"Bei Frauen-Mannschaften sollten Trainer vor allem mehr Sorgfalt auf ihren Umgang und ihre Wortwahl legen"

Lothar Linz
Diplom-Psychologe und Sportpsychologe

Lothar Linz arbeitet seit 1995 als Sportpsychologe und gründete Anfang 1997 seine Firma SportsGeist zur mentalen Betreuung von Einzelsportlern und Mannschaften. Öffentliche Aufmerksamkeit bekam er durch die Betreuung der Hockey-Weltmeister-Mannschaft 2002, bei der er mit dem damaligen Bundestrainer Bernhard Peters zusammenarbeitete. Wie Markus Weise hat Lothar Linz langjährige Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit beiden Geschlechtern im Leistungssport gesammelt und erklärte sich für ein Gespräch bereit.

ANFORDERUNGEN DES LEISTUNGSSPORTS

Stellt der Leistungssport unterschiedliche Anforderungen an die Geschlechter ?

Die Anforderungen des Leistungssports an weibliche und männliche Sportler sind in meinen Augen identisch. Wenn man aber die Frage umkehrt "wo sind die Geschlechter unterschiedlich und wie wirken sich die Unterschiede im Verhältnis zu den Anforderungen des Leistungssports aus ?", dann wird das Thema spannend. Daraus ergeben sich weitere Fragen zur Beschaffenheit des Geschlechts, zur Persönlichkeit und zum Coaching von Frauen und Männern.

Welche Anforderungen stellt der Leistungssport an die Geschlechter und was verstehen Sie unter der "Beschaffenheit des Geschlechts" ?

Ich behaupte, Leistungssport ist von seiner Natur her, vom Archetypus her, eher etwas Männliches, und die erforderlichen Fähigkeiten sind eher typisch männlich. Diese Kategorisierung mag sich ein bisschen pauschal anhören, passt aber zu meiner Beobachtung dass es innerhalb der Geschlechter z.T. größere Variationen gibt als zwischen ihnen.

MÄNNLICHES AUFTRETEN

Können Sie für die These "Leistungssport ist eher männlich" Beispiele nennen ?

Diese These steht für die Anforderungen an die Personen. Nehmen wir das Thema der Leistungsvergleiche: Männer tragen Leistungsvergleiche anders aus als Frauen, außerdem treten sie anders auf. Ein Beispiel wäre das männliche Imponiergehabe.

Wie erklären Sie sich dieses männliche Auftreten ?

Sicher lässt sich diese Art von Auftreten u.a. durch die Sozialisation der letzten Jahrhunderte oder gar Jahrtausende begründen. Der Auftritt hat auch etwas von einer Kriegermentalität oder dem Motto "Indianer kennen keinen Schmerz". Männer sind es gewohnt, im Krieg oder bei der Armee grob angepackt zu werden. Aber das war nicht nur bei der Armee so, sondern die Trainer der alten Schule haben auch gerne gebrüllt und die Sportler autoritär behandelt.

COACHING UND BEZIEHUNGSPFLEGE

Kommen wir zu dem großen Bereich des Coachings. Gibt es da Unterschiede ?

Aus meiner Erfahrung ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern im Coaching am markantesten. Ein ganz wichtiger Bereich ist die Beziehungspflege, die bei Männern anders aussieht als bei Frauen. Männer sind im Allgemeinen dafür bekannt, dass sie sich die Meinung sagen, und dann ist die Luft wieder rein. Wenn man das bei Frauen macht, ist es aus meiner Erfahrung wichtig, gleichzeitig Beziehungspflege zu betreiben.

Wie sollte ein Trainer mit dieser Empfindsamkeit der Frauen umgehen ?

Frauen sind sensibler, und wertneutral betrachtet, bekommen sie mehr mit. Sie achten viel mehr auf die Stimmung und sind daher empfänglicher. Das hat Vorteile, macht Frauen leider auch empfänglicher für Störungen auf dieser Ebene. Daher stellt diese Sensibilität einen klaren Auftrag für Trainer dar: Vor allen Dingen sollten sie mehr Sorgfalt auf ihren Umgang und ihre Wortwahl legen.

