"Durch die Einführung von Sichtungsmaßnahmen konnte die Betreuung im Jugendbereich deutliche verbessert werden."

Wilhelm Metelmann
Bundestrainer Wurfscheiben-Schießen, Deutscher Schützenbund

Wilhelm Metelmann war von 1968 bis 1980 als Wurscheibenschütze im Trap-Schießen aktiv. Nach seinem Sport-Studium an der DHFK Leipzig arbeitete er von 1980 bis 1990 als Skeettrainer. Nach der Wende wurde er zuerst Stützpunktleiter in Berlin-Hoppegarten (1993-1996) bevor er 1996 Bundestrainer der Junioren wurde. Seit 2001 fungiert Wilhelm Metelmann als Bundestrainer für den Spitzenbereich des Wurfscheiben-Schießens.

STRUKTUR IM SCHIESS-SPORT

Herr Metelmann, Wurfscheiben-Schießen ist eine kleine, aber vielfältige Sportart. Können Sie uns etwas zur Struktur in Ihrer Sportart erzählen ?

Seit ich als verantwortlicher Bundestrainer berufen wurde, war mein erstes Ziel eine neue Trainerstruktur bundesweit aufzubauen. Mit einem kleinen Team von Trainern und Experten begannen wir, dazu gehörten vor allem mein Bundestrainerkollege Axel Krämer sowie einige weitere Trainer aus den Landesverbänden.

Was sollte die Strukturierung bewirken ?

Mit einer neuen Trainerstruktur wollten wir generell die Betreuung der Sportler sowohl im Spitzen- aber auch im Nachwuchsbereich verbessern. Zum einen galt es im Spitzenbereich das Leistungsniveau so zu steigern, dass unsere besten Sportler bei Welt- oder Europameisterschaften mehr Medaillen gewinnen können. Zum anderen wollten wir die Nachwuchsarbeit intensivieren, um auf lange Sicht junge Sportler zu entwickeln, die leistungsstark in den A/B-Kader hinüberwachsen. Diese beiden Schwerpunkte hatten wir uns seit 2001 auf die Fahne geschrieben.

Wie weit sind Sie mit Ihren Bestrebungen bisher gekommen ?

In beiden Bereichen haben wir Fortschritte gemacht. Auf internationaler Ebene konnten unsere Athleten in der Vergangenheit gut mit mischen. Auf nationaler Ebene arbeiten wir eng mit den Verantwortlichen in den Landesverbänden und einzelnen Top-Vereinen zusammen. Inzwischen haben wir einen Stab von Trainern zusammen, die eine gute Arbeit an den Bundesstützpunkten, an den Trainingsstützpunkten und in den Landesverbänden leisten.

ERFOLGE UND TRAINING DER WURFSCHEIBEN-SCHÜTZEN

Die genannten Veränderungen betreffen die Strukturen und die Betreuung. Welche Verbesserungen gab es bei den Leistungen der Schützen ?

In Auswertung des Olympiazyklusses 2005-2008 und des diesjährigen Sportjahres kann man sagen, unsere besten Sportler haben international bestanden. Positiv anzumerken ist, dass in allen drei Disziplinen, Trap, Skeet und Doppeltrap, erfolgreich gearbeitet wurde. Die Bronzemedaille in Peking, aber auch die Titel- und Medaillengewinne bei Europa- und Weltmeisterschaften sowie bei Weltcups von 2005 bis 2009, bestätigen das.

Welche Maßnahmen gab es aus trainingsmethodischer Sicht?

Eine der Maßnahmen war die Erhöhung des Belastungsumfangs. Den Athleten wurden in den letzten Jahr vom DSB mehr Patronen zur Verfügung gestellt und sie konnten mehr und intensiver trainieren, dennoch andere Länder sind uns in diesem Bereich noch ein bißchen voraus...

.... die Russen und Italiener schießen viel mehr als die Deutschen...

