"Die Qualifikation zur WM 2007 ist dieses Jahr das wichtigste Ziel"

Frauen-Fußball
Silvia Neid, Bundestrainerin im DFB

ÖFFENTLICHE ANERKENNUNG

Wie wird Frauen-Fußball in der Öffentlichkeit angenommen ?

Frauen-Fußball wird inzwischen in der Öffentlichkeit gut angenommen und wir ziehen immer mehr Zuschauer und Interesse an. Die Frauen-Nationalmannschaft bestreitet auch auf Wunsch des Fernsehens mehr Länderspiele. Früher haben wir öfter unter Ausschluß der Öffentlichkeit gespielt und konnten so Spielerinnen und Spielzüge testen. Jetzt stehen wir ständig unter Beobachtung, wollen gute Spiele zeigen und den Frauen-Fußball im besten Licht darstellen. Da muß man als Trainerin schon einigen Mut aufbringen, wenn man junge Spielerinnen testen will und sie mit der Atmosphäre konfrontieren will.

Die Fußballfrauen bekommen heutzutage Anerkennung und Unterstützung von den Männern. Im DFB haben Sie in dem Präsidenten Dr. Theo Zwanziger einen großen Fürsprecher. Dr. Zwanziger versucht zu allen Spielen der DFB-Auswahl zu kommen. Er spricht überall das Thema Frauenfußball an, er identifiziert sich damit. Durch seine Begeisterung und seinen Einsatz bringt er seine ganze Umgebung, die Verbandspräsidenten und Funktionäre dazu, den Frauenfußball zu unterstützen. Das finde ich einfach Klasse.

ENTWICKLUNG

Frauenfußball hat eine rasante Entwicklung genommen. Kann man die Entwicklung in Zahlen fassen ?

Ja, das ist eine tolle Entwicklung. 1982 hatte die Frauen-Nationalmannschaft ihr erstes Länderspiel. Der richtige Durchbruch kam dann 1989 mit der Europameisterschaft in Deutschland. Im Finale haben wir 4:1 gegen Norwegen gewonnen. Im Mädchenfußball haben wir eine ganz erfreuliche Entwicklung, die sich in einen rund 20-prozentigen Zuwachs zeigt. Fußball ist - wie in den USA - Frauensport Nr. 1. in Deutschland.

Der Frauenfußball hat sich in den letzten Jahren unglaublich weiterentwickelt. Welche Verbesserungschancen sehen Sie da noch ?

Sepp Blatter hat mal gesagt: "Die Zukunft des Fußballs ist weiblich". Ich denke, daß es noch viele Verbesserungen geben kann. Schließlich spielen die Frauen erst 30 Jahre offiziell Fußball, und die Nationalmannschaft hatte 1982 ihr erstes Länderspiel - das ist kaum 25 Jahre her. So wie sich der Männerfußball in den gut 100 Jahren seit der Gründung des DFB stetig weiterentwickelt, sehe ich auch bei den Frauen noch viel Potential. Dieses liegt im Tempo, in der Athletik, in der Technik und Taktik - da entwickeln auch die Frauen sich permanent weiter.

FASZINATION FUSSBALL

Warum sollte ein Mädchen - so im Alter von 8 bis 10 Jahren - mit Fußball anfangen ?

Fußball hat sehr viel Stil und Ästhetik. Fußball hat Elemente eines Kampfsports, ist aber auch die hohe Kunst des Ballspiels: Ich muß den Ball wie meinen besten Freund behandeln, ein gutes Gefühl und eine gute Koordination haben. Man muß gleichzeitig Dribbeln und die Situation um sich herum einschätzen können. Ein Spieler muß gute Flanken schlagen können und ein gutes Kopfballspiel besitzen. Und vor dem Tor brauche ich die nötige Coolness für den Abschluß. Bezogen auf die Zusammenspiel in der Mannschaft, hat Fußball auch viele Seiten: Ein Spieler muß sich in Zweikämpfen durchsetzen und seine Mitspieler einsetzen. Als Einzelner kann ich glänzen oder mich an einem schlechteren Tag hinter meinen Mitspielern verstecken. Und man kann im Team gewinnen oder verlieren.

