"Das Wichtigste war und ist, dass wir immer auf Augenhöhe agiert haben."

Basketball
Holger Geschwindner, Trainer von Profi-Basketballer Dirk Nowitzki

Holger Geschwindner (67) nahm von 1964 bis 1987 an mehr als 600 Bundesliga-Spielen teil und war 1972 Kapitän der Olympia-Basketball-Mannschaft in München. Er studierte Mathematik, Physik und Philosophie. 1995 traf Holger Geschwindner den damals 16-jährigen Dirk Nowitzki bei einem Jugend-Spiel des DJK-Würzburg. Seither fungiert Geschwindner als Berater, persönlicher Trainer und Mentor für Nowitzki. Dieser spielt seit 1999 bei den Dallas Mavericks, USA, und gewann als erster Deutscher 2011 die Meisterschaft der NBA (National Basketball Association).

KOOPERATION DIRK NOWITZKI

Herr Geschwindner, wie fing die Zusammenarbeit mit Dirk Nowitzki an?

Dirk habe ich zufällig bei einem Spiel der DJK-Würzburg entdeckt. Als wir anfingen, gemeinsam zu trainieren, war er ca. 16,5 Jahre alt und wir standen vor der großen Aufgabe: "Wie kann man seinen Wunsch erfüllen, sich mit den Besten der Welt zu messen?" Es stellte sich heraus, dass weder die Basketball-Literatur noch die fachspezifischen Magazine uns auf dem Weg weiterhelfen konnten.

Warum war das so und was haben Sie unternommen?

Aus meiner Sicht verändert sich eine Sportart so schnell, dass das gedruckte Buch oder ein Magazin bei Erscheinen fast schon veraltet ist. Insofern mussten wir uns selbst etwas überlegen und einen "guten Riecher" haben, wohin die Sportart sich entwickelt. Das hat ganz gut geklappt.

EINSTELLUNG UND EINSATZ ALS TRAINER

Bei so vielen Erfolgen könnte es einem als Trainer auch langweilig werden. Was hält Ihre Begeisterung am Leben?

Langweilig wurde es mir nie und wir haben auch nicht nur Erfolge erlebt. Im Gegenteil, in den vergangenen 19 Jahren sind wir zusammen durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Das macht den Reiz aus, wenn ein Athlet an die Weltspitze kommt und sich dort halten will. An der Spitze muss man ständig überlegen: Wie agiere ich, wie geht's weiter, wie kriege ich den nächsten Schritt hin? Auch dazu gibt es keine Literatur. Es ist eine vielschichtige Herausforderung, man ist ständig am Suchen, probiert neue Wege aus, guckt bei anderen Sportarten Trainings an und fragt sich, ob etwas gut sein, ob es weiterhelfen könnte.

Aber mit Ihrer Erfahrung als Spieler und Trainer im Basketball wissen Sie doch "wie der Hase läuft"!

Sicher, einige Erfahrungen habe ich. Das bedeutet aber nicht, dass ich auf alle Fragen der Buben jederzeit die richtige Antwort parat habe. Gerade in der Anfangsphase gab es viele Momente, in denen ich auf die Fragen der jungen Spieler antworten musste: "Mal langsam. Das weiß ich jetzt nicht, darüber müssen wir morgen nochmal reden". D.h., wenn man als Betreuer-Trainer ernsthaft und ehrlich auf die Talente und ihre Bedürfnisse eingeht bzw. an deren Entwicklung weiterarbeitet, bleiben die Aufgaben jederzeit spannend. Auch darauf basiert meine Begeisterung und mein Engagement im Basketball.

Bei dem Individual-Training durfte ich beobachten, wie konzentriert Sie beim Training sind. Sie sind noch super-fit!

Wenn ich 30 Jahre jünger wäre, würde ich gerne noch mitspielen (lacht)! Viele Übungen mache ich mit oder zeige sie kurz und ich achte darauf, dass die Qualität stimmt. An dem Training habe ich immer noch Spaß, aber mit 67 Jahren muss ich mich manchmal bremsen.

TRAINING MIT JUGENDLICHEN

Wie schaffen Sie es, dass die Jugendlichen konzentriert am Training teilnehmen und nicht ausbüxen?

Ich bin kein Fan von Verboten, und Bestrafungen halte ich in diesem Alter für völlig sinnlos. Stattdessen erhöhe ich lieber die Anforderungen in den Trainings. Aber falls das Verhalten ausufert, ermahne ich sie: "Jungs, überlegt mal, warum wir hier sind. Eigentlich wollten wir Basketball spielen!". Insgesamt lege ich aber auch Wert darauf, dass die Jugendlichen früh ihre Grenzen testen dürfen.

