"Die European League dient uns als Training."

Volleyball
Giovanni Guidetti, Bundestrainer Frauen des Deutschen Volleyball-Verbands

Giovanni Guidetti wurde im Mai 2006 Frauen-Bundestrainer im DVV. Im Trainergeschäft gilt er als "alter Hase", denn bereits im Alter von 23 Jahren war er Cheftrainer des Zweitligisten Spezzano (Italien). Vor seinem Engagement beim DVV sammelte er internationale Erfahrungen bei verschiedenen Vereins- und Nationalmannschaften. Wir trafen Giovanni Guidetti während der European League in Hamburg (28.-30.6.2013) und sprachen über seine Arbeit als Cheftrainer und die Vorbereitungen zu den Europameisterschaften in Deutschland/Schweiz 2013.

TRAINER - ENGAGEMENTS

Herr Giudetti, in Ihrer Trainerkarriere haben Sie schon viele internationale Teams betreut. Warum Deutschland?

Als ich 2006 hier anfing, war ich mit 33 Jahren noch ein junger Coach. Die Möglichkeit, die Deutsche Nationalmannschaft zu trainieren, empfand ich als Kompliment. Mit dem Team gehören wir in Europa zu den drei, vier besten Mannschaften und in der Welt zu den Top Ten. Von Anfang an hatte ich viel Freude an der Arbeit und die Mannschaft entwickelt sich ständig weiter.

Neben der Deutschen Nationalmannschaft trainieren Sie einen renommierten Verein. Wie gut ist diese Mannschaft?

Während der Wintersaison trainiere ich die Frauen-Mannschaft von Vakifbank Istanbul. In der Saison 2012/13 gewannen wir nach 47 Siegen in Folge ungeschlagen den türkischen Pokal, die Champions-League und die türkische Meisterschaft. Manche Menschen bezeichnen uns heute schon als den "besten Club der Welt". Der Verein hat eine super Organisation und eine Nachwuchsförderung, die der eines FC Barcelona im Fußball gleichkommt. Im Oktober spielen wir bei den World-Championships für Vereine mit und da wollen wir auch gewinnen.

DEUTSCHE SPRACHE

Deutsch sprechen Sie fließend. Wie haben Sie die Sprache gelernt?

Nachdem mein Engagement mit dem DVV vereinbart war, habe ich im Winter 2007/08 intensiv Deutsch studiert. Das war die Zeit während der Olympia-Qualifikation, in der ich keinen Verein betreute und so die deutschen Spielerinnen auf Bitte des Verbandes mehr beobachten konnte.

Was bringt es für einen Ausländer, die Landessprache zu lernen?

Es war eine große Motivation für mich, Deutsch zu lernen, schließlich arbeite ich mit einer deutschen Nationalmannschaft. Für die Arbeit an sich macht es keinen Unterschied, ob man eine Landessprache kann oder nicht. Der Unterschied liegt in dem Vertrauen und in der Beziehung, die sich allein durch den Versuch, Deutsch zu sprechen, entwickelt. Die Spielerinnen merken: "Oh, er möchte unsere Sprache sprechen, er will wirklich mit uns arbeiten, mit uns leben und unser Coach sein". Und wenn man die Landessprache spricht, fühlt man sich viel mehr integriert.

INTEGRATION - AUFBAU TEAM

Auf welchem Niveau kommen die Spielerinnen zur Nationalmannschaft und können Sie Einfluss auf die Spielerinnen bzw. die Vereine nehmen?

Während die Spielerinnen bei ihren Vereinen spielen, können wir keinerlei Einfluss nehmen. Denn jeder Club hat ein anderes Trainings- und Wettkampf-Programm, andere Ziele, eine andere Philosophie und letztlich ein anderes Niveau ...

... was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Diese ungleiche Ausgangssituation stellt uns gerade zu Beginn einer Spielsaison vor eine schwere Aufgabe, weswegen wir anfangs auch schlecht spielen. Wenn 16 Spielerinnen von ungefähr zehn unterschieden Clubs kommen, dann arbeiten sie dort jeweils mit zehn unterschiedlichen Coaches, Athletiktrainern, Physiotherapeuten und auf zehn unterschiedlichen Niveaus, mit z.T. komplett unterschiedlichen Inhalten. Abgesehen von der Qualität der Arbeit in den Vereinen bedeutet das für uns in der Nationalmannschaft erst einmal nur Chaos.

Wie formen Sie aus dem Chaos der besten Spielerinnen ein Team?

