"Wir nutzen die Sportpsychologie nicht nur als Feuerwehr in Notsituationen."

Toni Innauer
Sportdirektor Skispringen und Nordische Kombination im Österreichischen Ski-Verband (ÖSV)

Während seiner aktiven Laufbahn von 1973 bis 1980 feierte Toni Innauer zahllose Erfolge. 1980 wurde er Olympiasieger und Weltmeister von der Normalschanze. Nach Abschluß seiner Sportkarriere absolvierte er ein Lehramts-Studium. Von 1987 bis 1992 arbeitete Toni Innauer als Kader- und später Cheftrainer. Seit 1993 fungiert er als Sportdirektor Skispringen und Nordische Kombination des zur absoluten Weltklasse zählenden Austria Ski Teams. Wir trafen ihn bei der Österreichischen Meisterschaftten in Bischofshofen und sprachen über seine Erfahrungen als Leistungssportler, die Arbeit als Trainer und heutiger Sportdirektor im ÖSV.

STUDIUM - INTERESSE FÜR PSYCHOLOGIE

Herr Innauer, warum haben Sie nach Ihrer aktiven Laufbahn studiert ?

Ich bin sehr dankbar, ein intensives, intuitives Sportlerleben auf höchstem Niveau geführt zu haben. Durch mein Studium wollte ich die Hintergründe meines Erlebens theoretisch hinterfragen. Es war mir ein Bedürfnis, den Sachen bewusst auf den Grund zu gehen. Dabei hat mich aus meiner Vergangenheit heraus die Psychologie eben besonders gereizt.

Woher rührt dieses besondere Interesse an der Psychologie ?

Während meiner Zeit im Leistungssport habe ich Dinge erlebt, durch die sich Paradigmen schlagartig, unerklärlich und wirksam verändert haben. Diese Aha-Erlebnisse sprachen das Selbstvertrauen an und wirkten sich unmittelbar auf die Leistung aus.

MATERIALVORTEIL - KICK FÜR'S SELBSTVERTRAUEN

Können Sie diese Aussage anhand eines Beispiels konkretisieren ?

Zu Beginn der Ära von Prof. Baldur Preiml* waren die Österreichischen Skispringer bestenfalls internationale Mittelklasse. Wenn einer unter den ersten 15 landete, war das ein großer Erfolg. Preiml hatte die brilliante Idee, neue, windschlüpfrigere Sprunganzüge an Stelle von Pullovern entwickeln. Statt Wolle trugen wir Gummihäute und konnten bei gleicher Leistung ca. 5 bis 8 Meter weiter segeln. Dadurch hatten wir einen Wettbewerbsvorteil und plötzlich mischten einige von uns an der Weltspitze mit.

Sie sprechen vom Material. Was hat das mit dem Selbstvertrauen oder gar der Psyche zu tun ?

Durch das Material war unsere Mannschaft auf einen Schlag eine Klasse besser als sie trainings- und entwicklungsmässig hätte sein können. Wir begannen zu gewinnen und das Selbstvertrauen erhielt einen Schub.

Gehört diese Art von Impuls zum wissenschaftlichen Arbeiten ?

Die Zusammenhänge sind komplexer und für mich reicht es nicht, sie lediglich nüchtern, wissenschaftlich zu betrachten. Im Leistungssport müssen wir einem Individuum die Möglichkeit geben, diese paar Prozent über sich hinaus zu wachsen, wenn es darauf ankommt. Um die Riesenkraft der Psyche, des Glaubens, wissen wir und das wollen wir nicht ungenutzt lassen.

SPORTPSYCHOLOGIE IM AUSTRIA SKI TEAM

Das Austria Ski Team arbeitet heutzutage eng mit einem Sportpsychologen zusammen. Seit wann nutzt der ÖSV die Kenntnisse aus diesem Bereich ?

Das Implementieren des Mentaltrainings in die Trainingspraxis geht bei uns bis in die Zeit um 1974 zurück. Prof. Baldur Preiml war der erste Trainer, der bei uns eine akademische Ausbildung hatte. Er hat Methoden wie Autogenes Training, Visualisierung, positives Denken usw. eingeführt. Ende der 1980er, Anfang der 90er Jahre war ich als Trainer in Personalunion für das Kraft-/Techniktraining und die psychologische Betreuung der Athleten zuständig.

Wann begann die sportpsychologische Arbeit mit den Athleten ?

