"Segeln erfordert eine Ganzkörperleistung."

Interview mit Thomas Piesker
Bundestrainer Laser Radial, Deutscher Segler-Verband (DSV).

Thomas Piesker (34) war aktiver Segler und begann bereits 2002 während seines Sport-Studiums als Trainer im Berliner Segler-Verband zu arbeiten. Ende 2004 stieg er in die Betreuung mit den Laser-Frauen als Bundeshonorartrainer ein, seit 2007 zeichnet er als Bundestrainer Einhand verantwortlich für die Frauen- (Radial-) und Männer- (Standard-) Teams. Seit 2008 liegt der Schwerpunkt seiner Trainingsarbeit bei den Herren. Wir trafen Thomas Piesker kurz vor seiner Abreise zu den Olympischen Spielen 2012 (in Weymouth) in Kiel und sprachen über sein Engagement als Bundestrainer und die Arbeit mit den Spitzenseglern im DSV.

EIGENE TRAINERKARRIERE

Sie sind schon früh ins Trainergeschäft eingestiegen. Was bedeutet Ihnen der Leistungssport und welche Konsequenzen hatte das für Ihre Trainerkarriere?

Solange ich denken kann, habe ich entweder Leistungssport betrieben oder hatte damit zu tun. Mir hat der Sport viel gegeben und meine Arbeit als Trainer hat mir einen hohen Anspruch und große Motivation eingebracht. Wenn ich an die letzten Jahre zurückdenke, gab es kein Halten. Im Gegenteil, meinen Aufgaben und dem Aufbau unseres Systems am Stützpunkt in Kiel hatte ich mich so sehr verschrieben, dass andere Dinge absolut hinter der Arbeit zurückstanden.

Was haben Sie für die Laser-Segler am Stützpunkt in Kiel aufgebaut?

Als ich 2005 nach Kiel kam, musste der Stützpunkt zunächst mit Leben gefüllt werden. Ich war der einzige Einhand-Trainer am Stützpunkt und betreute anfangs fünf Athletinnen. Später trug ich die Verantwortung für bis zu 15 Athletinnen und Athleten und hatte die Betreuung aller Gruppen der A/B/C-Kader-Athleten, Frauen wie Männer vom Junioren- bis Seniorenalter, inne. In den letzten 8 Jahren haben wir so den Aufbau eines funktionierenden Systems für die Laser-Segler erreicht. Langsam fängt der Stützpunkt an zu leben und erhält Akzeptanz beim DSV und den Landesverbänden.

Welche Veränderungen gab nach dem Aufbau des Stützpunkts für Sie und Ihre Arbeit?

Während ich früher teilweise 6 bis 7 Stunden auf dem Wasser verbrachte, teilen wir uns heute die Aufgaben auf. Dadurch erhalten die Athleten eine bessere Betreuung und die Entwicklungsreize in der Zusammenarbeit können individueller und gezielter gesetzt werden. In den vergangenen 4 Jahren konnten wir Schritt für Schritt das Betreuungssystem entwickeln. Inzwischen kooperiere ich mit drei Honorar-Trainern, von denen zwei in Kiel leben und mich beim täglichen Training unterstützen. So kann ich mich mehr auf die Arbeit mit unseren beiden Top-Laser-Seglern, Simon Grotelüschen und Philipp Buhl, konzentrieren.

PERSÖNLICHER AUFWAND ALS BUNDESTRAINER

Das hört sich nach aufwändiger Aufbauarbeit an, die sich in den Erfolgen Ihrer Laser-Segler zeigt. Wie schätzen Sie Ihren persönlichen Aufwand ein?

Die Erfolge sind eine schöne Bestätigung der langjährigen Arbeit. Nach den Olympischen Spielen, auf die wir intensiv hingearbeitet haben, werde ich eine Pause einlegen, meine persönliche Situation analysieren und überdenken, wie es weitergehen kann. Inzwischen merke ich nämlich, dass ich das Engagement nicht mehr in dem bisherigen Maß leisten kann. Ich denke, auch ich muss mich in Zukunft an die Gegebenheiten und die kommenden sportlichen Ziele anpassen. Trotz aller Begeisterung für den Sport sollte ein Trainer eine gesunde Mischung zwischen Belastung - u.a. gehören etwa 180 bis 200 Reisetage pro Jahr zu meiner Arbeit - und Erholung finden.

Welche Aufgaben fallen in Bezug auf das tägliche Training an?