Zu unseren ersten Lehrgängen und Wettkämpfen laden wir 24 Spielerinnen ein. So haben wir eine größere Auswahl und können im Lauf der Trainingslager und Wettkämpfe unser Team formieren. Schritt für Schritt reduzieren wir die Mannschaft auf 16 Spielerinnen, die bei den Europameisterschaften (EM) teilnehmen können.

ZUSAMMENFÜGEN VON KOMPONENTEN

Das hört sich wie ein großes Puzzle an. Welche Faktoren spielen noch eine Rolle?

Zu einer guten Team-Performance gehören viele Komponenten. Die wichtigsten sind die Technik, die Kondition, der Kopf und der Teamgeist - alle sollten sich kontinuierlich weiter entwickeln. Wir starten diesen Team-Aufbau mit 24 Spielerinnen im Mai und reisen mit 14 im September zu den EM. Auf dem Weg gibt es viele Unwägbarkeiten, aber ich empfinde diese Aufgabe als große Herausforderung und bin bereit, intensiv dafür zu arbeiten.

Wie gestaltet sich die volleyballerische Zusammenarbeit mit Ihrem Team?

Bei der Arbeit mit der deutschen Nationalmannschaft habe ich viel gelernt. Ihre Tugenden wie Disziplin und Teamgeist sind bemerkenswert. Sie helfen uns bei der gemeinsamen Entwicklung im Volleyball. Ich erwähne das, weil wir mit Nationen wie Italien, Türkei, Russland, USA, Brasilien oder Japan konkurrieren. Diese Länder haben ein wesentlich größeres Reservoir an Spielern und eine langjährige Volleyball-Kultur. Da wir in puncto Kultur, Tradition oder Geld nicht mit den Nationen in der Weltspitze mithalten können, müssen wir uns auf deutsche Stärken besinnen.

INDIVIDUALISIERTES TRAINING IM TEAM

Wie bearbeiten Sie in einer Gruppe individuelle Themen?

Ganz einfach, wir teilen die große Gruppe immer wieder nach Themen auf. Je nach Rolle einer Spielerin und ihren körperlichen Fähigkeiten lassen wir individuelle Anforderungen gezielt trainieren. Denn gemäß ihrer Position muss eine Spielerin beispielsweise vermehrt am Netz springen oder am Boden hechten können. Diese Aufteilung des Teams in einzelne Gruppen haben wir eingeführt und nun machen die anderen Nationen dieses individualisierte Training auch.

Woher kommt die Aufteilung in die Gruppen und wie fügen Sie die Einzelteile zusammen?

Im Verein trainiere ich schon seit einiger Zeit in zwei Gruppen. Aufgrund der unterschiedlichen Aufgaben der Spieler haben wir in der Nationalmannschaft das Training auf drei Gruppen erweitert. So konnten wir die Spielerinnen in kurzer Zeit effektiv(er) weiterentwickeln. Nach dem morgendlichen Individual- und Technik-Training steht am Abend das Komplexsystem auf dem Programm. Da bauen wir unser Spielsystem zusammen. D.h., wir trainieren komplexe Spielzüge und spielen viele, viele Punkte mit der Mannschaft.

DENKEN UND WAHRNEHMEN

Sollen die Spielerinnen automatisch handeln oder mitdenken?

Im Volleyball unterscheiden wir zwischen Lese- und Spekulier-Systemen. Wir benutzen das Lese-System, d.h., wir versuchen, ein Spiel zu lesen und erkennen, was kommt. Das Lese-System beinhaltet viele Variablen, denn die Spielerinnen müssen ständig darauf achten, was passiert, wie sie reagieren müssen.

... und das fordert die Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung!

Diese Faktoren sind für unser Spielsystem ganz wichtig. Daher prüft mein Co-Trainer im Training manchmal nur die Augenbewegung der Spielerinnen. Daran erkennen wir, ob sie aufmerksam sind, im Kopf mitspielen (können) und sich mit dem Spielzug bewegen. Während der Ballwechsel muss die Aufmerksamkeit auf beide Seiten, die eigenen Spielzüge und die Aktionen des Gegners gerichtet sein. D.h., in dem action-geladenen Spiel sollte es eigentlich kein Nachlassen der Aufmerksamkeit geben.

INTENSITÄT - UMGANG IM FEHLERN

Was fordern Sie von Ihren Spielerinnen?

Ich fordere 100 Prozent Einsatz im Training, daran geht kein Weg vorbei. Und ich verlange, dass die Spielerinnen Inhalte unserer Arbeit, wie eine Spielstruktur oder ein Spielsystem, im Match einsetzen. Geschieht das nicht, kann ich sauer werden ...

... aber bei einem so komplexen Spiel wie Volleyball treten auch Fehler auf!

