"Wir wollen Weltklasse sein !"

Schwimmen
Sportdirektor und Cheftrainer im Deutschen Schwimm-Verband (DSV)

Als Aktiver nahm Ørjan Madsen 1968 an den Olympischen Spielen in Mexiko teil. In der Funktion des Cheftrainers arbeitete von 1972 bis 1977 bei der SSF Bonn und von 1989 bis 1992 bei der SG Hamburg. Außerdem war der promovierte Sportwissenschaftler Dozent an der Deutschen Sporthochschule in Köln und der Universität Bonn. Bevor Madsen als neuer Sportdirektor im DSV verpflichtet wurde, arbeitete er als Experte für das Norwegische Olympische Komitee. Wir trafen Ørjan Madsen und fragten ihn, wie er die Deutschen Schwimmer wieder zu olympischen Höhen führen und für Aufbruchstimmung auf dem Weg nach Peking 2008 sorgen will.

ARBEIT ALS SPORTDIREKTOR UND TRAINER

Herr Madsen, 2006 wurden Sie zum Sportdirektor und Cheftrainer im DSV ernannt. Was haben Sie vorher gemacht ?

Bevor ich diese Arbeit angenommen habe, war ich jahrelang im Olympischen Komitee in Norwegen tätig. Beim "Olympiatoppen" ist der Teamgedanke sehr stark ausgeprägt, und - anders als der DOSB - dort greift oberste Organ in den operativen Bereich der Sportverbände ein. Ich habe dort vor Allem als Berater für die Cheftrainer in mehreren Ausdauersportarten (Kanu, Skilanglauf, Nordisch Kombination, etc.) gearbeitet, war Leiter des Höhentrainingsprojektes für alle Sportarten in der Zeit von 1998 bis 2002 und habe mit der Organisation gute Erfahrungen gesammelt.

Haben Sie Veränderungen an der Menge an Trainingslager und der Qualität der Zusammenarbeit eingeführt ?

Bei meinem Einstieg vor etwa zwei Jahren hatte ich das Ziel, für die Zeit bis zu den Olympischen Spielen mehr gemeinsame Maßnahmen zu planen. Bis dahin wurden Trainingslager nur kurz, beispielsweise eine Woche vor einer internationalen Meisterschaft, durchgeführt. Deswegen wollte ich mehr und längere Maßnahmen, und im Speziellen relativ ausgedehnte Höhentrainingslager mit dem Team durchführen. Die vermehrte gemeinsame Zeit sollte sich auch auf die Zusammenarbeit der Trainer untereinander auswirken.

TRAININGSINHALTE - OLYMPIAVORBEREITUNG

Gab es besondere Maßnahmen, seit Sie Ihre Arbeit begonnen haben ?

Meine Strategie läßt sich folgendermaßen zusammenfassen: Die zwei Jahre die mir zur Verfügung standen, haben wir in jeweils drei Makrozyklen gleicher Länge (15 ± 2 Wochen) eingeteilt. Jeder Zyklus endet mit einem wichtigen Wettkampf oder einer Meisterschaft. In jedem Zyklus ist ein vier-wöchiges Höhentrainingslager vorgesehen, also insgesamt sechs Höhentrainingslager. Weitere Maßnahmen betrafen die Zusammenarbeit mit internationalen Experten, dazu gehören Psychologen, Techniktrainer und Höhenexperten. Diese Kooperationen wurden neu eingeführt und sie haben sich als Schritt in die richtige Richtung erwiesen.

Können Sie schon von Erkenntnissen aus den ersten Zyklen berichten ?

Nach den Weltmeisterschaften in Melbourne (2007) wurde ein Mangel an internationalen Wettkämpfen sehr deutlich. Als Konsequenz haben wir von Herbst bis Weihnachten an mehr Wettkämpfen teilgenommen. Außerdem haben wir festgestellt, dass einige Athleten unter Druck ihre Leistung nicht abrufen können. Dieses Problem wurde ganz offensichtlich, weshalb wir haben professionelle Hilfe gesucht haben.

ZUSAMMENARBEIT MIT TRAINERN - MITEINANDER LERNEN

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Trainern und dem DSV bisher ?

