"Talentierte Rodler haben ein inneres Gespür für die Bewegung im Raum und mit der Materie."

Rennrodeln
Norbert Loch, Cheftrainer und Bundestrainer im Bob- und Schlitten-Verband für Deutschland (BSD)

Norbert Loch stammt aus einer rodelbegeisterten Familie und war aktiver Rennrodler. Nach den Olympischen Winterspielen 1984 in Sarajevo begann er ein Trainerstudium an der Sporthochschule Leipzig und wurde im Anschluß Nachwuchstrainer in Sonneberg (Thüringen). Von 1992 bis 2008 arbeitete er 17 Jahre als Landestrainer in Bayern. Anfang 2008 wurde Norbert Loch zum neuen Cheftrainer in den Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) berufen. Wir trafen ihn im Rahmen des Rodel Welt-Cups am Königssee und sprachen über seine neuen Aufgabenbereiche und die "Aufzucht" von Talenten.

AUFGABEN ALS CHEFTRAINER

Welche Aufgaben müssen Sie heute als Cheftrainer bewältigen?

Meine neue Position stellt ganz andere Anforderungen an mich. Heute bin ich mehr Manager als Trainer, denn in unserem kleinen Verband muß ein Cheftrainer vielfältige Dinge selbst erledigen: Reisen organisieren, Trainingspläne erstellen, z.T. als Trainer bei Wettkämpfen fungieren und das Team und die Athleten betreuen.

Mit welchen Stützpunkten arbeiten Sie zusammen ?

In Deutschland haben wir mit Oberhof, Altenberg-Oberwiesenthal, Winterberg und Berchtesgaden vier Stützpunkte. Die Koordination dieser Stützpunkte und die Verteilung der Gelder gehört auch zu meinem Aufgaben.

Als Cheftrainer sind Sie indirekt in die Trainingsarbeit eingebunden. Wann schlüpfen Sie in die Trainer-Rolle ?

Bei unseren Lehrgängen und den Wettkämpfen stehe ich als Trainer an der Rodelbahn. Das ganze Trainer-Team positioniert sich an bestimmten Stellen und gibt Korrekturen. Insgesamt arbeitet das Team mit einer Aufgabenteilung und ich bringe mich in die Trainingssarbeit ein, versuche jedoch, mich nicht in die Spezialgebiete der Trainer einzumischen.

ZUSAMMENARBEIT MIT ATHLETEN

Wie behalten Sie den Überblick über den Trainingszustand jedes A- oder B-Kader-Athleten ?

Mit meinem Stellvertreter Norbert Hahn arbeite ich am engsten zusammen und informiert mich, über die Trainingsarbeit und den Stand der Dinge. Außerdem teilen mir die Heimtrainer mit, in welchem athletischen Zustand die Sportler sind. Diese Informationen brauche ich, um mich mit den Athleten eine Beziehung aufbauen zu können. Zum Teil habe ich einen sehr intensiven, direkten Kontakt zu den Athleten - mit einem David Möller telefoniere ich fast jeden zweiten Tag.

Der BSD ist einer der erfolgreichsten Verbände, Sie haben vier Eisbahnen und die Athleten sind Weltspitze. Das müsste doch in den nächsten Jahren ein "lockerer Job" für Sie sein, oder ?

Nein, selbst wir können es uns nicht leisten, eine Woche nachzulassen oder zu schludern. Die Konkurrenz ist stark und das bedeutet, dass wir die Truppe zielstrebig führen müssen, wenn wir weiterhin Erfolge feiern wollen. Unsere Athleten werden über das gesamte Jahr intensiv betreut.

PHYSISCHE VORAUSSETZUNGEN

Sie sprachen von Athletik-Training. Welche konditionellen Fähigkeiten brauchen Renn-Rodler ?

