"Die Freude am Sport ist die Basis für höchste Leistungen in einer Sportart, die wirklich vollen Einsatz erfordert"

Mountainbiken
Frank Brückner, Bundestrainer im BDR

Frank Brückner übernahm bereits im Alter von 28 Jahren das Amt des Bundestrainers Mountainbike im BDR. Er war als Straßenfahrer aktiv und studierte Maschinenbau und Sportwissenschaft. Als einer der jüngsten Bundestrainer betreut er seit 1999 eine noch junge Sportart, die vor rund 25 Jahren in den USA ihren Anfang nahm. Wir sprachen über die Vorbereitungen auf die vorolympische Saison 2007 und das spezifische Lehrgangssystem der Mountainbiker. Auch wenn fast jeder Bundesbürger ein MTB-Rad besitzt, so nehmen doch die wenigsten an Wettkämpfen teil oder betreiben die Sportart leistungsmäßig.

PROFESSIONALISIERUNG UND STRUKTUREN

Wie wirkt sich die Professionalisierung im Mountainbike-Sport aus ?

Die Professionalisierung greift auch in den Mountainbike-Sport ein, als sie von von ihrem Sport leben können. Auf Seiten der Trainer ändern sich die Rahmenbedingungen, was sich auf unsere Arbeit auswirkt. Den Gleichschritt und das gemeinsame Training von früher gibt es nicht mehr. Die Sportler verfolgen durch die finanziellen Möglichkeiten heute auch andere Ziele. Viele springen vom olympischen Sport ab in den Marathon, um besser zu verdienen - oder sie tingeln zwischen Marathon und olympischer Distanz hin und her. Für Sportler und Trainer wäre es besser, wenn wir uns auf eine Disziplin konzentrieren könnten.

Welche Strukturen gibt es im Bereich Mountainbike-Sport ?

Im Mountainbike haben wir keine Bundesleistungszentren. Damit gibt es auch keine Trainer, die an den Bundesstützpunkten arbeiten. Die Mountainbiker trainieren hauptsächlich mit ihren Heimtrainern. Lehrgangsmaßnahmen organisieren wir über ein sogenanntes Leitungssystem, d.h., wir laden die Sportler zu Lehrgängen ein. Deswegen bin ich auch nie zu Hause. Letztes Jahr war ich ca. 260 Tage unterwegs.

ZUSAMMENARBEIT MIT SABINE SPITZ

Sie sind Heimtrainer von Sabine Spitz. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit, schließlich wohnen Sie jeweils am anderen Ende der Republik ?

Während der Wettkämpfe sehen wir uns fast wöchentlich. Wir sprechen die Trainingspläne und ihre Wettkampfeinsätze gemeinsam ab. Viele Inhalte, wie z.B. drei Wochen Skilager oder Krafttraining kann sie allein machen, da muß ich nicht ständig dabei sein. Sabine trainiert viel mit ihrem Mann, der auch Mountainbike-Rennen fährt, und wir telefonieren oft miteinander. Trotz dieses regelmäßigen Kontakts kommt bei unseren Treffen wesentlich mehr Information 'rüber. Wir erreichen bei unserer Zusammenarbeit einfach eine höhere Qualität, wenn wir uns mehr sehen.

Wodurch zeichnet sich das Trainer-Athleten-Verhältnis zu Sabine Spitz aus ?

Sabine fordert mich als Trainer und gibt sich nicht mit dem Erreichten zufrieden. Sie fragt immer nach Langzeitauswertungen und will den Überblick über Training und Wettkämpfe haben. Sie arbeitet sehr ernsthaft, zielstrebig, und ehrgeizig, sie ordnet ihren Zielen alles unter. Für mich ist sie eine vorbildliche Leistungssportlerin und unsere Zusammenarbeit verläuft sehr konstruktiv.

TRAININGSPLANUNG - PERIODISIERUNG

Wie unterscheiden sich dann Straßenradsportler und Mountainbiker ?

Von der Ausdauer her können Mountainbiker können bei den reinen Straßenfahrern gut mithalten. Im Gelände ist aber der athletische Anteil höher als auf der Straße, da muß man mehr mit dem ganzen Körper arbeiten. Außerdem sind die Anforderungen an die Reaktions- und Balancefähigkeit und den Gleichgewichtssinn wesentlich höher. Ein Straßenradsportler kann zwar Mountainbike fahren, aber nicht erfolgreich. Er ist die Intervall-Belastung nicht gewöhnt, übersäuert schneller und ist dann kaputt.

Wie halten Sie es mit der Periodisierung ?