Durch den sachten Einstieg mit den Trainern ist eine Dynamik entstanden, die nach sehr langer Zeit die Neugier der Athleten für die Sportpsychologie weckte. Erst nachdem sich das Interesse für die Arbeit von Dr. Uhl entwickelt hatte, begann jener mit Gruppen zu arbeiten. Daraus entstanden nach und nach Einzelbetreuungen. Die Entwicklung, bzw. die Akzeptanz ist sehr langsam gewachsen...

Welche Themenbereiche beinhaltet die sportpsychologische Betreuung ?

Wir nutzen die Sportpsychologie nicht nur als Feuerwehr in Notsituationen und warten, bis es jemand schlecht geht und er Hilfe braucht. Psychologische Betreuung wird vor allem präventiv eingesetzt, findet bei der Durchführung von Tests, der Erarbeitung von speziellen Ritualen für einen Sportler Anwendung. Großen Wert legen wir auf die Entwicklung der Persönlichkeit beim Sportler.

ARBEIT DES CHEFTRAINERS - GESTERN UND HEUTE

Kommen wir zur Arbeit des Chef-Trainers. Wie haben Sie als Trainer gearbeitet ?

Als Trainer war ich anders sozialisiert und musste, wie meine Vorgänger Preiml oder Ganzenhuber, Experte in allen leistungs-relevanten Bereichen - vom Krafttraining bis zur Aerodynamik - sein. Natürlich habe ich Kontakte mit Wissenschaftlern gepflegt, um meine Ideen zu prüfen oder Anregungen zu holen, aber in unserer Generation waren Cheftrainer "Alleinunterhalter".

Welche Veränderungen gab es seither für Trainer ?

Heutzutage müssen Cheftrainer eine größere Menge an Daten, die von Experten generiert werden, verwalten und die Steuerung des Trainings daran ausrichten. In einem modernen System werden wichtige Bereiche ausgelagert, der Trainer lässt sich zuarbeiten und muss dabei das Entwicklungsziel ständig im Fokus behalten. Alexander Pointner muss als Chef-Trainer unserer Skispringer den roten Faden für das gesamte Team, d.h. für die Sportler und die Spezialtrainer vorgeben und alle Interessen bündeln, bzw. individuell aufbereiten.

FORTSCHRITTE IN DER TRAININGSARBEIT

Welche Bereiche haben besonders große Entwicklungen erlebt ?

Der Bereich des speziellen Krafttrainings hat sich maßgeblich weiterentwickelt. Wir arbeiten seit Jahren ganz eng mit Dr. Pernitsch, einem Sportwissenschaftler zusammen, der inzwischen eine große Menge an Längsschnittdaten von unserer Mannschaft erhoben hat und an der ständigen Entwicklung dieses Bereichs tüftelt. Im Materialbereich - sei es bei den Anzügen, den Sprungschuhen oder den Skiern und Schuhen, gab es viele Neuerungen und die Zulieferer pflegen ein sehr nahes Verhältnis zu den Athleten.

Sie hatten vorher über die Menge der Trainingsdaten gesprochen. Welche Daten werden da erhoben ?

Die Erhebung von Trainingsdaten geschieht heute viel engmaschiger. Vor allem durch Tests auf der Kraftmessplattform - dort werden die Kraftvoraussetzungen des Sportlers und der jeweilige Trainingszustand diagnostiziert. Anhand der Ergebnisse werden Trainingsempfehlungen gegeben.

Arbeiten Sie im Skispringen noch in Trainingsphasen, bzw. nach den Prinzipien der Periodisierung ?

Heute wird die Trainingsplanung nicht mehr ganz so klassisch vorgenommen. Wir gehen individueller vor und bieten unterschiedliche Inhalte an. Durch die Zusammenarbeit mit den Experten, kann man das Training komplexer und individueller organisieren. In Personalunion wäre dieser Aufwand nicht praktikabel gewesen, da hätte man den Überblick verloren.

WAHRNEHMUNGSFÄHIGKEITEN IM SKISPRINGEN

Welche Rolle spielt - neben der absoluten Sprungkraft - die Sensibilität des Sportlers für das Springen ?