Einige Dinge haben wir verändert und die Art und Weise, wie Athleten und Trainer inzwischen denken, ist sicherlich mehr lösungsorientiert und an der Weltklasse ausgerichtet. Wenn es aber beispielsweise um Offenheit und Zusammenarbeit geht, haben wir noch einen weiten Weg zu gehen. Sich als Trainer zu öffnen und seine vermeintlichen Tricks preiszugeben, erfordert sicher ein Umdenken.

Was würde mehr Offenheit bringen ?

Wenn wir offener miteinander umgehen, können wir alle schlauer werden und uns als Trainer verbessern, voneinander lernen und uns gegenseitig unterstützen. Meiner Meinung nach lernt jeder vom anderen durch den Austausch der Erfahrungen, das ist ein "Werte-schaffender-Prozess".

Was verstehen Sie unter einem "Werte-schaffenden-Prozess" ?

Der "Werte schaffende Prozess" geschieht zwischen Trainer und Athlet - nur da entstehen die Werte. Es hilft nicht, was ich als Sportdirektor mache oder tue, sondern das wirklich Entscheidende ist "wie funktioniert dieser Prozess zwischen Trainer und Athlet ?" Der Athlet verbessert sich tatsächlich nur durch die eigene Trainingsarbeit und nicht durch das Wissen eines Trainers oder Sportdirektors.

Warum legen Sie auf Miteinander-offen-umgehen und das Lernen so großen Wert ?

Lernen ist ein unheimlich wichtiger Begriff und ich meine, unser größter Wettbewerbsvorteil liegt darin, dass wir schneller lernen können als alle anderen. Aber das setzt voraus, dass wir offen, neugierig, flexibel und veränderungswillig sind. Nur ist das einfacher gesagt, als in die Tat umgesetzt: Deutschland hat immer noch Schwierigkeiten durch Ost und West und durch ein ziemlich großes Altersgefälle unter den Trainern. Diese besonderen Vorbedingungen machen es nicht einfacher, Veränderungen herbeizuführen.

ZUSAMMENARBEIT MIT SPORTPSYCHOLOGEN

Welche Rolle spielen Sportpsychologen im Deutschen Schwimm-Verband ?

Sportpsychologen haben im DSV wichtige und vielseitige Funktionen: Sie fahren mit der Mannschaft in Trainingslager und zu Wettkämpfen. Außerdem empfehlen wir jedem Athleten, zu Hause mit einem Sportpsychologen zu arbeiten - seit letztem Sommer sind es ca. 80 bis 85 Prozent aller Top-Team-Athleten. Das war eine meiner Anstellungsbedingungen, weil auch ich einen Psychologen als Gesprächspartner und als Bindeglied zur Mannschaft einsetze. Momentan kooperieren wir mit drei Sportpsychologen, die zum Teil mitreisen, zu Hause mit den Athleten arbeiten oder Kollegen die gemeinsame Arbeitsweise erklären.

Gibt es im Olympiajahr besondere Aufgaben für die Sportpsychologen ?

Olympische Spiele stellen spezielle Anforderungen, so das Miteinander im Team, die möglichen Ablenkungen im olympischen Dorf oder der große öffentliche Druck, der auf den Athleten lastet. Das sind Herausforderungen, die rechtzeitig bearbeitet werden müssen, und das können wir nicht kurz vor der Abreise machen. Bereits jetzt entwickeln die Sportpsychologen und Athleten Strategien, wie sie mit der besonderen Situation "Olympische Spiele" bestmöglich umgehen können.

WELTKLASSE - DENKEN UND EINSTELLUNG

Sie sind angetreten und haben gesagt "wir müssen Weltklasse sein und treten gegen Vollprofis an". Können Sie uns diese Aussage erklären ?

Dabei geht es um die Art und Weise, wie wir über unser Training, die Wettkämpfe und alles, was damit zusammenhängt, denken. In meinen Augen entscheidet das Denken über die Ziele, bzw. den Weg dorthin. Deshalb sollen die Athleten wagen zu sagen "Wir wollen Weltklasse sein !" Und wenn wir uns mit der Weltklasse messen wollen, dann folgen Fragen wie: "Was müssen wir machen, um Weltklasse zu sein ? Was muß ich als Athlet machen, nicht nur im Training, sondern in allen angrenzenden Bereichen, um dieses Ziel zu erreichen ?".

Worauf bezieht sich die Denkweise und wie wird sie umgesetzt ?

