"Für einen Europäer ist Platz 5 eine super Leistung …"

Badminton
Holger Hasse, Cheftrainer Deutscher Badminton-Verband (DBV)

Holger Hasse arbeitete schon in den 1990er Jahren als Vereinstrainer und absolvierte die Diplom-Trainer-Ausbildung an der Trainerakademie. Als Honorartrainer betreute er die Schüler-Nationalmannschaft (U15) und war von 2005 bis 2012 als Bundestrainer für die Jugend im DBV zuständig. Anfang 2013 wurde Holger Hasse zum Cheftrainer der deutschen Badminton-Nationalmannschaft berufen. Wir trafen ihn beim internationalen Turnier in Saarbrücken und sprachen über seine Aufgaben auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro (Brasilien).

KONKURRENZFÄHIGKEIT INTERNATIONAL

Wie konkurrenzfähig sind die Deutschen heutzutage international?

In diesem Jahr konnten die deutschen Spitzenspieler eine ganze Reihe von Erfolgen erringen. Highlights waren neben den bereits erwähnten Erfolgen von Fabian Roth die Mannschaftswettbewerbe. Mit der gemischten Nationalmannschaft konnten wir im Februar erstmals den Europameisterschafts-Titel holen. Im Mai folgte ein sehr guter 5. Platz bei der Team-Europameisterschaft in Malaysia, wo wir den Gastgeber mit einer sensationellen Team-Leistung aus dem Turnier geworfen haben. Individuell gab es auch eine ganze Reihe von Erfolgen, unter anderem Grand-Prix-Siege von Birgit Michels und Michael Fuchs; aber auch die Top-Ten-Platzierungen von Juliane Schenk als aktuelle Nr. 3 und Marc Zwiebler als Nr. 10 der Weltrangliste zeigen, dass deutsche Spieler international konkurrenzfähig sein können.

Wie kann ein deutscher Spieler den internationalen Aufstieg schaffen?

Um als Deutscher bei WM, EM und Olympischen Spielen teilnehmen oder sogar Medaillen gewinnen zu können, muss man international in die Top 30, Top 20 oder gar Top 10 vorstoßen. Und das schafft man nur mit einem systematischen, langfristigen Leistungsaufbau. Das bedeutet, neben einem sportspezifischen Trainingsaufbau brauchen die Athleten eine sehr gute Trainingsgruppe, Top-Trainer, geeignete Sportstätten sowie eine sehr gute individuelle Zusammenarbeit mit Experten.

STRUKTUR IM DBV

Der DBV besitzt eine klar strukturierte Organisation des Leistungssports. Können Sie uns dazu mehr berichten?

Über die letzten 15 Jahre entstand ein Stützpunktsystem mit zwei zentralen Trainingsstandorten. Dazu hatten wir uns entschlossen, weil unsere Top-Spieler bei den Vereinen und Landesverbänden verstreut trainierten, sich vielleicht nur einmal pro Woche trafen. Daher beschlossen wir "Die Besten müssen miteinander trainieren und an einem Standort leben". Heutzutage trainieren unsere Top-Spieler in Trainingsgruppen zusammen. Um diese Struktur bin ich froh, sie hat sich als erfolgreich erwiesen ...

... was bedeutet das für die Athleten?

An den beiden Stützpunkten Saarbrücken (Herren) und Mühlheim (Damen) trainieren alle Kaderspieler in jeweils zwei Trainingsgruppen, unterteilt nach Einzel- und Doppel-Disziplinen (s. Abb. 1). Jugendliche Spielertalente sind dort schon integriert oder kommen nach dem Abitur oder der mittleren Reife zu uns. An den Stützpunkten versuchen wir, unseren Leistungssportlern die besten Trainings- und Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. Durch das gemeinsame Training können wir Synergie-Effekte schaffen und die Wirksamkeit des Trainings ständig überprüfen und verbessern: "War das Training jetzt gut, was war nicht gut, warum hat es nicht geholfen?".

TRAININGSKULTUR - STARS IM TEAM

Gibt es Vorbilder für das Thema Trainingskultur?