Wie schätzen Sie Ihr Verhältnis zu dieser Generation ein und welche Bedeutung hat das Lernen?

Wenn man ein offenes, ehrliches Verhältnis zu den Jungs pflegt, sollten die Kommunikation und die Zusammenarbeit gut funktionieren. Das Lernen spielt eine besondere Rolle - ich habe mindestens genauso viel von den Jungs gelernt wie sie von mir. Als Trainer hofft man natürlich, dass man einen Beitrag zu ihrem Fortkommen leisten konnte. Jedenfalls kann ich aus meiner Erfahrung sagen, es macht viel Spaß, sich gemeinsam weiterzuentwickeln.

Sie haben gesagt, dass Sie die Anforderungen im Training erhöhen, um die Konzentration der Basketballer anzuregen. Haben Sie Beispiele dafür?

Jugendliche lieben Wettkämpfe, sie möchten sich mit anderen messen. Sobald man im Training Anreize schafft, sind sie voll konzentriert. Daher setzen wir viele Wettkampfformen ein, bei denen sie um etwas spielen. Wenn z.B. ein Team von zehn bis 15 Jungs 100 Körbe in Folge erzielt, gibt's eine Pizza. Mit solchen Übungen erzeugen wir auch Druck innerhalb der Gruppe und so lernen die Jugendlichen die "Wettkampf-Denke" relativ schnell.

UMGANG MIT TALENTEN

Wie sollte man mit sportlichen Talenten umgehen?

Talente werden oft durch rigide Methoden abgeschreckt. Im Sport wird man über Anweisungen wie "du musst/sollst das und darfst das nicht" nicht viel erreichen. Ich vertrete eher die Devise: "Ihr müsst auf Nichts verzichten, aber ihr dürft euer Ziel nicht aus den Augen verlieren". Daher habe ich die Buben manches Mal selbst in die Disco gefahren und wieder abgeholt. Jugendliche Leistungssportler kann man nicht von der Welt fernhalten. Im Gegenteil, man sollte ihnen die schönen Dinge der Welt zeigen.

Kommen wir zurück zu Ihrem Musterschüler Dirk Nowitzki. Wie haben Sie sein Talent herausgekitzelt?

Grundsätzlich haben wir auf freiwilliger Basis miteinander trainiert. Das ist auch heute noch so und Dirk gibt den Ton an. In Bezug auf das Training kann man ihm z.B. eine Technik sehr genau erklären. Es dauert ein bisschen, er denkt über das Thema nach und kommt ab und zu mit Rückfragen. Sowie er das Prinzip versteht, erfindet er eigene Übungen. Manchmal schlägt er auch Zwischenschritte vor.

DIRK NOWITZKI - ENTWICKLUNGEN IN DER NBA

In der Teamsportart Basketball haben Sie mit Dirk Nowitzki Veränderungen durch individuelle Entwicklung bewirkt. Welche sind das?

Laut NBA hat Dirk fünf Neuerungen mitbewirkt. Diese Weiterentwicklungen wurden inzwischen von vielen Top-Profis übernommen. Als "7-Footer" - 2,13-m-Mann - schoss er z.B. als erster einen hohen Prozentsatz an Drei-Punkte-Würfen. Davor wurden große Spieler fast ausschließlich in Korbnähe eingesetzt. Weiterhin führte Dirk eine Positions-Auflösung ein. Während früher große Spieler feste Positionen inne hatten, kann er auf mehreren Positionen spielen. Neben von Dirk eingeführten, speziellen Würfen, wie dem sogenannten "flamingo-shot" oder dem "one-step-fade-away", erhöhte er auch die Trefferquote für große Spieler beim Freiwurfschießen erheblich.

Was setzt die Konkurrenz in der NBA dagegen?

Um Strategien gegen die Dallas Mavericks zu entwickeln, steht bei den Gegnern immer die Frage im Raum: "Was machen wir mit Dirk?". Die Los Angeles Lakers versuchten es 2011 in der Play-off-Runde mit sieben verschiedenen Spielern, um ihn in den Griff zu bekommen. Ohne größeren Erfolg, denn Dirk fand für jede Situation eine passende Lösung.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2013). "Das Wichtigste war und ist, dass wir immer auf Augenhöhe agiert haben." Leistungssport, 43 (3), S. 49-53.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
http://philippka.de/index.php?id=148
www.leistungssport.net