Sie geraten ja regelrecht ins Schwärmen beim Thema Fußball. Welchen Einfluß übt Fußball auf die Persönlichkeit aus ?

Das ist eine schwierige Frage und auch immer ein bißchen vom Individuum abhängig. Viele Spieler lernen durch den Sport andere Länder und Mentalitäten kennen. Im Fußball lernt man auf jeden Fall, sich durchzusetzen - gegen Gegner oder auch innerhalb der eigenen Mannschaft. Ich z.B. bin wegen Fußball mit 19 Jahren ausgezogen und mußte mich alleine durchkämpfen. Da war keine Mama, die mir die Wäsche gewaschen hat. Und wurde das Geld knapp, mußte ich besser haushalten. Im oder durch den Fußball erfährt man viele Dinge, die man im normalen Leben gebrauchen kann.

ELF FREUNDINNEN ?

Was machen Sie, wenn jemand aus der Reihe tanzt und sich nicht in das Team einfügen kann ?

Dieser Spielerin würde ich sagen müssen: "Es tut mir leid, du kannst gut kicken, aber ich kann dich hier nicht gebrauchen". Eine Mannschaft mit "elf Freundinnen" ist eine Illusion, aber von erwachsenen Menschen verlange ich gegenseitigen Respekt und Akzeptanz. Diese Einstellung ist besonders wichtig, wenn die Mannschaft - wie bei der WM 2003 - acht bis zwölf Wochen zusammen ist. Als Trainerin habe ich viele Möglichkeiten, Einzelspielerinnen zu einem Team zusammen zu schweißen. Generell versuche die Spielerinnen durch meine Hilfestellungen herauszufordern, damit sie zu einer Einheit zusammenwachsen und als Team auftreten lernen.

TRAININGSPLÄNE - FITNESS-CHECKS

Wieviel Einfluß haben Sie auf die Trainingspläne der Spielerinnen ?

Mit den Bundesligatrainern stehe ich in regem Kontakt, und nach den Länderspielen telefonieren wir immer. Wir überlegen dann gemeinsam, wie wir den Spielerinnen helfen können. Eine Empfehlung kann z.B. ein Zusatztraining mit Jungs sein, um das Pass-Spiel oder das Zweikampfverhalten zu verbessern.

Gibt es medizinische Untersuchungen ?

Ein Mal im Jahr schicken wir die Spielerinnen in die Sportklinik Hellersen nach Lüdenscheid, wo sie eine komplette internistische Untersuchung erhalten. Diese Informationen sind äußerst wichtig und geben dem Trainer- und Betreuungsteam den nötigen Rückhalt, um ein Fußballtraining auf höchstem Niveau durchführen zu können. Außerdem erfahren wir, ob die Spielerinnen voll belastbar sind, und worauf wir bei der Trainingssteuerung achten müssen.

Wie oft machen Sie Fitness- und Konditionstests ?

In der Vorbereitung auf die WM 2007 wollen wir öfter Tests machen, damit man Vergleiche hat. Die Fitness-Tests werden wir Anfang der Saison, in der Rückrunde und dann vielleicht noch mal im Mai, bevor die Spielerinnen in die Pause gehen, durchführen. Ca. 6 bis 8 Wochen vor der WM machen wir die letzte Untersuchung, damit - falls nötig - noch individuelle Maßnahmen ergreifen werden können. In den EM- oder WM-Jahren machen wir mehr Tests als dieses Jahr.

ZIELE DER NATIONALMANNSCHAFT

Welche Ziele haben Sie für die Nationalmannschaft ? Können Sie die Erfolge ihrer Vorgängerin fortführen ?

Die Erfolge von Tina Theune-Meyer kann man nicht übertreffen. Mit ihr wurde die Mannschaft Weltmeister und erreichte drei Mal Europameisterschaften und zwei Bronzemedaillen bei Olympischen Spielen. Nationen wie Ghana, Nigeria, Mexiko, China, Korea und Japan spielen inzwischen auch einen guten Fußball. Also bekommen wir neben Norwegen, USA, Schweden und Brasilien immer mehr Konkurrenz. Deshalb ist es mein Ziel, daß wir uns in der Weltspitze etablieren und konstant zu Besten Vier gehören.



Interview mit Renate Lingor

WARUM FUSSBALL ?

