„In erster Linie liegt die Aufmerksamkeit auf einer soliden Nachwuchsarbeit...“

Biathlon
Uwe Müssiggang, Cheftrainer Biathlon im Deutschen Ski-Verband, DOSB-Trainer des Jahres 2010

Uwe Müssiggang studierte nach seiner aktiven Biathlon-Laufbahn an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig. Bereits in den 1970er Jahren betreute er Nachwuchsathleten in Karl-Marx-Stadt und Dresden als Trainer. Ab 1984 unterrichtete er vier Jahre lang als Jugendleiter und Trainer am Christophorus-Gymnasium in Berchtesgaden. Von 1988 bis 1990 trainierte Uwe Müssiggang die Biathlon Herrenmannschaft des DSV. 1991 wurde er zum Bundestrainer der Damen ernannt und die von ihm betreuten Athletinnen erzielten 68 Medaillen bei Großereignissen. Am 1.5.2010 wurde er zum Cheftrainer Biathlon im DSV ernannt.

MEDIEN UND ERFOLGSZWANG

Sie sprechen von Öffentlichkeit – Biathlon ist heuzutage ein Zuschauermagnet. Was bedeutet diese Entwicklung für die Athleten und die Trainer?

Einerseits glaube ich, dass sich alle Leute im Biathlon über die öffentliche Wertschätzung freuen. Andererseits sind wir dadurch quasi „zum Erfolg verdammt“. Wenn wir telegen bleiben wollen, brauchen wir nennenswerte Erfolge und müssen immer wieder Sportler-Typen finden und fördern. Und in Bezug auf die Medien können wir uns nicht mehr nur um den Sport kümmern und sagen „alles andere interessiert mich nicht“.

Was bringt es Ihnen, wenn Sie den medialen Ansprüchen genügen?

Wir – Athleten, Betreuer und Trainer – werden angehalten, das Produkt Biathlon und die eigene Person möglichst gut zu „verkaufen“. Dadurch haben wir nicht nur die Bekanntheit der gesamten Sportart gesteigert, sondern auch die Qualität und die Möglichkeiten, unter professionellen Bedingungen zu arbeiten. Von diesen Bedingungen profitieren alle – die Top-Athleten, der Nachwuchs, der schon frühzeitig intensiver betreut werden kann, und wir als Trainer, weil auch unsere Arbeitsplätze aufgrund der Erfolge im Biathlon sicherer sind.

ANSPRÜCHE AN ATHLETEN

Dann leben Sie ja auf der Insel der Seeligen – Sie haben eine abgesicherte Arbeit und feiern stetige Erfolge mit Ihren Athleten!

Das mag zwar für den momentan Zustand so aussehen – und ich würde ihn gerne festhalten. Nur, „wer rastet, der rostet“ – und das Konstrukt Biathlon könnte schnell kippen, wenn die Ergebnisse fehlen. Und wir wissen auch, dass der Deutsche extrem leistungsorientiert ist und einen Hang zu überzogenen Ansprüchen hat ...

... was bedeutet das für junge Athleten?

Junge Athleten müssen lernen, mit dem Anspruchsverhalten in unserem Land umzugehen. Der Deutsche fordert immer Top-Leistungen von den „eigenen Athleten“ und es fällt ihm schwer, Leistungen anderer Nationen zu akzeptieren. In meinen Augen schauen wir in Deutschland zu sehr auf messbare Ergebnisse und zu wenig auf die individuelle sportliche Leistung eines Athleten. Für mich ist eine persönliche Bestleistung schon ein Erfolg, auch wenn sie keinen Sieg bedeutet.

GLEICHSTELLUNG IM BIATHLON

Wie setzen Sie eine „Gleichstellung“ um?

Das fängt z.B. auf der Führungsebene an. Wir haben einen gemeinsamen Trainer-Rat und die Athleten merken „hey, die Trainer arbeiten als Einheit, welche die Disziplin Biathlon betreut“. Diese Philosophie betrachte ich als eine unserer Aufgabenstellungen auf dem Weg in die Zukunft. Nur wird die Veränderung nicht von heute auf morgen geschehen, denn schließlich sind Damen und Herren bald 20 Jahre parallel gelaufen.

Wie können Frauen und Männer im Biathlon zusammen trainieren?

Was das Training betrifft, müssen wir schon Unterschiede machen und können nicht sagen „ab heute machen wir alles zusammen“. Dazu sind die körperlichen Voraussetzungen von Frauen und Männern einfach zu unterschiedlich. Es gibt eine ganze Reihe von Bereichen, in denen eine hohe Intensität gefordert wird, wo die Männer überlegen sind. Vor allem beim Ausdauertraining, beim Laufen, auf dem Rennrad oder auf dem Mountainbike – da kann man nicht davon ausgehen, dass die Frauen mit den Männern mithalten können.

GEMEINSAMES TRAINING – TEAMGEIST

Gibt es Bereiche, in denen Frauen mithalten können?

Ja, das sind Bereiche, die weniger mit körperlichen Fähigkeiten wie Kraft und Ausdauer zu tun haben. Wir führen z.B. Techniktrainings gemeinsam durch, dabei können Frau und Mann voneinander profitieren. Im Grundlagenschießen – d.h. In-Ruhe-Schießen – gibt es zwischen den Geschlechtern keinerlei Unterschiede. Da gibt es eine Menge Übungsformen, wo sich ein gemeinsames Training anbietet, oder wir tragen kleine Wettkämpfe Mann gegen Frau aus.

Wozu wollen Sie die Gleichstellung fördern, wenn Sie nur einzelne Aspekte zusammen trainieren können?

