"Wenn man erfolgreich war, hat man alles richtig gemacht !"

Eisschnelllauf
Markus Eicher, Bundestrainer der DESG

ZUSAMMENARBEIT MIT ANNI FRIESINGER

Anni Friesinger zählt zu den internationalen Top-Eisschnellläuferinnen. Seit wann trainieren Sie mit ihr ?

Wir arbeiten schon sehr lang zusammen. Als sie 12 war, habe ich sie übernommen und seitdem ihre sportliche Karriere begleitet. Anfangs habe ich auch noch das Management mitgestaltet, aber das geht nicht mehr nur so nebenbei. Dafür hat sie jetzt einen Profi.

DAS "TEAM INZELL" - TRAININGSGRUPPEN

Ihre Trainingsgruppe, das "Team Inzell" ist ja sehr erfolgreich. Wie läßt sich das erklären ?

Das Team ist unsere Trainingsgruppe, die ich so eingerichtet habe. Vor Jahren habe ich eine Männerformation so um Anni aufgebaut, um ihre Trainingsbedingungen zu verbessern. Die Formation besteht aus fünf bis sechs Eisschnellläufern, die zusammen passen. Das war Annis Weg zum Erfolg. Sie hat immer mit Jungs trainiert und sich mit ihnen gemessen. Das ist für Anni optimal, aber für die Männer nicht unbedingt.

D.h. bisher wurde alles für den Erfolg der Frauen getan ?

Die Frauen hatten diese Art von Trainingsgruppe, die die Erfolge der Frauen quasi produziert haben. Jedoch sind unsere Männer dabei nicht weitergekommen und ich meine, um die sollte man sich intensivst kümmern. Statt wie bisher in vier oder fünf Gruppen zu trainieren, wäre in meinen Augen eine Bündelung der besten Männer und Frauen in der Nationalmannschaft zukunftsweisend.

Aber man sagt doch "never change a winning team" - wie sehen Sie die Zukunft bei den Frauen ?

Der Weg bisher war erfolgreich, aber die Spitze wird immer enger. Claudia Pechstein und Anni Friesinger sind momentan noch top und wenn unsere erfolgreichen Frauen langsam in die Jahre kommen, dann müssen Jüngere nachfolgen. Und wenn ich sage "die Spitze wird immer enger", dann gilt das auch für die Weltspitze. Unsere vormalige Überlegenheit ist jetzt schon weg und die Erfolge müssen hart erkämpft werden.

Was wäre der Vorteil von reinen Frauen-oder Männer-Teams ?

Ich sehe dadurch eine weitere Möglichkeit der Leistungssteigerung, wenn sich die Athleten schon im Training "reiben". Wenn eine meiner größten Konkurrentinnen z.B. eine Serie mehr macht, dann werde ich mich schlecht vom Training zurückziehen können. Das motiviert und stachelt an und bewirkt eine gesunde Konkurrenz.

ZICKENKRIEG BRINGT AUFMERKSAMKEIT

Die Top-Frauen trainieren zusammen - vor einiger Zeit wäre das kein guter Vorschlag gewesen !

Früher hat Eisschnelllaufen im Schatten der anderen Sportarten gestanden. Durch den öffentlichen "Zickenkrieg" zwischen Anni und Claudia bekamen wir eine riesige Aufmerksamkeit geschenkt. Soviel war der Eisschnelllauf vorher nie im Fernsehen. Verstärkt wurde die mediale Aufbereitung dieses Duells noch durch die Erfolge. Die Goldmedallien von Claudia über die 3000m und 5000m und der Sieg von Anni über die 1500m in Salt Lake City brachten den Eisschnellauf stark in den Fokus.

Und wie sieht die Situation jetzt aus ?

Heutzutage ist die Situation sehr homogen. Ohne den Zoff kommen viel weniger Journalisten und Presseteams zu den Veranstaltungen. Die beiden vertragen sich jetzt besser, aber das muß auch so sein. Denn bei den Olympischen Spielen gibt es zum ersten Mal einen Team-Wettbewerb, wo sie zusammen laufen - und nur wenn sie gemeinsam in guter Verfassung sind, können sie etwas erreichen. Außerdem haben sie einen gemeinsamen Werbespot und zwei gleiche Hauptsponsoren über den Verband.

ABSPRACHEN MIT SPORTLERN

Sprechen Sie die Trainingsplanung mit Ihren Sportlern ab ?

