"Unsere Turnerinnen sind heutzutage zwar schlank, aber nicht mehr zierlich, zerbrechlich, sondern haben einen muskulöseren Körperbau."

Kunstturnen
Ulla Koch, Cheftrainerin Frauen

Ihre Leidenschaft Turnen beschäftigt Ulla Koch bereits seit frühester Jugend. Nach Abschluss des Diplom-Sportstudiums arbeitete sie als Lehrerin an einer Schule und als Vereinstrainerin in Bergisch-Gladbach. Gleichzeitig engagierte sie sich in verschiedenen ehrenamtlichen Positionen im DTB. 2005 wurde sie Cheftrainerin im DTB und 2007 gelang ihrem Team die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking. Inzwischen gehört das Frauen-Team zu den Top Ten im Welt-Turnen.

KARRIERE IM EHRENAMT UND ALS TRAINERIN

Frau Koch, Sie haben das Frauen-Turnen viele Jahre lang in verschiedenen Funktionen begleitet. Wie kam es zu Ihrem Engagement als Cheftrainerin?

Nachdem Petra Nissinen 2005 als Teamchefin aufhörte, hatte der DTB Schwierigkeiten, einen neuen Cheftrainer zu finden. Ich dachte: "Die Mädchen sind es einfach Wert, dass man sich um sie kümmert". Denn mit Marie-Sophie Hindermann, Anja Brinker und Joeline Möbius wuchs eine gute neue Generation von Turnerinnen heran. Mir kam zu Gute, dass ich einerseits Erfahrungen im Ehrenamt beim DTB und auf Verbandsebene gesammelt hatte. Andererseits war ich viele Jahre als Vereins- und Stützpunkttrainerin in Bergisch Gladbach tätig und kannte die Turnerinnen schon aus dem Junioren-Bereich, aus der Arbeit mit den C-Kadern, die ich für den Verband ehrenamtlich betreut hatte.

Wie verlief Ihr Einstieg in das Cheftrainer-Amt?

Zur Zeit der Bewerbung hatte ich schon ca. 30 Jahre Erfahrung als Trainerin. Damals arbeitete ich jeweils halbtags als Diplomsportlehrerin und als Trainerin. Und dann kam ab 2005 der Cheftrainer-Posten für den Junioren- und Seniorenbereich dazu. Als wir uns 2007 für die Olympischen Spiele in Peking qualifiziert hatten, musste ich noch mehr Zeit in die Arbeit als Cheftrainerin investieren.

Welche Rolle spielt Erfahrung in dem Job?

Als Trainer braucht man viel, viel Erfahrung, da reichen 10 Jahre im Trainerleben kaum aus. In der Position als Cheftrainerin konnte ich von Anfang an versuchen, Dinge, die ich als Heimtrainerin negativ empfunden und erlebt hatte, besser zu machen. Aber trotz aller Erfahrung lerne ich bis heute noch jeden Tag dazu!

WISSENSCHAFTLICHE STUDIE - ERKENNTNISSE

In den letzten Jahren hat das deutsche Frauen-Turnen einen tollen Aufschwung genommen, sodass das Team bei Olympischen Spielen startet und zur Weltspitze gehört. Wie kam es zu dieser Leistungsentwicklung?

Die Studie von Brüggemann und Krahl (2000) "Belastungen und Risiken im weiblichen Kunstturnen" hat uns deutlich gemacht, dass wir in der Belastungsgestaltung neue Wege gehen müssen. Die Erkenntnisse stellten die Basis für eine gezielte Neuausrichtung im Frauen-Turnen dar. Im Nachwuchsbereich haben wir den technischen Bereich verändert und die athletischen Normen wurden angepasst.

Wie setzen Sie diese Erkenntnisse in den Trainingsprozess um und welche Aspekte haben sich (sichtbar) verändert?

Aufgrund der Studie haben wir versucht, das Grundlagentraining zu verbessern und Schwerpunkte in der technischen Ausbildung und vor allem in der Kraftentwicklung zu setzen. Durch die Aufstockung des Krafttrainings hat sich auch der Turnerinnen-Typ verändert. Unsere Turnerinnen sind heutzutage zwar schlank, aber nicht mehr zierlich, zerbrechlich, sondern haben einen muskulöseren Körperbau.

KOOPERATION MIT WISSENSCHAFT

Solche Veränderungen geschehen weder von einem Tag auf den anderen noch ohne intensives Zutun. Welche Schritte gehörten dazu?