ANSPRACHE BEI MÄNNERN UND FRAUEN

Wie sehen der Umgang und die Ansprache bei Männern aus ?

Mit Männern kann man insgesamt deftiger umgehen, das betrifft auch die Ansprache. Manchmal wird das sogar geschätzt oder gesucht, weil ein Sportler damit demonstrieren kann, wie cool, locker und robust er ist. Ich bin mir nicht sicher, ob das ein ur-männliches Bedürfnis ist oder ein stückweit zum Gehabe gehört.

Welchen Umgang oder welche Ansprache empfehlen Sie bei Frauen ?

Zum einen sollten Trainer und Betreuer bei der Wortwahl besser aufpassen und darauf achten, Frauen eine Rückversicherung zu geben. Bei Frauen-Mannschaften praktiziere ich das so genannte Sandwich-Prinzip, d.h. ich bemerke zuerst die positiven Dinge bevor ich etwas Negatives sage und dann wieder etwas Positives. Außerdem achte ich auf die Beziehungsebene, in dem ich den Sportlerinnen mitteile: "Hör mal, wenn ich jetzt etwas Negatives sage, dann greife ich Dich nicht als Person an, sondern die Kritik ist auf einen bestimmten Punkt bezogen und hat mit unserer Beziehung nichts zu tun". Diese Vorgehensweise pflege ich deutlich aktiver mit Frauen.

GRENZEN IM WEIBLICHEN LEISTUNGSSPORT

Wie sieht es mit der Auseinandersetzung mit dem Gegner aus ?

Frauen tun sich auch schwerer damit, ihren Gegner zu demoralisieren oder direkt zu attackieren. Manchmal zeigen sie sogar Mitgefühl oder Mitleid für die Niederlage eines Gegners. Viele Frauen müssen sich überwinden, bevor sie zu den äußersten, aber regelgerechten Mitteln greifen. Das betrifft auch die Geste, einem Gegner in die Augen zu gucken. In-die-Augen-Gucken ist ein Motiv der Kampfbereitschaft und damit dokumentiert man, dass man auf Konfrontation geht.

In welchen Bereichen findet man diese Art von Zurückhaltung der Frauen noch ?

Athletinnen äußern häufiger Besorgnis um ihr Aussehen, das sich durch den Leistungssport und seine Anforderungen verändern kann. Ganz deutlich wird diese Sorge, wenn es um den Muskelaufbau geht. Muskeln werden bei Männern als attraktiv gewertet, bei Frauen ist das nicht unbedingt so. Viel Muskulatur entspricht nicht dem weiblichen Schönheitsbild und daher gibt es einige Frauen, die beim Krafttraining sich aus ästhetischen Gründen zurückhalten.

TEAMBILDUNG BEI MÄNNERN UND FRAUEN

Wirken sich die Eigenschaften auf eine Team-Struktur aus ?

Männer fordern eine klarere Hierarchie in einer Mannschaft als Frauen. Ich halte eine Hierarchie in Teams für förderlich, weil sie in Krisensituationen die Handlungsfähigkeit aufrechterhält. Aber mein Versuch, eine Frauen-Mannschaft hierarchisch aufzubauen, stieß in einem konkreten Fall auf Widerstände. Frauen bevorzugen häufiger die Situation Wir-sind-alle-auf-einer-Ebene. Anführer, Führungspersonen und eine "Hackordnung" findet man eher bei Männern. Bei männlichen Mannschaften gehört es auch durchgängig zur Tradition, dass die Jüngsten Bälle schleppen, Wasser holen oder sonstige Dienste tun. Im Sinne der Hackordnung müssen sie sich erstmal hinten anstellen und beweisen.

Welche Bestandteile gehören zur Teambildung ?

Teambildungs-Prozesse kann man bei Männern und Frauen sehr gut beeinflussen. Zuerst sollten störende Faktoren minimiert oder im Extremfall auch eliminiert werden. Eliminieren bedeutet, sich von Leuten zu trennen, denn manchmal ist das im Sinne des Teams notwendig. Dann gibt es Bestandteile, die bei der Teambildung beachtet werden müssen. Zu den wichtigsten gehören die Identität, Aktivität und Wertigkeit: Die Sportler sollten sich mit der Gruppe und ihren Aufgaben identifizieren, jeder sollte einen aktiven Beitrag für die Gemeinschaft liefern und jeder sollte das Gefühl haben, ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft zu sein. Außerdem tragen gemeinsame Regeln, Ziele und Normen zur Teambildung bei.