Im Nachwuchsbereich oder im U23-Bereich können wir noch wirklich klassisch mit Periodisierung arbeiten. Aber im Profibereich ist das heute nicht einfach: Aus meiner Sicht gibt es Auflösungserscheinungen in Sachen Periodisierung, weil die Wettkampfdichte so eng ist. Die Sportler werden in das System hinein gepreßt und es wird bestimmt: "Ihr müßt die wichtigen Wettkämpfe - Bundesliga-Rennen, Straßenrennen, Vorbereitungen - fahren". Man schüttet die Sportler mit Terminen zu, und alle machen in dem System mit.

FRISCHE FÜR WETTKÄMPFE

Müssen Sportler nicht mal den Mut haben, sich aus diesem Wettkampfzirkus heraus zu ziehen ? Geht das, wenn Geld im Spiel ist ?

Man sollte das nicht immer auf die materielle Seite schieben. Geld spielt sicher eine Rolle, aber ein erfahrener Sportler sollte ein so gutes Körpergefühl mitbringen, daß er aufgrund dessen entscheiden kann. Wenn er nicht mehr die geistige Frische für Wettkämpfe hat oder sich müde oder ausgebrannt fühlt, sollte er pausieren. Das ist in jeder Sportart gleich, da gibt es Erfahrungswerte oder Merkmale, die es unbedingt zu beachten gilt. Wenn man aber über den Leistungshöhepunkt einfach hinweg geht und Anzeichen von Müdigkeit übergeht, dann ist es meistens zu spät und wenn man Pech hat, zieht sich das durch das ganze Jahr.

In welchem Zustand sollte ein Sportler an den Start gehen ?

Ein Athlet braucht bei den Wettkämpfen eine geistige Frische; er muß "heiß" sein und sich darauf freuen. Problematisch wird es, wenn einer müde und ausgequetscht zum Wettkampf kommt. Erfahrene Sportler haben es einfach im Gefühl, wann sie sich nach Hause gehen und mal zwei Wochen in Ruhe trainieren sollten, um ihre geistige und körperliche Frische zu erhalten.

WETTKAMPFANALYSEN - KÖRPEREMPFINDEN

Auf welche Daten stützen Sie ihre Wettkampfanalysen ?

Wir sind auf die Analyse von Teilstrecken und der biologischen Daten angewiesen. Auch wenn ich lieber auf harte, wissenschaftliche Daten verlasse, arbeiten wir im Mountainbiken zusätzlich viel visuell und gehen über das Empfinden der Sportler. Harte Daten erhalten wir über ein GPS-System, das Parameter wie Geschwindigkeit, Herzfrequenz und Höhenmeter registriert. Damit können wir bestimmte Teilstrecken, wie Berganstiege oder technisch anspruchsvolle Teile, analysieren daraus unsere Schlüsse ziehen.

Wie geht das "über das Empfinden" ?

Erfahrene Sportler können ihre Leistung und ihren körperlichen Zustand gut einschätzen. Gerade eine Sabine Spitz schildert das immer sehr gut. Durch ihre Beschreibung kann ich ihren Zustand nachvollziehen und sie über diese Ebene steuern. In ihren Fall brauchen wir also nicht unbedingt meßbare Kriterien wie Herzfrequenzen oder mechanische Leistung.

MOUNTAINBIKER ALS TYP UND SPORTLER

Wie würden Sie die Mountainbiker als Personen beschreiben ?

Mountainbiker haben ein hohes Maß an Selbständigkeit und Individualismus, ohne egoistisch zu sein. Im Vordergrund steht bei uns noch die Freude an der Bewegung und an dem Sport. Diese Freude am Sport, ist in meinen Augen auch die Basis für höchste Leistungen in einer Sportart, die wirklich vollen Einsatz erfordert. Radsportler müssen täglich, bei Wind und Wetter, viele Stunden hinaus gehen und hart trainieren. Das geht nicht ohne den inneren Antrieb, die Freude am Radsport und die ist bei allen riesengroß.

Braucht der Mountainbike-Sport auch einen Typen als Aushängeschild ?

Ein Typ allein reicht nicht. Man braucht Typen, Erfolge und das Glück, daß man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Als Beispiel nenne ich mal den Biathlon, da stimmt die Mischung aus Erfolgen, Attraktivität für die Zuschauer und vermarktbaren Typen. Ich hoffe, daß mehr Jugendliche Lust darauf bekommen, den Mountainbike-Sport leistungsmäßig zu betreiben. Das würde helfen, das Mißverhältnis zwischen verkauften und leistungsmäßig genutzten Mountainbikes zu verringern.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. & Brückner, F. (2007). Die Freude am Sport ist die Basis für höchste Leistungen in einer Sportart, die wirklich vollen Einsatz erfordert. Leistungssport 37 (3), S. 51-55.

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