"Jeder Finisher ist ein Held und wird im Ziel gefeiert."

Motorsport, Marathon-Rallye
Jutta Kleinschmidt, Siegerin der Rallye Paris-Dakar 2001

Jutta Kleinschmidt ist Diplom-Ingenieurin für Physik und arbeitete von 1987 bis 1992 in der Entwicklungsabteilung von BMW. Von 1987 bis 1994 nahm sie mit dem Motorrad an Wüstenrallyes teil. Nach der Dakar-Rallye 1994 stieg Jutta Kleinschmidt auf das Auto um und erregte weltweit Aufsehen, als sie 2001 die Rallye Paris-Dakar gewann. Heute arbeitet sie als Keynote Speaker, Instruktorin und ist Autorin des Buches "Mein Sieg bei der Dakar".

EINSCHÄTZUNG RALLYE DAKAR

Frau Kleinschmidt, vor 10 Jahren haben Sie die Rallye Paris-Dakar gewonnen. Wie schätzen Sie die heutige Rallye ein?

Bei der Dakar 2011, die in Südamerika standfand, nahm mit Volkswagen ein übermächtiges Werksteam teil. Zur Dakar 2012 ist VW ausgestiegen und so gibt es als technisch gutes Team nur noch das private, von BMW unterstützte Team von Sven Quandt. Alle anderen Teams haben theoretisch keine Siegchancen. Das Interesse an der Dakar ist leider deutlich gesunken.

Was meinen Sie mit "übermächtig"?

Wenn eine Disziplin im Motorsport - wie die Rallye Dakar von 2009 bis 2011 - von nur einem Werksteam (VW) dominiert wird, tun sich andere Hersteller schwer, dort einzusteigen. VW hatte von 2003 an mehrere Jahre Erfahrung bei der Rallye gesammelt und trat mit einem riesigen Etat an. Als 2009 das Mitsubishi Werksteam ausgestiegen ist, war das VW-Werksteam der privaten Konkurrenz fahrerisch, finanziell und technisch absolut überlegen.

WERKSTEAM - AUFWAND UND AUFGABEN

Wie viele Personen umfasst ein Werksteam?

Das VW-Werksteam bestand aus etwa 200 Personen, die an dem Projekt Rallye Paris-Dakar mitarbeiteten. Davon begleiteten ca. 80 Spezialisten vier Renn-Autos beim Rennen.

Und welche Aufgaben haben die Mitglieder eines Werksteams?

Um die gesamte Rallye-Logistik eines großen Werksteams zu transportieren, braucht man ca. 12 LKWs für den Transport von Ersatzteilen, Reifen und Werkzeug. Dazu kommen noch zwei bis drei Renn-Trucks, die den Rallyeautos auf der Rennstrecke folgen um ihnen bei einer Panne mit Ersatzteilen zu helfen. Das Begleit-Team betreut vier Rennautos während der Rallye, vor allem über Nacht im Biwak. Für jedes Auto stehen vier Mechaniker und ein Ingenieur zur Verfügung. Ein professionelles Team reist mit eigenem Arzt, einem Physiotherapeuten, einem Team-Chef und einem Assistenten des Team-Chefs. Außerdem gibt es einen Experten, der sich um sämtliche rechtlichen Dinge und die Reglements kümmert und eine Person für die Pressearbeit. Mit Fahrern und Beifahrern für vier Rallyeautos und alle Servicefahrzeuge kommen schnell 80 Personen zusammen.

ABENTEUER RALLYE DAKAR

Die Teilnahme an einer Wüstenrallye ist aufwändig, mühsam und schwierig in der Vorbereitung und sicher noch mehr in der Wüste?!

Die Dakar ist die schwerste Rallye der Welt und das macht den Reiz aus. Allein das Ankommen bedeutet für einen Privatfahrer einen Wahnsinnserfolg. Jeder Finisher ist ein Held und wird im Ziel gefeiert. Die Rallye war früher, als sie noch durch Afrika führte, so schwierig, dass von 200 gestarteten Motorrädern vielleicht 30 oder 35 das Ziel erreichten. Dadurch, dass die Dakar seit 2009 in Südamerika stattfindet, ist alles viel ziviler und die Anforderungen sind geringer geworden.

