"Wer richtig laufen und abspringen kann, der kann auch hoch springen."

Leichtathletik - Hochsprung Günter Eisinger, Trainer von Ariane Friedrich

Günter Eisinger betreut seit 1975 Athleten bei der Eintracht Frankfurt. Er ist D-Kader-Trainer Hochsprung beim Hessischen Leichtathletik Verband, war Bundestrainer Hochsprung Frauen, fungiert seit 2007 als Athleten-Manager und hat bei ca. 100 Hochsprung-Meetings organisatorische Aufgaben übernommen.

ENTWICKLUNG DER ZUSAMMENARBEIT

Seit wann und in welchen Bereichen betreuen Sie Ariane Friedrich ?

Wir arbeiten seit ca. 8 Jahren (2001) zusammen, beginnend mit dem Landeskader, und seit 2003 startet Ariane für die LG Eintracht Frankfurt. In der Zeit hat sie sich sportlich und persönlich positiv entwickelt. Unsere Kooperation beinhaltet von Anfang beide Bereiche, und das gegenseitige Vertrauen hat sich über die Jahre intensiviert. Das hört sich vielleicht gradlinig an, aber wir hatten schwierige Phasen und manchmal kamen mir bei aller Geduld, die man bei der Betreuung eines jungen Menschen braucht, auch Zweifel.

Wie kamen Zweifel auf und was haben Sie dagegen getan ?

Für Ariane als junge, neugierige Person taten sich mit dem Wechsel aus dem ländlichen Helsa an das Sportinternat beim OSP Hessen in Frankfurt neue Welten auf. Sie wohnte zum ersten Mal allein und konnte neben ihren Verpflichtungen als Sportlerin und Studierende ihre Freizeit selbst gestalten. Nachdem sie des Öfteren über die Stränge geschlagen und damit ihre sportliche Entwicklung gefährdet hatte, suchte ich nach fast vier Jahren ein klärendes Gespräch.

... was waren die Inhalte des Gesprächs ?

Geschrieben klingt das einfach, aber diese Aussprache ging im wahrsten Sinne des Wortes ans "Eingemachte". Schließlich haben wir mit dem Ziel, ihr Talent und ihren sportlichen Einsatz in Leistung umzusetzen, einige Dinge neu geordnet und klare Regeln für unsere Zusammenarbeit aufgestellt. Diese neuen Regeln und Maßnahmen sind heute einer der Schlüssel zu ihren Erfolgen.

Sie managen Ariane Friedrich auch - welche Aufgaben gehören dazu ?

Zu meinen Aufgaben in Bereich Management gehört in erster Linie die Wettkampfplanung und Vermarktung der Sportlerin/Person Ariane Friedrich. Dazu kommen Kooperationen mit dem Verband, etwaigen Werbepartnern, Veranstaltern und den Medien. Gerade die Anfragen der Medien haben seit ihrer Leistungssteigerung im letzten Jahr und mit Blick auf die diesjährige WM in Berlin extrem zugenommen. In diesem Bereich müssen wir in nächster Zeit zugunsten der sportlichen Entwicklung Abstriche machen. In diesem Sinn übernehme ich die Koordination von Medien- und Presse-Terminen.

TRAININGSPLANUNG UND -GESTALTUNG

Wie gestalten Sie Trainingseinheiten ?

Eine Trainingseinheit dauert zwischen 1,5 und 2 Stunden. Die Dauer einer Einheit richtet sich nach den Inhalten, für ein Krafttraining in der Aufbau-Phase nehmen wir uns auch schon mal mehr Zeit. Wir wollen im Training die Möglichkeit haben, ohne Stress auch mal eine Erholungspause einzulegen und abzuschalten bevor wir den nächsten Reiz zu setzen. Als Trainer strebe ich ein qualitativ hochwertiges Training an und das erfordert eine flexible, gezielte Anpassung der Reize.

Gestalten Sie das Training dann von Tag zu Tag neu ?

Grundsätzlich haben wir einen langfristigen Rahmentrainingsplan, der uns als Leitlinie dient. Inhaltlich ist der Rahmen vorgegeben, aber wir weichen sehr oft davon ab. Das betrifft die Menge und Intensität der Trainingsinhalte, nicht aber deren Art. Daher erlebe ich Training immer wieder als neue Herausforderung.

Wie stellen Sie einen Trainingsplan zusammen und welche Mitsprache hat Ihre Athletin dabei ?

In der Aufbau-Phase unterhalten wir uns darüber, wie wir die Trainingsinhalte strukturieren, wie lange welcher Bereich dauert und wann welche Inhalte eingebaut oder verändert werden. Durch meinen Beruf als Lehrer, kann ich nur bei 5, maximal 6 Einheiten pro Woche dabei sein, die restlichen Trainingseinheiten muss Ariane allein absolvieren. Das erfordert ein gegenseitiges Vertrauen und Absprachen für die eigenständigen Einheiten.

