"Ein Spieler sollte sich mit seiner Mannschaft identifizieren"

Handball
Heiner Brand, Bundestrainer im DHB

AUSWAHL SPIELER

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Spieler aus ?

Zunächst wähle ich nach handballspezifischen Kriterien aus und danach, ob die Spieler auch menschlich einigermaßen zusammen passen. Bei der letzten Generation hat das gut funktioniert. Momentan sind wir noch in einem Formungsprozeß, wo ich die Leute in unterschiedlichen Situationen beobachte - z.B. wie sie sich untereinander verhallten und wie sich mit Druck umgehen können. Aus den unterschiedlichen Informationen versuche ich die bestmögliche Mannschaft aufzustellen, die sowohl handballerisch höchsten Ansprüchen genügt als auch menschlich zusammen paßt.

Warum sollte ein potentieller Nationalspieler nicht nur gut Handball spielen können, sondern auch menschlich in die Mannschaft passen ?

Ein Spieler sollte sich mit seiner Mannschaft identifizieren. Dann kann er es z.B. auch leichter ertragen, wenn er weniger Spielanteile hat. Bei uns stehen von 14 Spielern nur sieben auf dem Platz und die Spielanteile sind nicht gleichmäßig verteilt. Wer sich mit der Mannschaft identifiziert, kann mit einer längeren oder kürzeren Spielzeit - je nach seiner Rolle im Team - entsprechend umgehen. Dann nehme ich lieber einen, der ein klein wenig schlechter ist, aber alles für die Mannschaft tut und positiv auf die Stimmung wirkt. Sonst kann es passieren, daß einer bei einem ein großen Turnier weniger Spielanteile hat und mit einem langen Gesicht rumläuft, was die Stimmung in der Mannschaft belastet. Insgesamt ist die Mannschaft als ein Gesamtgebilde zu betrachten, und da müssen die sportlichen Fähigkeiten und die Atmosphäre zueinander passen.

VERTRAUEN

Spaß und eine gute Atmosphäre reichen sicher nicht für Höchstleistungen. Wie schaffen Sie es, neue Spieler zu integrieren und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen ?

Den Neuen versuche ich klarzumachen, daß Arbeit und Disziplin an erster Stelle stehen. Danach kommt die Phase, wo man dann Spaß zusammen hat. Im Mannschaftssport besteht die große Gefahr, daß die Leute nicht so diszipliniert sind wie in Individualsportarten. Deshalb muß man neben dem Aufbau eines gegenseitigen Vertrauens auch Regeln einführen. Ohne Regeln kann ein Team nicht funktionieren. Und der Aufbau einer Vertrauensbasis zwischen der Mannschaft und dem Trainer braucht Zeit, das ist ein jahrelanger Prozess.

Wie viel Zeit hat denn - wenn man die Situation anders herum betrachtet - ein neuer Spieler, Sie kennenzulernen und eine Vertrauensbasis zu entwickeln ?

Auch das ist eine Frage der Zeit. Die Spieler sprechen natürlich untereinander über mich. Aber richtig kennen lernen können die mich erst bei der täglichen Arbeit. Die Entwicklung eines gegenseitigen Vertrauens wäre der Idealzustand, der aber nur mit der Zeit entstehen kann. Eine Vertrauensbasis muß sich durch die Zusammenarbeit entwickeln; man kann sie nicht einfordern oder wie eine Regel voraussetzen.

Hat sich die Generation der Spieler verändert ? Sind die Typen heutzutage anders ?

Heutzutage sind die Spieler vom Auftreten her selbstbewußter. Beim Leistungswillen kann ich bei denen, die bei mir ankommen, keine Unterschiede feststellen. In der Nationalmannschaft sind alle sehr, sehr leistungswillig. Klar, in einigen Dingen muß man sie erziehen, denn unsere Handballer kommen aus den unterschiedlichsten Verhältnissen, z.B. was die Erziehung vom Elternhaus bis zum Verein angeht. Die Spieler im sportlichen und menschlichen Bereich zu führen, ist auch ein Teil meiner Arbeit.

TEAMBILDUNG

Haben Sie einen Plan für ein Zusammenwachsen der Mannschaft, damit die Teambildung schnell und zielstrebig ablaufen kann ?

