"Ich habe großen Respekt davor, wie die Behindertensportler ihr Leben in die Hand nehmen."

Speerwerfen, Behindertensport
Steffi Nerius, Ex-Speerwerferin und Trainerin

Steffi Nerius krönte ihre langjährige Laufbahn 2009 mit dem Weltmeistertitel in Berlin. Sie wuchs im DDR-Sportsystem auf und gehört seit 1992 dem TSV Bayer 04 Leverkusen an. Während ihrer Sportkarriere schloss sie ihr Studium an der Deutschen Sporthochschule Köln erfolgreich ab und begann bereits 2002 als Trainerin für Behindertensport in ihrem Verein.

AKTIVE LAUFBAHN

Wie schätzen Sie Ihre Karriere ein und warum haben Sie sie beendet?

Insgesamt habe ich eine Super-Karriere mit einem Weltmeister-Titel in Berlin als Abschluss erlebt. Gerade im letzten Jahr konnte ich mich mit dem Gedanken, dass es das letzte Jahr ist und ich wirklich alles aus mir heraushole, noch einmal richtig motivieren. Nach 23 Jahren Leistungssport hätte ich weder die Motivation zum Weitermachen aufbringen, noch weiter werfen oder erfolgreich(er) sein können. Und wenn man seine aktive Laufbahn als Weltmeisterin, Sportlerin des Jahres und Champion des Jahres (Sportlerwahl) abschließen darf, dann ist das ein perfektes Ende.

So ein "Happy end" hört sich an wie aus einem Drehbuch. Kann man so etwas planen?

Planen kann man das nicht, aber die besten Voraussetzungen schaffen und alle möglichen Vorbereitungen treffen. Auf die WM habe ich mich so gut vorbereitet, dass ich mich vor heimischem Publikum anständig verkaufen und sagen konnte: "Ich habe an dem Tag alles herausgeholt, was in mir steckt".

TRAINING ALS ÄLTERE SPEERWERFERIN

Wie haben Sie den Weg bis zur WM erlebt und wie verliefen die Vorbereitungen?

Zu Beginn der Vorbereitungen war ich bereits gut 20 Jahre im Leistungssport und 36 Jahre alt. Um am Tag X topfit zu sein, haben wir - mein Trainer Helge Zöllkau und ich - uns auf eine Gratwanderung begeben. Es ging darum, die individuell richtige Intensität und Menge zwischen Training und Regeneration zu finden. Insofern war das letzte Jahr sehr spannend: Im Training habe ich viele persönliche Bestleistungen aufgestellt und teilweise wunderte ich mich selbst, was ich in diesem Alter noch zu leisten imstande war. Und dass ich mit 37 Jahren Weltmeisterin werden würde, hätte keiner mehr für möglich gehalten.

Hat sich Ihre Erfahrung auch auf die Trainingsinhalte ausgewirkt?

Für das Training, die Regeneration und die Wettkampfplanung war meine Erfahrung essenziell. Denn wir wussten genau, welche Übungen mir helfen, den Speer weiter zu werfen, und welche wir weglassen konnten. Übungen, die dem Speerwurf nicht direkt dienten und meine körperlichen Schwachpunkte unnütz belasteten und damit Verletzungen provozieren könnten, haben wir aussortiert. Stattdessen wählten wir körperlich zuträgliche, alternative Übungen oder Trainingsformen aus.

ERFAHRUNG - TRAININGSPLANUNG

Bekamen Sie kein schlechtes Gewissen ob des geringen Trainingsaufwands?

Dieses abgespeckte Training konnte ich mir auch deshalb "leisten", weil ich ab dem Alter von 13 Jahren auf der Jugend-Sportschule eine breite Grundlagenausbildung genossen hatte. Dort trainierte ich bis zu meinem 19. Lebensjahr zweimal täglich. Und während meines Sportstudiums ersetzte ich manche Einheit z.B. durch einen Praxis-Kurs an der Deutschen Sporthochschule Köln und kam so auf hohe Trainingsumfänge. Ich denke, von diesen Grundlagen konnte ich bis zum Schluss meiner langen aktiven Karriere zehren.

Woher wussten Sie, was Sie zu der Zeit im Training weiterbringt?