Wir haben versucht, die ganzen Erkenntnisse zusammenzubauen. Das beinhaltete u.a. eine Konzentration auf den Nachwuchs und das Ansinnen, viel mehr Olympiastützpunkte (OSP) mit ins Boot zu holen. Die Zusammenarbeit mit den Stützpunkten wurde optimiert und professionalisiert, und mit den Erfolgen bekamen wir mehr Geld bzw. mehr Unterstützung. Mir war es wichtig, die Praxis mit wissenschaftlich begründeten Inhalten z.B. aus der Biomechanik anzureichern und mehr Untersuchungen für das Turnen anzuregen. Insofern kam mehr Wissen(schaft) von außen dazu und ich habe versucht, aus dem Ganzen ein Team für das Frauen-Turnen zu formen.

Von welchen Institutionen bekommen Sie wissenschaftliche Unterstützung?

In der Folge haben wir die Zusammenarbeit mit dem Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT), den OSPs - allen voran der OSP Hessen mit Frau Dr. Nissinen - und mit der Forschungseinrichtung "Momentum" unter der Leitung von Prof. Dr. Mester an der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) intensiviert. Momentum liefert uns wissenschaftliche Daten, Forschung zu den Anforderungen im Turnen, und kontrolliert den Fortschritt unserer Entwicklung. Die Erkenntnisse aus den Untersuchungen müssen wir dann in Kooperation mit den OSPs und unseren Spezialisten in die Praxis umsetzen.

TRAININGSINHALTE - VERÄNDERUNGEN

Haben Sie Beispiele für Fortschritte in der Entwicklung und Veränderungen des Trainingsprogramms?

Der zentrale Punkt war die Verbesserung der konditionellen Voraussetzungen. Während Krafttraining mit Zusatzlasten im Turnen bis vor einiger Zeit noch nicht in Erwägung gezogen wurde, gehört es heute zum modernen Training dazu. Wir machen individuell gestaltetes Hanteltraining und Training mit freien Gewichten und turnspezifische Kraftübungen.

Entspricht diese Entwicklung dem internationalen Standard?

Ja, denn bei unseren Aufenthalten in den USA hatten wir Einblick in die Trainingsprogramme der Amerikaner. Den Turnerinnen sieht man das Training regelrecht an: sie sind schnellkräftig und muskulös. Aber an die Umfänge, die in den USA konditionell und im Bereich des Krafttrainings gemacht werden, reichen wir noch lange nicht heran, obwohl wir die Trainingsintensität in der letzten Zeit nochmals erhöht haben.

Gibt es weitere Auswirkungen dieser Modernisierung des Trainings?

Neben der Verbesserung der turnerischen Leistung wollten wir die Verletzungsanfälligkeit minimieren und die Belastungsverträglichkeit erhöhen. Durch die Hinweise aus den Untersuchungen wissen wir, wie man bei jungen Turnerinnen Kraft- und Konditionstraining einsetzen und gute Effekte erzielen kann.

AUSDAUERTRAINING IM TURNEN

Welche Bedeutung hat das Ausdauertraining im Rahmen des gesamten Trainingsprogramms?

Das Ausdauertraining ist für Turnerinnen sehr wichtig. Neben dem zeitintensiven Technik- und Krafttraining komprimieren wir das Training der Ausdauer entsprechend der Trainings- und Wettkampfphasen. Bei einer Blockperiodisierung (Ausdauertraining während der Aufbauphase) beträgt das HIT sieben bis acht Einheiten à 20 Minuten pro Woche. Diese Intensität behalten wir über zwei Wochen bei und reduzieren sie dann langsam. Zum Wettkampf hin absolvieren wir noch zwei bis drei Einheiten pro Woche, wobei wir die Belastungsintervalle auf 2 x 3 Minuten verkürzen.

Wie nehmen die Turnerinnen das vormals ungeliebte Ausdauertraining an?

Das HIT unterlegen wir mit Musik: Power während der Bewegung und ruhigere Musik in den Belastungspausen. Trotz der Kürze der Einheiten gehen die Turnerinnen regelmäßig bis an ihre Leistungsgrenzen. Mit Hilfe des HIT hat sich die maximale Sauerstoffaufnahme deutlich erhöht und die Ausdauer verbessert. Insgesamt trainieren unsere Turnerinnen gesünder, denn sie verkraften das intensive spezifische Training - bis zu 6 Stunden pro Tag - besser.

