"Ist Erfolg planbar ?"

Gewichtheben
Frank Mantek, Sportdirektor und Bundestrainer im Bundesverband Deutscher Gewichtheber (BVDG)
Matthias Steiner, Goldmedaillengewinner im Superschwergewicht in Peking 2008

Frank Mantek gewann als Gewichtheber bei den Olympischen Spielen in Moskau 1980 Bronze (-90,0 kg - Mittelschwergewicht) und absolvierte ein Studium zum Diplomsportlehrer an der DHFK in Leipzig. Nach seiner aktiven Laufbahn war er von 1989 bis 1990 der letzte Geschäftsführer im Deutschen Gewichtheber Verband der DDR. Seit 1990 fungiert er als Sportdirektor und Bundestrainer im Bundesverband Deutscher Gewichtheber. Unter seiner Leitung errangen deutsche Gewichtheber bei OS, WM, EM der Männer insgesamt 112 Medaillen, darunter 9 olympische (2 mal Gold, 4 mal Silber, 3 mal Bronze) und stellten 15 Weltrekorde auf.

ERFOLGE DER GEWICHTHEBER

Herr Mantek, seit Ihrem Amtsantritt 1990 haben Sie viele erfolgreiche deutsche Gewichtheber betreut.

1990 sind wir unter meiner Leitung das erste Mal mit einem gesamtdeutschen Team zur Weltmeisterschaft nach Budapest gefahren. Dort haben wir keine Medaillen gewonnen, aber in den darauf folgenden 10 Jahren waren es dann insgesamt genau 100 Medaillen, davon allein 33 Goldmedaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften der Männer.

Ging die Erfolgsgeschichte weiter ?

In dieser Form nicht. Im Zeitraum 2002 bis 2007 wurden die Erfolge deutlich rückläufig. Die Zeit ohne Erfolge war schwer. Plötzlich klopft einem niemand mehr auf die Schulter und ich kam in dieser Situation intensiv ins Grübeln. Nun waren wir waren ein Verband ohne aktive Vorbilder und so konnte es nicht weitergehen.

"OPERATION MEDAILLE"

Welche Maßnahmen haben Sie zur Bewältigung der Krise im deutschen Gewichtheben eingeleitet ?

Ganz am Anfang stand eine grundsätzliche Analyse aller abgelaufenen Prozesse. In diesem Zusammenhang forcierten wir die Zentralisierung der Athleten unserer Nationalmannschaft. Das heißt ab 2005 wohnten und trainierten grundsätzlich alle Kader ganzjährig in unserem Leistungszentrum. Um dem Verband und unseren besten Athleten ein klares Ziel zu geben, entstanden die Überlegungen zu unserer "Operation Medaille" mit dem Motto: "Jeder Tag zählt, wir schaffen das".

Wie kamen Sie auf die Operation Medaille ?

Wenn man im Leben etwas bewegen will, braucht man Ziele. Ein solches haben wir gesucht und mit der erwähnten Kampagne für unser Team gefunden. Mit dieser Maßnahme wollten wir neue Impulse setzen und unsere Sportler und das gesamte Betreuer-Team in die Pflicht nehmen. Durch das schrittweise Heranführen an diese Teamzielstellung und das ständige Wiederholen und Konfrontation mit dem Logo, der Idee und deren Auswirkung, begann eine schrittweise Identifikation mit dem Thema. Wobei der letzte Satz "Wir schaffen das" eigentlich der Entscheidende war.

Gab es mit der Operation Medaille auch Veränderungen im Betreuer-Team ?

Wenn wir Höchstleistungen von den Athleten verlangen, müssen die Betreuer mitziehen und sich durch absolute Loyalität und Fachkenntnisse auszeichnen. Auf dieser Basis habe ich die Betreuer ausgesucht oder ihnen Möglichkeiten geboten, wichtige Erfahrungen bei großen Veranstaltungen zu sammeln. Auch ein Betreuer-Team muss auf seinen Auftritt z.B. bei Olympischen Spielen vorbereitet werden. Ich denke, dass dies uns gemeinsam sehr gut gelungen ist.

EINSTIEG VON MATTHIAS STEINER

Wann stieß Matthias Steiner zu der Operation Medaille dazu und welches Leistungsniveau hatte er ?

Im Frühjahr 2005 wurde mir mitgeteilt, dass Matthias die Absicht hatte, für Deutschland zu starten, was er mir kurze Zeit später in unserer Verbandszentrale in Leimen auch persönlich bestätigte. Ich spürte damals schon ganz deutlich, dass er große Ziele hatte und versicherte ihm, ihn dabei mit meiner Erfahrung zu unterstützen.

Welche entscheidenden Schritte gab es auf dem Weg nach Peking 2008 ?