Warum sollen Mädchen gerade Fußball spielen ? Was ist das Besondere an diesem Sport ?

Weil es Spaß macht ! Sicherlich es gibt andere Sportarten, die genauso viel Spaß machen und als Kind war ich auch im Tennis-Verein. Aber Fußball als Mannschaftssportart hat mich mehr angesprochen. Es ist einfach schön, wenn du miteinander kämpfst und den Sport zusammen ausübst. Beim Fußball gehst du ins Training und davor und danach unterhältst du dich. Das ist der Vorteil gegenüber Einzelsportarten: Man ist mit seinen Freunden zusammen.

Sie stellen das gemeinschaftliche Erleben in den Vordergrund. Wie ist es mit den Inhalten des Fußball-Trainings ?

Abgesehen davon, daß das Soziale sehr gefördert wird kommen der sportlichen Seite alle Aspekte zum Tragen: Im Fußball braucht man eine gute Koordination, Schnelligkeit, Ausdauer, Kraft, Technik und psychische Faktoren spielen auch eine Rolle. Außerdem ist Fußball ein sehr komplexes Spiel, bei dem man viel Mitdenken muß, so daß es einem nie langweilig wird. Wenn ich z.B. jetzt bei der Weltmeisterschaft einen neuen Trick von einem der Stars sehe, dann werde ich den im Training auch probieren. In unserer Sportart hört man nie auf zu Lernen.

POSITION DER SPIELMACHERIN

Sie spielen in der Nationalmannschaft und beim 1. FFC Frankfurt auf der Position der Spielmacherin. Welche sind Ihre Aufgaben ?

Eine Spielmacherin oder ein Spielmacher sollte das Spiel an sich reißen und Bälle verteilen. Sie bzw. er spielt meistens im zentralen Mittelfeld und bestimmt auch das Tempo. Die Mitspieler müssen nicht auf diese Person fixiert sein, sondern ein Spielmacher zieht das gesamte Spiel automatisch auf sich, wenn er in die freien Räume geht und so die Bälle fordert. Dann wird er auch oft angespielt und wird zu einer zentralen Figur.

Was muß ein Spielmacher beim Zusammenspiel beachten ?

Man sollte wissen, wie man die Mitspieler am besten anspielt: Der eine möchte den Ball lieber in den Lauf geschickt bekommen und einen anderer Spieler möchte ihn direkt in den Fuß. Neben dem Anspiel sollte man auch das Gesamtspiel und den eigenen Einsatz einschätzen können - man muß die verschiedenen Spielsituationen immer wieder neu analysieren und danach handeln.

WELTMEISTERINNEN 2003

Sie haben Ihre Magisterarbeit über die Weltmeisterinnen von 2003 geschrieben. Worum ging es in Ihrer Arbeit ?

Die Idee dazu hatte ich schon im Januar 2003, also lange bevor wir Weltmeisterinnen geworden sind. In der Arbeit geht es um individuelle Verbesserungen im technisch-taktischen Bereich über den Verlauf der WM-Saison 2003. Mit den Trainerinnen haben wir für jede einzelne Spielerin der Nationalmannschaft besprochen, welche taktischen Aufgaben sie verbessern sollte. Jede Spielerin, die im Kader stand, bekam eine spezielle Aufgabe für die Offensive und für die Defensive.

Welche Faktoren braucht man zusätzlich zum Gewinn einer Weltmeisterschaft ?

Eine große Rolle spielt auch die Psychologie in der Mannschaft. Eine Maren Meinert, die erst zur WM zur Mannschaft stieß, hatte meines Erachtens einen sehr, sehr großen Anteil am Erfolg. Sie hat dem Team unheimliches Selbstbewußtsein gegeben und uns immer wieder gesagt, daß wir uns nur selber schlagen können, wenn wir nicht an uns glauben. Unser Rezept beim Gewinn der WM 2003 war der Teamgeist.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. & Neid, S. (2006). "Die Qualifikation zur WM 2007 ist dieses Jahr das wichtigste Ziel".
Leistungssport 36 (4), 56-60. Interview mit Renate Lingor (S.61-62)

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
www.philippka.de/front_content.php?idcat=85&r1=
www.leistungssport.net