Es gibt Fehler und Fehler. Fehler aus Nachlässigkeit kann ich nicht ausstehen. Wenn jemand den Willen zeigt, es aber nicht schafft, ist das kein Problem. Solange die Person weiter probiert, helfe ich und gebe ihr den Raum zum Trainieren. Wenn Spielerinnen im Eifer des Gefechts Fehler machen, die gegen unsere Spielphilosophie verstoßen, geht mir das aber gegen den Strich. Diese taktischen Inhalte trainieren wir sehr intensiv und jede Spielerin muss ihre Rolle und die Aufgaben kennen.

CHEF-TRAINER - FÜHRUNGSSTIL

Sehen Sie sich als Chef? Und welchen Führungsstil pflegen Sie?

Für die Mannschaft bin ich der Coach. In dieser Rolle besitze ich Autorität, muss über Trainings- und Wettkampfpläne entscheiden oder darüber, wer spielt und wer nach Hause fahren soll. Insofern habe ich die Aufgaben eines Chefs, was ich aber nicht zeigen muss. Denn ich bin gegen eine Hierarchie und möchte mich trotz meiner Position als Teil des Teams sehen. Solange ich meine Arbeit als Trainer mache, habe ich noch nie zu einem Teammitglied gesagt: "Das ist so, weil ich das sage". Nach meiner Philosophie bekommt eine Spielerin beispielsweise auf eine Frage immer eine Antwort. Als Trainer will und muss ich begründen (können), warum wir was machen. Das gehört zu einem respektvollen Umgang miteinander.

Gibt es Regeln für die Spielerinnen und das Team der Nationalmannschaft?

Ähnlich wie beim Thema Hierarchie gibt es bei uns nur ein geringes Maß an Regulierung. Die Regeln betreffen die sportlichen Inhalte, aber keine Themen wie Bettruhe oder etwa Prinzipien zur Lebensführung. Mir ist wichtig, dass die Spielerinnen pünktlich zum Training oder zu Meetings kommen und sich bei jedem Training voll engagieren. Die Zusammenarbeit soll auf gegenseitigem Vertrauen beruhen, nicht auf Regeln. Wir betreiben einen Spielsport und sind keine Soldaten in einer Armee.

KOOPERATION MIT BETREUER-TEAM

Sie arbeiten mit einem Betreuer-Team. Wie wählen Sie die Mitglieder für die Nationalmannschaft aus?

Unsere Coaches sind Experten, sie arbeiten in den Top-Ligen in Italien oder in der Bundesliga. Die Physiotherapeuten und Athletiktrainer wähle ich auch nach Kompetenzen aus. Alle Betreuer sollten jegliche Fragen der Spielerinnen beantworten können, sich in das Team einfügen und das Leben aus dem Koffer mögen. Denn mit der Nationalmannschaft und den Vereinen reisen wir die meiste Zeit in Sachen Volleyball herum. Dazu muss man bereit sein und gemeinsam Spaß haben (wollen).

Wie viel Mitsprache hat das Betreuer-Team in der Nationalmannschaft?

Durch die Mischung von viel Kompetenz, wenig Hierarchie und viel Mitsprache binde ich die Betreuer voll ein. Jeder bringt seine Expertise in die Zusammenarbeit ein. Außerdem fordere ich die Betreuer auf, aktiv mitzudenken und im Sinn der Mannschaft zu diskutieren. Beispielsweise sprechen wir - die vier Volleyball-Coaches, der Athletiktrainer, der Physiotherapeut und der Team-Manager - über Nominierungen bzw. die Reduzierung des Teams in Richtung Europameisterschaften. Dabei stimmen wir über den Verbleib der Spielerinnen ab. So kann es z.B. passieren, dass ich eine Spielerin nach Hause schicken würde, während meine Kollegen für ihren Verbleib stimmen.

Was bringt so eine Abstimmung und wer trägt die Verantwortung?

Die Verantwortung für die Entscheidungen und die Nationalmannschaft trage letzten Endes ich. Jedoch versuche ich das Betreuer-Team in meine Aufgaben und Entscheidungen zu integrieren. Damit steigt deren Motivation zur Kooperation und die Lust, an der Entwicklung der Mannschaft mitzuarbeiten. Zugegeben, diese familiären, integrativen Gedanken kommen aus meiner italienischen Seele, aber ich habe den Eindruck, die deutschen Volleyballerinnen haben sich gerne auf diese Philosophie eingelassen.

Autorin:
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle:
Pfaff, E. (2013). "Die European League dient uns als Training." Leistungssport, 43 (5), S. 58-62.

www.leistungssport.net