„Meiner Meinung nach hat jedes Fördersystem Grenzen, man kann die Weltspitze nicht ‚produzieren‘.“

Golf
Marcus Neumann, Bundestrainer Damen im Deutschen Golf-Verband

Marcus Neumann ist ausgebildeter PGA-Professional, A-Trainer Golf und erwarb überdies den Diplom-Trainer-Schein an der Trainer-Akademie (2000). Seit 2000 arbeitet er als Bundestrainer Damen mit den Top-Amateur-Golferinnen des Deutschen Golf Verbandes (DGV).

AUFGABEN ALS BUNDESTRAINER

Seit 10 Jahren sind Sie Bundestrainer der Golferinnen. Können Sie uns Ihre Trainingsgruppen beschreiben?

Meine zentrale Aufgabe ist die Trainerarbeit mit dem Bundeskader Damen, allesamt Amateure ab 18 Jahren (in Ausnahmen schon ab 17 Jahren). Dieser Damenkader besteht aus maximal zehn Spielerinnen, die bundesweit trainings- und wettkampftechnisch in ihren Vereinen beheimatet sind. Außerdem betreuen wir eine kleine Gruppe von Athletinnen im Anschlusskader, die eine mittelfristige Perspektive für den Spitzenbereich haben, beispielsweise gerade im Abi stecken oder nach einer Verletzung wieder Anschluss an die europäische Elite suchen.

Wie, wann und wo arbeiten Sie mit den Kader-Spielerinnen?

In möglichst enger Abstimmung mit den Heimtrainern arbeiten wir im Bundeskader vorrangig an den leistungsbestimmenden Faktoren, die zu Hause während der Vorbereitungsphase im Winter nicht oder nur eingeschränkt trainiert werden können. Zu diesen Faktoren zählt neben taktischen Aspekten z.B. das situative Arbeiten auf den und um die Grüns herum. Da das Team vorwiegend international agiert, sind die Wettspielbetreuung und das Coaching der Spielerinnen als Team Kernaufgaben der Bundestrainer.

In welchen Phasen betreuen Sie die Kader-Spielerinnen direkt?

Den Nationalkader betreue ich bei Lehrgängen und bei nationalen und internationalen Wettkämpfen. Darüber hinaus besuche ich die Athletinnen in ihren Heimatvereinen, um dort gemeinsam mit ihrem Trainer zu trainieren. Bei diesen Treffen sprechen wir Trainingsinhalte, die Belastungsgestaltung und die Ziele ab. Die enge und kontinuierliche Kommunikation mit den Heimtrainern ist ein Erfolgsgarant für die Leistungen der Spielerinnen.

MARTIN KAYMER – DGV-FÖRDERSYSTEM

Offensichtlich leistet der DGV gute Arbeit – Martin Kaymer ist die Nr. 1 der Golf-Weltrangliste!

Martin Kaymer ist nach Bernhard Langer und seinen großen Erfolgen auf den PGA-Touren (u.a. zwei Masters-Siege in Augusta) die zweite deutsche Nr. 1 der Welt. Dem deutschen Golf in seiner sportlichen Erscheinung und Entwicklung geben Martins Erfolge natürlich einen weiteren Schub.

Welche Schlüsse kann man aus dem Beispiel Martin Kaymer für das DGV-Fördersystem ziehen?

Meiner Meinung nach hat jedes Fördersystem Grenzen, man kann die Weltspitze nicht "produzieren". Ab einem gewissen Niveau gibt es keine Erfolgsregeln mehr. Deshalb dürfen wir einen Martin Kaymer nicht nur kopieren wollen und behaupten: „So muss man also sein, dann wird man erfolgreich“. Dennoch ist er inzwischen ein überaus vorbildlicher und ebenso erfolgreicher Athlet und wir können viel von ihm lernen ...

EIGENSCHAFTEN VON SPITZENGOLFERN

Welche Dinge kann man von Spitzengolfern lernen?

Kaymer – wie z.B. auch Langer – verhalten sich auf dem Platz sehr ruhig, stets konzentriert und wirken manchmal fast phlegmatisch. Auch tragen sie Emotionen nicht zur Schau – weder Ärger noch Freude. Solches spiel- und offensichtlich erfolgsförderliches Verhalten der emotionalen Regulation können wir dort beobachten und in individuelle Strategien umsetzen. Aber es gibt noch eine andere Eigenschaft, die ich ganz hoch einschätze: Absolute Top-Spieler wie Tiger Woods, Annika Sørenstam oder jetzt Martin Kaymer haben eine besondere Leidenschaft für ihre Tätigkeit und sehen ihren Beruf als Berufung. Sie leben, lieben und inhalieren Golf, widmen sich ihrem Sport zu 101 Prozent und fragen sich permanent: "Was kann ich heute tun, um morgen die Nr.1 zu sein?" – alles Andere steht hinten an!

