"Die Aufgabe besteht darin, Emotionen in Präzision umzusetzen"

Turnen
Andreas Hirsch, Bundestrainer Herren im DTB

Andreas Hirsch hat das Turnen im Blut und lebt für seinen Sport. Als Aktiver gehörte er von 1976 bis 1983 der Nationalmannschaft der DDR an. An den Ringen wurde er durch die Hirsch-Spinne bekannt, ein Stützelement, welches im Code de Pointage als "Deltschew" registriert ist. Mit der Beendigung seiner aktiven Laufbahn 1983 übernahm er eine Trainingsgruppe und wurde Trainer. Von 1996 bis 2002 war er Bundesnachwuchstrainer und seit 2002 betreut er die Turn-Herren als Bundestrainer im DTB. Wir trafen Andreas Hirsch bei den Deutschen Turn-Meisterschaften in Gießen und sprachen über seine Einstellung zum Turnen als Hochleistungssport und über die anstehende Weltmeisterschaft in Stuttgart.

WM IN STUTTGART - ÖFFENTLICHES INTERESSE

Was bedeutet es, an einer Turn-WM in Deutschland teilzunehmen?

Die WM ist in erster Linie eine Chance für das Turnen in Deutschland. Wir merken das gestiegene Interesse, das sich um die Mannschaft herum entwickelt hat. Natürlich wird dadurch der Anspruch höher. Die Akteure sollten sich durch das vermehrte Interesse an ihrer Person und Leistung angespornt fühlen.

Wie versuchen Sie, mit dem gesteigerten Interesse und den Ansprüchen der Öffentlichkeit umzugehen ?

Die WM wird sicher ein Riesenerlebnis, ein großes Event. Dafür steht neben den sportlichen Wettkämpfen auch die sehr gute Organisation in Stuttgart. Für die Turner und unsere Vorbereitung bedeutet dies, dass wir die guten Bedingungen des Bundesleistungszentrums Kienbaum nutzen und uns nur auf die sportliche Aufgabe konzentrieren werden. Nach dieser intensiven Vorbereitungsphase werden wir bei der Eröffnung unsere Nationalhymne und die Atmosphäre der Wettkämpfe umso mehr genießen können.

Und wie schaffen Sie es, das Interesse der Medien zu befriedigen?

Unsere Konzentration auf die Vorbereitung betrifft auch den Kontakt zu den Medien. Wir wollen uns nicht abschotten, aber wir müssen kanalisieren, wie viel Öffentlichkeit der einzelne Sportler verträgt. Das haben wir den Medienvertretern erklärt und da gibt es eine völlige Übereinstimmung und Akzeptanz.

ENTWICKLUNG DES LEISTUNGSNIVEAUS - FABIAN HAMBÜCHEN

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Leistungsniveaus in den letzten Jahren?

Im Turnen finden jedes Jahr eine WM und eine EM statt. Letztes Jahr hat Fabian Hambüchen bei der WM zwei Medaillen gewonnen. Außerdem erreichte die Mannschaft - wie bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 - die Finalrunde und erreichte den 7. Platz. Bedenkt man, dass der letzte Medaillengewinn im DTB mindestens 10 Jahre zurückliegt, so sind das herausragende Ergebnisse und die Leistungen haben sich enorm entwickelt.

Einer der Leistungsträger der Deutschen Mannschaft ist Fabian Hambüchen. Können Sie uns etwas über seine Entwicklung erzählen?

An dem Beispiel Hambüchen kann man die Vorbildwirkung des Leistungssports im Leben anschaulich nachvollziehen: Kinder und Jugendliche suchen den Vergleich und streben ihren Vorbildern nach. Fabian hat einen älteren Bruder, der im Kader geturnt hat und einen turnbegeisterten Trainer-Vater. Als Kind wollte er so gut sein wie sein Bruder Christian. Fabian hat sich unendlich viele Videos angesehen und war fasziniert von dem, was manche Turner an den Geräten und in der Luft machen. Er wollte so etwas auch können und wie wir heute wissen, kann er es. Er hat sich so manch Kinderwunsch bereits erfüllt und ich sehe darin eine Art der Selbstverwirklichung.

Seit wann begleiten Sie seine Entwicklung?

Fabian Hambüchen kenne ich bestimmt seit 10 Jahren. Zu der Zeit war sein Bruder Kader-Sportler und Fabian wurde ab und zu zum Training mitgenommen. Ich habe ihn damals bei den Jüngsten, dem D-C-Kader, mitturnen lassen. Er wollte sich schon immer mit anderen messen, auch wenn sein Körper scheinbar zu klein dafür war. Ich habe seine Begeisterung für das Turnen unterstützt.

VORBEREITUNG AUF TURNEN

Welche Bereiche sollten bei der Vorbereitung auf das Turnen trainiert werden ?