In unserem Sport sind zwei Komponenten entscheidend. Die erste bezieht sich auf die Beschleunigung des Schlittens vom Start weg. Für die Anschubkraft braucht der Athlet ein gutes Muskel-Korsett, denn ohne eine Top-Startzeit wird man keine gute Endzeit erreichen. Dazu machen wir Krafttraining, bei dem besonderer Wert auf die Rückenstrecker, die Schulterschlinge und den ganze Oberkörper gelegt wird. Die zweite Komponente betrifft einen athletisch-konditioneller Top-Zustand, der hilft, die lange, körperlich anspruchsvolle und reiseintensive Saison durchzuhalten.

Welche weiteren physischen Voraussetzungen braucht ein Rodler ?

Ein Rodler macht in der Startphase dynamische Bewegungen, danach liegt er in einer dauergestreckten Haltung auf dem Schlitten. Dafür braucht er eine gewisse Körperspannung, für die wir ganzjährig Pilates-Übungen machen. Weiterhin sind die Fußstreckfähigkeit und die Kopfhaltung wichtig. Beide Aspekte werden ab dem Kindesalter ins sportartspezifische Grundlagentraining eingebaut. Der Kopfwinkel entscheidet, wie weit der Kopf nach hinten gehalten wird, um nicht im Wind zu stehen.

STEUERUNG IM RODELN

... die Augen sollen sehen, andererseits darf der Kopf nicht zu sehr "im Wind stehen"...

Der gute Rodler muß bei den hohen Geschwindigkeiten ungefähr 40 m vorausschauen und nicht auf Dinge reagieren, die 2 m entfernt sind. Und zur Antizipation ist die entsprechende "windschlüpfrige" Kopfhaltung wichtig.

Wird Rodeln vom Kopf gesteuert ...

... die Steuerung kommt mehr aus dem Bauch, vom Gefühl her. Das ist etwas, was man schwer erlernen kann; ich nenne es "das Haben" - der eine hat es und der andere hat's nicht. Man kann viel dafür tun, aber erlernen kann man es nicht, das ist meine Auffassung. Als Trainer helfen wir, die Voraussetzungen zu schaffen und wir lehren den Umgang mit dem Schlitten, der Bahn und den äußeren Einflüssen...

... kann man "das Haben" mit Talent für den Sport beschreiben ?

Ja, das passt als Beschreibung. Das ist ein Phänomen, dass man als Trainer relativ früh erkennen und einstufen kann. Bis ein Talent jedoch zur vollen Reife kommt, muß es eine positive sportliche Entwicklung nehmen.

EIGENSCHAFTEN EINES RODEL-TALENTS

Wie kann man das "besondere Etwas" beschreiben ?

Die talentierten Athleten spüren Druck, sie haben Bewegungsgefühl, eine besondere Lage auf dem Schlitten und das "Kinästethische". Insgesamt besitzen sie ein inneres Gespür für die Bewegung im Raum und mit der Materie.

Welche Faktoren braucht ein Rodel-Talent noch ?

Talente haben eine genaue Vorstellung von ihrer Umgebung, sie wissen, wo in dem System Bahn sie sich befinden. Auf der Geraden sind sie im Gleichgewicht, aber in der Kurve gilt es, die Körperdrücke und die Fliehkraft zu erspüren und zu steuern.

RISIKOVERHALTEN UND PERSÖNLICHKEIT

Lernen Rodler schrittweise mit dem Risiko umzugehen ?

Mit den größeren Starthöhen kommen Gedanken wie "hoffentlich tut ein Sturz nicht so weh" auf und da ist das Risikoverhalten ganz entscheidend. Den Umgang damit lernen die Athleten ab der frühesten Jugend. Athleten, die später einsteigen, neigen mehr zur Angst oder Bedenken. Zur Technik kommt aber noch der Einfluß der Persönlichkeit hinzu. Gerade wenn im Wettkampf, z.B. bei einer Qualifikation oder einer Nominierung für wichtige Rennen, um die Bewältigung von Stress geht, gibt es verschiedene Typen. Der Typ, der dann die schnellste Zeit fährt, wenn es darauf ankommt, hat ein gewisses Maß an persönlichem Risikoverhalten.