Warum betonen Sie diese Leidenschaft so?

Bei außergewöhnlichen Top-Athleten stehen Talent, Wille und Disziplin in einem besonderen Verhältnis. Sie nutzen ihre Fähigkeiten und sind bereit, sehr hart zu arbeiten, bzw. haben auf dem Weg zur Spitze sicher auch gelitten und manche Grenzen und Widerstände überwinden müssen. Solche Spieler können einem noch so monotonen Training einen Reiz abgewinnen, wenn sie überzeugt davon sind, dass es ein Baustein auf dem Weg zum Ziel ist.

VOM TALENT ZUM SPITZENGOLFER

Nehmen wir an, wir haben ein diszpliniertes Talent, das bereit ist, viele, viele Stunden Training auf der „Driving Range“ zu verbringen, und auf stabile Schläge vertrauen kann. Was folgt als nächster Schritt?

Mit diesen Voraussetzungen ist man für das Spiel zunächst sicher gut gerüstet. Aber auf dem Platz herrscht eine „Einmaligkeit der Bewegungsaufgabe“, die einen Golfer jedes Mal vor eine neue komplexe Herausforderung stellt. So muss über jahrelanges qualitatives Training und eine große Wettspielerfahrung ein Kompendium an Situationslösungen angesammelt werden, um über einen längeren Zeitraum oben mitspielen zu können. So erklärt sich auch das relativ hohe Höchstleistungsalter bei Top-Golfern von 30 bis 35 Jahren.

Was empfehlen Sie angehenden Spitzengolfern?

Die „Driving Range“ ist für Spitzengolfer zweifellos ein wichtiger Trainingsort, aber auf dem Platz finden der Techniktransfer und letztendlich die Performance statt. D.h., neben einem soliden Techniktraining brauchen wir viel situatives Training, um die komplexe Spielkompetenz auszuprägen. Wesentlich im Training ist zudem, dass man Wettkampfsituationen und mentalen Druck so förderlich und so oft wie möglich einbaut.

Sie sprechen von vielen Faktoren, die bei der Entwicklung eines Top-Spielers wichtig sind – welche Einflüsse gibt es noch?

Neben der Disziplin, der Leidenschaft für das Training und den Schlagqualitäten spielen psychische Eigenschaften des Spielers eine große Rolle. Um im Golf Präzision und Konstanz über einen längeren Zeitraum zu entwickeln und umsetzen zu können, muss ein Jugendlicher z.B. eine hohe Konzentrationsfähigkeit erwerben und lernen, mit Drucksituationen umzugehen. Insgesamt erfordert Golfen eine hohe Lernfähigkeit und die Bereitschaft zum bzw. die Lust am lebenslangen Lernen.

ZUSAMMENARBEIT SPIELER – TRAINER - UMFELD

Bisher haben wir uns über die Spieler und ihre Entwicklung unterhalten. Welche Bedeutung kommt der Beziehung Spieler – Trainer im Golf zu?

Golf ist vorrangig eine technomotorische Sportart und ein Trainer übt über seine Hinweise, Instruktionen und Vorgaben großen Einfluss auf die Bewegungsausführung seiner Athleten aus. Bei der Zusammenarbeit handelt es sich um eine sehr sensible Beziehung und ein Spieler kann leicht in ein Dilemma geraten, wenn er mit mehreren Trainern arbeiten soll. Manchmal ergibt sich die Situation, dass Kader-Spieler zwischen den Ratschlägen von einem Heim-, Stützpunkt-, Landes- und eventuell noch einem Bundestrainer auswählen müssen.

Kann ein Jugendlicher schon unterscheiden, welche Ratschläge für ihn tauglich sind?

Es kommt darauf an, wie alt und erfahren ein Jugendlicher im Umgang mit Trainern ist. Je jünger, desto schwieriger gestaltet sich die Situation und desto empfindlicher sind die Spieler. Zusätzlich versuchen in vielen Fällen auch noch die Eltern und andere „Hilfstrainer“ an der Schwungtechnik zu feilen. Bei so viel Hilfe und Unterstützung neigen Jugendliche dazu, höflich zuzuhören und allen Ratschlägen gerecht zu werden – und dann nimmt die Verwirrung ihren Lauf ...

... wie kann man diese Situation entwirren?

