlich für Schwimm-Teams in Birmingham (AL), Napa Valley (CAL) und Tallahassee (FLA). 1998 begann er die Betreuung des erfolgreichsten Schwimmers aller Zeiten, Michael Phelps. Wir trafen Bob Bowman während des Schwimm-Weltcups in Berlin 2011 und sprachen über seine Philosophie als Trainer und die Arbeit mit Michael Phelps.

SCHWIMMPROGRAMM IM NBAC

Herr Bowman, Sie sind beim Weltcup in Berlin Delegationsleiter und Head-Coach des US-Swim-Teams. Wo arbeiten Sie in den USA und welche Aufgaben haben Sie dort?

Zu Hause arbeite ich als CEO und Head-Coach beim North Baltimore Aquatic Club. In dem Club trage ich die Verantwortung für die Ausbildung von ca. 250 Schwimmern aller Altersgruppen und mit zehn Coaches. Ich selbst trainiere mit einer Gruppe von etwa zehn Athleten, die ich ständig betreue. Die Schwimmer sind unterschiedlichen Alters und Geschlechts. Neben Michael Phelps (26) gibt es zwei Jungs, die in ihren 20ern sind, die 21-jährige Allison Schmitt und einige 15-, 16-jährige Athleten. Das ist eine gute Mischung von ambitionierten Schwimmern.

Wie sieht das Training mit dieser Gruppe aus?

Unsere Schwimmer trainieren alle in einer Trainingsgruppe. Sie kommen zur gleichen Zeit, aber je nachdem, was auf ihrem individuellen Programm steht, gehen sie früher oder später. Grundsätzlich trainieren wir täglich, aber mindestens sechs Tage pro Woche. Pro Tag machen wir morgens und abends eine Schwimm-Trainings-Einheit von jeweils zwei Stunden Dauer und eine Stunde Land-Training. D.h., unsere Schwimmer haben täglich fünf Stunden reines Training.

Das hört sich nach einem umfangreichen Programm an. Seit wann gibt es das und welche Erfolge gab es bisher?

Unser Programm existiert seit ungefähr 40 Jahren und wir sind wahrscheinlich das erfolgreichste Altersgruppen-Programm in den USA. In dieser Zeit gewannen sieben unserer Athleten insgesamt 19 Gold-, zwei Silber- und fünf Bronzemedaillen bei Olympischen Spielen. Dabei sprengte Michael Phelps alle Dimensionen: er wuchs in unserem Programm auf und wurde der erfolgreichste Olympionike aller Zeiten.

TRAININGSINHALTE UND -PHILOSOPHIE

Die Erfolgsbilanz eines Michael Phelps ist wirklich einzigartig. Was ist das Besondere an Ihrem Programm?

Beim NBAC pflegen wir eine Kultur der Spitzenleistung. Darin erklären wir den Athleten offen und ehrlich, was wir von ihnen verlangen - wir erwarten harte Arbeit! D.h., wir fahren weder einen Kuschelkurs noch sorgen wir dafür, dass alles perfekt für die Athleten ist. Sondern wir geben unseren Schwimmern das Programm, lehren sie, Ziele zu setzen, und verlangen, dass sie sich in den Prozess voll einbringen. Ich denke, diese Geradlinigkeit und Klarheit sind das Wichtigste.

Gibt es bei Ihnen besondere Trainingsinhalte?

Unsere Trainings-Programme sind alles andere als einzigartig oder sehr innovativ. Wir ändern auch nicht ständig die Inhalte, um das Interesse der Athleten zu behalten. Und wenn ich Ihnen erzähle, dass wir soundso oft 800 Meter oder bestimmte Serien schwimmen, dann ist das ist relativ normal. Stattdessen legen wir bei unserem Training Wert auf solide und wissenschaftlich abgesicherte Trainingsinhalte. Nur die Art und Weise, wie wir das klar strukturierte Programm den Kindern und Jugendlichen anbieten, bildet die Basis für Erfolge. Und mit den Erfolgen steigt die Motivation für unser Programm.

TRAININGSPROGRAMM - TEAMSPIRIT

Wie können wir uns die Atmosphäre bei Ihrem Training vorstellen?

Während unseres Trainings herrscht eine ernsthafte, konzentrierte Atmosphäre. Die Athleten wissen, um was es geht, und wir geben ihnen regelmäßig spezielle Aufgaben, die sie bewältigen müssen. So bekommen sie bereits im Training ein Verständnis für Druck und lernen, damit umzugehen.