Je länger ich mit einem Athleten arbeite, desto mehr sprechen wir das Training ab. Im Frühjahr wird über den Jahresplan, die Trainingscamps und -orte diskutiert. Zum Saisonbeginn die besprechen wir die wichtigsten Veränderungen gegenüber dem Vorjahr. In den Gesprächen geht es um die Schwerpunkte - letztes Jahr sind wir z.B. 5500 km Rad gefahren und wir überlegen dann, ob wir im Grundlagenbereich vielleicht 500km mehr fahren oder verstärkt auf Inline-Skates rollen. Die Athleten sollen Vertrauen entwickeln. Und wenn sie das Gefühl haben, sie gestalten den Plan mit, läuft die Zusammenarbeit auch besser.

BELASTUNG UND ERHOLUNG

Wie hat sich das Verhältnis von Trainingsumfang zu Trainingsqualität entwickelt ?

Man versucht, immer neue Wege zu beschreiten, sich etwas bei anderen Nationen abzuschauen und neue Elemente in den Plan einzubauen. Früher - als ich noch aktiv war - haben wir viel größere Umfänge auf dem Eis und dem Rad gemacht als jetzt. Überwiegend wurde im extensiven Bereich trainiert, d.h. Umfänge ohne Ende und wenig Erholungsphasen. Die Intensitäten haben sich enorm verschoben. Die große Entwicklung im Leistungssport kam mit der Erkenntnis, welche Bedeutung dem richtigen Verhältnis von Belastung und Erholung zukommt. Die Qualität des Trainings hat sich dadurch in den letzten 20 Jahren drastisch verändert. Die Athleten trainieren heute wesentlich intensiver, legen aber mehr Wert auf Erholungspausen.

PERIODISIERUNG - WETTKAMPFPAUSEN

Wie gehen Sie in den modernen Zeiten mit dem Thema Periodisierung um - gibt es das im Eisschnelllaufen noch ?

Ich arbeite auch heute noch ganz klar mit Perioden und unterteile diese in Trainingszyklen. Die Prinzipien sind für uns auch weiterhin gültig, obwohl man sie ein bißchen aufgeweicht hat. Die Veränderungen im Bereich der Periodisierung betreffen die Trainingsinhalte. In den meisten Sportarten wird heute viel mehr semispezifisch als sportartspezifisch trainiert. Seit 6 oder 7 Jahren können wir schon im Sommer auf das Eis gehen. Diese Möglichkeit hat auch Einfluß auf die Periodisierung. Und dann gehen wir im Juni, Juli schon wieder auf das Eis. Da laufen wir bereits richtig hohe Geschwindigkeiten zur technischen Optimierung. Das geschieht schon im Sommer, also zu einer Zeit, wo die Athleten noch keinen Wettkampfdruck haben.

Wann geht die Wettkampfsaison los ? Arbeiten Sie auch dort nach der Periodisierung ?

Anfang November gibt es die ersten Weltcups in Kanada und Amerika. Der erste Weltcup-Block geht bis Mitte Dezember. Dann haben wir acht Tage Pause vom Winter auf Lanzarote eingelegt.

Sie machen mitten in der Saison einen Ausflug nach Lanzarote - ist das nicht ein bißchen riskant ?

Diese Unterbrechung haben wir vor 6 oder 7 Jahren eingeführt.. Nach der ganzen Zeit auf dem Eis und bei den vielen Wettkämpfen ist es erholsam, die Schlittschuhe in die Ecke zu stellen, die Kälte hinter sich zu lassen und einen Tapetenwechsel zu haben. Neben der Ferienatmosphäre am Meer kann man dort - weit weg von der Spezifik der Sportart - intensiv trainieren. In dieser Phase gehen wir Radfahren und Laufen und spielen Volleyball.

Wie lange brauchen die Sportler dann für die Anpassung auf das Eis ?

Die Rückanpassung nach den 8 bis 10 Tagen Training in der Sonne klappt normalerweise sehr gut und ab dem zweiten Tag trainieren die Athleten fast wieder normal. Diese relativ schnellen Wechsel sind auch ein Teil der modernen Möglichkeiten. Da wir insgesamt früher auf das Eis gehen und damit auch mehr Zeit darauf verbringen können, werden die Wechsel nicht als so einschneidende Ereignisse erlebt.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. & Eicher, M. (2006). "Wenn man erfolgreich war, hat man alles richtig gemacht." Leitungssport 36 (3), 17-21.

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