"Zwischen Training nehmen und Training geben besteht ein großer Unterschied."

Ringen Freistil
Alexander Leipold, Ex- Ringer und Bundestrainer

Während seiner internationalen Laufbahn von 1985 bis 2005 errang Alexander Leipold zwei Weltmeister- und vier Europameister-Titel und wurde 21 Mal Deutscher Meister im Freistilringen. Außerdem wurde er Sieger der Olympischen Spiele 2000 in Sydney in der Klasse bis 76 kg. Von 2006 bis 2009 fungierte er als Bundestrainer Nachwuchs und absolvierte das Diplom-Trainer-Studium an der Trainerakademie des DOSB in Köln. Ende 2009 wurde er Freistil-Bundestrainer der Männer.

GESCHICHTE - ERFOLGE

Herr Leipold, wie schätzen Sie die sportliche Lage der Freistil-Ringer-Nationalmannschaft ein?

Momentan sind wir relativ gut aufgestellt, aber die Leistungsfähigkeit reicht noch nicht an die früherer Jahre heran. Die erfolgreichste Zeit erlebte das deutsche Freistilringen ab 1990. Durch die Wiedervereinigung hatten wir quasi zwei gute Teams, eine west- und ostdeutsche Mannschaft, die dann als ein Team an den Start gingen. Das Alter der Ringer lag zwischen 21 und 23 Jahren, die Gewichtsklassen waren gleichmäßig besetzt und wir feierten bis ins Jahr 2000 viele internationale Erfolge.

Warum wurden die Erfolge dann weniger?

Damals haben die jungen Ringer oder der zweit- oder drittbeste Mann feststellen müssen, dass sie keine Chance auf eine Teilnahme bei einer Europa- oder Weltmeisterschaft haben, und daher kümmerten sie sich um ihre Ausbildung und die berufliche Laufbahn. Auf diese Weise fiel der Nachwuchs komplett weg und aus dieser Zeit gab es keine Nachwuchsringer, die später der Nationalmannschaft angehörten.

Wie haben Sie die sportliche Wende im Nachwuchs-Bereich geschafft?

Mein Vorgänger, Jörg Helmdach, und ich haben seit 2004 sehr intensive und gute Nachwuchs-Arbeit geleistet. Seitdem gab es auch wieder Medaillen im Nachwuchsbereich. Und heute ringen diese jungen Sportler bereits um die Medaillen im Männerbereich.

NACHWUCHS - INTERNATIONALES NIVEAU

Können die DRB-Nachwuchs-Ringer dann auch bei den Männern international mithalten?

Zwischen dem Nachwuchs- und dem Männer-Bereich gibt es international auf jeden Fall einen Sprung. Unsere Athleten tun sich schwer(er) mit dem Umstieg, weil sie anfangen, sich um Ausbildung, Studium bzw. Beruf zu kümmern, während die internationale Konkurrenz bei den Männern zweimal täglich trainieren kann und später beruflich und teilweise finanziell abgesichert ist. Inzwischen haben wir bei der Berufsfeuerwehr und der Sportfördergruppe der Bundeswehr gute Bedingungen, sodass unsere Top-Ringer einige Jahre (zwischen 1 bis 8 Jahre) lang ein intensiveres Training durchziehen können.

Reicht diese Zeit aus, um den Anschluss an die internationale Spitze zu erlangen?

Ringer brauchen eine lange Entwicklung, bis sie ausgereift und in der (offenen) Männerklasse konkurrenzfähig sind. Unsere jungen Ringer werden noch eine gewisse Zeit zum Reifen benötigen und daher sagen wir gerne: "Das ist eine Mannschaft für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro".

KONKURRENZFÄHIGKEIT DER JUGENDLICHEN

Sind unsere Jugendlichen international konkurrenzfähig?

Beim Nachwuchs können wir noch mithalten, aber spätestens nach Ende der Schulzeit scheiden sich die Geister. Durch den allgemeinen Bewegungsmangel bei Kindern und den Leistungsdruck in den Schulen haben wir im Ringen, wie in vielen anderen Sportarten auch, das Problem, den Nachwuchs zum Leistungssport zu bewegen. Außerdem können wir in der Ausbildung maximal einmal pro Tag trainieren, während die internationale Konkurrenz meist zweimal trainiert ...

