"In meinen Augen findet das Trampolinspringen zwischen den Sprüngen statt"

Trampolin-Springen
Michael Kuhn, Bundestrainer im DTB

Während seiner aktiven Laufbahn (1982 bis 1992) wurde Michael Kuhn zwei Mal Vizeweltmeister im Einzelspringen (1986 und 1992) und ein Mal Mannschaftsweltmeister. Bereits 1992 übernahm er als Landestrainer und Ausbilder für Übungsleiter die Betreuung der Trampolinturner im Schwäbischen Turnerbund. In das Amt des Bundestrainers wechselte Michael Kuhn 1997, anfangs mit einer halben Stelle, seit Januar 2001 in Vollzeit. Unter seiner Leitung errangen deutsche Trampolin-Sprinter, die seit vielen Jahren zur unmittelbaren Weltspitze gehören, vier WM-Goldmedaillen und eine Olympische Goldmedaille 2004 in Athen (Anna Dogonaze).

TRAMPOLIN - SCHÖNSTE SPORTART DER WELT ?

Wie würden Sie das Trampolin-Springen beschreiben ? Trampolin-Springen gehört zu den technisch-kompositorischen Sportarten. Sie fordert einen hohen koordinativen Anteil und ist stark geprägt von mentalen und konzentrativen Aspekten. In meinen Augen ist es die schönste Sportart der Welt.

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung ?

Unsere Sportart ist einzigartig ! Trampolin-Springer können sich mehrfach hintereinander völlig losgelöst von allem in der Luft bewegen - z.B. mit Salti und Schrauben - und selber alles steuern. Dazu kommt dieser Rhythmus von 10 Sprüngen in Folge, bei denen sich der Springer in die Luft schraubt und dann wieder herunter kommt. Das Springen hat etwas Schwereloses, und wenn ich die absoluten Könner in der Weltspitze anschaue, geht mir heute noch das Herz auf.

Hat dieses Gefühl der Schwerelosigkeit damit zu tun, dass der Mensch gerne von der Erde abhebt und fliegen möchte ?

Ganz sicher. Normal sind wir am Boden verwurzelt und kommen nicht weg, aber wir versuchen es mit allen Mitteln. Und mithilfe des Trampolins schafft der Mensch auf eine gewisse Art. Wenn die Sprünge gut gelingen, kommt ein Gefühl von Flow auf, dann geht quasi alles von selbst.

HÖHE DER SPRÜNGE - ANFORDERUNGEN AN DEN SPRINGER

Wie hoch springt ein Trampolin-Turner ?

Unsere besten männlichen Springer erreichen eine Anfangshöhe von 8,5 bis 9 Meter - das ist die Reichhöhe mit den Fingern - in der Mitte ihrer Übung ist der Körperschwerpunkt immer noch ca. 6 bis 7 Meter über dem Boden. Vom ersten bis zum letzten Sprung verzeichnen alle Turner einen Höhenverlust, der bei den Besten jedoch geringer ausfällt als bei Athleten, die wenig Kraft und Kondition oder auch technische Mängel haben.

Wie anspruchsvoll ist Trampolin-Springen körperlich, gibt es da Daten ?

Neuere wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass ein Springer nach einer Kür-Übung bei 7 oder 8 mmol Blutlaktat liegt. Dieser Wert bleibt bis ca. 10 Minuten nach der Übung erhalten, was relativ lange Erholungszeiten erfordern würde. Aber diese Zeit haben wir nicht, weil wir im Training dann schon den nächsten Durchgang starten und der Körper auf Betriebstemperatur bleiben soll. Eine ganze Kür ist derart belastend, dass wir maximal 3 bis 5 komplette Übungen pro Trainingseinheit machen können.

Gibt es neben den rein körperlichen noch andere Belastungen, die im Trampolin-Springen zu beachten sind ?

Neben der körperlichen spielt bei uns auch die mentale Beanspruchung eine große Rolle. Ein Springer muß immer voll bei der Sache sein und seine Aufmerksamkeit auf jedes einzelne Element richten. Wenn die Konzentration nachlässt, dann kann Trampolin-Springen schnell gefährlich werden.

SPORTPSYCHOLOGISCHE UNTERSTÜTZUNG

Trainer haben sich bisher zumeist auf die Bereiche Technik, Taktik und Kondition konzentriert. Wie schafft man es, die Sportpsychologie einzubinden ?