INDIVIDUELL ANGEPASSTES TRAINING

Wie man Ihren Ausführungen entnehmen kann, gehen Sie in Sachen Training und Leistungsentwicklung andere, bzw. eigene Wege. Wie sieht das Sprungtraining aus ?

Die Leute glauben es uns nicht, aber es ist in der Tat so: Ariane springt während unserer Technikeinheiten nicht mehr über die Latte. Dafür gibt einige Argumente: Ariane hatte Probleme mit dem Rücken, der bei der Landung stark belastet wird. Um den Stress in diesem Bereich zu reduzieren, konzentrieren wir uns lieber auf Zubringerübungen.

Das Nicht-Springen widerspricht der Annahme, das Handlungen durch vielfältige Wiederholungen automatisiert werden. Wie begründen Sie Ihre Methode ?

Unsere Übungsformen, die U-Läufe und Steigesprünge, sind hinführende Elemente des Hochsprungs. Die jeweilige Trainingsmethode ist eine Frage der Philosophie: Für mich ist Hochsprung Laufen und wer richtig laufen und abspringen kann, der kann auch hoch springen. Wenn der Athlet den Anlauf- und Absprung-Komplex richtig im Griff hat, ist der Flug über die Latte eine Folgekette von dem, was vorher eingeleitet wurde.

Und wie halten Sie Ihre Athletin motiviert, gibt es Ausnahmen beim Nicht-Springen ?

In den letzten zwei Jahren gab es nur drei Ausnahmen mit jeweils drei Sprüngen. Beispielsweise an Sylvester 2008, da sprang Ariane Trainingsbestleistung. Danach habe ich gesagt "Das war`s, die Hallensaison wird gut". Oder vor dieser Freiluftsaison 2009. Das waren die einzigen Ausnahmen und die Sprünge dienten der Motivation und/oder der Rückversicherung für sie "ach gut, ich kann's noch !"

AUFWÄRMEN UND TAKTIKEN BEIM WETTKAMPF

Sie erläuterten, daß Sie nach dem Anlauf einschätzen können, wie hoch Ihre Athletin springen kann. Gilt das auch für Wettkämpfe ?

Ariane folgt bei Wettkämpfen einer Routine, die Einlaufen, zwei U-Läufe, zwei Steigesprünge und zwei Sprünge über die Latte beinhaltet. Nach den ersten beiden Elementen und ohne die Sprünge über die Latte gesehen zu haben, kann ich sie in der Höhe schon einordnen.

Haben Sie ein aktuelles Beispiel ?

Bei der Hallen-Europameisterschaft in Turin sprang Ariane beim Einspringen im ersten Versuch 1,90m, im zweiten Versuch 1,95m. Beim Finale begann sie bei 1,92m, es folgten 1,99m und sie gewann mit 2,01m. Diese Strategie resultierte aus dem Aufwärmen: Ariane hatte beim Einspringen alles im Griff, und meine Taktik mit der Einstiegshöhe ging voll und ganz auf.

Wie wirken sich die Strategien auf ihre Gegnerinnen Ihres Schützlings aus ?

In Turin beobachtete Arianes größte Konkurrentin, Blanka Vlasic, ihre Sprünge beim Aufwärmen. Sie sah den Sprung, ging zu den Ständer, schaute sich die Höhe an, stellte sich unter die Latte und ging schnurstracks zu ihrem Trainer. Offensichtlich war sie von Arianes Versuch so beeindruckt, das sie sich davon beeinflussen ließ. Meiner Ansicht nach stellt es immer eine Belastung dar, wenn ein Athlet den Wettkampf verfolgt und sieht, daß ein Konkurrent ganz spät einsteigt.

KOMMUNIKATION UND VERTRAUEN

Welchen Einfluß können Sie im Wettkampf auf Ihre Athletin ausüben ?

Über Jahre hinweg - und das braucht Zeit und gegenseitige Gewöhnung - haben wir gezielte Kommunikationsmuster entwickelt. Während eines Wettkampfes haben wir ständig Kontakt, d.h., vor jedem Sprung kommt ein Blick oder ein Zeichen von ihr, und ich kommuniziere gezielt mit ihr.

Was ist das Erfolgsgeheimnis Ihres Athleten-Trainer-Gespanns ?

Wir haben eine ganz besondere Verbindung, die viel tiefer geht als bei anderen Athleten-Trainer-Kooperationen. Über die Jahre und durch die gemeinsamen Erlebnisse hat sich eine extreme Vertrauensbasis entwickelt. Durch das tiefe Vertrauen inspirieren wir uns gegenseitig und sind wie ein verschworenes Team.