Die Sensibilität ist ein Kernbereich im Skispringen. Für den Athleten sind Touch, das Timing, die Sensomotorik und Propriorezeption ganz wichtige Dinge. Wir haben meines Erachtens einige Springer, die in dem Bereich Hochbegabte, sowas wie Genies sind: Gregor Schlierenzauer, Thomas Morgenstern, Martin Koch verfügen über herausragende Wahrnehmungsfähigkeiten. Als Trainer kann man sich glücklich schätzen, mit solchen Athleten zu arbeiten.

Welche Fähigkeiten muß ein Springer beim Absprung mitbringen ?

Skispringen erfordert neben der Sprungkraft sehr hohe koordinative und mental stabile Fähigkeiten. Wenn der Athlet sich beim Absprung aufrichtet, verändert sich der Luftwiderstand. Trotz dieses starken, äußeren Einflusses muß er das Gleichgewicht halten und den Schwerpunkt sauber beschleunigen. Diese höchsten Anforderungen kann man seitenweise beschreiben, aber in der Realität, bzw. in der Stress-Situation dauert der Absprung gerade mal drei Zehntel Sekunden ..., in denen der Skiflieger 9 Meter am Schanzentisch zurücklegt.

Wie erklären Sie sich diese Fähigkeiten ?

Ich habe gerade ein Buch gelesen, worin es um psychosomatische Intelligenz geht. Es erklärt unter anderem wie individuell unterschiedlich wir körperliche Vorgänge wahrnehmen, bewerten und regulierend eingreifen können.

INDIVIDUELLE BETREUUNG VON TALENTEN

Wie schafft man es, die sportartspezifischen Grundlagen bei einem jungen Sportler zu legen und gleichzeitig die Entwicklung des Genialen zu unterstützen ?

In einem solchen Fall gehört Entgegenkommen, bzw. Respekt dazu, um das Talent in seiner Einzigartigkeit nicht zu verbiegen, nur weil man bestimmte eigene Konzepte durchziehen will. Außerdem stellt sich die Frage wie viele "klassische Elemente" ein solches Talent lernen soll ? Nur als Rockn' Roller, der keine fundamentalen Parameter akzeptiert, würde ein Athlet in komplexen Sportarten nicht sein volles Potential ausschöpfen können.

Was passiert, wenn der Trainer seinen Plan durchziehen will ?

Viele Trainer und Betreuer wollen sich selbst verwirklichen, ihr Wissen und ihre Vorerfahrung auf den Sportler projizieren. Aber dabei kann es gut sein, daß sie das Talent und seine speziellen Fähigkeiten ersticken.

Zu welchem Weg raten Sie dann ?

Ich plädiere dafür, einem Talent die wesentlichen, biomechanisch nötigen Parameter beizubringen. Gleichzeitig sollten Spontaneität und Individualität bei der Entwicklung genügend Raum erhalten. Die richtige Mischung liegt im Gefühl der Betreuer, aber nicht immer haben diese die Größe zu sagen: "bei diesem Talent muß ich viel der eigenen Entwicklung überlassen, weil da möglicherweise etwas kommt, das ich jetzt noch nicht absehen kann".

ETHISCH-MORALISCHE AUSBILDUNG DER SPORTLER

Gibt es in dem Bereich Themen, die Ihnen besonders wichtig sind ?

Die sportpsychologische Betreuung hat in meinen Augen Aufgaben, die über die Leistungsentwicklung hinausreichen. Mit ihrer Hilfe können wir Einfluss auf den Bereich der Persönlichkeit, z.B. soziale oder emotionale Kompetenz der Sportler nehmen im günstigsten Fall sogar Tools für ein späteres Berufsleben erarbeiten. Selbst wenn wir im Skispringen und der Nordischen Kombination bisher von Doping-Fällen weitgehend verschont blieben, sollen sich meines Erachtens alle Verantwortungsträger im Leistungssport mit Doping-Prävention befassen.

Sprechen Sie vom selbständigen, mündigen aber auch kritischen Athleten ?

Ein Sportpsychologe könnte viel zur Verwirklichung einer menschenwürdigen,, dopingfreien Sportkultur beisteuern sollte sich demzufolge nicht nur um die Leistungsoptimierung kümmern, sondern auch den Sportler bei seinen Reflexionen und Entscheidungsprozessen stabilisieren, ihm zu einer eigenständigen Meinung verhelfen und damit die Immunität gegenüber Gier und blindem Leistungszwang erhöhen.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. & Innauer, T. (2008). Wir nutzen die Sportpsychologie nicht nur als Feuerwehr in Notsituationen. Leistungssport 38 (6), S. 34-38.

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