Michael Phelps ist auch ein Teil dieses Programms. In welchem Alter stieg er bei Ihnen ein und wie hat er die Anfänge erlebt?

Michael war 8 Jahre alt, als er bei uns anfing. Wenn er ins Training kam, sah er die älteren Jugendlichen schwimmen und erlebte zwei olympische Goldmedaillen-Gewinner im Pool. Sie haben sich immer gegrüßt und gegenseitig sehr respektiert. Heute ist Michael Phelps in der Schwimmwelt ein Superstar, aber in unserem Trainingsprogramm ist er für die jungen Athleten einer von ihnen. Z.B. stoßen unsere 8-Jährigen "ihren Kumpel" beim Verlassen des Pools immer an die Schultern.

Was bewirkt dieser direkte Kontakt zu einem Top-Athleten?

Durch diese Nähe zu den Topschwimmern denken unsere jungen Schwimmer "ich werde auch mal so gut sein". Sie beginnen zu glauben "wenn er bei den Olympischen Spielen war, dann schaffe ich das auch". Wir haben es über Jahrzehnte geschafft, solche Vorbilder in unser (gesamtes) Programm zu integrieren und dadurch die jungen Schwimmer zu motivieren.

ZUSAMMENARBEIT MIT MICHAEL PHELPS

Ihre Zusammenarbeit mit Michael Phelps läuft schon so lange, eigentlich müssten Sie ihn in- und auswendig kennen ...

... ja, das ist wirklich so. Bei Michael weiß ich fast von Stunde zu Stunde, was er als Sportler braucht. Durch die vielen gemeinsamen Jahre kann ich seine Bedürfnisse so exakt einschätzen wie bei keinem anderen Sportler. Andersherum weiß er, wie ich ticke. Michael kommt z.B. immer herein und gibt eine Prognose für die Trainingsinhalte ab. Zu 90 Prozent liegt er richtig ...

... liegt das an seiner Erfahrung mit Ihrem Programm oder hat er ein Gefühl dafür?

Ich denke, es ist beides. Michael weiß aus der Vergangenheit, wie ich das Training organisiere und welche Inhalte zu unserem Programm gehören. Außerdem hat er ein absolutes Gespür für die Entwicklung von Leistung. Im Laufe der Jahre habe ich auch festgestellt, dass die talentiertesten Athleten unglaublich aufmerksam sind. Sie erleben ihre Umgebung sehr bewusst und bekommen jeden Schritt in einem Prozess mit. Zusätzlich können sich diese Personen extrem auf eine Sache konzentrieren.

WETTKAMPFSIMULATION - BEWUSSTES TRAINING

Was bringt diese Härte im Training und worauf sollte man achten?

Wir nutzen das Training als Vorbereitung, bzw. Simulation von Wettkämpfen. In einem Olympischen Finale bekommt man auch nur eine Chance - entweder man nutzt sie oder nicht. In unserem Programm setzen wir die Schwimmer immer wieder psychisch unbequemen Situationen aus und sie lernen, diese zu bewältigen. Wichtig ist bei allen Aufgaben, dass sie im Rahmen der individuellen Möglichkeiten liegen und machbar sind. Wir wollen die Schwimmer unter Druck setzen, sie abhärten, aber nicht überfordern. Meiner Meinung nach wirkt das Bewältigen schwieriger Situationen sich positiv auf die Wettkampfhärte und das Selbstvertrauen eines Athleten aus.

Wie viel Verständnis für den Trainingsplan und die Ziele dahinter haben Ihre Schwimmer?

Unsere Schwimmer sollten die Ziele genau kennen und ich erkläre sie ihnen sehr deutlich. Außerdem habe ich eine Regel: Wenn jemand nicht versteht, was von ihm gefordert wird, dann sollte er es einfach lassen. Für meine Begriffe ist das Verständnis der Trainingsinhalte und der Ziele sehr wichtig, weil die Athleten so viel bewusster und gezielter trainieren.

Sie sagen, Ihre Athleten verstehen Ihr Programm und wissen, was sie tun. Handeln sie auf Anweisung oder aus innerem Antrieb heraus?

Wenn ich behaupte, unsere Schwimmer verstehen und wissen, was sie tun, dann haben sie mit der Zeit Vieles von uns gelernt. Aber - und das ist der feine Unterschied - sie identifizieren sich mit dem Programm, wollen trainieren und ihre Leistungen verbessern. Als erwachsene Athleten müssen sie die Verantwortung übernehmen, sie sind diejenigen, die schwimmen (wollen). Das betone ich auch öfter: "Du bist der Schwimmer und ich bin nur hier, um Dir zu helfen".