Die Denkweise bezieht alle Bereiche ein - ob es sich um Ernährung, Training, Regeneration oder Wettkämpfe sind. Da die Athleten nicht alleine arbeiten, müssen Trainer, Physiotherapeuten, Sportpsychologen und ich selber es ebenfalls wagen, uns an der Weltklasse zu messen. Um "weltklasse" denken und dann auch handeln zu können, darf man nicht an alten Problemen hängen bleiben, sondern muß lösungsorientiert vorgehen und vorwärts gerichtet denken. Das ist eine grundsätzliche Philosophie und keine Sache, die von heute auf morgen eingeführt ist. D.h. wir verfolgen einen langfristigen, bewussten Prozess, der ein ständiges Erinnern und stetiges Arbeiten erfordert.

SPORTLER - PERSÖNLICHKEIT UND SELBSTÄNDIGKEIT

Welche Persönlichkeitseigenschaften haben Athleten, die auf das Thema "Weltklasse" und Ihre Denkweise ansprechbar sind ?

Das sind Typen, die ihren Sport auf der intellektuellen Ebene und nicht nur aus dem Bauch heraus betreiben. Sie sind in der Lage, über ihre Handlungen und den Leistungssport nachzudenken und arbeiten aktiv im Trainingsprozess mit. Sie würden nie zum Trainer gehen und sagen: "Hier bin ich, trainier mich !" Meines Erachtens ist Selbständigkeit die wichtigste Eigenschaft im Leistungssport. Athleten sollten für sich, ihr Training und ihr Leben Verantwortung übernehmen. Damit erreichen sie ein ganz anderes Leistungsniveau und wälzen etwaige Schuld für Rückschläge oder Misserfolge nicht auf andere ab.

Kann man Sportler zur Selbständigkeit erziehen ?

Als Trainer müssen wir in der Rolle der Erzieher auf jeden Fall noch dazulernen. Unsere Aufgabe, Athleten selbständig zu machen, ihnen Verantwortung zu übertragen, erfüllen wir nicht gut genug. Dahinter mögen sich Bedenken verbergen wie "ich verliere die Kontrolle über meinen Athleten" oder "der Sportler braucht mich nicht mehr". Aber ist es als Trainer nicht schön, sein Wissen und Erfahrungen an einen Sportler weiterzugeben und zu beobachten, was er selbständig, in eigener Regie, daraus macht ? Dann hätte ich als Trainer die Rolle des Erziehers doch erfüllt.

ERFAHRUNGSAUSTAUSCH - SPORTARTÜBERGREIFENDES ARBEITEN

Sie haben von Lernen und einem Austausch von Erfahrungen gesprochen. Meinen Sie, das Wissen im deutschen Sport sollte sportartübergreifend verfügbar sein ?

Ja. Ich denke, im modernen Leistungssport muß man das Wissen über die Sportarten hinweg verfügbar machen. Das ist unsere Stärke in Norwegen: Oslo ist der zentrale Punkt, dort sitzt das Olympische Komitee und in dem riesen Trainingscenter trainieren Sportler aus verschiedenen Sportarten. Zwischen den Sportarten findet ein Transfer statt und das betrifft auch die Arbeit des Olympiatoppen. In meinen Augen ist es ein großer Vorteil, weil wir voneinander lernen und uns gegenseitig inspirieren können...

In einem Land wie Deutschland haben wir verhältnismäßig mehr Know-how als Menschen. Wie können wir es schaffen, international konkurrenzfähig zu bleiben ?

Deutschland mit seinen rund 80 Millionen Einwohnern müsste im Sport normalerweise viel besser abschneiden, als es der Fall ist. Mit der guten Infrastruktur und den finanziellen Möglichkeiten gibt es hier die besten Voraussetzungen für Spitzenleistungen. Gerade eine Sportart wie Schwimmen mit einer langen Tradition, hat in den letzten 10 Jahren oder eigentlich seit den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 sich unter Wert verkauft. Ich meine, wir müssen unsere guten Bedingungen besser nutzen, clever arbeiten und unser Know-how effektiver einsetzen. Und das erfordert, ein Umdenken und modernes, sportartübergreifendes Arbeiten.

Autorin:
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle:
Pfaff, E. & Madsen, Ø. (2008). Wir wollen Weltklasse sein. Leistungssport 38 (3), S. 13-16.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
www.philippka.de/front_content.php?idcat=85&r1=
www.leistungssport.net