Ja, die russischen Athleten machen ca. 35.000 Schuß auf fliegende Ziele und die Deutschen bis zu 15.000 im Jahr. Aber wir konnten diesen Unterschied bisher kompensieren, weil wir trainings- methodisch wirksamer arbeiten.

Also, wir machen Klasse statt Masse ?

Wenn wir über Masse reden, dann gehören sicherlich noch die Amerikaner zu den Ländern, die hohe Umfänge schießen. Aber ich denke, dass wir - trotz weniger Masse - mit gezielten Trainingsprogrammen und mit einer guten Wettkampfsteuerung unsere Leistung auf den Punkt bringen können. Das haben unsere Erfolge in den letzten Jahren auch bestätigt. Wir waren noch nie so erfolgreich, über alle Disziplinen hinweg, wie in den letzten Jahren.

ANFORDERUNGEN DES WURFSCHEIBENSCHIESSENS

Wie würden Sie Ihre Sportart beschreiben und auf welche Fähigkeiten kommt es an ?

Wurfscheiben-Schießen ist eine ausgeprägte koordinative Sportart, bei der eine präzise Bewegungshandlung in kürzester Zeit vollzogen werden muss. Diese Handlung muss deshalb möglichst schnell und präzise ausgeführt werden, weil sonst die Wirksamkeit der Schrotgarbe nachlässt. Ist die Scheibe zu weit weg, zerstört die Schrotgarbe die Scheibe nicht mehr. Wurfscheibenschützen zeichnen sich durch ausgeprägte Reaktions- und Wahrnehmungseigenschaften aus. Außerdem braucht ein Schütze eine gute Konzentrationsausdauer.

Warum ist die Geschwindigkeit beim Schießen so entscheidend ?

Wir schießen mit Patronen, die jeweils 24 Gramm Schrote beinhalten. Diese haben einen Durchmesser von 2 bis 2,5 Millimeter. Nach der Abgabe des Schusses bildet die Schrotgarbe einen sogenannten Streukreis, der sich mit der Entfernung vergrößert. Das Optimum dieses Streukreises liegt beim Trap-Schießen zwischen 30 und 35 Meter. Danach geht die Garbe immer weiter auseinander und hat nur noch wenig, bzw. keine Wirkung mehr. Der Sportler muss also in einer bestimmten Zeit den Schuss auslösen, um eine optimale Treffsicherheit zu erreichen.

Welche Handlungen geschehen in der Zeit bis zum Schuß ?

Der Sportler muss möglichst schnell die Flugparameter der Scheibe erkennen, in welchem Winkel und mit welcher Geschwindigkeit sie fliegt. Dann führt er die Flinte zur Scheibe, stellt das Vorhaltemaß her und drückt den Abzug. Das Vorhaltemaß ist erforderlich weil die Schrote eine gewisse Zeit vom Abdrücken bis zur Scheibe brauchen.

SPEZIFISCHE TRAININGSPROGRAMME

Schützen brauchen also ein gutes Reaktionsvermögen. Wie kann man das trainieren ?

Spitzenschützen besitzen sehr gute Reaktions- und Wahrnehmungseigenschaften. Das Haupttraining findet nach wie vor auf dem Schießstand statt. Es geht nichts über üben, üben, üben. Bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten, werden durch unterstützende Programme geschult.

Und wie funktioniert dieses Programm ?

Dieses Programm SECO II beinhaltet verschiedene Übungen. Es können Einfach- oder auch Unterscheidungsreaktionen, bis hin zu Reaktionen auf antizipierbare Reize, geschult werden. Bei letzterem läuft ein Punkt auf dem Bildschirm im Kreis. Der Sportler muß die Bewegung mitverfolgen und sie an einem vorgegebenen Punkt stoppen. Dabei kann man die Geschwindigkeiten variieren. Zusätzlich gibt es auch Übungen, die zum Beispiel die Wahrnehmungseigenschaften, und hier besonders die optische Auffassungsgeschwindigkeit, entwickeln. Weitere Übungen dienen der Verbesserung der Konzentrations- sowie der sensomotorischen Koordinationsfähigkeit.

