„Im Elitebereich gibt es keinen Tag Pause“

Triathlon
Roland Knoll, Bundestrainer Elite in der Deutschen Triathlon Union

Roland Knoll war als Aktiver zweimal Deutscher Meister im Triathlon (1991, 1997) und betreute von 2004 bis 2009 den DTU-Kader der Junioren und U23-Triathleten. Der Coach von Olympiasieger Jan Frodeno und Weltmeister Daniel Unger wurde 2009 neuer Bundestrainer Elite. Wir trafen Roland Knoll am Olympiastützpunkt (OSP) Saarbrücken und sprachen über seine Erfahrungen im Triathlon und den Weg den zu Olympischen Spielen 2012 in London.

EINSTIEG IN TRAINING - TRAININGSGRUPPEN

Ab welchem Alter sind Triathleten „reif für einen Kader“?

Grundsätzlich fangen wir später als andere Sportarten mit intensivem Training an. Aus meiner Sicht sollte man den Jugendlichen lieber Zeit für ihre Entwicklung geben, um sie an unseren physisch und psychisch harten Sport langfristig heranzuführen. Daher macht es erst im Alter von 18/19 Jahren Sinn, in einen Bundeskader aufgenommen zu werden.

Triathlon ist eine Individualsportart, aber mit Ihren Athleten trainieren Sie viel in Gruppen. Was bezwecken Sie damit?

Wir sind eine der wenigen Nationen, die vor allem Gruppentraining machen und die Athleten bis zum Alter von 24/25 Jahren vorrangig gemeinsam trainieren lassen. Erst danach, wenn ein Athlet den Anschluss an die Weltspitze geschafft hat, kann er individuell entscheiden, wie und wo er trainieren will. Bis zu dem Alter sind die Grundlagen gelegt und die Athleten suchen sich z.T. ihren eigenen Trainer, organisieren ihr Umfeld individuell und bevorzugen, mehr abseits ihrer Konkurrenz zu trainieren.

TRAININGSAUFBAU IM JUGENDALTER

Lassen Sie uns über den Trainingsaufbau im Nachwuchsbereich sprechen. Welche Empfehlungen können Sie dort mit Sicht auf eine langfristige Karriere geben?

Im Jugendalter muss man unbedingt auf die Dosierung und die Trainingsinhalte achten. Zwar vertragen Jugendliche viel Training, aber das Ausdauertraining sollte nicht nur im Mittelpunkt des Trainingsaufbaus stehen. Vielmehr sollten Jugendliche mit Blick auf die Olympische Distanz in den Anfangsjahren mehr Schnelligkeits- und allgemeines athletisches Training machen.

Auf welche Aspekte achten Sie bei der Ausbildung des Nachwuchses besonders?

Wie gesagt, ist die Ausbildung der Schnelligkeit und einer soliden Technik in allen drei Disziplinen vorrangig. Unsere männlichen Athleten müssen z.B. in der Lage sein, 100 Meter in 12 Sekunden laufen zu können – oder: 1000 Meter sollten sie unter 2:35 Minuten schaffen. Auf Basis dieser Werte können sie später 10 km unter 30 Minuten bewältigen ...

... ist ein Triathlet mit 18 Jahren schon ausgereift?

Nein, allein von ihrer orthopädischen Belastbarkeit her sind die Nachwuchsathleten mit 18 Jahren noch nicht ausgereift! Das ist auch beim Übergang von den Junioren (von 19 auf 20) zur Elite unser großes Problem. Auf einmal verdoppeln sich die Wettkampfdistanzen, z.B. die Laufdistanz von 5 auf 10 km. Dieser Umstieg beinhaltet wesentlich mehr Trainingsumfänge und dort gibt es die größten Probleme.

TRAININGSUMFÄNGE IM VERGLEICH

Wie unterscheidet sich der Umfang des Trainings zwischen der Elite und dem Nachwuchs?

Im Elitebereich gibt es keinen Tag Pause. Aber bei dem langfristigen, behutsameren Aufbau im Nachwuchsbereich achten wir darauf, dass die Jugendlichen Pausen einlegen und genug Zeit für die Regeneration bekommen. Da kommt es schon mal vor, dass sie einen Tag komplett Ruhe haben, und bei den Jüngeren planen wir sogar zwei Tage ohne Sport ein. Unsere Sportart geht schon früh an die körperlichen Grenzen und deshalb achten wir penibel auf das Verhältnis von Be- und Entlastung sowie auf altersgemäße Trainingsumfänge unserer Athleten.

Was machen Ihre Elite-Athleten an sog. Entlastungstagen?

An Entlastungs- oder Ruhetagen trainieren die A/B-Kader-Athleten vergleichsweise wenig. D.h., sie gehen z.B. 3 oder 4 km locker schwimmen und machen Athletik-Training, Rumpf-Stabilisierung und gehen vielleicht am Abend ein bisschen auslaufen. Für manch andere Sportart klingt das vielleicht viel, weil wir an Entlastungstragen trotzdem 2 bis 2,5 Stunden trainieren, aber für Triathleten ist das wenig.

PERIODISIERUNG VS WELTCUP-SERIE

Können Sie im modernen Triathlon noch nach den Prinzipien der Periodisierung arbeiten?