Wir wollen das Know-how und unsere beiden schlagkräftigen Mannschaften integrieren und noch stärker machen. Das ganze System und die Trainerbesatzung zielen darauf ab, Trainingsgruppen nach Leistungen, nach Landesstützpunkten und schließlich nach Geschlecht zusammenzustellen. Insgesamt geht es in Zukunft vielmehr darum, den Zusammenhalt und das Gefühl „wir trainieren in einer Trainingsgruppe im Stützpunkt oder in einer Lehrgangsgruppe der Nationalmannschaft“ zu fördern.

WELTKLASSE UND NACHWUCHS

Was bringt es, Weltklasse-Athleten in einem Team zu haben?

Für die Leistungsentwicklung ist es eine ideale Voraussetzung, weil sich alle – auch die jungen und unerfahrenen Athleten – jeden Tag mit der internationalen Spitze messen können. Magdalena Neuner bringt immer noch die besten Laufzeiten und wenn eine Athletin in ihrem Bereich läuft – oder nur 1 oder 2 Prozent schlechter – gehört sie wahrscheinlich international zum höchsten Niveau. Dieses Leistungsniveau bestimmen wir Gott sei Dank seit über 20 Jahren.

Woher rührt die Stärke der deutschen Biathleten?

Der DSV hat sehr frühzeitig entschieden „wir brauchen kompetente Trainer, Übungsleiter und Stützpunkte für unser Training“. Auch wenn wir gute Trainingsstätten oder schöne Stadien in Deutschland haben, dürfen diese Möglichkeiten nur eine untergeordnete Rolle spielen. In erster Linie liegt die Aufmerksamkeit auf einer soliden Nachwuchsarbeit, auch wenn das immer schwieriger wird ...

... welche Schwierigkeiten sehen Sie bei der Nachwuchsarbeit?

In den letzten Jahren gibt es immer weniger Kinder bzw. Eltern, die ihre Kinder in eine Ausdauer-Disziplin geben. Sie scheuen den zeitlichen Aufwand immer mehr. Hinzu kommt die Ungewissheit „kommen sie mal groß raus, und wenn ja, was passiert nach der Karriere?“. Zwar können die wenigen Top-Athleten mittlerweile vom Biathlon leben – aber wie viele sind das? Daher wird es eher schwieriger werden, Nachwuchssportler für Biathlon oder zeitintensive Ausdauersportarten zu begeistern.

LEISTUNGSFAKTOREN IM BIATHLON

Auf der einen Seite haben wir harte Faktoren, d.h. messbare Daten wie Lauf- und Schießleistung oder detaillierte Trainingsprogramme. Welche weichen Faktoren fließen noch in eine Leistung ein?

Trotz aller Daten, Pläne und Programme haben wir es noch mit Menschen zu tun. Ich meine, der Anteil an weichen Faktoren an einer Leistung und deren Entwicklung ist sehr groß. Denn jeder Athlet hat persönliche Probleme, ein persönliches Umfeld und Themen wie Schule, Ausbildung, Studium oder Arbeitgeber, die ihn und seine Leistung beeinflussen.

Können Sie uns konkrete Beispiele geben?

Beispielhaft ist das Thema Schule und Leistungssport. Ich habe im Nachwuchs gearbeitet und jedes Mal gespürt, wenn junge Athleten am nächsten Tag eine wichtige Prüfung hatten. Das hat sich oft direkt auf die Schießleistung ausgewirkt. Sie haben manchmal so schlecht geschossen, dass ich nach 10 Schuss gesagt habe: „Geh’ laufen, Du bist mit dem Kopf ganz woanders“. Ein anderes gängiges Beispiel sind Probleme mit der Freundin/dem Freund. Da Beziehungen auch zum Leben eines Athleten gehören, üben sie z.T. einen großen Einfluss auf die Leistung aus. Oder wenn Athleten mal länger gefeiert haben und man das als Trainer im Nachhinein erfährt oder es an den Leistungen merkt.

MOTIVATION FÜR LEISTUNGSSPORT UND AUSBILDUNG

Wie gehen Sie mit gesellschaftlichen Veränderungen und der Behauptung „die Jugend ist heute ist nicht mehr so motiviert“ um?

Ich würde mangelnde Motivation für den Leistungssport nicht pauschal der Jugend zuschreiben. Die Jugendlichen leben heute mit einem ganz anderen Druck – sie werden mit G8 durch die Schule gepaukt und hören ständig Nachrichten wie „die Arbeitsmarktsituation ist schwierig oder bei der Bundeswehr gibt es weniger Stellen“. Jugendliche und deren Eltern machen sich heute schon früher Gedanken im Sinn von „wie geht’s mit mir mal weiter?“. So betrachtet, konkurrieren unsere Angebote im Leistungssport mit der Ausbildung und der Arbeitswelt. Und da mittlerweile bekannt ist, dass Sportler nur in wenigen Disziplinen Geld verdienen können, überlegen sie, ob es den Einsatz Wert ist.

Welche Empfehlungen können Sie angehenden Leistungssportlern in Bezug auf eine Ausbildung geben?

Zwar haben wir viele Beispiele und Erfahrungen im Biathlon gemacht, aber man sollte immer individuell entscheiden. Es reicht nicht, dass das Umfeld oder wir als Trainer eine Ausbildung oder ein Studium gutheißen. Der Athlet als Mensch mit seinen Ansprüchen, Wünschen und Zielen muss im Mittelpunkt stehen und seine Ambitionen in Sport, Beruf und Privatleben müssen zueinander passen. Um einen passgenauen Weg zu finden, sollte man sich intensiv mit dem Athleten und seinem Umfeld unterhalten und eine machbare Lösung vereinbaren.

Autorin:
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle:
Pfaff, E. (2011). „In erster Linie liegt die Aufmerksamkeit auf einer soliden Nachwuchsarbeit…“. Leistungssport, 41 (2), S. 56-60.

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