"Für mich bedeutet Wettkampf 'fight'"

Ariane Friedrich und Günter Eisinger

Ariane Friedrich (25) startet seit 2003 für die LG Eintracht Frankfurt und wird von Günter Eisinger trainiert Ihre persönliche Bestleistung steigerte sie jüngst beim ISTAF in Berlin auf die deutsche Rekordhöhe von 2,06m.

NEUES LEBEN IN FRANKFURT

Sie sind nach Ihrem Abitur zum Trainieren und Studieren nach Frankfurt gezogen. Welchen Einfluss hatte dieser Schritt auf Ihr Leben ?

F: Für mich als junge Frau war das ein krasser Schritt. Bis zum Ende der Schulzeit wohnte ich auf dem Land, bin in die Schule gegangen und habe Leistungssport betrieben. In der Zeit war ich immer die Außenseiterin, die nur ihren Sport kannte, ständig auf Wettkämpfen war und nie Partys mitfeiern konnte. Dann kam ich nach Frankfurt aufs Internat und wurde von Gleichgesinnten mit offenen Armen empfangen. Diese Sportlerkollegen haben genauso gedacht und gelebt wie ich. Das war eine andere soziale Situation und ich fühlte mich akzeptiert...

... eine neue Welt ?

F: Ja, das war eine neue Welt. Die habe ich erkundet und das hat Spaß gemacht. Darüber habe ich sehr oft den Fokus für den Sport verloren. Dazu kam noch, dass ich das erste Mal komplett von meiner Familie abgenabelt war. Zunächst hat es mir sehr gefallen, aber schließlich habe ich die Familiengeborgenheit schon vermisst.

LEISTUNGSENTWICKLUNG UND GEWICHT

Höhen, die Sie seit 2005 bewältigt haben, erfordern ein intensives Training und Disziplin...

F: ... bis 2006 habe ich mich meiner Meinung nach mehr auf mein Talent verlassen als zielgerichtet zu trainieren. Und dann kam der Bruch...

... War das der Zeitpunkt, wo Sie und Ihr Trainer ernsthaft geredet haben ?

E: Dieses Gespräch war der Schlüssel für ihre spätere Entwicklung. Das waren viele kleine Schrittchen, die in der Summe eine große Veränderung bewirkt haben. Seit dieser Zeit hat Ariane mit mehr Disziplin gearbeitet und ein ganz anderes Bewusstsein für ihren Leistungssport entwickelt.

Wenn wir von Ihrer Leistungsentwicklung und Disziplin sprechen, spielt Ihr Gewicht eine Rolle. Wie hat sich das verändert ?

F: Bis 2007 habe ich bei einer Größe von 1,79m 62 Kilo gewogen, was für den Hochsprung "echt propper" war. Dann haben wir im Aufbautraining Ende 2007 beschlossen, jetzt müsse das Gewicht mehr kontrolliert werden. Zwischen den Jahren fing ich an, abzunehmen und habe mit Unterstützung eines hervorragenden Ernährungsberaters mein eigenes System entwickelt. Man muss herausfinden, auf welche Diät man gut reagiert und inwieweit sie dem Sport zuträglich ist. Seit 2008 wiege ich ca. 57 Kilo - und Gewicht halte ich bis heute...

WETTKAMPF - EINSTELLUNG UND VERHALTEN

Trainingsleistungen sollten im Wettkampf abgerufen werden. Wie gehen Sie in einen Wettkampf ?

F: Von mir existieren mehrere Gesichter, eines davon ist das Wettkampf-Gesicht. Das zeigt die Konzentration auf den Wettkampf. Für mich bedeutet Wettkampf "fight" und auf meiner Homepage stelle ich das auch so dar - zukünftige Wettkämpfe stehen dort unter dem Stichwort "Kampfpläne".

Wie erleben Sie Ihre Konkurrenz im Wettkampf und welchen Einfluss hat diese auf Sie ?

F: Die Konkurrentinnen beeinflussen mich indirekt, denn ich merke, dass sie mich herausfordern. Ich messe mich gerne mit den anderen, denn nur das direkte Duell kann aussagen, wer im Moment besser ist. Trotzdem lasse ich mich nicht durch die Konkurrenz beirren und schaue nicht hin.

Heißt das, Sie sind im Wettkampf drin, fokussieren sich aber nur auf eigene Leistung ?

F: Ich bin komplett im Wettkampf drin und weiß bei welcher Höhe wir angekommen sind. Um das zu erfahren, muss und will ich aber die Konkurrenz nicht beobachten. Stattdessen habe ich meinen Fokus, weiß in welcher Konzentrationsstufe ich bin und was ich machen muss, um meine beste Leistung zu bringen.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2009). "Wer richtig laufen und abspringen kann, der kann auch hoch springen." Leistungssport, 39 (4) S. 4-7. Interview mit Ariane Friedrich und Günter Eisinger "Für mich bedeutet Wettkampf 'fight'." S. 8-9.

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