"Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse sind nicht immer gleich schon für den praktischen Einsatz ausgegoren ..."

Leichtathletik
Wolfgang Killing, Leiter der DLV-Akademie in Mainz

Wolfgang Killing war in 1970er Jahren einer der besten Hochspringer im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) und nahm 1976 an den Olympischen Spielen in Montreal teil. Nach dem Studium der Sport- und Sozialwissenschaften arbeitete Wolfgang Killing von 1987 bis 2006 als Bundestrainer Hochsprung und war von 1998 bis 2004 Teamleiter Sprung im DLV. Im Oktober 2006 übernahm er die Leitung der DLV-Trainerschule (seit 2013 DLV-Akademie) in Mainz. Dort ist er unter anderem für die Aus- und Fortbildung der A- und Diplomtrainer zuständig. Darüber hinaus ist er Verfasser zahlreicher Publikationen zur Lehre der Leichtathletik.

AUSBILDUNG - INHALTE

Welche Aufgaben hat die DLV-Akademie?

Wir sind für die Aus- und Fortbildung von Trainern im Leistungssport verantwortlich. Das sind in erster Linie die A- und Diplom-Trainer, die Verbands- und die persönlichen Trainer der Top-Athleten. Seltener führen wir zentrale B-Trainer-Ausbildungen durch. Ferner sind wir für alle Trainerlizenzen im Verband verantwortlich, beantragen neue Lizenzen (zuletzt C-Trainer Kinderleichtathletik) und sorgen in Zusammenarbeit mit den Landeslehrkräften für die Einhaltung der Curricula. Für diese Zwecke erstellen wir unterschiedliche Lehrmedien.

Wie viele hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt die Trainerschule und welche Lehraufgaben übernehmen Sie selbst?

Um den vielfältigen Aufgaben gerecht zu werden, haben wir drei ständige hauptamtliche Mitarbeiter, insbesondere für die Lehrgangsorganisation, die Medientechnik und die Auslandstrainerschule. Für die einzelnen Maßnahmen der Aus- und Fortbildung stehen darüber hinaus die Verbandstrainer als Experten ihrer jeweiligen Disziplinen zur Verfügung. Schließlich laden wir für übergreifende Themen universitäre und andere Experten ein. Die Einladung, Abstimmung und Betreuung dieser Referenten ist ein Teil meiner Arbeit, daneben bin ich selbst Referent, habe einen erheblichen Anteil an den Prüfungen, bin als DLV-Wissenschafts-Koordinator Mittler zwischen Leistungssport und einschlägigen Wissenschaftspartnern, koordiniere die Mitarbeiter, befinde mich in enger Abstimmung mit dem DLV-Lehrwart Fred Eberle und bin mit ihm für die Außendarstellung und Außenkontakte des DLV-Lehrwesens verantwortlich. Als solcher besuche ich zahlreiche Tagungen der nationalen Sportinstitutionen.

KOOPERATION MIT TRAINER-AKADEMIE

Sie wirken bei der sportartspezifischen Ausbildung an der Trainerakademie in Köln mit. Wie verteilen sich die Anteile der Lehrinhalte und wie ist die Ausbildung organisiert?

Die sportartspezifische Ausbildung umfasst 240 Stunden mit sportartspezifischen Inhalten und 100 Stunden Hospitation. Um den Reiseaufwand für die angehenden Diplomtrainer, die das Studium neben ihrer normalen Berufstätigkeit absolvieren müssen, gering zu halten, bündeln wir das sportartspezifische Ausbildungs-Programm und führen Sprint-, Lauf-, Sprung-, Wurf- und Mehrkampf-Ausbildungswochen durch. In der Sprint-Woche dreht sich z.B. alles um die Sprint-Disziplinen, also Kurz- und Langsprint, 4 x 100- und 4 x 400 m-Staffeln, sowie die verschiedenen Hürdendisziplinen.

Welche Rolle spielt die Kölner Trainer-Akademie für die DLV-Akademie?

Die beiden Institutionen sind Partner und ergänzen sich in der Ausbildung der Diplom-Trainer, wie zuvor beschrieben. In meiner Rolle als Koordinator für die Leichtathletik bin ich regelmäßig in Köln. Darüber hinaus bemühen sich beide Einrichtungen um neue Erkenntnisse für den Leistungssport, die dann in je eigene oder gemeinsame Fortbildungen eingehen. Durch den DOSB sind wir gehalten, ein bis zwei Fortbildungen, die sogenannten Bundestrainer-Foren bzw. Konferenzen, in enger Abstimmung mit der Trainerakademie durchzuführen. Dabei sind so interessante Fortbildungen wie die über geschlechtsspezifisches Training, den Einsatz von Kälte im Trainings- und Wettkampfprozess oder das Aufwärmverhalten von Top-Athleten entstanden, die wir in schriftlichen Nachbereitungen, Fachartikeln und z.T. Buchpublikationen festgehalten haben, die bis heute nachgefragt werden.