MÜNDIGE ATHLETEN - UMGANG MIT SCHWIMMERN

Warum reicht es Ihnen nicht, wenn Ihre Schwimmer Befehle empfangen und danach handeln?

Für mich ist ein Athlet, der lediglich Anweisungen befolgt und weder Verantwortung übernimmt noch mitdenkt, nur Befehlsempfänger. Aber je besser die Leistung eines Athleten wird, desto mehr wird die ganze Person gefordert. Daher arbeite ich daran, dass unsere Athleten erkennen (lernen), wer Sie sind, und wissen, was Sie erreichen wollen. Wenn ein Athlet in die internationale Spitze gelangt, wachsen die Anforderungen und der Druck. Auf diesem Niveau kann man sich nicht (nur) auf andere Leute stützen, sondern muss sich auf sich selbst und seine Leistungsfähigkeit verlassen (können).

Sie hatten über kritisch-konstruktive Bemerkungen gesprochen. Auf welche Art und Weise gehen Sie an Probleme und deren Lösungen heran?

Wenn im Training oder bei Wettkämpfen Probleme oder Fragen auftauchen, gehe ich unterschiedlich damit um. Entweder ich sage dem Sportler direkt, welche Problemlösung sinnvoll ist, oder ich lasse ihn selbst ausprobieren. Manchmal helfe ich ihm auch bei der Problemlösung, indem wir darüber diskutieren und ich ihn durch Nachfragen zu einer Lösung begleite. Je nach Situation, Dringlichkeit und Entwicklungsstand des Sportlers nutze ich eine der genannten Möglichkeiten.

Ein "mündiger Athlet" bzw. die Persönlichkeit eines Sportlers entwickelt sich mit der Zeit. Sprechen Sie viel mit Ihren Athleten und verbringen Sie viel Zeit mit Ihnen?

Wir sprechen vor und nach dem Training oder auf Wettkampfreisen miteinander. Wenn die Athleten einen entsprechenden Bedarf haben, mit mir reden wollen oder meine Hilfe brauchen, tue ich das gerne. Aber grundsätzlich bin ich der Trainer für meine Schwimmer und fungiere nicht als deren Eltern. Daher versuche ich, eine gewisse Distanz zu halten und mich nicht ins Privatleben einzumischen. D.h., wenn sie den Pool verlassen, soll(t)en sie ihre Freiheiten genießen, einen Freundeskreis und ein eigenes Leben aufbauen. Solange sich das Privatleben mit der Lebensphase des Leistungssports ergänzt, kann ich mich nur auf meine Aufgaben als Trainer konzentrieren.

HARTE ARBEIT VS. INTENSIVES TRAINING

Was sagen Sie zu einem Satz wie: Wer heutzutage Erfolg im Leistungssport haben will, muss hart arbeiten?

Ich bin für harte Arbeit und eine intensive Ausbildung. Aber im Leistungssport haben wir weder unbegrenzt Zeit noch endlos viele Athleten. Grundsätzlich gibt es einige wichtige Dinge, die erlernt werden müssen, z.B. eine gute Ausdauerfähigkeit. Die bekommt man im Schwimmen nur, wenn man viele Kilometer schwimmt. Aber wenn es nur um harte Arbeit ginge, könnte ich die Athleten jede Woche 100 km schwimmen lassen. Aber was bewirkt solche harte Arbeit und wie lange kann man sie tun? Wie gesagt, ich bin ein harter Coach, aber ich möchte die Grenze, wo Sport in tägliche Maloche ausartet, keinesfalls überschreiten. Deshalb wäre es mir viel lieber, wenn man "intensiv arbeiten" sagen würde. Das erlaubt eine gewisse Variation von Streckenlängen, Trainingsinhalten und technischen Elementen. Dann trainiert man auch bewusst(er) und mit mündigen Athleten.

Vielen Dank für die Einblicke in Ihre Erfahrungen als Trainer. Wir wünschen Ihnen viel Freude an der Arbeit und viel Erfolg in London 2012!

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2012). "Unsere Trainings-Programme sind alles andere als einzigartig oder sehr innovativ."
Leistungssport, 42 (2), S. 57-62.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
http://philippka.de/index.php?id=148
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