Einen großen Teil meiner Zeit verbringe ich auf dem Wasser. Denn unsere Segler lassen wir, gerade bei schwierigen Wind- und Wetterbedingungen und aufgrund von Sicherheits- und Sicherungsaspekten, nicht allein beim Training. Die laufende Trainings- und Wettkampfplanung gehören auch zu meinen Aufgaben, genauso wie die Planung zukünftiger Prozesse. Leider bleibt bei der Menge an Arbeit selten Zeit, neue Inhalte auszuprobieren oder sich um den wissenschafltichen Fortschritt des Laser-Segelns zu kümmern.

ERFOLGE DES LASER-TEAMS

Wie schätzen Sie diesen Erfolg des Teams ein ?

Es macht mich glücklich und stolz, dass es unserem Team gelungen ist, Simon quasi als "vorzeigenswertes Produkt" unserer Arbeit hervorzubringen. Dazu hat Philipp Buhl in seinem Kielwasser den Weg in die Weltklasse schneller als die anderen geschafft. So eine Teamarbeit funktioniert nicht in allen Disziplinen, insofern muss ich den Jungs großen Respekt zollen, wie sie sich persönlich zusammengefunden haben und so einen Elan in der Vorbereitung aufgebracht haben.

Gibt es weitere Faktoren, auf die Sie diese positive Entwicklung Ihrer Athleten zurückführen?

Im Segeln spielt die Erfahrung eine große Rolle. Die Älteren haben meistens gelernt, u.a. besser mit Fehlern umzugehen und sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Dagegen reagieren die "jungen Wilden" mehr auf Unwägbarkeiten und verlieren schon mal den Kopf. Beispielsweise erlebte Simon ein solches Problem bereits 2007: nach zwei Fehlern in der Wettfahrt brach er ein und verpasste die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2008. Daraus hat er viel gelernt und kann schwierige Situationen konstruktiv(er) meistern. Aus meiner Sicht half ihm nicht nur die sportliche Leistungsfähigkeit, sondern auch die Erfahrung, unter Druck Leistung zu bringen.

PERIODISIERUNG - TRAININGSINHALTE

Arbeiten Sie in Perioden und welche Inhalte werden darin bearbeitet?

Wir richten unsere Trainingsinhalte weiterhin durch eine Periodisierung auf die Saisonhöhepunkte aus. Anfang dieses Jahres begannen wir mit einem Maximalkraftzyklus, der auf die Verbesserung der intra- und intermuskulären Koordination abzielte. Danach folgten im konditionellen Bereich Inhalte zum Kraftausdauer-Bereich. Parallel dazu fließt das Wassertraining in das Programm ein. In den Wintermonaten fahren wir blockweise zu Trainingsmaßnahmen in sonnigere Reviere. Ab April/Mai trainieren wir wieder in Kiel und intensivieren das Wassertraining. Während der Wettkampfsaison machen wir ein erhaltendes Konditionstraining.

Welchen Stellenwert haben das Techniktraining und die Handhabung des Boots in der Laser-Klasse?

Techniktraining ist ein essentieller Bestandteil des Trainings und verschiedene methodisch-didaktische Prinzipien sind Teil des Leistungsaufbaus. Das fängt z.B. mit dem Geradeausfahren und dem Erreichen einer guten Bootsgeschwindigkeit an. Darauf aufbauend trainieren wir die Manöver, zu denen Wenden, Halsen, Tonnenrundungen, aber auch Übungen zum Start, wie Position halten oder auch Anfahren/Beschleunigen, gehören. Alle diese Elemente werden als Teil des Leistungsaufbaus neben der Fahrtechnik in der Wettkampfsimulation zusammengeführt und als Komplexübung trainiert.

TECHNISCH-KOMPOSITORISCHE SPORTART

Wo würden Sie das Laser-Segeln als Sportart einstufen und was bedeutet es für Sie?

Segeln gehört aus meiner Sicht zu den technisch-kompositorischen Sportarten. Aufgrund der wechselnden Bedingungen und den Gegebenheiten im Wettkampf bietet Segeln eine Mischung aus Chance und Risiko. Manchmal sieht man gar nichts auf dem Wasser, hat gar keine Indikatoren und muss sich komplett auf sein Gefühl verlassen. Diese Unwägbarkeiten sind für mich das Schöne am Segeln und machen das Ganze spannend.

Gibt es Sportarten, bei denen Sie sich etwas abschauen können?