Die Notwendigkeit, neben dem sportspezifischen Training noch die Sportpsychologie zur Leistungsoptimierung zu bemühen, wird oft nicht oder zu spät erkannt. Trampolin-Springen ist, gerade was die Vorgänge im Gehirn angeht, derart anspruchsvoll, dass sportpsychologische Unterstützung nahe liegt. Außerdem sind dem körperlichen Training - wie schon gesagt - Grenzen gesetzt, so dass man im Training auf Qualität setzen muß.

Die Sportpsychologie hilft bei der Leistungsoptimierung. Gibt es im Trampolin-Springen auch Problem-Fälle ?

Ja, Probleme gibt es. Z.B. ist in unserer Sportart das so genannte Blackout-Syndrom weit verbreitet. Dabei gehen Sprünge, die man über Jahre oder gar Jahrzehnte sicher turnt, einfach von jetzt auf gleich verloren. Man findet den Zugang nicht mehr. Aus all den Gründen muß ich als Trainer immer darauf achten, dass die Athleten "mental frisch" sind.

Das erstaunt mich, ich hätte gedacht, dass eine Trampolin-Übung hoch automatisiert ist.

Sicher ist unser Ziel die Reproduktion des Perfekten. Dazu gehört, dass der erste Sprung möglichst immer gleich gelingen muß, so dass der Übergang zum zweiten Element unter ähnlichen Bedingungen ablaufen kann. Das unglaublich komplexe System zwischen allen Körpergelenken und dem Trampolin kann nur während des kurzen Tuchkontakts gesteuert werden. Mit dem Absprung sind die Flugkurve, Höhe und Rotationsgeschwindigkeit vorgegeben. Einen Absprung aus dem Tuch kann man weder korrigieren, noch hat ein Springer in der Luft etwas, woran er sich festhalten kann.

KÖRPERLICHE ANFORDERUNGEN

Kommen wir zu den Voraussetzungen für das Trampolin-Springen. Welches Konditionstraining machen die Athleten ?

In der Hauptsache machen wir Krafttraining, wobei die Mittelkörperkraft oder -spannung, die Beinstabilittät und der Schulterbereich im Vordergrund stehen. Die Schultern müssen einerseits flexibel sein, um einen Arm-Rumpf-Winkel von 180 Grad zu ermöglichen. Andererseits braucht ein Springer bei der Öffnung eine große Stabilität im Schulterbereich. Diese Mischung aus Flexibiltät und Stabilität der Schultern ist gerade beim Absprung wichtig, sonst kann es zu ungewollten Richtungsänderungen kommen.

Warum sind die körperlichen Grundlagen so wichtig?

Wir legen deshalb so viel Wert auf die körperliche Grundausbildung, weil wir die Verantwortung für die Gesunderhaltung haben. Wenn jemand aufs Trampolin steigt, braucht er die nötige Körperspannung und die Kraft, die Übungen zu turnen. Ohne diese Voraussetzungen könnte sich ein Sportler sehr viel kaputt machen und daher sind die körperlichen Grundlagen in unseren Augen notwendig. Durch das akribische Arbeiten an den Grundlagen entwickeln die Springer ein gutes Körper- und Bewegungsgefühl. Mit diesen Voraussetzungen ist ein Athlet für alle Situationen gewappnet.

VERBESSERUNG DER TRAININGSQUALITÄT

Wie integrieren Sie solche Aspekte in eine Trainingsplanung ?

Wir gehen immer weiter davon weg, starre Trainingspläne - z.B. die Art und Anzahl von Sprüngen - vorzugeben und sie dann abzuarbeiten. Modernes Training bedeutet für mich, sehr individuell und bewusst zu arbeiten, zu reflektieren und Dinge zu notieren, die im Training passieren. Wenn ein Element besonders gut gelungen war, versuchen wir das nochmals nachzufühlen, sich in die Situation hinein zu denken und zu fragen: "Was habe ich da gemacht, woran habe ich gedacht, was hatte ich mir vorgenommen, usw. ?" Dadurch erhält das Training eine andere Qualität und die Differenz zwischen Training und Wettkampf verringert sich.

Wie schafft man es, den Wettkampf zu simulieren ?

Dafür muß man die Situationen eines Wettkampfes öfters reproduzieren, d.h. das Gefühl, im Wettkampf zu stehen, simulieren. Beim Einturnen darf ein Athlet z.B. nur einmal auf das Trampolin, und das machen wir im Training dann auch. Oder ich gebe eine Startreihenfolge vor und verändere sie während des Trainingswettkampfs. Der Athlet erhält dann lediglich 30 Sekunden, um sich zu konzentrieren und vorzubereiten.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. & Kuhn, M. (2007). In meinen Augen findet das Trampolinspringen zwischen den Sprüngen statt. Leistungssport 37 (6), S.41-45.

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