Josef Capousek - Trainer der chinesischen Kanu-Olympiamannschaft

Herr Capousek, Sie waren für den deutschen Kanusport als Trainer ein echter Goldgarant. Jetzt trainieren Sie die chinesischen Kanuten. Wie kam es dazu?

Nach all den Jahren und den Erfolgen habe ich mich dabei erwischt zu sagen: Eigentlich läuft es, du kannst zufrieden sein. Damals kam das Angebot der Chinesen, deren Kanuten auf die Olympischen Spiele in Peking vorzubereiten. Es hat mich mit Stolz gefüllt, dass ein Land wie China - mit dieser Aufbruchstimmung im Sport und in der Wirtschaft - mich als Cheftrainer holen wollte. Das bedeutete aber auch, sich wieder in Bewegung zu setzen und etwas zu leisten.

Ihr Lebenslauf steckt voller Brüche. Sie sind zum Beispiel 1968 aus der CSSR nach Deutschland geflohen.

Ich wollte hierhin, konnte aber kein Deutsch und hatte kein Geld. Also habe ich Toiletten geputzt, Handtücher gewechselt, Zeitungen verkauft. Ich war Maurer, arbeitete am Fließband und als Schichtarbeiter. Später war ich Fotograf und habe eine Woche mit Clochards in Paris unter einer Brücke geschlafen und das Fest der Zigeuner im Frühjahr in der Camargue fotografiert. Diese unterschiedlichen Arbeiten haben natürlich meinen Horizont erweitert, aber es gab auch Zeiten, in denen ich tagelang nur eine Tütensuppe gegessen habe.

Haben Ihnen diese Erfahrungen etwas für Ihren Beruf als Trainer von Leistungssportlern gebracht?

Ja. Gerade wenn ich die anderen Trainer sehe, die nie im Leben etwas anderes getan haben, als mit der Stoppuhr in der Hand das Training zu überwachen. Menschenkenntnis ist wertvoll - und ich habe nie mehr von jemandem verlangt als von mir selbst.

Machen Ihnen in China die Einschränkungen durch das politische System nichts aus, nachdem Sie schon einmal in einem repressiv geführten Land gelebt haben?

(lacht) Jetzt sprechen Sie wie meine Exfrau. Als ich mich für China entschieden hatte, sagte sie: "Du bist ja bekloppt. Haust aus der CSSR ab, kommst nach Deutschland und gehst wieder in eine ähnliche Situation hinein." Generell wird etwas von China erwartet, was in meinen Augen gar nicht möglich ist: So ein riesiges Land kann nicht von einem Tag auf den anderen politisch komplett umschwenken.

Entdecken Sie denn Anzeichen, dass sich langsam etwas ändert?

Ich glaube, die Regierung vollzieht durchaus Schritte vom Kommunismus zu einer Demokratie, aber die Veränderungen brauchen ihre Zeit. Man kann nicht von heute auf morgen die Pressefreiheit einführen. Zweifellos gibt es Intellektuelle, die mehr verlangen, aber man vergisst, dass die Mehrzahl der Bevölkerung mit den Freiheiten gar nicht umgehen kann und verloren wäre. Schon heute merkt man die Auswirkungen der Demokratisierung, es entsteht eine Ellebogengesellschaft. Deswegen trauert die mittlere und ältere Generation der Chinesen Mao und der sozialeren Gesellschaft nach.

Wie ist der Sport in China organisiert?

Die Sportförderung geschieht in der Hauptsache in den Provinzen. Alle Sportler sind bei den Provinzen angestellt, und für die Nationalen Spiele stellen die Provinzen Mannschaften. Wenn ein Sportler dort erfolgreich ist oder gewinnt, dann werden die politischen Funktionäre mit höheren Posten und mehr Geld belohnt. Die Sportler bekommen Prämien, eine Wohnung und andere Vergünstigungen. Durch dieses System haben die Provinzen natürlich nur wenig Interesse daran, die Leute für die Nationalmannschaft abzustellen. Sie wollen sie lieber zu Hause behalten und dann bei den Nationalen Spielen Erfolge erringen.