Einerseits war ich eine erfahrene Speerwerferin mit einer umfangreichen Grundlage, andererseits betrachtete ich mich als mündige Athletin. So wusste ich, was ich wollte, was mir gut tut und was nicht, welche Dinge wichtig sind, oder welche Sachen man weglassen kann. Aber so ein eigener Weg funktioniert nur, wenn man davon überzeugt ist und ihn Schritt für Schritt konsequent geht.

Woher haben Sie die Motivation und den Mut genommen?

Nur motiviert oder mutig zu sein, reicht nicht. Dazu gehört ein gutes Konzept und auf dem Weg zum Ziel sollte man auch eine Bestätigung bekommen. Wenn die Leistung stimmt, dient das als positives Feedback und es fällt einem leichter, den Weg weiterzuverfolgen.

TRAINERIN IM BEHINDERTENSPORT

Kommen wir zu Ihren Engagements als Trainerin. Wie kam es dazu, dass Sie mit der Betreuung im Behindertensport begannen?

Der TSV Bayer 04 Leverkusen ist der größte Behindertensport-Verein in Deutschland. Als ich hier anfing, gab es keinen Nachwuchsbereich im Behindertensport. Laut Jobausschreibung sollte ich ein Netzwerk für den Nachwuchs aufbauen. Es ging darum, eine Basis von behinderten (Leistungs-)Sportlern zu schaffen, aus der man schöpfen kann.

Welche Früchte hat diese Suche getragen?

Nun ja, tatsächlich bleiben bei der Suche nicht so viele Behindertensportler übrig. Aber dieses Angebot wollen wir grundsätzlich beibehalten. Hin und wieder kommen neue junge Sportler, einige halten durch und bleiben dem Sport auf Dauer erhalten. Die jungen Athleten stecken mitten in der Entwicklung und altersbedingt sind sie noch nicht so weit, dass wir sagen können "die haben es bis ganz nach oben geschafft".

Gehören die besten Behindertensportler für Sie zu der Kategorie Leistungssport?

Ja, denn sie trainieren auch jeden Tag und streben ihr persönliches Leistungslimit an. Aber im Unterschied zum Nichtbehinderten-Bereich kann ein Behindertensportler schneller in die Weltspitze vorstoßen. Ganz allgemein ist die Leistungsdichte geringer und wenn ein Athlet Talent mitbringt, kann er relativ schnell oben mitmischen.

Wie schätzen Sie Ihre Arbeit und die Erfolge mit den Behindertensportlern ein?

Für mich als Ex-Leistungssportlerin ist es ein optimaler Einstieg in die Trainerlaufbahn. Von Anfang an durfte ich Erfolge mit meinen Athleten feiern und konnte in die Aufgaben hineinwachsen. Gerade im Bereich des Behindertensports entwickeln sich die Athleten, vorausgesetzt sie kommen mit der Prothetik und ihren physischen Einschränkungen klar, durch vermehrte Bewegung und gezieltes Training schneller. Vergleichen würde ich die Geschwindigkeit der Leistungsentwicklung in diesem Bereich mit den Fortschritten im Schüler- und Jugendbereich. D.h., als Trainer im Behindertensport erhält man durch die Entwicklung der Athleten und ihre Erfolge eine durchweg positive Rückmeldung - und das motiviert!

TRAINERIN IM SPEERWERFEN

Letztes Jahr haben Sie einen Trainer-Job im Speerwerfen übernommen. Welche Aufgaben haben Sie dort?

Meine Aufgaben liegen in der Betreuung des C- und C/D-Kader-Bereichs und das Engagement auf Honorarbasis begann am 1.10.2011. Vorgesehen ist, dass ich fünf Wettkämpfe, zwei Wochenend-Lehrgänge und ein einwöchiges Trainingslager mit den jungen Speerwerferinnen durchführe. Hinzu kommt der laufende Kontakt mit den Athleten und ihren Heimtrainern.

Haben Sie in der kurzen Zeit schon einen Eindruck oder eine Meinung zu der neuen Aufgabe im Speerwerfen?