Was bedeutet die Rallye für Sie persönlich?

Ich habe das Abenteuer gesucht und mir macht es Spaß, Herausforderungen zu bewältigen. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man sich den Anforderungen und Herausforderungen, die vor und während einer Wüstenrallye lauern, stellt, sich innerlich stetig überwindet und die Aufgaben meistert. Über die Härte der Rallye kann ich mich nicht beschweren, denn ich gehe gerne an meine Grenzen. D.h., je mehr ich mich schinden oder überwinden und arbeiten muss, um ein Ziel zu erreichen, desto mehr Spaß und innere Befriedigung verspüre ich, wenn ich es geschafft habe.

AUTOTESTS UND KÖRPERLICHE ANFORDERUNGEN

Kommen wir zu Vorbereitung einer Wüstenrallye. Wie viel Autofahren können Sie vorher trainieren?

Spezifisches Training, also Autofahren für eine Wüstenrallye, kann man generell selten machen. Aber mit einem finanziell gut ausgestatteten Team kann man viel testen. Jede Testfahrt, z.B. Reifen- oder Materialtests in Tunesien oder Marokko, sind auch Trainingsfahrten für uns Fahrer. Außerdem nutzt man kleinere und kürzere Rallyes zur Vorbereitung.

Haben Sie auch physisches Training zur Vorbereitung auf die Wüstenrallyes gemacht? Und welche Trainingsinhalte standen im Vordergrund?

Für das Motorrad und das Auto habe ich ungefähr gleich viel Konditionstraining gemacht. Ein Rennfahrer braucht eine gute Grundkondition, viel Ausdauer und vor allem eine gute Rücken- und Nackenmuskulatur. Allgemeine Kraft braucht man nur bedingt, aber speziell die Rückenmuskulatur hilft, die ganzen Schläge und Sprünge beim Rennen aufzufangen. Und da man den ganzen Tag einen Helm samt Sprechfunkanlage mit einem Gewicht von 1,5 kg trägt, ist eine gut trainierte Nackenmuskulatur wichtig. In der Wüste kann man schnell mal liegen bleiben oder einen Platten haben. Dann gilt es, das Auto zu befreien oder einen 36 kg schweren Reifen zu wechseln.

Welche Art von Ausdauer-Training haben Sie in der Vorbereitung gemacht und bringt das ?

Ausdauertraining betreibe ich viel mit dem Fahrrad, da kann ich ohne Probleme 6 oder 7 Stunden trainieren. In einem Jahr (2004) bestritt ich einen Teil der Vorbereitung beim "Race Across America" im Team von Joey Kelly. Wenn man drei Wochen lang den ganzen Tag ein Rennauto konzentriert steuern will, braucht man eine große Ausdauer. Die Ausdauerfähigkeit hilft, die Konzentration für lange Zeit aufrechtzuhalten. Jegliches Nachlassen der Konzentration oder gar gedankliches Abdriften wirkt verlangsamend und birgt Gefahren.

EINSTELLUNG - MOTIVATION - UMGANG MIT MISSERFOLGEN

Gibt es ob der krassen Anforderungen bei der Rallye Dakar auch mal den Gedanken ans Aufgeben?

Selbst wenn man körperlich angeschlagen ist, will man nicht aufgeben. Wenn es irgendwie möglich ist, will man die Rallye zu Ende bringen und das Ziel erreichen. Aufgeben gibt's für mich nur, wenn körperlich oder technisch nichts mehr geht. Aber solange ich mich noch irgendwie bewegen kann, werde ich es weiter probieren ...

... diese Einstellung spricht für eine absolute Motivation ...

... ja, und die Motivation basiert auf der Frage: "Wie sehr will ich etwas?". Wenn ich etwas wirklich will, dann werde ich mich nicht von meinem Vorhaben abbringen lassen. D.h., selbst wenn ich ein Ziel nicht mit dem ersten, zweiten oder x-ten Versuch erreiche, probiere ich es weiter und arbeite daran, es zu schaffen. Verloren hat man erst, wenn man aufgibt und keinen neuen Versuch startet.

Wie gehen Sie mit Misserfolgen und Fehlern um?