UMGANG MIT KONFLIKTEN

Welche spezifischen Unterschiede finden sich in einem Team ?

In den Teams gibt es vor allen Dingen Unterschiede im Umgang mit Konflikten. Frauen kommunizieren Konflikte erst einmal stärker untereinander. D.h. sie sprechen zuerst und vermehrt mit anderen Gleichgesinnten über ihren Unmut und diskutieren, wenn überhaupt, erst später mit dem Trainer oder Betreuern. Sich über etwaige Konflikte mit Gleichgesinnten zu unterhalten, birgt eine Gefahr für ein Team oder eine Trainingsgruppe in sich. Durch dieses Vorgehen werden mehr Leute in die Geschichte verwickelt.

Wie greifen Sie als Psychologe bei solchen problematischen Themen ein ?

Bevor daraus ein Fall wird, diskutiere ich mit den Beteiligten und versuche mit der direkten Ansprache einer negativen Dynamik vorzugreifen. Die Brisanz einer solchen Situation erkläre ich den Spielern rechtzeitig und bitte sie: "Wenn ihr jemand braucht, mit dem ihr sprechen wollt, überlegt euch vorher genau mit wem". Ich versuche zu verhindern, dass die Sportler mit 3 bis 4 anderen Kollegen sprechen und so das Problem in die Mannschaft tragen. Das empfinde ich als teamschädlich. Kommunikation ist im Allgemeinen gut, aber in kritischen Momenten gilt es, sie zu kanalisieren.

AKZEPTANZ VON TRAINERN UND TRAINERINNEN

Sie haben gerade Trainer erwähnt. Werden männliche Coaches anders akzeptiert ?

Von Männern und Frauen wird ein Mann als Coach eher anerkannt als eine Frau. Eigentlich sollte man annehmen, jeder bleibt bei seiner Passung: ein Mann coacht besser Männer und eine Frau Frauen, weil sie jeweils die selbe Sprache sprechen und sich mit dem eigenen Geschlecht am besten auskennen. Aber in der Realität erlebe ich, dass auch Frauen lieber mit Männern zusammen arbeiten.

Meinen Sie, Trainerinnen müssen sich männlich darstellen und dominanter sein ?

Das weiß ich nicht. Jeder Trainer, egal ob männlich oder weiblich ist am Beginn der Zusammenarbeit mit Athleten auf einen Vertrauensvorschuß angewiesen. Ich vermute, dass Männer quasi als natürliche Autoritäten angenommen werden und daher in dem Bereich leichteres Spiel haben. Frauen dagegen erleben sich stärker als gleichrangig und handeln wohl auch nach dem Motto "eine Trainerin muß erstmal zeigen, dass sie eine Führerin ist". Insofern kann ich mir schon vorstellen, dass eine Frau sich eine Akzeptanz erarbeiten muß und dass eine gewisse Dominanz hilft.

Was wäre der Gewinn für Männer, eine Trainerin zu haben ?

Lassen Sie mich dazu zwei Bereiche nennen: Eine Trainerin kann die männliche Kommunikation in vielen Dingen optimieren und Frauen können ihren stärkeren Sinn für soziale Prozesse in die Männer-Sport-Welt einbringen. Diese weichen weiblichen Fähigkeiten wären sicher für Männer ein Gewinn; denn Härte muß nicht immer erfolgreicher sein. Es gibt kein objektives Kriterium, was gegen Frauen als Trainerinnen spricht. Ich würde mir sogar Trainerinnen für männliche Athleten und Teams wünschen. Das ist ein langer Weg und ein schwieriger Prozess, aber letztendlich gibt es viele kompetente Frauen und Männer können sicher viel von Frauen profitieren - auch im Sport !!

Autorin:
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle:
Pfaff, E. & Linz, L. (2008). Bei Frauen-Mannschaften sollten Trainer vor allem mehr Sorgfalt auf ihren Umgang und ihre Wortwahl legen. Leistungssport 38 (1), S.40-42.

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