Die Teambildung ist ein komplexes Zusammenspiel von Faktoren. Es geht nicht immer alles nach Plan und manchmal erleben wir von einer Maßnahme zur nächsten einen Rückschritt. Durch Ausfälle und Verletzungen sind wir immer wieder zum Improvisieren gezwungen, auch wenn wir im Laufe der letzten Jahre unser taktisches Korsett gebildet haben. D.h. gegen bestimmte Abwehrformationen des Gegners haben wir konkrete, taktische Abläufe und die sind auch schriftlich fixiert. Heutzutage schicken wir die per e-mail an die neuen Spieler, die sich dann damit beschäftigen. Aber es ist ein Unterschied, Dinge auf dem Papier zu haben oder einen Ablauf auf einer Zeichnung zu sehen und schließlich das richtige Timing im Spiel zu finden - das muß man in der Realität, im mannschaftlichen Zusammenspiel üben.

KAPITÄN

Wer ist der Mannschaftskapitän und welche Rolle spielt er für Sie als Trainer in der Nationalmannschaft ?

Der Mannschaftskapitän ist der Markus Baur. Der Kapitän spielt eine Vermittlerrolle zwischen Mannschaft und Trainer. Er genießt mein Vertrauen und ich weihe ihn auch in Dinge ein, die ich im Sinne der Mannschaft mit ihm besprechen möchte. Andererseits bespricht z.B. ein Markus Baur im sogenannten Mannschaftsrat Probleme und kommt dann zu mir, um darüber zu diskutieren. In einer solchen Situation kommt er dann entweder alleine oder mit mehreren zu mir. Ein Mannschaftskapitän im Handball sollte auch auf dem Spielfeld eine Führungsperson sein. Er ist quasi ein verlängerter Arm des Trainers und muß bei der Einstellung zum Spiel Vorbildcharakter haben. Meistens sind es die Personen, die eine zentrale Rolle auf dem Spielfeld haben.

ATHLETIK

Wie viel athletischer oder schneller ist der Handball geworden - kann man das z.B. anhand der Anzahl der Angriffe messen ?

In vielen Bereichen ist der Handball doppelt so schnell wie zu meiner Zeit. Ich weiß jetzt nicht genau, wie viel Angriffe das bei uns waren. Aber in den letzten fünf, sechs Jahren gab es noch mal eine enorme Steigerung. Mittlerweile machen die Mannschaften um die 60 Angriffe, Ende der 90er Jahre waren es noch ca. 50. Das ist schon einen enorme Veränderung - der Handball ist schneller und athletischer geworden.

Gibt es auch eine Veränderung bei der Körpergröße der Handballer ?

Vor sechs Jahren habe ich einen Vergleich gesehen, da waren die Spieler drei oder vier Zentimeter größer als zu meiner Zeit. Damals war ein Spieler von meiner Statur von 1,93 m bis 1,96m groß. In der heutigen Mannschaft wirkt ein Daniel Stephan mit seinem 1,98m auf dem Spielfeld gar nicht groß neben den anderen. Die Torleute sind heute 2,02m und 2,04m - da hat sich auch einiges getan. Aber dieses Wachstum wird der Entwicklung der Gesamtbevölkerung entsprechen.

TRAINER

Sie haben von erhöhten Belastungen gesprochen. Wie unterscheidet sich der Druck als Bundestrainer von dem eines Bundesligatrainers?

Als Bundestrainer hat man eine andere Art von Druck. Bis auf das Jahr mit den Olympischen Spielen habe ich nur bei den großen Turnieren, der EM oder WM, dann allerdings einen extremen Druck. Und aufgrund des engen Spielplans, bzw. der sehr geringen Erholungspausen erleben wir einen großen Druck während der Turniere. Bei den letzten Europameisterschaften haben wir z.B. in zehn Tagen acht Spiele gemacht. Da kommt man abends vom Spiel wieder - egal wie man abgeschnitten hat - und fängt im Prinzip schon wieder an, sich für den nächsten Tag vorzubereiten. Da hat man keinerlei Zeit abzuschalten. Das letzte Mal habe ich ein paar Wochen gebraucht, um einigermaßen wieder zur Ruhe zu kommen.

ENTWICKLUNG

Was halten Sie von der Entwicklung, Handballspiele vermehrt in großen Stadien auszutragen?

Der Handball hat in den letzten Jahren mit den Spielen in den großen Arenen eine enorme Entwicklung genommen. Die Bundesliga spielt in den großen Stadien in Köln, Stuttgart oder Hamburg und der gute Zuspruch der Zuschauer beweist die Attraktivität des Handballs. Ich finde das Engagement sehr gut, das hilft unserer Sportart. Insgesamt glaube ich, daß Handball im Fernsehen sehr gut zu präsentieren ist und in Zukunft noch mehr Zuschauer anziehen wird.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2005). Ein Spieler sollte sich mit seiner Mannschaft identifizieren. Leistungssport, 35 (5), S. 22-25.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
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