Ein Spitzenturner durchläuft einen jahrelangen Prozess, in dem Technikaufbau und sämtliche motorische Grundeigenschaften nahezu optimal ausgebildet werden. Dazu gehörten auch koordinative Fähigkeiten und sportspezifische Fertigkeiten. Das bedeutet: Turnen lernt man nicht nur durch Turnen. Das Trainingsthema heißt Köperentwicklung und es geht darum, Körperkenntnisse im aktiven Prozess zu vermitteln. Ein Turner muß wissen und vor allem fühlen, nach welchen anatomischen und biomechanischen Gesetzmäßigkeiten sein Körper reagiert und agiert. Auf der Grundlage dieser Voraussetzungen kann er die Elemente richtig einschätzen und Risiken minimieren.

Was verbirgt sich hinter dem "Voraussetzungstraining"?

Es gibt eine gute Faustregel der Turner: "Arbeite einmal am Tag den Körper durch von Kopf bis Fuß, von vorn und hinten, von links und rechts - in Beweglichkeit und in Kräftigung. Vergesse nie die kleinen Gelenke, die Hand- und Fußgelenke." Ein Turner kann sich am Barren oder am Reck schnell mal vergreifen, aber mit einer ganzheitlichen Vorbereitung beugen wir etwaigen Verletzungen vor. Das intensive Voraussetzungstraining bereitet die jungen Sportler von Anfang an auf jegliche turnerische Beanspruchung vor.

PERSÖNLICHKEIT UND MÜNDIGKEIT DER SPORTLER

Warum arbeiten Sie mit den Turnern auch im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung ?

Ein Athlet besteht nicht aus einer turnerischen Leistung, sondern ist in erster Linie ein Mensch, eine Persönlichkeit. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, die Sportler in ihrer Entwicklung zu begleiten. Problematisch erscheint mir die Trainingssituation bei einem Eins-zu-Eins-Verhältnis - Trainer und Athlet. Mir gefällt auch nicht, dass manch ein Trainer von "seinem Sportler" spricht. Die Aussage bezeichnet den Sportler als Eigentum, aber davon möchte ich mich distanzieren. Ich will keinen Sportler besitzen, sondern möchte ihn begleiten und unabhängig von ihm sein. Im Gegenteil, der Sportler soll eine kritische Meinung entwickeln, eigene Entschlüsse fassen und selbständig handeln können.

Wie gehen Sie mit Kritik Ihrer zur Mündigkeit erzogenen Athleten um?

Wenn die Athleten laut bzw. kritisch werden, habe ich damit kein großes Problem. Es ist besser, kritische Geister im Team zu haben als Duckmäuser. Kritik zu meiden oder zu unterbinden, bedeutet für mich als Trainer, weniger zu erfahren und nicht das gesamte Geschehen zu erfassen. Durch kritische Anmerkungen bekomme ich Informationen für meine Arbeit und insofern gehört Kritik zu einem Miteinander, bzw. einer konstruktiven Zusammenarbeit. Ich möchte keine hörigen Sportmaschinen produzieren, sondern Menschen an meiner Seite wissen, die sich mit ihrem Leistungssport auseinandersetzen.

JUGENDLICHE PROBLEME - TRAINER-ATHLETEN-VERHÄLTNIS

Wie erreichen Sie einen Jugendlichen, der die Lust am Leistungssport verliert?

Die jungen Leute brauchen in der Zeit in erster Linie Zuwendung und eine verständnisvolle Ansprache. Als Erwachsener kann man die Probleme besser überblicken und hat schon so einiges erlebt. Jeder hat diese Zeit der Entwicklung durchgemacht und als Trainer erlebt man ähnliche Probleme immer wieder. Ein Patent kenne ich nicht, aber Gespräche und Verständnis können helfen.

Inwieweit darf oder sollte ein Trainer auf Entscheidungen zu einer Sportkarriere einwirken?

In dem Rahmen stellen sich verschiedene Fragen: Was bringt der Wettkampfsport dem Akteur? Was machen wir mit einem Sportler, der den ganz großen Wurf nicht schafft? Was machen wir, wenn jemand lange in einem Tief ist ? Sport besteht nicht nur aus Siegen und Niederlagen. Sport ist mehr, er bedeutet soziales Leben und gesellschaftliche Entwicklung. Es ist eine Frage der Zielstellung: Wenn der Athlet und Trainer das gleiche sportliche Ziel verfolgen, sollte der Sportler eine Sportkarriere anstreben und seine Grenzen herausfinden oder erweitern. Wenn aber Trainer, Funktionäre oder das Umfeld ehrgeiziger als der Akteur selbst sind, rate ich ab.