Den Trainer-Job im Speerwerfen finde ich sehr spannend, denn bei der Arbeit mit dem Nachwuchs-C- und -C/D-Kader-Bereich kann man als Bundestrainerin noch mehr direkten Einfluss auf die Athleten und ihre Leistungsentwicklung nehmen. In diesem Alter sind die Speerwerfer auch (sehr) wissbegierig und offen für Ratschläge aus meinem Erfahrungsschatz.

DLV - SITUATION IN DEN DISZIPLINEN

Speerwerfen und die anderen Wurf-Disziplinen gehören zu den erfolgreichsten Disziplinen im DLV. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Diese Frage wurde in letzter Zeit häufig gestellt und ich glaube, dass es vielfältige Gründe für die momentane Situation gibt. Sicherlich kenne ich mich im Wurfbereich bzw. Speerwerfen viel besser aus als in den anderen Disziplinen der Leichtathletik. In den Lauf- und Sprung-Disziplinen habe ich lediglich bei der A-Trainer-Ausbildung und als Trainerin im Behindertensport einige Erfahrungen und Beobachtungen gemacht.

Was haben Sie dabei festgestellt?

Wenn man sich mit Trainern aus dem Lauf- oder Sprungbereich unterhält, haben sie in Bezug auf Trainingsinhalte, Jahresplanung oder bei ihrer Trainingsauffassung unterschiedliche Meinungen und Vorgehensweisen. Diese vielfältigen Meinungen haben mich überrascht und waren für mich leicht verwirrend, was die praktische Umsetzung für meine Arbeit in den Lauf- und Sprungdisziplinen im Behindertensport anging.

MITEINANDER IN DEN WURFDISZIPLINEN

Und wie ist das bei den Werfern?

Soweit ich es erleben konnte als Athletin, im Kontakt mit den anderen Wurf-Disziplinen und heutzutage als Trainerin, besteht bei den Werfern Einigkeit über trainingsbezogene Themen und die Trainingsauffassungen. Wenn wir zum Trainingslager zur "Teamwoche Wurf" fahren, steht in allen Disziplinen zur gleichen Zeit z.B. Krafttraining auf dem Programm. Im Januar findet auch bei allen Wurfdisziplinen die Kraft-Leistungs-Diagnostik (KLD) statt und diese Daten werden fortlaufend gespeichert.

Welchen Umgang pflegen die Werfer miteinander?

Bei Trainer-Fortbildungen oder -Konferenzen tauschen sich die Trainer der Wurf-Disziplinen regelmäßig untereinander aus. Dort stellen die einzelnen Trainer-Athleten-Teams ihre Arbeit vor und diskutieren über die Entwicklungen der Athleten. Das letzte Mal kam der Herren-Speerwurf-Bundestrainer Boris Henry und erzählte von der Zusammenarbeit mit Matthias De Zordo (Speerwurf-Weltmeister in Daegu 2011) und dessen Entwicklung. Für den Bereich Nachwuchs berichtete Dieter Kollark über sein Training mit Anna Rüh, einer jungen Diskuswerferin ...

... das hört sich für mich an wie: "Die Werfer wissen, was sie tun, und arbeiten gemeinsam an der Entwicklung ihrer Athleten".

Ja, zumindest ist das mein Eindruck aus der Welt der Werfer und so erlebe ich die Zusammenarbeit in dem Bereich der Wurfdisziplinen. Insgesamt habe ich das Gefühl, man spricht die gleiche Sprache und arbeitet auf die gleichen Ziele hin. Aber ob das reicht, um sich in der Weltspitze zu bewegen, oder ob im Wurfbereich alles perfekt läuft, kann ich nicht beurteilen. Sicherlich braucht es auch etwas Glück, motivierte und ehrgeizige Athleten zu haben, die sich auf ein langjähriges Training einlassen und den maximalen Erfolg anstreben.

Vielen Dank für das interessante Gespräch über Ihre vielfältigen Erfahrungen als Athletin und Trainerin. Wir wünschen Ihnen viel Elan und Kraft für alle Ihre Aufgaben in der Leichtathletik!

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2012). "Ich habe großen Respekt davor, wie die Behindertensportler ihr Leben in die Hand nehmen."
Leistungssport, 42 (3), S. 50-54.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
http://philippka.de/index.php?id=148
www.leistungssport.net