Ist man als Schütze nur auf eine gute Reaktion angewiesen oder gibt es andere Hinweisreize, die man beachten oder beobachten kann ?

Im Training und Wettkampf beobachten die Sportler schon das Flugverhalten der Scheiben - Geschwindigkeit, Winkel usw. und richten danach ihre Bewegungshandlungen aus. Da diese im Skeet- und Doppeltrap-Schießen vorher feststehen, können die Bewegungsausführungen mental vorweg genommen und geübt werden.

KONDITION UND FITNESS-TRAINING

Und wieviel Athletik-Training machen Schützen ?

Eine gute athletische Verfassung sehen wir als Grundlage an, aber dieser Bereich spielt bei uns nicht die absolute Rolle, bzw. wird als Training in der Vorbereitungs- und Wettkampfphase nur begleitend zum Schieß-Training eingebaut. Im Winter machen die Athleten verstärkt Kraft- und Ausdauertraining, wobei die Anzahl der Einheiten individuell geprägt ist - in der Regel sind es zwei bis drei Einheiten. Während des Sommers machen wir eher keine Kraftarbeit, weil sie die Empfindlichkeit und das Feingefühl der Muskulatur herabsetzen.

Würde ein fitterer Athlet nicht auch besser schießen ?

Nein, und das hat uns die Erfahrung gelehrt. Ich mußte in 70er Jahren sehr, sehr viel Athletik trainieren. Damals meinte man, eine bessere konditionelle Verfassung würde sich direkt und positiv auf die Schieß-Leistung auswirken. Aber ich habe, wie viele andere Sportler auch, keine Leistungssteigerung dadurch erlebt und die Regel "wer länger laufen kann, schießt besser" hat sich nicht bestätigt. Dennoch, eine gute körperliche Verfassung ist auch für den Schießsport Voraussetzung.

ÖFFENTLICHE ANERKENNUNG - WM 2010 IN MÜNCHEN

Gibt es öffentliche Anerkennung ?

Anerkennung gibt es in jedem Fall auf regionaler Ebene. Die einheimische Presse als auch das Fernsehen vor Ort verfolgen die Entwicklung ihrer Spitzenathleten mit Interesse. Überregional oder bundesweit ist die Situation ganz anders - da wird wenig oder nichts vom Schießen berichtet. Es gibt kaum mal einen Zeitungsartikel, geschweige denn einen Fernsehbericht. Wir müssen immer auf die Olympischen Spiele warten, da sind wir dann auch für die Medien interessant, aber da stehen wir mit unserer Sportart wohl nicht allein.

Die WM 2010 findet in München statt...

... die Weltmeisterschaft wird unser absolutes Highlight im nächsten Jahr. Es ist eine große WM, bei der alle Disziplinen, d.h. Gewehr, Pistole und Wurfscheibe teilnehmen werden. Und dafür haben wir in München eine herrliche Anlage bekommen. Die alte Anlage wurde im Grunde weggenommen, man hat einen großen Wall gebaut und innerhalb dieses Kessels sind fünf neue Schießstände entstanden. Die Anlage ist ganz hervorragend, also wirklich !!

Dann müssen wir ja Werbung machen !!

Das ist die 50. WM der International Shooting Sport Federation (ISSF) und sie findet vom 25. Juli bis 8. August auf der Schießanlage in München-Hochbrück statt. Das wird ein richtig schönes Event. Für uns ist die WM das große Ziel, vor allem weil sie im eigenen Land stattfindet. Die ISSF hat für meine Begriffe diese WM auch nach Deutschland vergeben, weil der DSB einerseits eine hervorragende Bewerbung präsentiert hat, zum anderen aber bekannt ist, dass der DSB für große Wettkämpfe immer ein guter Ausrichter ist. Und München und Bayern sowieso, da ist das Schießen zu Hause...

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2010). "Durch die Einführung von Sichtungsmaßnahmen konnte die Betreuung im Jugendbereich deutliche verbessert werden." Leistungssport, 40 (1) S. 54-57.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
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