"Fußball ist das komplizierteste Spiel überhaupt."

Felix Magath über Trainingsplanung, Mannschaftsführung und die Unberechenbarkeit des Spiels

Felix Magath war von 1972 bis 1986 als Profi-Fußballer aktiv. Die prägendste und erfolgreichste Zeit erlebte er als Mittelfeld-Spieler beim Hamburger SV und in der DFB-Nationalmannschaft. Danach arbeitete der 57-Jährige als Vereins-Manager und begann 1992 seine Trainerkarriere. Wir trafen Felix Magath "auf Schalke" und sprachen über seine Einstellung zum Mannschaftssport Fußball. Außerdem diskutierten wir über die Verträglichkeit von Leistungssport und den modernen Anforderungen im Fußball-Profi-Sport.

EINSTELLUNG UND ARBEITSWEISE

Worauf basieren Ihre Arbeit und damit Ihre Erfolge als Trainer?

Meine Erfolge der letzten Jahre gründen sich auf intensive Arbeit. Auch wenn diese Tatsache im Umfeld Fußball durch die vermehrte Vermarktung, den Event-Charakter und die öffentliche Aufmerksamkeit immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird, ist die Grundlage für unsere Leistung weiterhin der Sport. Und wenn man sich verbessern will, muss man an seine Leistungsgrenzen gehen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Ich möchte immer maximalen Erfolg und daher fordere ich 100-prozentige Leistung der Spieler. Bei mir steht die intensive Trainingsarbeit im Vordergrund und der Einsatz der Fußballer im Training ist meist entscheidend für die Aufstellung im nächsten Spiel.

Seit dieser Saison arbeiten Sie als Trainer bei Schalke 04. Was hat sich bei dieser Mannschaft seither geändert?

Die Mannschaft hat sich seit dem Trainingsstart Ende Juni 2009 vor allem in Bezug auf die Stimmung und die Leistungsbereitschaft sehr entwickelt. Mittlerweile haben sich alle mit der neuen Arbeitsweise angefreundet. Anfangs war die Intensität des Trainings für viele Spieler ungewohnt, aber inzwischen haben sie sich daran gewöhnt.

MAGATHS LINIE UND SYSTEME

Wenn Sie von Ihrer "Linie" sprechen - was steckt dahinter?

Hinter dieser Aussage steckt der Grundsatz, dass Fußball Mannschaftssport ist. Das bedeutet, dass jeder Spieler seine individuellen Fähigkeiten und Stärken in den Dienst der Mannschaft stellen und deren gemeinsames Ziel verfolgen soll.

Was bedeutet das für die Praxis und Ihre Arbeit mit der Mannschaft?

Ich habe eine klare Vorstellung, was ich von einem Spieler erwarte und wie meine Mannschaft spielen soll. Und meine Überzeugungen muss ich so gut vermitteln, dass die Spieler sie umsetzen können ...

Haben Sie ein System, das Sie sich vorstellen, oder formen Sie eine Mannschaft abhängig von den Stärken und Schwächen der Spieler zu einem System?

Beides. Einerseits habe ich klare Vorstellungen von einem System. Andererseits richte ich mich nach dem, was eine neue Mannschaft mir bietet. Grundsätzlich beobachte ich die Spieler und bewerte: "Was kann ein Spieler, was macht er, wie und wo ist er am besten in ein System einzugliedern?" Aus diesen Erkenntnissen entwickeln wir das Spielsystem einer Mannschaft.

EINFLUSS DES TRAINERS IM KOMPLEXEN SPIEL FUSSBALL

Warum finden Sie Fußball komplizierter als Schach?

Im Fußball ändern sich die Fähigkeiten der Spieler nicht nur von einem Spiel zum anderen oder von einem Monat zum anderen, sondern sie ändern sich sogar im Verlauf eines Spiels. Hinzu kommen noch Unwägbarkeiten aufgrund von äußeren Einflüssen, z.B. von Schiedsrichterentscheidungen, die sich auf die Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Spielers, Teile eines Systems oder die ganze Mannschaft auswirken können.

Was könnte denn auf Ihrer Seite schief gehen?

In einem so komplexen Gefüge wie einer Fußball-Mannschaft können viele Dinge falsch laufen, z.B. das Training, der Umgang mit den Spielern, die Ansprache des Trainers. Möglichkeiten für Fehler und Einflüsse auf die Leistung eines Teams gibt es viele. Es kann durchaus sein, dass ein Training super war, die Atmosphäre in der Mannschaft gut ist und alle guter Dinge sind. Und dann kann es passieren, dass man als Trainer (unbewusst) eine schlechte Ansprache vor einem Spiel macht und die Spieler negativ beeinflusst ...

... dann zeigt sich, dass der Trainer auch nur ein Mensch ist ...

... ja klar, und er ist ein Teil eines sehr komplexen Gebildes!

MEDIALER EINFLUSS IM PROFI-FUSSBALL

Sind die Anforderungen an einen Fußballer geringer als bei anderen Sportarten?

Uns Trainern wird die Möglichkeit eines langfristigen Trainingsaufbaus genommen, weil der Fußballsport viel zu sehr Geschäft - oder gar Show-Business - geworden ist. Aus diesem Grund muss man ein Gefühl entwickeln und sich bei der Trainingsarbeit fragen: "Wie stark kann ich einen Spieler beanspruchen und wie bringe ich ihn auf ein optimales Leistungsniveau?".

Bedeutet das, dass der leistungssportliche Trainingsaufbau im Fußball durch die professionelle Vermarktung behindert wird?

