„Für Wasserspringer ist eine fundierte turnerische Grundausbildung die Idealvorstellung.“

Wasserspringen
Lutz Buschkow, Sportdirektor DSV

Lutz Buschkow hat Sportwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin studiert (Dipl.-Sportlehrer). Von 1980 bis 1990 arbeitete er als Trainer Wasserspringen beim TSC Berlin. Von 1990 bis 2002 fungierte er als Bundestrainer Nachwuchs am Bundesstützpunkt in Berlin. Seit 2002 arbeitet Lutz Buschkow als Bundestrainer Wasserspringen. Zusätzlich übernahm er 2008 den Posten als Direktor Leistungssport für alle vier Sparten des DSV - Schwimmen, Wasserspringen, Wasserball und Synchronschwimmen.

TOPNATION CHINA

Wie kommt es in China zu dieser Stärke und der Spezialisierung?

Grundsätzlich zählt Wasserspringen in China - wie Tischtennis und Turnen - zu den populärsten und bedeutensden Sportarten. Bei diesjährigen Weltmeisterschaften in Shanghai haben sie alle Disziplinen gewonnen. Diese Übermacht kommt nicht von ungefähr, denn schon im Nachwuchsbereich machen die Chinesen sehr viel Athletiktraining und sie bilden ihre Springer technisch so gut aus, daß sie professionell(er) ans Wasserspringen herangehen können. In China nimmt die körperliche Ertüchtigung und Ausbildung des Menschen im akrobatischen Bereich - wie z.B. Chinesischer Staatszirkus, Tai Chi Chuan am Morgen - einen hohen Stellenwert ein.

Welche Voraussetzungen haben die deutschen Wasserspringer im Vergleich ?

Unsere Athleten leben in einem anderen gesellschaftlichen System, daher kochen wir - im Vergleich zu den Chinesen oder auch zum früheren DDR-System – auf einer kleineren Flamme. Im Spitzenbereich arbeitet z.B. ein Patrick Hausding als Bundeswehr-Soldat nach einem anderen Trainingsplan als ein Auszubildender, unsere Studenten oder die Schüler.

FÖRDERUNG DES NACHWUCHSES

Wie führen Sie den Nachwuchs an die internationale Spitze heran ?

Wir versuchen jungen, hoffnungsvollen Talenten Bewährungsproben zu geben. Um Erfahrungen zu sammeln, lassen wir sie - wenn möglich – bei großen Wettkämpfen starten. Außerdem laden wir die Nachwuchsspringer hin und wieder zu den Lehrgängen der Nationalmannschaft ein.

Wie können Sie Sportler, die auf dem Sprung in die Spitze sind, integrieren ?

Auf dem Weg zur Spitze müssen wir gerade für Nachwuchssportler, die z.T. noch die Schule besuchen, Einzelfall-Lösungen entwickeln. Diese Lösungen versuchen, Ausbildung und Sport unter einen Hut zu bringen und bei Tina Punzel und Martin Wolfram haben wir individuelle Olympia-Pläne abgesprochen. Der Plan beinhaltet die Trainings- und Wettkampfplanung in Richtung Olympische Spiele 2012.

Das hört sich fast so an, als würden Ausbildung und Schule den Leistungssport stören...

... im normalen Schulsystem mit den hohen Anforderungen bis zum Gymnasium verlieren wir sportliches Potenzial und diese Situation wird durch das G8-System noch schlimmer. Es ist schwierig, einen langfristigen Leistungsaufbau mit Sport und Schule über 10 oder 12 Jahre miteinander zu verbinden – diese Doppelbelastung ist gravierend und stellt eine leistungslimitierenden Faktor dar. Daher wünsche ich mir mehr gute Eliteschulen des Sports und engagiere mich dafür - das ist mein besonderes Steckenpferd unter den Aufgaben beim DSV.

DDR-SYSTEM UND AUSBILDUNGS-PRINZIP

Wie hat sich die Trainer-Situation in den letzten Jahren entwickelt?

Bis zur Wende gab es in der DDR eine große Zahl von gut ausgebildeten Trainern, ca. 100 Personen, die die Arbeit als Nachwuchs-, Athletik-, Ballett- bis hin zum Spitzen-Trainer im Wasserspringen komplett abgedeckt haben. Davon sind heute nur noch acht hauptamtliche Trainer übrig.

Gibt es Elemente, die wir von dem DDR-System lernen können, bzw. übernommen haben ?

Das damalige Ausbildungs-Prinzip sorgte dafür, daß die Nachwuchssportler nach einheitlichen technischen Grundlinien ausgebildet wurden. Damit haben die Athleten gleiche Bewegungsabläufe und die gleiche Technik gelernt. Diese prinzipielle Herangehensweise an die Ausbildung von Wasserspringern haben wir zu übernehmen versucht, bzw. wollen wir fortführen...

ANFORDERUNGEN – AUSBILDUNG

Warum brauchen Talente im Wasserspringen große Härte und psychische Stabilität?

