"Die großen Spieler waren den ganzen Tag auf der Anlage und haben ihre Freizeit dort verbracht"

Hockey
Bernhard Peters, Bundestrainer im DHB

ENTWICKLUNGEN IM HOCKEY

Hockey hat sich in den letzten Jahren - nicht zuletzt durch den Umstieg von Natur- auf Kunstrasen - rasant weiterentwickelt.

Das ganze Spiel hat sich enorm verändert. Es ist durch die Nylonkunstrasenplätze wesentlich schneller und präziser geworden. Auch dadurch, daß das Spielfeld verlängert wurde, haben sich die Spieler athletisch verbessert.

Wie meinen Sie das, "das Spielfeld wurde verlängert" ?

Das Spielfeld ist insofern länger geworden, als die Abseitsregelung aufgehoben wurde. Damit ist die Spielfläche größer und um ungefähr 25 Meter länger geworden. Hockey ist ohne Abseits intensiver geworden.

Was bedeutet das für die Spieler und ihre Laufarbeit ?

Das erfordert eine enorme Fitneß der Spieler für die Antrittsschnelligkeit über die ersten 5 bis 15 Meter, aber auch über die längeren Sprintstrecken. Wenn man die Olympiamannschaft von 1992, das Team der Weltmeisterschaft von 2002 und die Mannschaft von 2006 vergleicht, dann ist das Tempo geradezu explodiert. Das läßt sich auch an der Laufgeschwindigkeit der Spieler über 30 Meter feststellen.

Kann man diese Entwicklung an weiteren Daten festmachen ?

Seit wir ohne Abseits spielen, hat auch die Anzahl der Tore enorm zugenommen. Statistisch gesehen, muß eine Mannschaft drei Tore schießen, um ein Spiel zu gewinnen. Ein weiteres Maß ist die effektive Spielzeit, die heute weit über 50% liegt. Der Ball bleibt viel mehr im Spiel, die Spieler sind - durch den Kunstrasen - kombinationssicherer. Außerdem werden heute Ballkinder eingesetzt, die die "toten", spielfreien Zeiträume verkürzen. Eine weitere Forcierung des Spiel-Tempos kam durch das Interchanging zustande.

LEISTUNGSAUFBAU UND TRAININGSINHALTE

Wie wirkt sich die wachsende Zahl der Wettkämpfe auf den grundsätzlichen Leistungsaufbau aus ?

Unser Wettkampfsystem beinhaltet die Hallen- und Feld-Hockey-Bundesliga und dazu kommt noch die Aufbauarbeit der Nationalmannschaft für Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften. Für unsere Spitzenspieler gibt es eigentlich zu wenig systematische Aufbauphasen und Zeit für Regeneration. Das trifft auch und gerade auf die jungen Spieler zu. Es ist ein großes Problem, wenn man nie ruhige Aufbau- und Kompensationsphasen hat. Aber dieses Problem fällt nur deshalb nicht so eklatant auf, weil der gesamte Hochleistungssport im gleichen Dilemma steckt.

Auf welche Inhalte legen Sie beim Konditionstraining Wert ?

Im Hockey machen wir sehr viel auf dem Platz - wir trainieren sportartspezifische und komplexe Handlungsschnelligkeit. Parallel dazu müssen wir kompensatorisch im Ausdauerbereich, der Stabilität und an der Erhöhung der Maximalkraft arbeiten. Das ist ein umfangreiches Programm, das aber auch während der Bundesliga-Saison durchgezogen wird. Meine Spieler machen vier bis fünf zusätzliche Einheiten pro Woche.

Wie funktioniert komplexes Training ?

Beim modernen taktischen Training geht es immer um komplexe Handlungsmuster, um Wenn-dann-Beziehungen. Für bestimmte Aktionen unserer Gegner entwickeln wir Verhaltensmuster unserer Spieler. Das Komplextraining richtet sich nach den Erfordernissen des Spiels und entsteht aufgrund der Analyse von Situationen. Diese Trainingsformen entwickeln wir anhand von Videoanalysen. Aus den Aufnahmen suchen wir verschiedene Spielsituationen aus, machen ein Standbild, zeichnen die Situation ab und bereiten daraus eine Übung methodisch auf.

Das ist ja wie ein großes Puzzle, ein großes Spielsystem, das Sie zusammensetzen.