Wie gelingt es Ihnen dann, eine Nationalmannschaft aufzustellen?

Mit den Olympischen Spielen vor der Tür habe ich als Cheftrainer mittlerweile bessere Karten. Als ich anfing, war es schwer, die Provinzen wollten nicht einen Sportler hergeben. Ich musste also ein bisschen Politik machen. Diplomatie war zwar nie meine Stärke, aber durch die Erfahrungen in China habe ich viel dazugelernt.

Wechseln wir in den Alltag: Wie kommen Sie im täglichen Leben in China zurecht?

Es gibt durchaus Momente, in denen ich mich ziemlich einsam fühle. Die sprachlichen Probleme machen das Leben für einen Ausländer nicht gerade einfach. Die chinesischen Zeichen kann ich nicht lesen, und ohne Sprachkenntnisse kann man nicht mal Essen bestellen. Es ist schon oft passiert, dass ich im Restaurant meinen Dolmetscher anrufe, ihm die Kellnerin gebe und er für mich bestellt. Man muss sich das vorstellen - mein Dolmetscher sitzt in einer 1.000 Kilometer entfernten Kleinstadt und bestellt mein Essen über Handy. Aber man gewöhnt sich daran.

Wozu reicht Ihr chinesischer Wortschatz?

So langsam schaffe ich es, ein kaltes Bier zu bestellen, und für mein Training beherrsche ich einige Begriffe, die man täglich braucht. Dabei würde ich liebend gerne mehr von der Sprache verstehen, denn das ist die Verbindung zu der Kultur, und die interessiert mich sehr. Aber von den rund 100.000 Zeichen muss man 4.000 lernen, um zumindest Texte auf dem Niveau der Bild-Zeitung lesen zu können. Entweder bin ich zu alt oder zu doof, aber das kann ich nicht schaffen.

Verändert sich China wirklich so rasant, wie man es über die Medien vermittelt bekommt?

Das Tempo der Veränderungen haut einen regelrecht um. China ist eine riesige Baustelle. Wenn ich nach zwei Wochen nach Peking zurückkomme, gibt es neue Autobahnabschnitte oder neue Zubringer. Im alltäglichen Leben ist es inzwischen für den Chinesen normal, einen kaputten Fernseher wegzuschmeißen und einen neuen zu kaufen. Das Prinzip des Reparierens existiert dort nicht. Darüber hinaus ist der moderne Chinese sehr stilbewusst. Der erste Blick geht auf die Uhr, der zweite aufs Handy und dann guckt man noch auf die Schuhe. Mein Handy beispielsweise ruft immer wieder Empörung hervor: "Was, schon zwei Jahre alt? Wie kannst du als Cheftrainer so was haben?"

Man hat Sie nach China geholt, um für Peking 2008 Olympiasieger zu produzieren. Wie läuft Ihre Mission Gold?

Auf diese Frage sage ich immer, dass wir Medaillen gewinnen werden. Auf Gold will und kann ich mich nicht festlegen. Goldmedaillen kann man nicht planen. Da muss man nicht nur gut drauf sein, sondern auch Glück haben. Manchmal geht es um einen Wimpernschlag, und es muss einfach alles in dem Moment passen.

Das klingt noch etwas skeptisch.

Aus der Trainingswissenschaft ist bekannt, dass man für den technischen Aufbau eines Sportlers sechs bis acht Jahre braucht. Erst dann kann man mit dem Leistungstraining beginnen. Und wenn Athleten nur drei Jahre paddeln, kann man eben nicht erwarten, dass sie gleich Weltmeister werden. Ich kann weder zaubern noch die Erfahrungswerte komplett ignorieren. Trotzdem bin ich sicher, dass die chinesische Mannschaft von den zwölf Entscheidungen im Kanu drei bis fünf Medaillen gewinnen kann.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
GALORE - Ausgabe 6/2007