Die Beanspruchungen während der Entwicklung eines Wasserspringers sind enorm: Zunächst einmal ist da die Kombination von Schule und Ausbildung, dann der zeitliche Umfang des Trainings und die Anforderungen beim Wasserspringen. Mitten in diese Zeit fällt das motorisch beste Lernalter. Es liegt zwischen 10 und 12 Jahren und wir müssen diese Phase zum Erlernen komplizierter Bewegungsabläufe nutzen. D.h. unser Training ist alles andere als ein Kinderspiel und erfordert absolute körperliche und geistige Bereitschaft der - z.T. sehr jungen – Athleten. Außerdem dauert die Ausbildung eines kompletten Wasserspringers viele Jahre, bis er (erfahrungsgemäß) zwischen 22 bis 30+X Jahren ihr Höchstleistungsalter erreicht.

Auf welche (Zwischen-) Ziele richten Sie die Ausbildung bis zur Spitze aus und wie erreichen Sie diese ?

Für Wasserspringer ist eine fundierte turnerische Grundausbildung die Idealvorstellung. Turner verfügen über sehr gute athletische Voraussetzungen in allen Bereichen und sie haben kaum Muskel-Dysbalancen. Diese Voraussetzungen braucht ein Athlet für eine präzise Bewegungsausführung und sie dienen als Gesundheitsschutz, speziell im Nachwuchs. Im Trainingsprozess lernen Wasserspringer erst leichte Sprünge. Diese müssen sie in einer hohen Bewegungsgüte beherrschen. Erst im nächsten Schritt wird der Schwierigkeitsgrad der Sprünge und die Sprunghöhe gesteigert.

BEWERTUNG UND AUFTRETEN IM WASSERSPRINGEN

Intensives Training und hochklassige Leistungen bei Wettkämpfen sind die eine Seite. Die andere betrifft in Sportarten wie Eiskunstlaufen, Turnen oder Voltigieren die Punktwertungen der Kampfrichter. Wie gehen Sie mit diesem Aspekt um ?

Da Wasserspringen zu den kompositorischen und subjektiv-bewerteten Sportarten gehört, muß ein Athlet sich erstmal einen Namen innerhalb der Konkurrenz und bei den Kampfrichtern machen. Wenn ein Talent in einen etablierten Kreis von Sportlern – das ist wohl in allen Sportarten so – einbrechen will, muß ein Athlet erstmal eine Probe seines Könnens abliefern. Daher ist es auch bei uns wichtig, die Aufmerksamkeit der Kampfrichter auf sich zu ziehen.

Warum ist das Verhältnis zu den Kampfrichtern so wichtig ?

Wenn ein „Mister Nobody“ auf dem Brett steht, wird er eher nur „von Amts wegen“ beurteilt. Aber wenn ein Springer durch seine Leistungen oder sein Verhalten schon einmal positiv im Wettkampf und bei den Kampfrichtern aufgefallen ist, wird er aufmerksamer wahrgenommen. Es spielt für die Bewertung schon eine (sicher unbewußte) Rolle, ob ein Kampfrichter eine 4 oder eine 5 als Note gibt. Dieser kleine Unterschied kann wertungsentscheidend sein.

Wie erklären sie sich dieses Phänomen und wie integrieren Sie es in Ihre Arbeit ?

Ein leistungsfähiger oder sympathischer Mensch ist für andere immer attraktiver und allein sein Auftreten wirkt sich „gewinnend“ aus. Diese Beobachtung ist kein Geheimnis und jeder kann sie im täglichen Leben machen. Daher raten wir unseren Wasserspringern, in einer freundlich-offenen und kommunikativen Art und Weise beim Wettkampf aufzutreten und den Kontakt mit den Kampfrichtern zu pflegen.

PSYCHISCHE UND PHYSISCHE STABILITÄT

Warum betonen Sie die Aspekte Härte und psychische Stabilität ?

Wasserspringen stellt höchste Anforderungen an Körper und Geist. Je nachdem, welchen Aspekt des Trainings- und Wettkampfprozesses wir betrachten, sind Mut und Risikobereitschaft gefordert oder Härte und psychische Stabilität. Bis die Sprünge im Wasserspringen „präsentabel“ sind und vom Athleten perfekt ausgeführt werden, vergeht viel Arbeit, Einsatz, Zeit und z.T. schwierige Phasen.

Und was bedeutet das konkret ?

Ein Psychologe sollte wissen, welche unterschiedlichen Formen von „Angst“ ein Wasserspringer durchleben oder überwinden muß. Ich verlange nicht, daß ein Sportpsychologe selbst vom 10-Meter-Turm springt, aber ich nehme sie gerne mal mit an den Ort des Geschehens, damit sie sich einen Eindruck machen können. Sie sollen sich in die Lage versetzen können, wie es ist, wenn der Sportler auf dem Turm steht, und welche Bedenken er haben könnte, wenn er bestimmte Sprünge im Grenzbereich macht.

Können Sie Beispiele für diese Grenzbereiche nennen ?

Wenn ein Sprung nicht 100-prozentig gelingt, wird er mit Schmerz bestraft. Der Respekt, den ein Wasserspringer vor den Sprüngen und den Konsequenzen hat, sollte dem Psychologen bewußt sein. In der Konsequenz müssen Athleten u.a. befähigt werden, sich neuen Herausforderungen zu stellen, Grenzerfahrungen auf sich zu nehmen und den Stress/Druck von Qualifikations-Wettkämpfen erfolgreich zu verarbeiten.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2011). „Für Wasserspringer ist eine fundierte turnerische Grundausbildung die Idealvorstellung.“ Leistungssport, 41 (6), S. 40-45.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
www. philippka.de/index.php?id=148
www.leistungssport.net