In dem Bereich Trainingskultur können wir viel von den Dänen lernen. In ihrem Trainings-Zentrum hängt ein großes Plakat mit Sätzen wie "Wir wollen Olympia-Sieger werden" und "Wir wollen die weltbesten Zuspieler sein". D.h., die Spieler versuchen, sich gegenseitig als Zuspieler in den Dienst ihrer Kollegen zu stellen und z.B. Spielstile anderer Weltklassespieler zu imitieren oder die Übungen für den Partner passgenau auszuführen. Dadurch entwickeln sich die Trainingspartner miteinander weiter nach dem Motto "Wenn du übst, trainiere ich immer mit, und so verbessern wir beide unsere Leistungsfähigkeit. Dieser Grundgedanke macht eine Trainingsgruppe stark, und der einzelne Spieler braucht dies auch auf dem Weg in die Weltspitze.

Was bewirken Erfolge einzelner Spieler, zieht sie andere aus der Trainingsgruppe mit?

Generell trainieren wir für Erfolge und freuen uns als Team darüber. Aber ein Star im Team kann auch besondere Herausforderungen mit sich bringen. Manch anderer Spieler kann sich z.B. zu sehr als Wasserträger fühlen. Etwaige Begehrlichkeiten können in einer Gruppe von Leistungsspielern aufkommen. Aber in meinen Augen stellen erfolgreiche Spieler die wichtigsten Trainingsreize für eine gute Trainingsgruppe dar. Daher liegt es an uns, den Trainern, gemeinsam mit den Spielern und Betreuern eine Trainingskultur zu entwickeln.

LANGJÄHRIGER LEISTUNGSAUFBAU

Wie planen Sie den Leistungsaufbau für Top-Spieler im DBV?

Anders als bei den asiatischen Nationen haben wir nicht nur weniger Talente, sondern auch mehr sogenannte "Late-Bloomer". D.h., unsere Spieler entwickeln sich wesentlich langsamer, sie erreichen das Weltklasse-Niveau später. Daher planen wir einen 20-jährigen Leistungsaufbau für unsere Athleten, bei dem sie mit Ende 20 ihr Höchstleistungsalter erreichen.

Was hindert unsere Athleten daran, schneller an die Weltspitze zu gelangen?

Wir leben in Sachen Badminton einfach in einer anderen Welt. Während die Asiaten schon früh eine Riesenauswahl an Talenten ausbilden und eine große Qualität entwickeln können, arbeiten wir mit einem exklusiven Kreis von Spielern. Unseren jungen Spielern können wir weder die Menge an Konkurrenz bieten, noch haben sie so viele Vorbilder wie die großen Badminton-Nationen ...

... und wie funktioniert der deutsche Weg an die Spitze?

Unser Weg baut generell auf eine langfristige Entwicklung der sportlichen und persönlichen Fähigkeiten. Das geht über Lehrgänge, Fördermaßnahmen, Wettkämpfe und die intensive Beschäftigung mit dem Sport. Beispielhaft möchte ich Michael Fuchs, einen unserer Weltklasse-Spieler im Doppel und Mixed, nennen. Er hat Sportwissenschaften studiert und befasst sich in seiner Dissertation mit Regenerationsmanagement. Die Kombination von Studium und Leistungssport, von Theorie und Praxis, nutzt er für seine sportliche Weiterentwicklung. Diese Neugier auf weitere, hilfreiche Informationen bestätigt unseren Ansatz des lebenslangen Lernens und den deutschen Weg des langfristigen Leistungsaufbaus.

SECHS BAUSTEINE - INHALTE

Welche weiteren Aspekte gehören zum Leistungsaufbau im DBV?

Die duale Karriere ist einer von sechs Bausteinen des Leistungsaufbaus. Zwar treten unsere Top-Spieler als Vollprofis auf, aber nur wenige können wirklich von ihrem Sport leben. Und es kommt immer die Zeit nach der sportlichen Karriere. Daher beziehen wir das berufliche Leben nach der Karriere in unsere Planungen ein. D.h., selbst wenn sich z.B. ein Studium durch eine Sportkarriere länger hinzieht, können die Athleten am Ende ihrer Karriere in ein zweites Leben starten.

Welche weiteren Aspekte gehören zu den sechs Bausteinen?