Kommen wir zurück zur Kopfhaltung und dem Risikoverhalten - was passiert dann während der Fahrt ?

Beim Rodeln muß man den Kopf nach hinten nehmen und soviel Abschnitte wie möglich ohne Sicht fahren, um aerodynamisch zu sein. Dieses Risikoverhalten dauert ungefähr eine Minute und ist ein ganz entscheidender Faktor einer guten Fahrt. Der Rodler muß eine möglichst hohe, aber gut kontrollierte Geschwindigkeit erreichen, in dem er den Schlitten laufen lässt.

IDEOMOTORISCHES TRAINING

Wenn ich eine Bahn ohne Sicht fahre, muß ich sie im Gedächtnis haben. Wie trainiert man das ?

Im Rodeln ist das so genannte "ideomotorische Training" ein wichtiger Bestandteil des Trainingsprozesses. Bevor ein Top-Athlet die Bahn tatsächlich hinunter fährt, hat er sie 5 bis 10 Mal im Gedächtnis durchfahren. Er kennt die Abläufe und weiß genau, wenn er in die Kurve fährt. Der sehr gute Fahrer kann die Bahn fast ohne Sicht bewältigen und hat den Kopf unten.

Ab welchem Alter und wie wird das ideomotorische Training geschult ?

Das ideomotorische Training lernen die jungen Sportler schon im Kinder-Training bei ihren Übungsleitern. Die Kinder legen sich auf eine Matte, nehmen die Schlittenlage ein, und dann geben wir ihnen eine Aufgabe wie "wir fahren jetzt die Bahn in Oberhof vom Start in Kurve 8 bis zum Ziel". Als Trainer kann man aufgrund der Lenkeinsätze gleich erkennen, in welcher Kurve sie sich befinden.

Warum ist dieses Training auch für Top-Athleten wichtig ?

Jede Bahn hat ein anderes Profil, d.h. eine andere Kurvenführung und dieses Bahnprofil muß man sich durch das ideomotorische Training einprägen. Gerade für besonders schnelle Bahnen, wo man sich gut wie keinen Fehler erlauben kann, ist die mentale Vorbereitung immens wichtig.

TEAMARBEIT IM BSD

Tauschen die Sportler ihre Erkenntnisse aus ?

Ich lege sehr viel Wert drauf, daß die Erfahrungen mannschaftsdienlich verwendet werden. Mannschaftsdienlich bedeutet, dass wir für und im Team - getrennt nach Männern und Frauen - zusammen arbeiten. D.h. Erkenntnisse, die unsere Top-Athleten machen, werden untereinander zur Verfügung gestellt. Auch wenn bei der Präparierung von Schlitten immer ein bisschen Geheimniskrämerei dabei ist, habe ich mir von Beginn an auf die Fahne geschrieben, mannschaftsdienlich(er) zu arbeiten. Die internationale Konkurrenz ist inzwischen so stark, daß wir unsere Erfahrungen im Team bündeln müssen und gemeinsam an der Entwicklung unserer Leistung arbeiten müssen.

Bei dem Thema "mannschaftsdienlich arbeiten" stimme ich ihnen zu. Aber in Einzelsportarten ist nicht so einfach durchzusetzen...

... für mich war das immer der erste Punkt, den ich anpacken wollte. Bei aller Individualität, die die Sportart mit sich bringt, setze ich auf eine Zusammenarbeit im Team. Die Athleten sollen sich austauschen und voneinander profitieren. Diese Einstellung und Atmosphäre im Team ist mir sehr wichtig, und das hat die Mannschaft vorangebracht. Deswegen sind auch die Männer dieses Jahr so immens stark. Und bisher funktioniert die Mannschaft, und die Arbeit macht viel Freude.

Autorin:
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle:
Pfaff, E. (2009). " Talentierte Rodler haben ein inneres Gespür für die Bewegung im Raum und mit der Materie " Leistungssport, 39 (2) S. 25-28.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
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