... kann man die Menge an Training kompensieren?

Meiner Meinung nach kann man verpasste Trainingseinheiten eigentlich nicht aufholen. Aber durch unser trainingswissenschaftliches Know-how können wir intelligenter und effektiver trainieren. Nur brauchen wir dann entsprechende Talente und dürfen uns kaum Fehler im (Leistungs-)Aufbau erlauben.

ATTRAKTIVITÄT DES RINGENS

Konnten Sie Ihren persönlichen Stil als Ringer in die Trainerarbeit einbringen?

Als Ringer war ich eher ein Konterspezialist. Die dazugehörigen Techniken kann ich besser zeigen, aber ich muss bewusst überlegen: "Welche sind die einzelnen Schritte und worauf muss ich achten?", wenn ich die Aktionen einem Sportler beibringen will. Angriffstechniken, die ich selbst weniger genutzt habe, fing ich schon früh an zu demonstrieren. Daher fällt es mir leichter, diese Techniken zu erklären. Wahrscheinlich musste ich diese Aktionen selbst erst neu lernen, sie theoretisch und praktisch verinnerlichen, um sie herleiten zu können.

Was hat Sie zum Ringen hingezogen und warum sind Sie über viele Jahre dem Sport treu geblieben?

Zum Ringen kam ich durch meinen Vater und meinen Bruder und bereits mit 2 Jahren bin ich auf der Matte rumgekugelt. Ringen ist für mich "Raufen nach Regeln" und es liegt in der Natur von Kindern, schon früh ihre Kräfte zu messen. Auch wenn ich anfangs mehr unten lag und um kleine Fortschritte gegen körperlich überlegene und ältere Ringer kämpfen musste, waren Erfolge wichtig für mich.

Wie würden Sie Ringen beschreiben?

Ringen ist wie Schach auf der Matte. Man agiert mit dem eigenen Körper und versucht, die Kraft des Gegners zu nutzen, ihn auszutricksen oder einfach einen Schritt schneller zu sein. Für mich ist Ringen eine faszinierende Sportart, bei der man eine umfängliche Allgemeinathletik, aber auch Fähigkeiten wie Vorausdenken, Aufmerksamkeit und Reaktionsschnelligkeit braucht.

ERFOLGE ALS MOTIVATION

Welche Erfolge meinen Sie?

Wenn ich nur verloren oder mehr verloren als gewonnen hätte, hätte ich irgendwann aufgehört. Erfolge dien(t)en einerseits als Motivation für das intensive Training. Andererseits ist man durch diese Erfolge bereit, Freizeit und Berufsaussichten für den Leistungssport zu opfern. Je mehr Ziele man erreicht, desto mehr motiviert es einen, weiter an sich zu arbeiten.

Welche Inhalte haben Sie am Ringen motiviert?

Bezogen auf die Techniken, die Taktik und die körperlichen Voraussetzungen, ist Ringen ein äußerst komplexer und variabler Sport. Ringer brauchen genügend Kraft, eine große Beweglichkeit, Schnelligkeit und Bereitschaft für neue Situationen. In einem Ringkampf findet man ein Wechselspiel zwischen oben und unten, zwischen schieben und ziehen. Um erfolgreich zu ringen, braucht man eine langjährige, technische und taktische Ausbildung und viel Erfahrung in den Kampftechniken. Insgesamt ist Ringen so vielseitig, dass es nie langweilig wird.

TRAININGSINHALTE

Bisher sprachen wir über sportartspezifisches Training. Welches Zusatztraining sollten Ringer machen?

Für mich zählt weiterhin die Aussage: "Ringen lernt man beim Ringen". Grundsätzlich erfordert und trainiert das spezifische Ringertraining so viel Körperkräfte, Beweglichkeit, Koordination und Ausdauer, dass ein Athletiktraining nur als Zusatz dienen kann ...

... was bedeutet das, machen Sie kein Athletiktraining?