Die anderen fünf Bausteine betreffen sportliche Inhalte, also Technik-, Taktik-, physisches und mentales Training. Weiterhin zählen wir das "Leben als Leistungssportler" als Baustein. Darunter verstehen wir Bereiche wie die Selbstorganisation, das Verhalten, die Ernährung und die Regeneration im Leistungssport. Alle diese Aspekte gehören zur Entwicklung einer Höchstleistung, die mitgeplant und entwickelt werden.

Warum bieten sie mit den sechs Bausteinen eine so breite Palette an Know-how an?

Wir wollen den Top-Spielern die bestmögliche Förderung für ihre Entwicklung geben. In dem Gefüge bekommen sie Zeit zum Reifen und wir bauen darauf, dass sie erkennen: "Wenn ich mich von den anderen abheben will, muss ich meinen eigenen Weg gehen, d.h., auch individuell trainieren".

TALENTENTWICKLUNG - DEUTSCHER WEG

Auf welche der Bausteine des sportartspezifischen Trainings achten Sie bei der Entwicklung eines Talents?

Talente müssen sich zu kompletten Spielern entwickeln. Dabei beobachten wir die Stärken und Schwächen eines Spielers und überlegen, wie wir ihn auf Top-Niveau bringen können. Heute reicht es nicht mehr, ein feines Händchen, "ein gutes Auge" (Wahrnehmung) und tolle Schläge zu haben. So ein Künstler am Ball kann in dem modernen, athletischen Spiel nur noch bestehen, wenn er eine gute Beinarbeit und eine Bewegung nach vorne lernt, d.h., seine individuellen Fähigkeiten durch körperliche Fitness ausschöpfen kann.

Gibt es einen deutschen Weg und an welcher Nation könn(t)en wir uns ein Beispiel nehmen?

Ich meine, als Deutsche müssen wir unseren eigenen Weg finden. Eigenschaften wie Disziplin, Ordnung oder Qualität spielen für uns als Nation eine Rolle. Trotzdem muss es Platz für individuelle Entwicklungen geben, müssen unsere Spieler eigene Fähigkeiten oder Varianten in ihr Spiel einbringen. In Europa könnten wir uns ein Beispiel an Dänemark nehmen, die wie ein großer Bruder für uns sind. Die Dänen haben eine lange Tradition im Badminton, sie haben schon viele Erfolge erreicht und eine eigene Spielkultur entwickelt. Diese Spielkultur baut auf viel Qualität, verbunden mit einem hohen technischen Niveau und viel Individualität, auf.

PROFISPORT - ANFORDERUNGEN

Im modernen Sport neigen Profisportler dazu, mehr und mehr Wettkämpfe zu spielen. Wie handhaben Sie dieses Problem?

Meiner Meinung nach muss man das Jahr wegen der großen Anforderungen an die Spieler sehr gut periodisieren. Wir versuchen pro Jahr mindestens eine ca. sechswöchige Phase einzuplanen, in der wir den Spielern Zeit zur Regeneration geben, um anschließend ihre Leistungsfähigkeit wieder aufzubauen bzw. weiterzuentwickeln. Für uns als Spielsportart ist es wichtig, dass die Spieler Lust auf den Schläger und auf das Bewegen im Court, eben auf Badminton, haben ...

... aber die Spieler könnten mit mehr Turnieren mehr Geld verdienen!

Der Versuchung, nur dem Geld und den Weltranglistenpunkten hinterher zu jagen, halte ich für einen Kardinalfehler. Auch unser Terminkalender wird immer voller und die Top-(10-)Spieler sind z.T. verpflichtet, bei den hochwertigen zehn bis 12 Super-Series-Turnieren anzutreten. Aber wir brauchen einen langfristigen Leistungsaufbau und deswegen steht eine vernünftige Planung vor allen finanziellen Verlockungen (s. Abb. 2). Als Trainer der Nationalkaderspieler haben wir hier eine hohe Verantwortung und müssen auch mal eine Trainingsphase ansagen.

Autorin:
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle:
Pfaff, E. (2013). Leistungssport, 44 (1) - im Druck

www.leistungssport.net