"Wir fühlen uns meistens als Anhängsel der Leichtathletik"

Leichtathletik, Hammerwerfen
Michael Deyhle, Bundestrainer Hammerwurf im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV)

Bereits in seiner Jugend lernte Michael Deyhle beim Rudern, dass Leistungssport den vollen körperlichen Einsatz erfordert. Nach dem Abitur studierte er Wirtschaftswissenschaften, war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Frankfurt und betrieb ein Fitness-Studio. 1978 stieg Michael Deyhle ins Trainergeschäft der Leichtathletik ein und seit über 20 Jahren ist er Bundestrainer Hammerwerfen im DLV. Wir trafen ihn beim Training mit seiner Top-Athletin Betty Heidler und sprachen über seine Erfahrungen und die anstehenden Ziele.

SPORTLER - ENTWICKLUNG UND ANERKENNUNG

Im Hammerwurf haben Sie viele erfolgreiche Athleten des DLV betreut. Was ist Ihnen neben dem sportlichen Erfolg wichtig?

Meinen Athleten möchte ich neben einer intensiven sportlichen Ausbildung eine hilfreiche Lebensphilosophie bzw. Lebenseinstellung mitgeben. Mit dem Verlassen des Leistungssports sollen sie ein gutes Fundament in ihr weiteres Leben hineinnehmen und als gestandene, selbstbewusste Bürger auftreten können. Da sportlicher Erfolg endlich ist, lege ich besonderen Wert auf diesen Aspekt.

Wie schätzen Sie die Anerkennung des Hammerwerfens auf internationaler Ebene ein?

Wir fühlen uns meistens als Anhängsel der Leichtathletik. Abgesehen von Problemen in Deutschland, droht der Weltverband inzwischen sogar damit, Hammerwerfen mit den Argumenten "die Disziplin ist zu gefährlich und unattraktiv" aus dem Programm zu nehmen. In puncto Attraktivität sprechen die Großereignisse eine andere Sprache: Sobald Hammerwurf stattfindet, ist das Stadion rappelvoll und die Zuschauer sind begeistert. Der Hammerwurf ist dynamisch und, wenn das Gerät Richtung 80 Meter fliegt, so imposant, dass jeder sagt: "Warum bekommen wir das nicht öfter zu sehen?".

Kommen wir zu Ihren Trainertätigkeiten. Wie kamen Sie zum Hammerwerfen?

Anfangs trainierte ich alle Disziplinen - vom Laufen, Springen bis zum Werfen. Meine ersten Spitzenathleten waren Speerwerfer und mir hat die Arbeit mit Werfern besonderen Spaß gemacht. Und dann kam Hammerwerfen als neue Herausforderung. Diese Disziplin ist nur schwer in den Griff zu bekommen und jedes Mal, wenn man denkt, jetzt habe ich es geschafft, ich habe es verstanden, wird man eines Besseren belehrt und fängt wieder von vorne an.

KOOPERATION ALS PARTNER

Sie haben viele erfolgreiche Athleten betreut bzw. hervorgebracht. Wie schaffen Sie es, Spitzenleistungen zu erreichen?

Spitzenleistungen erreicht man aus meiner Erfahrung heraus nur, wenn die Symbiose zwischen Athlet und Trainer funktioniert. Wenn dieses Gespann harmonisch zusammenarbeitet, wird es auch erfolgreich sein. Die Symbiose bezeichnet ein passgenaues Zusammenspiel zweier Partner. Gerade im Leistungssport wird die Symbiose zwischen Trainer und Athlet auf eine harte Probe gestellt, wenn Disharmonien, Misserfolge oder schwierige Entwicklungsschritte auf dieses Tandem prasseln. Trainer und Athleten sollten bereit sein, langfristig eine Symbiose einzugehen, um erfolgreich arbeiten zu können.

Nehmen wir an, Sie bekommen einen neuen Athleten. Wie schaffen Sie es, die beschriebenen Qualitäten - Harmonie und Symbiose - in der Zusammenarbeit zu entwickeln?

In der Anfangsphase bin ich für einen neuen Athlet die Autoritätsperson. In dieser Phase gebe ich dirigistisch, von oben nach unten, bestimmte Ideen weiter. Im Lauf der Zusammenarbeit übertrage ich dem Athleten immer mehr Verantwortung. In diesem Lernprozess ziele ich auf eine schrittweise Anpassung, bis ich irgendwann auf Augenhöhe mit einem Athleten arbeiten kann. Der Idealzustand ist erreicht, wenn die Kommunikation mit dem Athleten als gleichwertigem Partner funktioniert. Auf dieser Ebene kann man sich - wie in der Partnerschaft - permanent positiv auseinandersetzen und Spitzenleistung entwickeln.

ZUSAMMENARBEIT MIT BETTY HEIDLER

Betty Heidler kam bereits als Schülerin nach Frankfurt. Wie begann die Zusammenarbeit mit ihr?