Matthias Steiner hat 3 Jahre lang mit unserer Nationalmannschaft in Leimen trainiert und durfte lediglich für seinen Verein den AC Chemnitz, in der Bundesliga starten. Am 2.1.2008 bekam er den Deutschen Pass und war superglücklich, endlich offiziell dazu zu gehören. Seine Einbürgerung hat dem gesamten Team einen unglaublichen Schub gegeben - der "Leader" war jetzt offiziell da.

Interview mit Matthias Steiner und Frank Mantek

TRAININGSBEDINGUNGEN IN DEUTSCHLAND

Herr Steiner (MS), Herr Mantek (FM) hat gerade beschrieben, wie Sie dem BVDG zugelaufen sind ?

MS: Im Vergleich zu Österreich gibt es hier profihaftere Strukturen. Dort gab es nur einen hauptamtlichen Trainer. Im BVDG hat Herr Mantek als Bundestrainer und Sportdirektor das Sagen und es kann nicht jeder reinreden. Zu den Strukturen zählt auch, daß wir jeden Tag massiert werden, eine Sauna und eine Wanne benutzen können. Außerdem steht uns ein Arzt zur Verfügung, wenn wir mal eine Verletzung haben oder eine Untersuchung ansteht. Früher mußte ich mich um all die Dinge selbst kümmern, während ich heutzutage perfekte Bedingungen habe.

Welche Aspekte standen bei Ihrer Entwicklung zum Weltklasse-Gewichtheber im Vordergrund ?

MS: Am Anfang, als ich nach Deutschland kam, war meine Technik, ich will es mal so ausdrücken, noch rustikal. Bei mir hatte man alles über die Kraft gemacht, weil ich halt ein starker Typ bin und eine gute Kraftentwicklung habe. Auf die Dauer geht das aber zu Lasten der Gesundheit und irgendwann stößt man an seine Grenzen. Daher haben wir sehr viel und bewußt an meiner Technik gearbeitet.

KOOPERATION TRAINER UND ATHLETEN - LERNENDES SYSTEM

Wie viel Mitspracherecht haben Sie, Herr Steiner, bei der Trainings- und Wettkampfplanung ?

MS: Ich habe sehr viel Mitspracherecht. Zwar muß jeder gewisse Regeln befolgen, z.B. pünktlich ins Training kommen und ordentlich trainieren und essen...
FM: ... ein mündiger Athlet braucht grundsätzlich Mitspracherecht, denn wir müssen sie zur Selbständigkeit erziehen. Ich frage meine Leute sehr oft nach ihrer Meinung, denn ich brauche Feedback, wie sie die Maßnahmen auf ihr Training und ihr Wohlbefinden auswirken. Wenn ich z.B. merke "heute geht es nicht", ist es durchaus möglich, dass wir das Training abrupt abbrechen und ich sie nach Hause schicke. Manchmal ist weniger mehr.

Die Athleten haben Mitspracherecht und der Trainer unterstützt Veränderungen....

MS: ... die Eigenschaft, zu Fehlern zu stehen, sich und seine Arbeit zu hinterfragen und auf andere Leute zu hören, schätze ich sehr an Herrn Mantek. Daraus schöpfe ich das Vertrauen zu ihm und ich weiß "OK, mit ihm kann ich reden und er lernt auch aus seinen Fehlern".

Das hört sich an wie ein Lernendes System, das sich gegenseitig weiterentwickelt.

MS: Es zeichnet ihn als Trainer aus, daß er trotz aller Erfahrung und Erfolge, sich fortlaufend Gedanken über seine Athleten macht ...
FM: ... deshalb mache ich mir derzeit große Gedanken, wie es mit Matthias in der Gesamtvorbereitung bis 2012 weitergehen soll. Wenn ein System nicht mehr dazu lernt, wird es geschlagen. Das ist die Kunst im Trainer-Beruf, vielleicht sogar im Leben, sich Weiterentwicklungen zu stellen.

EINSTELLUNG - MOTIVATION AUF DEM WEG ZUM OLYMPIA-SIEG

War Peking 2008 ein "geplanter" Olympia-Sieg" ?

MS: Der Weg zum Top-Niveau ist lang und man muss differenzieren. Vor 3 Jahren hatten wir keinen Olympia-Sieg auf der Rechnung. Wir wollten eine Medaille gewinnen. Erst später als die Leistungsentwicklung schneller voranging als wir es uns vorgestellt hatten, wurde der Olympia-Sieg mein Ziel und Traum zugleich.
FM: Wir haben oft über diesen Wettkampf sinniert und alle möglichen Varianten unzählige Mal durchgesprochen. Auch das war Bestandteil der "Operation Medaille". Wobei unsere Traumvorstellung war, dass wir bereits Silber haben und Matthias mit seinem letzten Versuch Olympiasieger wird.

Mit welcher Einstellung sind Sie an diese Unwägbarkeiten herangegangen ?