Das hört sich nach Interessenkonflikten an. Welche Lösung schlagen Sie für ein gesundes Trainer-Athleten-Verhältnis vor ?

Trainer definieren uns über die Leistung der Sportler, sind also "abhängig". Nun könnte ein Sportler denken, er sei etwas Besonders und lässt sich vielleicht zur Mitarbeit bitten. Wenn man als Trainer da mitmacht, begibt man sich in eine traurige Abhängigkeit und kann dem Sportler in seiner Leistungsentwicklung nicht mehr helfen. Es muss klar sein: Alle an einer Leistung Beteiligten haben Rechte und Pflichten, die sich auch in dem Trainer-Athleten-Verhältnis wieder finden. Und dieses Verhältnis ist in meinen Augen die Zelle der Leistungsentwicklung.



Interview mit Eberhard Gienger

Zu seiner Titelsammlung gehören die Goldmedaille am Reck bei den Weltmeisterschaften 1974 in Varna und die Bronzemedaille am Reck bei den Olympischen Spielen in Montreal 1976. Heute fungiert er als Vizepräsident Leistungssport im DOSB, ist Mitglied des Bundestags (CDU) und arbeitet als freier Unternehmer. Mit Eberhard Gienger sprachen wir über die Deutschen Turn-Meisterschaften in Gießen und sein Engagement im DOSB.

PSYCHISCHE BELASTUNG IM TURNEN

Turnen ist eine trainings- und zeitintensive Sportart. Wie hoch ist die psychische Belastung im Turnen ?

Die psychische Belastung ist schon recht ordentlich, denn ein Turner muß seine Leistung auf den Punkt im Wettkampf abrufen können. Auch wenn wir Übungsteile immer und immer wieder trainieren, kommt es doch auf die Tagesform an. Wenn ich z.B. meine Übung anfange und merke "ach, das hat schon mal nicht geklappt", hat man ein psychisches Defizit. Oder wenn alles wie am Schnürchen klappt, wird man unter Umständen unvorsichtig. Turnen erfordert ein höchstes Maß an Konzentration und Flexibilität, damit man jederzeit kurzfristig reagieren kann und Korrekturen bei den Elementen vornehmen kann.

Haben Sie die Psyche mittrainiert ?

Damals haben wir u.a. Autogenes Training gemacht. Wettkämpfe wurden während der Trainingseinheiten öfter simuliert. Die Turnkollegen haben Publikum gespielt und ihren Kumpel bei der Übung gestört. Das geschah durch Ansprechen, Pfeifen, Singen oder Witze machen, nur berühren durften sie ihn nicht. Und der Delinquent sollte dann konzentriert durchturnen. Das war eine gute Vorbereitung, um sich im Training auf die Wettkampfbedingungen einzustellen.

MENTOREN ALS VORBILDER

Sie haben am Anfang Ihrer Sportkarriere einen Ziehvater oder Mentor gehabt. Was hat er für Sie bedeutet ?

Ja, ich hatte einen Mentor, der 60 Jahre älter war als ich und mich zum Leistungssport brachte. Er hat mir den Sport vorgelebt und mich davon begeistert. Leute von diesem Kaliber sollte es unbedingt mehr geben. Sie bringen die jungen Sportler zum Spitzensport und gehen mit ihnen durch Dick und Dünn. Mit ihrer Begeisterung würden sie den Jugendlichen einen "Bazillus" für die jeweilige Sportart einzupflanzen.

ZUSAMMENARBEIT TRAINER-ATHETEN

Welche Aspekte finden Sie wichtig in der Zusammenarbeit zwischen Trainern und Sportlern ?

Ich stehe auf dem Standpunkt, dass ein Trainer und Athlet in Ruhe arbeiten können müssen. Alle anderen Personen im Umfeld - egal ob Funktionär, Arzt, Physiotherapeut, Manager oder Sponsor, etc. haben dafür zu sorgen, dass die beiden sorgenfrei trainieren können. Sie sollten genug Geld, Trainingszeiten und ordentliche Geräte zur Verfügung gestellt bekommen. In meinen Augen würde so die ideale Basis für ein Leistungstraining aussehen.

Im modernen Leistungssport gibt es viele Störungen ...

... da sage ich "ja" ! Das fängt mit dem Sponsor an, der seine Zeiten mit dem Partner einfordert, es setzt sich mit den Bereichen Ausbildung, Beruf und Privatleben fort und endet mit einem Manager, der seinen Schützling vermarkten soll. Das ist alles notwendig, jedoch sind es Faktoren, die die Leistungsentwicklung beeinflussen.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. & Hirsch, A. (2007). Die Aufgabe besteht darin, Emotionen in Präzision umzusetzen. Leistungssport 37 (5), S.31-35

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
www.philippka.de/front_content.php?idcat=85&r1=
www.leistungssport.net