LEHRINHALTE - LEHRMATERIALIEN

Entsprechen die Lehre und Lehrprodukte dem "state of the art" der Wissenschaft?

Sicher wollen wir keine überholten Dinge in der Ausbildung anbieten. Zudem wecken neue Erkenntnisse die Neugierde und Aufmerksamkeit stärker als alte, wenn auch bewährte. Aber ist das für den angehenden Trainer wirklich so wichtig? Ich denke, die Trainer brauchen zunächst einmal solide Informationen als Grundlage für ihre Arbeit mit den Athleten. Diese Grundlagen können sie später um state-of-the-art-Inhalte der Wissenschaft anreichern oder selbst zu der Entwicklung beitragen.

Wollen Sie denn keine Top-Trainer ausbilden?

Gerade das ist unser Anspruch, doch sind aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse nicht immer gleich schon für den praktischen Einsatz ausgegoren, geschweige denn hochleistungstauglich. Oft sind sie an wesentlich leistungsschwächeren, nicht austrainierten Versuchspersonen gewonnen. Hier erscheint mir eine gewisse Zurückhaltung durchaus klug. Die von Prof. Mester ins Gespräch gebrachten acht Jahre, die es braucht, bis aktuelle Untersuchungsergebnisse in den Lehrbüchern angekommen sind, kann man insoweit auch als Bewährung verstehen.

BILDUNGSNIVEAU DER TRAINER

Wie schätzen Sie das Bildungsniveau der deutschen Trainer ein?

Grundsätzlich bewegen wir uns in einem von ehren- und nebenamtlichen Strukturen geprägten Tätigkeitsfeld, in dem einzelne Hauptamtliche arbeiten. Das ist für Letztere nicht immer einfach. Doch ohne die vielen ehren- und nebenamtlichen Trainer und Funktionäre würde das deutsche - wie die meisten westeuropäischen Sportsysteme - nicht funktionieren. Auf der einen Seite stellen diese Kollegen ihre Freizeit dem Sport zur Verfügung, auf der anderen Seite sind die Zeit und Motivation, neben Beruf und aktiver Trainertätigkeit eine umfangreiche Sportausbildung zu machen, begrenzt ...

... hängt es nur an der Zeit und Motivation oder gibt es noch andere Gründe gegen eine Aus- und Weiterbildung?

Mit den in früheren Jahrzehnten eingeführten und aufeinander aufbauenden C- (120 Ausbildungsstunden), B- (60) und A-Trainer-Ausbildungen (120), jeweils mit praktischen, schriftlichen bzw. mündlichen Prüfungen, muten wir den Teilnehmern schon einiges zu. Wer möchte sich schon im fortgeschrittenen Alter unangenehmen Prüfungen stellen und alle zwei Jahre zur Fortbildung fahren? Insofern verstehe ich, wenn im Sport nebenamtlich engagierte Menschen gegenüber Qualifikation und Bildung reserviert sind.

WEITERBILDUNG - EX-SPORTLER ALS TRAINER

Wie gehen Trainer im Leistungssport mit dem Thema Weiterbildung um?

Wenn Trainer mit leistungsstarken Athleten, gar heterogenen Gruppen trainieren, verschlingt die praktische Arbeit die meiste Zeit. Bevor also ein Trainer Zeit für das Lesen von Lehrbüchern findet, ist das Jahr vorbei und das neue Jahr beginnt mit neuen Sorgen. D.h., die Zeit und Muße für eigene und verbandliche Weiterbildung hinkt eigentlich immer hinterher ...

... das hört sich nach einem Dilemma an. Gibt es Trainer, die Bildung ablehnen?

Bei ehren- und nebenamtlichen Trainern fühle ich mit und sehe das verbandliche Ausbildungsangebot, wie ich es zuvor ausgeführt habe, als Kompromiss. Probleme habe ich mit jungen Trainern, die ihre Tätigkeit hauptberuflich ausführen wollen, aber meinen, sie bräuchten keine Lehrbücher durchzuarbeiten. Wenn sie von der aktiven Zeit relativ nahtlos ins Trainergeschäft wechseln und prahlen, "Lehrbücher oder den Rahmentrainingsplan in meiner Disziplin kenne ich überhaupt nicht", ist das in meinen Augen fahrlässig. Ich denke, alle hauptamtlichen Trainer benötigen fachliche Grundlagen wie Trainings- und Bewegungslehre, Sportmedizin und -pädagogik. Jeder angehende hauptamtliche Trainer sollte die entsprechenden Standardwerke durchgearbeitet haben und sein Wissen in Prüfungen darlegen können.