Können Sie uns den Zusammenhang von Ausdauer und "gesünder trainieren" erklären?

Früher wurden unsere Turnerinnen mangels Ausdauer schneller müde und unkonzentriert, weshalb die Verletzungsanfälligkeit höher war. Mit der Ausdauer erhöhte sich die Konzentrationsfähigkeit; das Gehirn wird dauerhaft viel besser versorgt und die Turnerinnen können wesentlich länger, intensiver und vor allen Dingen verletzungsfrei trainieren.

KOOPERATION MIT LANDES- UND HEIMTRAINERN

Wie sieht der Kontakt zu den Trainern aus?

Mit den Heim- und Landestrainern führe ich regelmäßige Gespräche über die Turnerinnen (A-, B-, C-Kader, ca. 36 Turnerinnen) und wir telefonieren regelmäßig, wenn keine Kaderlehrgänge sind. Außerdem informiere ich mich vor Ort, schaue mir das Heimtraining an und kümmere mich sowohl um organisatorische als auch um inhaltliche Dinge. Dazu gehören z.B. der Einsatz von Trainern oder Veränderungen in den Trainingsgruppen an den Stützpunkten. In ein Training mische ich mich jedoch selten direkt ein, denn Trainer und Athleten befinden sich in einem laufenden Prozess...

... und woran erkennen Sie, wie effektiv an einem Stützpunkt trainiert wird?

Auch in diesem Bereich haben wir eine Neuerung eingeführt: Trainer und Athleten müssen das Training und den Leistungsstand dokumentieren. In Absprache mit den Heim- und Landestrainern machen wir eine Trainings- und Wettkampfplanung für jede Turnerin. Die Turnerinnen mailen mir jeden Monat ihre Trainingsdokumentation, auch das ist eine Neuerung. Während der gemeinsamen Lehrgänge werden die Trainingsinhalte mit den Athleten im Vorfeld durch den Lehrgangsplan vereinbart. Einerseits haben wir einen Gesamtplan mit einem Minimum an Übungen, z.B. acht Übungen am Barren, zehn am Balken und zwei am Boden. Andererseits erfragen wir aber immer, wie sich eine Turnerin fühlt und ob sie bereit für das Training ist.

... wie behalten Sie den Überblick über all die Trainingspläne, die -inhalte und die Leistungsfähigkeit der Turnerinnen?

Dazu nutzen wir einen Trainingsbelastungsbogen, der den ganzen Jahresplan und die geleisteten Einheiten abbildet. Dort halten die Turnerinnen fest, wie viele Einheiten pro Tag gemacht wurden: grün entspricht zwei Einheiten und blau einem Training am Tag. Rot markiert werden die Tage, an denen die Athletin nicht das trainieren konnte, was auf dem Trainingsplan vorgesehen war. Wenn eine Turnerin viele rote Felder aufweist, gehen bei uns die Alarmglocken an. Es gab Athletinnen, die 80 Prozent rot markiert und immer irgendwelche Probleme hatten. In so einem Fall muss das Betreuerteam einschreiten, um die roten Tage und etwaige Probleme zu minimieren.

ZUKUNFT - ZIELE

Welche Themen möchten Sie gerne in Zukunft angehen und verändern?

Um die Qualität des Frauen-Turnens weiterzuentwickeln, würde uns eine Erhöhung der Anzahl an Bundesstützpunkten und Trainerstellen gut tun. Ich befürworte, die Wahl der Stützpunkte nach den Bedürfnissen der Regionen auszurichten. Z.B. leistet die Trainingsgruppe um unsere Top-Turnerin Elisabeth Seitz und ihre Trainerin Claudia Rödinger-Schunk in Mannheim hervorragende Arbeit. Hier würde die Anerkennung als Bundesstützpunkt eine noch größere Leistungsentwicklung vor allem im Juniorenbereich bewirken.

Vielen Dank für die Einblicke in Ihre Arbeit. Man merkt, dass Sie noch viele Pläne für das Frauen-Turnen haben und Widerstände in konstruktive Arbeit umwandeln. Wir wünschen Ihnen Überzeugungskraft, Motivation und viel Freude auf dem weiteren Weg!!

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2012). "Unsere Turnerinnen sind heutzutage zwar schlank, aber nicht mehr zierlich, zerbrechlich, sondern haben einen muskulöseren Körperbau." Leistungssport, 42 (6), S. 4-9.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
http://philippka.de/index.php?id=148
www.leistungssport.net