Bis 2009 hatten wir zwei Saisonhöhepunkte mit der Europa- und der Weltmeisterschaft. Danach hatten wir die Periodisierung unseres Trainings ausgerichtet. Während es diese Planung bei den Junioren weiter gibt, wurde 2009 von der International Triathlon Union (ITU) eine Weltcup-Serie – die „ITU World Championship Series“ – für die Elite eingerichtet.

Welche Konsequenzen hat diese Weltcup-Serie für Ihre Trainings- und Wettkampf-Planungen?

Unser Wettkampf-Kalender geht heutzutage von April bis Mitte/Ende September und eine Periodisierung lässt sich so nur schwer planen. In der Weltcup-Serie werden die Triathleten angehalten, möglichst viele Punkte zu sammeln und oft bei den einzelnen Rennen anzutreten. Und selbst die jüngeren oder weiter hinten rangierenden Athleten müssen möglichst viele Punkte bei den Europa- und Welt-Cups sammeln, um in die Welt-Serie aufzusteigen zu können.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Weltcup-Serie gemacht?

Es ist schon sehr verlockend, zu mehr Wettkämpfen zu fahren und sich der Hatz nach Punkten anzuschließen. Wir wählen die Wettkämpfe gezielt(er) aus und versuchen bei weniger Wettkämpfen bessere Leistungen zu bringen und mehr Punkte zu holen. Und zwischen den Wettkämpfen planen wir mehr Zeit zur Regeneration ein. Insofern schaffen wir unsere eigene „Peridisierung“ und gehen einen Mittelweg zwischen den Anforderungen des modernen Wettkampf-Kalenders und den körperlichen Möglichkeiten unserer Hochleistungssportler.

TRIATHLON VS SPEZIALISTEN

Die Olympische Distanz zählt zu den Kurzdistanzen im Triathlon. Welche Leistungen bringen Ihre Athleten im Vergleich zu den Spezialisten.

Am nächsten kommen wir den Spezialisten in unserer dritten Disziplin, dem Laufen. Dort muss ein Top-Athlet bei uns mittlerweile unter 30 Minuten laufen können, um in der Welt-Spitze zu sein. Beim Vergleich mit den Laufspezialisten schneiden wir gut ab – z.B. haben wir 2011 bei den Deutschen Crossmeisterschaften die Plätze 2, 4 und 6 unten den Laufspezialisten erreicht.

Und wo liegen die Triathleten beim Vergleich mit den Radfahrern und den Schwimmern?

Beim Radfahren können unsere Leute bei Amateur-Rennen vorne mitfahren. Sie werden zwar (mangels Kraft) keinen Sprint gewinnen, aber sie können aufgrund ihrer konditionellen Fähigkeiten gut mithalten. Beim Schwimmen ist das Gefälle am größten – die Schwimmspezialisten schaffen 1,5 km unter 15 min, wogegen unsere Top-Triathleten 16:00 bis 16:30 min benötigen.

Wie soll man die Leistungen der Triathleten insgesamt einstufen?

Zugegeben, unsere Leistungen werden in den einzelnen Sportarten nie für Top-Leistungen bei den Spezialisten reichen. Aber die Kombination der Ausdauerdisziplinen macht die Weltklasseleistung im Triathlon aus.

MOTIVATION ZU LEISTUNG

Sie haben beschrieben, dass Triathleten in Training und Wettkämpfen an ihre Grenzen gehen und sie manchmal überschreiten. Wie motivieren Sie Ihre Athleten?

Ich versuche, meine Anforderungen (Trainingsinhalte, Zeiten, Intensitäten etc.) an die Athleten und damit die Leistungsmotivation an die Person und ihre Situation anzupassen. Mir ist bewusst, dass meine Vorgaben in manchen Fällen bremsen und zum Grübeln veranlassen und in anderen Fällen ein „Jetzt-erst-recht“ herausfordern ...

Wie reagieren die Athleten auf Ihre Anweisungen?

Es gibt einen jungen Athleten, der grundsätzlich versucht, meine Vorgaben zu überbieten. Das ist seine Art. In so einem Fall stufe ich die Anforderungen herunter, sodass wir mit seinem Zutun auf das passende Leistungsniveau gelangen. Und dann gibt es andere Sportler, denen sagt man „diese Zeiten wollen wir haben“ – und sie machen dann eine Punktlandung.

Das hört sich nach „Dienst nach Vorschrift“ an ...

... nein, so kann man das nicht sagen. Sie trainieren auch sehr hart und intensiv, aber diesen Typen fehlt häufig der letzte Kick, um ein Rennen als Sieger zu beenden. Das sind dann gute Fünft- bis Zehntplatzierte, die aber selten ganz oben aufs Podest kommen. Ihnen fehlt scheinbar der letzte Schritt, über sich hinauszuwachsen und den Schalter nochmal umzulegen.

Vielen Dank für die kritischen Einblicke in die Sportart Triathlon. Für die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in London 2012 und die erfolgreiche Entwicklung junger Athleten wünschen wir Ihnen gutes Gelingen.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2011). „Im Elitebereich gibt es keinen Tag Pause“ Leistungssport, 41 (4), S. 40-45.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
www. philippka.de/index.php?id=148
www.leistungssport.net