Was würden Sie einem Ex-Sportler zum Einstieg ins Trainergeschäft raten?

Beim Übergang vom erfolgreichen Athleten zum Trainer sollte der angehende Trainer eine Zeit lang Abstand vom Hochleistungssport nehmen. In dieser Phase sollte er sich quasi verpuppen können und ohne Beobachtung oder gar (Erfolgs-)Druck seine sportpraktischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse anreichern und - was vielleicht verblüffen mag - "Traininggeben" lernen. In einer solchen Phase kann der Ex-Sportler seinen eigenen Stil entwickeln und "im Schonraum" lernen, bevor er in das harte Trainergeschäft und wieder in die Öffentlichkeit eintritt.

VERBESSERUNGSVORSCHLÄGE

Gibt es weitere Dinge, die Sie sich für eine verbesserte Trainerausbildung wünschen würden?

Angesichts der vermehrten Ansprüche an die Trainer im Vereins- und im Leistungssport sollte es Verbesserungen geben. Abgesehen von der Machbarkeit und der Praktikabilität würde ich mir mehr sportpädagogische, sportpsychologische und kommunikationsbezogene Inhalte wünschen Wenn man bedenkt, wie in den letzten Jahren gesellschaftskritische Themen in den Sport hineingedrängt sind - sexualisierte Gewalt, davor Integration, aktuell duale Karriere, Inklusion und manche andere Themen, die in der Gesamtgesellschaft eine Rolle spielen -, dann müssen sich Trainer und Betreuer im Sport auch diesen Herausforderungen stellen.

Haben Sie Ideen für Verbesserungen?

Zunächst einmal sind alle am Leistungssport Interessierten gehalten, den Trainerberuf bezüglich Einkommen, sozialer Absicherung und Status so attraktiv zu gestalten, dass integre und ambitionierte junge Leute ihn für erstrebenswert halten. Davon sind wir derzeit weiter weg als vor 20 oder 30 Jahren. Eine Vermehrung der Trainerstellen ohne entsprechend mehr Geldmittel behebt dieses Problem nicht, eher im Gegenteil. Wenn ich die Frage auf die Passung von Anforderungsprofilen und Fähigkeiten einenge, frage ich mich: "Reicht unsere Ausbildung?". Falls nicht, ist zu überlegen, wieder mehr hauptamtliche Trainer aus dem Lehrerbereich zu rekrutieren. Denn Lehrer haben, einschließlich ihres Referendariats, eine umfangreiche Ausbildung und Berufsvorbereitung, die o.g. gesellschaftliche Themen besser behandeln kann. Ein weiteres Problem ist die Doppelbelastung junger Trainer durch Ausbildung und Trainertätigkeit, von Familie, Urlaub und Hobbies ganz zu schweigen.

MÖGLICHE STRUKTURÄNDERUNGEN

Wie wir wissen, können solch gravierende Veränderungen lange dauern. Welche Möglichkeiten haben Trainer und Athleten schon heute, um ihre Zusammenarbeit zu optimieren?

Bei uns im DLV gab es in den letzten Jahren einige Strukturänderungen, wobei die Trainer-Athlet-Beziehung eine unverrückbare Konstante ist. Diesen leistungssportlichen Kern versuchen wir vermehrt mit Kompetenz-Teams, die nah an den Disziplinen und den Trainer-Athlet-Gespannen dran sind, eine optimale Betreuung darzustellen.

Gibt es weitere Möglichkeiten, um den Leistungssport in den Verbänden zu optimieren?

Das wissenschaftliche Verbundsystem Leistungssport (WVL) hat 2005 zur Verbesserung der Zusammenarbeit von Theorie und Praxis die Institution der Wissenschaftskoordinatoren (Wi-Kos) ins Leben gerufen, Sie sollen helfen, Praxisfragen in Forschungsprojekte umzusetzen und Forschungsergebnisse leichter und schneller der Praxis zugänglich zu machen. Nach einiger Anlaufzeit treffen sich die Wi-Kos mittlerweile regelmäßig, um Standards ihrer Tätigkeit zu entwickeln. Netzwerkbildung, Kommunikationskultur und Best-Practice-Modelle sind hier wichtige Themen. Mittlerweile haben fast alle Verbände Wi-Kos etabliert.

Vielen Dank für das informative Gespräch über Ihre Arbeit im Leistungssport und an der DLV-Akademie. Bleiben Sie begeistert vom Sport und der Lehre!

Autorin:
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle:
Pfaff, E. (2013). "Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse sind nicht immer gleich schon für den praktischen Einsatz ausgegoren …". Leistungssport, 43 (6), S. 23-26.

www.leistungssport.net