Betty kam mit 17 Jahren zu uns, wohnte im Internat am Olympiastützpunkt Frankfurt und ging auf die Carl-von-Weinberg-Schule. Der Anfang unserer Zusammenarbeit war eine interessante Erfahrung. Sie erklärte mir ständig, was sie in Berlin anders gemacht hatte. Im ersten Jahr gab zu 90 Prozent Zoff. Wir gerieten regelmäßig aneinander, weil damals in Berlin alles besser war.

Wie ging die Entwicklung weiter?

Nachdem sie anfing, in diese Richtung zu arbeiten, ging die Leistungskurve steil nach oben. Die Auseinandersetzungen ließen nach und so langsam kamen wir in den Bereich hinein, wo man auch von Harmonie reden konnte. Unser Verhältnis entwickelte sich also von permanenter Disharmonie bis zu einer gemeinsamen Ebene. Ab dieser Zeit konnten wir uns vernünftig unterhalten und konstruktiv zusammenarbeiten.

Was bedeuteten diese Veränderungen für Sie als Trainer?

Durch diese Entwicklung musste ich Betty relativ früh mehr Freiheiten geben, sie konnte und wollte mehr mitdenken, mitarbeiten und sich konstruktiv in die Zusammenarbeit einbringen. Aber Betty agierte insgesamt nicht wie ein typischer 17-jähriger Teenie, sondern sie war wesentlich erwachsener. Und von Anfang an forderte sie immer Erklärungen und fragte ständig: "Warum, warum, warum?".

NACHFRAGEN - VERSTEHEN

Dieses Nachfragen könnte man auch als Widerwillen oder Faulheit interpretieren. Geht einem die Fragerei als Trainer nicht auf den Geist?

Mit diesen Nachfragen kann man Trainer, Lehrer oder Funktionäre ordentlich nerven. Der Fragende wirkt lästig und penetrant. Aber ich denke, dieses Wissen- oder Verstehen-Wollen, das Nachfragen ist gerade im Leistungssport unerlässlich. Fragen, wie z.B.: "Warum mache ich bestimmte Dinge so und nicht anders, warum mache ich jetzt mehr Krafttraining, wenn mein Leistungsniveau schon ganz oben ist usw.?", stellen die Weiterentwicklung und die nächsten Schritte auf den Prüfstand. Trainer und Athlet können so mit dem Trainingsprozess und der Entwicklung bewusster umgehen.

ATHLETEN - TYPEN UND PERSÖNLICHKEIT

Letztlich müssen die Athleten im Wettkampf Leistung bringen und sich als Person durchsetzen. Wie gehen Sie mit diesem Bereich um?

Als Trainer muss man mit unterschiedlichsten Athleten-Typen zurechtkommen. Die reichen von einer Betty Heidler, die von Anfang an ihre Meinung kundgetan hat, bis zu einem Schweiger, der alles hinzunehmen scheint und sich mit Äußerungen zurückhält. Konstruktives Feedback mit dem "Typ Schweiger" auszutauschen, empfinde ich als anstrengender und im Umgang stößt man immer wieder an Grenzen.

Wie unabhängig und selbstbestimmt sollte ein Athlet auch im Hinblick auf die Wettkampfsituation Ihrer Meinung nach sein?

Die Zusammenarbeit mit meinen Athleten ist eng und intensiv. Aber sie dürfen nicht abhängig vom Trainer sein, sonst handeln sie nur wie Abziehbilder von mir. Schließlich muss ein Athlet in Extremsituationen, d.h. im Wettkampf, als Persönlichkeit bestehen und darf nicht permanent nach Hilfe suchen.

Wenn z.B. ein stilles, unselbstständiges Mäuschen in einem Stadion mit mehreren 10.000 Zuschauern vor grölenden Menschen auftreten soll, wird das nichts. In solchen Situationen können nur gereifte Persönlichkeiten bestehen und ihre besten Leistungen zeigen. Das sind Athleten, die einen eigenen Kopf haben und ihren Willen unter Druck durchsetzen können.

Im modernen Sport geht es auch um Vermarktung und die Präsenz von Athleten in den sozialen Medien. Was halten Sie davon?

Beides, die Vermarktung eines Athleten und seine mediale Darstellung, gehört heute zu den Notwendigkeiten des Sportgeschäfts. Die Athleten bewegen sich nur eine kurze Zeitspanne in dem "Zirkus" und darin sollten sie sich möglichst positiv vermarkten. Dazu gehören ein vernünftiger Manager, eine solide PR-Arbeit und ein gutes Auftreten. Insgesamt funktionieren erfolgreiche Athleten heute wie Kleinunternehmer, die am Markt bestehen müssen. Das ist ein weiterer Grund für die Notwendigkeit der Entwicklung als Persönlichkeit mit eigenverantwortlichen Aktionen, Meinungen und Zielen.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2013). "Wir fühlen uns meistens als Anhängsel der Leichtathletik" Leistungssport, 43 (4), S. 50-54

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
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