Wir bzw. das Betreuungsumfeld muss diese Situation unbedingt entfrachten und für den Jugendlichen überschaubar machen. Klare Absprachen und eine gut gepflegte Kommunikationskultur unter den Betreuern sind unerlässlich! Von Seiten des DGV wollen wir die Rahmenbedingungen vereinfachen und den Spielern die Möglichkeit geben, über lange Zeit mit dem Trainer ihrer Wahl zu arbeiten. Selbst wenn sich ein Jugendlicher in den Kader-Strukturen weiter entwickelt, soll er seinem Heimtrainer treu bleiben dürfen.

TRAININGSINHALTE UND – ORGANISATION

Sie hatten über Techniktraining auf der „Driving Range“ und dem Spielen auf dem Platz gesprochen. Welche Aspekte eines Trainings sind Ihnen noch wichtig?

Jede Trainingseinheit soll einem Spitzenspieler etwas bringen, auch wenn der Fortschritt manchmal nicht sofort erkenn- oder spürbar ist. Die Trainingseffekte müssen langfristig angestrebt werden und die Wettkampf- und Trainingsplanungen sollten sich an den Zielen der Spieler orientieren. Während des Trainings sollte die Kommunikation zwischen Trainer und Spieler auf die nötigsten bzw. wichtigsten Aspekte beschränkt werden. Interventionen sollten sparsam und bedarfsgerecht eingesetzt werden. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, versuche ich, möglichst viel Training zu inszenieren ...

... was gehört zu einer „Inszenierung eines Trainings“ ?

Lernen heißt für mich ganz allgemein, durch Üben auf ein höheres Funktionsniveau zu gelangen. Bezogen auf das Golfen bedeutet dies, dass ein Spieler in der Lage ist, auf alle Aufgaben in einer Golfrunde eine passende Bewegungsantwort zu haben. Daher verfolge ich mit meinem Training möglichst oft den „situativen Ansatz“ des Lernens. Wenn wir beispielsweise auf dem Platz trainieren, versuche ich Einmaligkeitsituationen und/oder Druck einzubauen bzw. im Training zu inszenieren.

Welche Effekte möchten Sie mit der Inszenierung erreichen?

Ein gut inszeniertes Training zielt darauf ab, stets Abwechslung in die Einheiten zu bringen, aber auch die Spieler für ihre eigenen Aufgaben – selbst im Rahmen eines Gruppentrainings – zu sensibilisieren. Jeder Golfer bekommt z.B. im Situationstraining ein eigenes Aufgabenblatt und geht damit über den Platz. Gerne isoliere ich Schlagaufgaben auf dem Platz, indem ich bei jedem Loch bestimmte Situationsaufgaben stelle, die erfüllt werden müssen.

GOLF ALS OLYMPISCHE SPORTART

Lassen Sie uns in die Zukunft des Golfsports schauen. Bei den Olympischen Spielen 2016 wird Golf gespielt ...

... die Entscheidung, Golf in die Reihe der olympischen Sportarten aufzunehmen, hat uns sehr gefreut. In Rio de Janeiro 2016 sollen die ersten 60 der Damen- und Herren-Weltrangliste antreten. Ich persönlich denke, und da bin ich nicht allein mit dieser Meinung, dass man den bisher vorgeschlagenen Modus – das übliche Vier-Tage-Zählspiel – nochmals überarbeiten sollte. Golf sollte gerade zu Beginn seiner olympischen Geschichte mit einem attraktiven, emotional ansprechenden Spielmodus überzeugen. Oder man (er-)findet im Sinne der Zuschauer neue, interessante und telegene Wettkampfformen, an die man im Moment noch nicht denkt. Damit könnte man das tradierte Bild des herrschaftlich erscheinenden Golfsports verjüngen.

Wie viele Disziplinen stehen auf dem Plan der OS 2016?

Momentan soll es ein Damen- und eine Herren-Turnier geben. Ich hoffe aber noch auf eine größere Anzahl von Wettbewerben, z.B. im Vierer und Mixed, sodass wir in mehr als einer Disziplin vertreten sein werden. Zum einen ist die Anzahl der Medaillen ein wichtiger Faktor für die öffentliche Wahrnehmung. Außerdem betrachte ich die Olympischen Spiele als große Chance für die Weiterentwicklung und Diversifizierung unseres Sports.

Danke für das interessante Gespräch über die zukünftige Olympia-Sportart Golf. Wir wünschen Ihnen alles Gute für die Weiterentwicklung des Golfs als Leistungssport.

Autorin:
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle:
Pfaff, E. (2011). „Meiner Meinung nach hat jedes Fördersystem Grenzen, man kann die Weltspitze nicht ‚produzieren‘.“ Leistungssport, 41 (3), S. 40-45.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
www. philippka.de/index.php?id=148
www.leistungssport.net