Solange man ein Ziel vor Augen hat, sollte man konstruktiv mit Fehlern umgehen und sich fragen, was man ändern muss, um sein Ziel zu erreichen. Im Umgang mit (vermeintlichen) Misserfolgen sollte man aus jedem Mal etwas für den nächsten Versuch lernen. D.h., bis zum Start der nächsten Rallye sollte ich jeweils etwas verbessert haben.

ERFAHRUNG - GEZIELTE VORBEREITUNG

Wie wirkt sich die Erfahrung auf das Rallyefahren aus?

Ich habe Rallyefahren als einen jahrelangen, vielfältigen Lernprozess erlebt. Dabei entwickelt man sich persönlich und im bzw. mit dem Team und dem Auto Schritt für Schritt weiter. Am Anfang, als Privatfahrerin, war alles noch relativ unprofessionell, aber mit der Zeit passt man sein Verhalten den Anforderungen an. Man lernt und verbessert sich: Das Team wird größer und professioneller und als Fahrer handelt man effektiver. D.h., mit den zunehmenden Erfahrungen hat man so mehr und mehr Erfolg.

Kann man die Erfahrung schon in der Vorbereitung auf die Rallye nutzen?

In der Vorbereitung auf eine spezifische Rallye habe ich z.B. versucht, gemeinsam mit dem Beifahrer die Strecken zu Hause vorzubereiten. Das geht natürlich nur bedingt, weil wir das "Roadbook" mit der genauen Strecke erst jeweils am Abend vor der entsprechenden Tagesetappe bekommen.

Gehören solche Maßnahmen zum Leistungssport?

Meiner Meinung nach sind sie entscheidend im Leistungssport. Ich muss mir ständig überlegen: "Was kann ich besser machen als meine Konkurrenz oder was macht die Konkurrenz vielleicht nicht?". Alle Piloten, die auf dieser Ebene Rallye fahren, sind richtig gut, sonst wären sie nicht da. Wenn ich mich nicht weiterentwickle oder immer nur das Gleiche mache wie die Konkurrenz, erreiche ich schwer einen Vorsprung.

ENTWICKLUNG DER RALLYE DAKAR - EIGENE AMBITIONEN

Lassen Sie uns noch einmal über die aktuelle Rallye Dakar sprechen. Was wünschen Sie sich für die Entwicklung der Rallye?

Zum einen hoffe ich, dass wieder Werksteams in die Rallye einsteigen und dass mehr gute Privatteams, wie das von Sven Quandt, hinzukommen und Siegchancen haben. Da VW beschlossen hat, sich anderen motorsportlichen Herausforderungen zu widmen, ist die Zeit für neue Teams sehr gut. Man bräuchte nicht mehr mit einem überdimensionalen Budget einzusteigen, um Siegchancen zu haben. Außerdem hoffe ich, dass die Rallye in Europa wieder mehr Akzeptanz und Öffentlichkeit erhält. Seit dem Umzug nach Südamerika hat das Interesse stark nachgelassen.

Zum letzten Mal waren Sie 2007 bei der Rallye Dakar am Start. Was müsste passieren, damit Sie noch einmal mitfahren?

Insgesamt habe ich an 17 Dakars teilgenommen und ein Mal gewonnen. Seit 2008 nehme ich eine Auszeit vom Rallyesport. In dieser Zeit konnte ich mich beruflich weiterentwickeln und die neuen Themen füllen mich aus. Trotzdem würde ich unter gewissen Voraussetzungen noch einmal bei der Dakar starten. Es würde mich beispielsweise reizen, mit einem "grünen Auto" anzutreten. Aber momentan ist das noch eine Traumvorstellung und bis die Entwicklung im Motorsport in diese Richtung geht, wird es noch eine Weile dauern.

Vielen Dank für die Einblicke in die Welt der Wüstenrallyes. Wir bewundern Ihren Mut und Ihr Durchhaltevermögen und wünschen Ihnen alles Gute für die zukünftigen Herausforderungen!

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2012). "Jeder Finisher ist ein Held und wird im Ziel gefeiert."
Leistungssport, 42 (1), S. 37-40.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
http://philippka.de/index.php?id=148
www.leistungssport.net