Doch, heutzutage gehört Athletiktraining zur Ausbildung jedes Ringers. Jedoch hat das Ringen selbst Priorität und das zusätzliche Training soll körperliche Defizite gezielt verbessern. Insofern nutzen wir die wissenschaftlichen Erkenntnisse und arbeiten z.B. in den Grundlagenphasen gezielt an der Ausdauer, dem Kraftpotenzial und der Koordination der Ringer.

Ihren Ausführungen entnehme ich unterschwellige Zweifel in Sachen Zusatztraining.

Nein - auf keinen Fall! Aber bei all dem zusätzlichen Athletiktraining stellt sich für mich immer die Frage: "Wie bringe ich die Ausdauer, Kraft oder Koordination auf die Matte?". Denn eine vermeintlich verbesserte Grundlage müssen wir erst einmal auf das Mattentraining übertragen. Und deswegen sage ich nach wie vor: "Ringen lernt man auf der Matte". Und für mich braucht ein Ringer grundsätzlich seine Techniken und die muss er tausende Male üben bzw. perfektionieren. Und dafür muss er sehr, sehr oft und lange auf der Matte trainieren.

SPEZIFISCHES TRAINING

Das Problem, allgemeines Athletiktraining in spezifische Fähigkeiten zu integrieren, findet sich in vielen Bereichen. Wann beginnen Sie mit Krafttraining?

Viele Elemente eines Kraftaufbaus lernen wir von Anfang an durch das spezifische Training. Das betrifft Übungen mit der eigenen Körperkraft oder das Partnertraining. Insofern besitzt ein gut ausgebildeter Ringer einen gestärkten Bewegungsapparat und bringt eine gut trainierte Muskulatur mit. Bis zum Alter von 12 bis 14 Jahren ringen unsere Jugendlichen in erster Linie und gehen zusätzlich laufen. Gezieltes Krafttraining beginnen wir mit der Einsetzen der Pubertät, um spezifische Fähigkeiten zu verbessern ...

... worauf zielt dieses Krafttraining ab?

Um in die Weltspitze zu kommen oder dort konkurrenzfähig zu sein, gehört Krafttraining heutzutage zum Leistungsaufbau. Wenn ich einen Gegner z.B. explosiv hochheben will oder aus einer Kniebeuge eine gewisse Last bewältigen muss, brauche ich viel Kraft bzw. einen langfristigen Muskelaufbau. Durch gezieltes Krafttraining wird der gesamte aktive und passive Bewegungsapparat an höhere Lasten gewöhnt und dadurch erreichen wir eine höhere allgemeine Leistungsfähigkeit. Außerdem hilft spezielles Kraft- und Konditionstraining zur besseren Belastungsverträglichkeit, um schneller zu regenerieren.

EIGENE ERFAHRUNGEN EINBRINGEN

Gibt es Erfahrungen aus Ihrer Sportkarriere, die Sie gerne weitergeben möchten?

Meine Mottos waren immer: "Mit viel Training fair zum Sieg" und ""Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren". Das funktioniert nur, wenn man neben dem Körper auch den Geist trainiert. Deshalb habe ich mir als Sportler immer Ziele gesetzt. Das waren kleine, ständig präsente Ziele, die ich konsequent verfolgt habe...

Diese Beispiele zeugen von einem bewussten, zielgerichteten Training. Haben Ihre Ringer auch diese Einstellung?

Unsere Top-Ringer sind Leistungsträger und hängen sich immer voll rein beim Training. Aber ich würde mir wünschen, dass sie noch bewusster arbeiten und ihre eigenen, sportlichen Entscheidungen auf und neben der Matte treffen. Durch einen bewussteren Umgang mit der Technik, der Taktik und den eigenen Fähigkeiten könnten wir die Qualität unseres Trainings steigern, mehr ringerische Intelligenz entwickeln und insgesamt noch erfolgreicher Ringen. Und daran arbeiten wir alle!

Vielen Dank für die Einblicke ins Ringen. Wir wünschen Ihnen alles Gute mit der jungen Nationalmannschaft und viel Freude mit Ihren Aufgaben !!

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2012). "Zwischen Training nehmen und Training geben besteht ein großer Unterschied." Leistungssport, 42 (4), S. 50-54.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
http://philippka.de/index.php?id=148
www.leistungssport.net