Ja, das ist der Nachteil eines professionellen Sports. Wenn wir uns nur um sportliche Aspekte kümmern könnten, würde ich mir mehr Gedanken über sportwissenschaftliche Gesichtspunkte eines Trainings - gerade bei der Vorbereitungszeit - machen. So arbeite ich in diesem Bereich flexibel und nutze die Informationen aus der Trainingsarbeit, um die Belastungen und das Training entsprechend zu dosieren.

UMGANG MIT UNTERSCHIEDLICHEN SPIELERPERSÖNLICHKEITEN

Das hört sich so an, als würden Sie auf alle Einflüsse und Unwägbarkeiten Rücksicht nehmen und sich in die Spieler einfühlen.

Na ja, das Einfühlen hat Grenzen, denn ich habe meine Vorstellungen und da passt auch nicht jede Spielerpersönlichkeit hinein. Unabhängig davon, welche Linie man als Trainer verfolgt, man wird nie alle damit erreichen. Daher ist es wichtig zu erkennen, ob man mit einem Spieler auf einer Wellenlänge liegt. Diese Tatsache sollte man dann entweder akzeptieren oder ignorieren und sein Handeln danach ausrichten.

Was ist die Konsequenz aus der Erkenntnis?

Ich versuche in solchen Fällen über Wochen, manchmal Monate mit einem Spieler eine Basis zu finden. Wenn sich aber irgendwann herausstellt, "es geht nicht", muss man konsequenterweise einen Strich ziehen. Wenn aber ein Spieler im Laufe der Zeit begreift, dass er sich und sein Verhalten anpassen sollte, dann ist die Tür jederzeit offen für eine Zusammenarbeit. Entscheidend ist dabei nicht, wie gut oder schlecht ein Fußballer ist, sondern ob unsere Vorstellungen von Training oder die Spielauffassung passen.

Spielt es für die Zusammenarbeit eine Rolle, ob Sie und die Spieler viel Zeit miteinander verbringen und ob sie sich menschlich verstehen?

Menschliches Verstehen ist ein hehres Ansinnen, das man im Fußball - selbst bei einem kleinen Kader von 24 Personen - kaum hinbekommt. Dazu haben wir einfach zu viele unterschiedliche Spieler in unserer Mannschaft. Bei Schalke 04 spielen z.B. ein Südamerikaner, ein Grieche und ein Kroate, um nur einige zu nennen. Das sind so verschiedene Mentalitäten und Kulturen, dass neben den sprachlichen auch andere Schwierigkeiten auftreten.

MOTIVATION UND ANSPRACHE DER SPIELER

Meinen Sie, dass Sie die Mannschaft von Schalke 04 durch Ihren Einfluss und die Erfolge verändert und damit auch motiviert haben?

Durch ihren Einsatz im Training, wenn sie Dinge richtig machen, und durch ihre Erfolgserlebnisse haben die Spieler sicherlich Selbstvertrauen bekommen. Selbstvertrauen von außen einzureden, geht nicht. Dieses Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Lust auf Leistung müssen wachsen und wirken sich förderlich auf die Motivation aus.

In welcher Form machen Sie die Ansprache der Spieler. Führen Sie viele Einzelgespräche?

Ich versuche die meisten Dinge in der Gruppe zu besprechen. Durch diese gemeinsamen Gespräche versuche ich klar zu machen, dass wir zusammen gehören und dass in der Gruppe alles gesagt werden kann. Neben der unterschiedlichen Herkunft, die zum Teil Sprachprobleme verursacht, können durch Einzelgespräche auch Missverständnisse entstehen. Wenn ich beispielsweise mit drei Spielern spreche und immer das selbe sage, kommt die Aussage oft unterschiedlich an. Insofern arbeite ich lieber in der Gruppe und versuche dadurch, den Mannschaftsgeist zu wecken. Bei sensiblen Themen rede ich aber auch schon mal mit einem Spieler alleine.

PSYCHISCHE BELASTUNGEN IM PROFI-FUSSBALL

Haben Sie Erfahrungen mit psychisch labilen Spielern gemacht?

Als ich Trainer in München war, spielte Sebastian Deissler in der Mannschaft. Der Verein ging mit seiner Depression offen um und unterstützte ihn bei der Therapie. Aber in diesem Umfeld konnte er nicht richtig gesund werden. Bei Bayern stehen die Spieler und das ganze Team sehr unter Druck und der Verein wird medial so unter die Lupe genommen, dass ein labiler Spieler dort keine Chance hat, sich zu erholen.

Man könnte auch fragen, ob das Umfeld Leistungssport nicht generell unzuträglich für psychisch labile Sportler ist ...

Da muss man unterscheiden. Bei den Top-Mannschaften in der Bundesliga geht es um Spitzenleistungen und da darf man sich keine Schwäche erlauben. Wenn ein solcher Spieler eine Chance im Fußball hätte - das ist jetzt hypothetisch -, dann bei Vereinen wie Freiburg oder Mainz. Dort steht das Miteinander stärker im Vordergrund und die Öffentlichkeit ist nicht so präsent. Bei Bayern München folgt auf jeden Schritt und Tritt gleich ein Fotograf und da muss ein Spieler psychisch stabil auf einer sehr hohen Leistungsebene funktionieren.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2010). "Fußball ist das komplizierteste Spiel überhaupt." Fußballtraining, 4, S. 26-30.

http://philippka.de/
http://fussballtraining.com/
http://fussballtraining.com/index.php?id=105&tx_ttnews[pointer]=2&tx_ttnews[tt_news]=189&tx_ttnews[backPid]=106&cHash=7dad94cc3629ccc55d71b718bc465cd4