MS: Ich wäre an jede Last gegangen; ob ich es geschafft hätte, ist eine andere Frage. Beim letzten Versuch bei Olympia hätte ich alles versucht. Mit dem Kopf geh ich so ran, daß ich mir sage, ich schaffe das, egal was passiert. Seit Beginn unserer Zusammenarbeit hat der "Chef" immer wieder gesagt "es gibt in Deinem Leben nur zwei, drei oder höchstens vier wichtige Wettkämpfe, die mußt Du machen. Ein bestimmter Moment oder der eine Versuch kann über Dein ganzes Leben entscheiden und das zeichnet Dich als Weltklasse-Athleten aus."

Das heißt, Sie haben Olympia als einmalige Chance gesehen. Was bedeutet es Ihnen, dort auf die Bühne zu gehen ?

MS: Ja, das war der besagte Moment und meine große Chance. Als ich dort auf die Bühne gegangen bin, wußte ich, die Kameras sind an und viele Tausend Zuschauer beobachten mich. Von diesem Gefühl krieg ich nicht genug, da läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken. Das ist ein brutal starkes Gefühl, das gibt einem Kraft. Vor dem letzten Versuch wußte ich, daß der Russe und der Lette fertig waren und damit war klar " jetzt hab's ich in der Hand". Da habe ich überhaupt nicht mehr daran gedacht, ob das jetzt 10 Kilo mehr sind oder nicht, sondern "das schaffe ich !" Ich hab Gold selbst geholt und das war das Schönste überhaupt !

ERFAHRUNGEN BEI OLYMPISCHEN SPIELEN

Lassen Sie uns kurz zurückblenden: Olympische Spiele, 10.000 Athleten, täglich 100.000de Zuschauer, Presse, Medien - die ganze Welt blickt nach Peking. Wie kann man sich da vorbereiten und auf seine Sache fokussieren ?

MS: Ich war schon in Athen 2004 und habe diese Dimensionen erlebt. Es ist auf jeden Fall von Vorteil, diese Erfahrungen bei Olympischen Spielen gemacht zu haben. Wichtig war auch, im Januar beim vorolympischen Turnier zu starten. Da haben wir die örtlichen Gegebenheiten und die Trainingshalle kennen gelernt. Ich kannte die Wege, wußte worauf ich achten mußte und wie die Dinge in China ablaufen.

Kann sich ein Einzelsportler nicht im Olympischen Dorf verlieren ?

MS: Obwohl es eine Einzelsportart ist, sind wir als Mannschaft - mit vier Männern, einer Frau und dem Betreuer-Team - aufgetreten. Da geht man zusammnen essen, tritt gemeinsam auf und das vermittelt einem ein Gefühl von Stärke.

VORBEREITUNG AUF LONDON 2012

Die Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele von Peking 2008 liefen perfekt. Kann man die auch für London 2012 anwenden ?

MS: Zum einen ist es bis London 2012 noch lange hin und zum anderen werden wir in den acht Monaten davor - von Januar bis August - nie und nimmer die selbe Situation durchleben, wie jetzt. Vom Training, den Wettkämpfen und besonders von den Emotionen war das Jahr 2008 einzigartig. Sicher können wir von den Erfahrungen profitieren und sie in die nächste Vorbereitungsphase einfließen lassen, aber das wird ganz anders werden....
FM: ... den Steiner, den es vor Olympia 2008 gab, gibt's schon heute nicht mehr. Das ist eine andere Persönlichkeit geworden und es prägen ihn jetzt auch andere Dinge. Übrigens hat das Interesse nach Peking Dimensionen erreicht, die ich so nicht kannte. Wie wir mit dieser neuen Situation, seinem Status in der Öffentlichkeit umgehen sollen, weiß ich noch nicht. Das müssen wir noch überlegen und in die langfristige Planung einfließen lassen.

Ja, es ist sicher schwierig, die richtige Mischung zwischen öffentlicher Vermarktung und ernsthaftem Training zu finden. Wie wollen Sie weiter machen ?

MS: Herr Mantek hat mich in letzter Zeit mehrfach sehr direkt gefragt: "Willst Du weiter machen ?" Die Frage muß man schon stellen, aber weitermachen will ich auf jeden Fall, das haben wir schon entschieden.
Mein Leben war in den letzten paar Monaten sehr schön, ich habe viele neue Eindrücke gewonnen. Aber die öffentlichen Auftritte werde ich ab Anfang 2009 reduzieren, damit ich mich auf den Sport konzentrieren kann. Denn ich genieße es einfach, in der Halle zu stehen, keinen um mich zu haben, richtig zu schwitzen und zu wissen wofür man trainiert ...

Autorin:
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle:
Pfaff, E. (2009). "Ist Erfolg planbar ?" Leistungssport, 39 (1) S. 41-47.

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