Ja, genau. Wir versuchen eine Symbiose zwischen dem intuitivem Spiel und speziellen gruppentaktischen Abläufen zwischen Angriff und Konter zu erreichen. Das gelingt, wenn wir die richtige Mischung von individual-taktischen Fähigkeiten, technischen Automatismen und komplexen Training finden. Wir haben zwar einen taktischen Rahmen, aber ein Spieler muß immer wieder seine Fähigkeiten einsetzen und die Situationen individuell nutzen. Ob das beim Eindringen in den Schußkreis oder beim Herausholen einer Ecke ist, wir brauchen individuelle Aktionen.

EINSATZ VON FUNK UND VIDEO

Während eines Spiels arbeiten Sie mit Funk - wie funktioniert das ?

Wir - der Videomann, zwei Co-Trainer und ich - sind über einen Router mit vier Funkverbindungen verkabelt. So sind wir immer untereinander erreichbar und sprechen uns ab. Neben mir auf der Bank sitzt der Manager. Er ist für Coaching und das Auswechseln zuständig. In der Halbzeit wird intensiv gecoacht. Die Co-Trainer zeigen vor allem die Ecken auf Video und besprechen die Situationen. Damit stimmen wir die Spezialisten auf die zweite Halbzeit ein und geben ihnen genaue Anweisungen.

Welche weiteren Betreuer arbeiten während eines Turniers mit der Mannschaft?

Wir haben Athletik- und Spezialtrainer, die uns während des Turniers im Hintergrund zuarbeiten. Sie machen z.B. die Spielanalysen und kümmern sich um die Vor- und Nachbereitung der Spiele. Im Hockey gehören diese intensiven Videoanalysen schon seit Jahren dazu. Das ist in der Weltspitze üblich und wir bilden da keine Ausnahme.

ZUSAMMENARBEIT MIT SPORTPSYCHOLOGEN

Setzen Sie im Zuge der Vorbereitung auf die WM wieder einen Sportpsychologen ein ?

Ja, Hans-Dieter Hermann arbeitet jetzt bei uns im Prozeß der mentalen Steuerung. Das betrifft den Bereich der Zielbestimmung, der Entspannung, das Visualisieren von Techniken und das mentale Vorbereiten von taktischen Abläufen. Insgesamt geht darum, die optimale Leistungsbereitschaft der Spieler zu erreichen. Die psychologische Betreuung läuft in einem ständigen Prozeß, der die sportartspezifischen Maßnahmen in Richtung Weltmeisterschaft begleitet und unterstützt.

Wie haben Sie als Trainer gelernt, zur richtigen Zeit das optimale Coaching anzuwenden ?

Im Trainerberuf gehört es auch dazu, sich und seine Arbeit zu hinterfragen. Von der Zusammenarbeit mit den Sportpsychologen habe ich enorm profitiert; das ist ein erheblicher Bestandteil unserer Arbeit. Sie haben mein Coaching unter die Lupe genommen, es wurde auf Video aufgenommen und dann haben wir darüber gesprochen. Meine Aufgaben als Trainer überschreiten heute die rein fachliche Ebene der Trainingswissenschaft. Im Trainerberuf spielen die Bereiche Kommunikation und Führungsverhalten eine immer größere Rolle und ein bedeutender Teil meiner Funktion liegt in der "emotionalen Arbeit".

TRAINING MIT KINDERN UND JUGENDLICHEN

Wie können wir die Kinder und Jugendlichen für Sport begeistern?

Wir müssen unsere Philosophie vom Training mit Kindern neu konzipieren und Wettkämpfe schaffen, damit Kinder erst einmal an den Sport herangeführt werden. Im Mittelpunkt stehen Allgemein-Motorisches mit kleinen Wettkämpfen, wobei Kinder nicht zu früh auf eine Sportart festlegt werden sollten. Im Hockey versuchen wir frühzeitig die Entwicklung zu beeinflussen und es gibt gute Ansätze. Wir haben ein Wettkampfsystem, das die spielerische Entwicklung der Spielintelligenz bei kleinen Kindern über die Spielform 3-gegen-3 auf kleine Tore anspricht. Außerdem spielen sie Basketball, machen Hindernisstaffeln und Prellslaloms.

Ich glaube, es gibt im Kinder- und Jugendsport noch viel zu tun...

... Ja, und da müssen wir komplett umdenken. Die letzten 20 Jahre haben wir viel Zeit verloren, und deshalb wird es höchste Zeit, paßgenaue Lösungen zu finden und den Deutschen Sport in allen Alters- und Leistungsklassen weiterzuentwickeln .

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. & Peters, B. (2006). "Die großen Spieler waren den ganzen Tag auf der Anlage und haben ihre Freizeit dort verbracht" Leistungssport 36 (6), 6-10.

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