Anregungen und Ideen hole ich mir u.a. aus den Spielsportarten. In unserem Sport bewegen wir auf einem ähnlichen Spielfeld und können bei einem Blick über den Tellerrand dort Dinge aus dem taktisch-strategischen Bereich lernen.

Wie können die Trainer bei der Vermittlung der Anforderungen mitwirken?

Tatsächlich muss ein erfolgreicher Segler viele Erfahrungen sammeln und lernen, mit den verschiedenen Bedingungen auf dem Wasser und in einem Wettkampf zurecht zu kommen. Als Trainer versuchen wir wichtige Anhaltspunkte zu kommunizieren, damit der Athlet weiß: "In dieser Situation muss der und der Impuls kommen". Oder: "Ich muss Ruderarbeit machen oder den Anstellwinkel vom Segel zum Wind einrichten, damit ich maximale Geschwindigkeit erziele". Aber die meisten Aktionen bleiben dem (Körper-)Gefühl des Seglers und seiner Antizipation der Bedingungen überlassen.

KRAFTTRAINING - INHALTE

Mich erstaunt, wie viel Kraft und Kraftausdauer Segler brauchen. Welche Art von Krafttraining machen Sie während der Saison?

Viel von unserem Konditionstraining findet auf dem Wasser selbst statt. Welche Inhalte wir dort machen, hängt von den Bedingungen ab. Bei wenig Wind trainieren wir mehr das Gefühl und koordinative Elemente. Kraftausdauer und Ausdauer braucht ein Segler bei mittlerem bis starkem Wind, um lange genug durchzuhalten. Über die Saison hinweg machen wir an Land nur erhaltendes Krafttraining. Das geschieht ein- bis zweimal wöchentlich, je nachdem welche Muskelgruppen gezielter trainiert werden sollen. Meist findet das sogenannte Hängetraining in Form eines Zirkeltrainings statt, bei dem ein Zirkel ungefähr der Gesamtbelastung einer Kreuzlänge entspricht.

Das hört sich nach einem knallharten Training an!

Segeln erfordert eine Ganzkörperleistung. Leider kann ein Laie nur schwer erkennen, wie körperlich herausfordernd unser Sport ist. Und das Spiel mit dem Wind erfordert zwei sehr unterschiedliche Fähigkeiten: Auf der einen Seite braucht ein Segler eine sehr gute Physis, auf der anderen Seite die Präzision eines Feinmechanikers. Denn beim Segeln entscheiden Bruchteile von Winkeln, ob die Umströmung des Segels und Bootes optimal ist, um möglichst widerstandlose Fahrt und somit eine hohe Geschwindigkeit zu garantieren und einen optimalen Weg durch die Wellen zu finden.

ZUSAMMENARBEIT MIT ATHLETEN

Lassen Sie uns über die Zusammenarbeit mit Ihren Athleten sprechen. Wie haben Sie Ansprache und Umgang entwickelt?

Als ich die Jugendlichen im Alter von 16 und 17 Jahren übernahm, lief der Trainingsprozess noch sehr autoritär ab. Ich habe ihnen einen Plan gegeben, der wurde absolviert und die Athleten waren zufrieden, dass jemand sie geführt hat. Solange ich als Landestrainer und beim Aufbau des Stützpunkts in Kiel gearbeitet habe, haben wir konstruktiv und mit wachsendem Erfolg zusammen trainiert. Aber - und das hatte ich nicht so mitbekommen - die Athleten hatten neben der sportlichen auch eine persönliche Entwicklung durchlaufen. Während ich weiter Trainingspläne schrieb und meinen Weg ging, fingen sie an Fragen zu stellen, wie z.B. "Warum müssen wir das jetzt machen?" oder "Was soll das bringen?". So gab es immer öfter Diskussionen über das Training, die uns gegenseitig aufrieben.

Wie haben Sie sich in dieser Situation gefühlt und welche Konsequenzen daraus gezogen?

Bei mir kamen Zweifel an meiner Arbeit auf und ich stellte sogar meinen Job zur Disposition: "Wenn Ihr mit meiner Arbeit nicht mehr zufrieden seid, dann kann ich mich einer neuen Aufgabe zuwenden und wir versuchen jemand anderen zu finden". Aber die Jungs beharrten darauf, dass ich weitermachen sollte, und wir beschlossen, dass wir dann eben daran arbeiten müssten. Daraufhin begannen wir, uns mit dem Thema "Trainer-Athleten-Verhältnis" zu beschäftigen. In Anlehnung an die Diskussionen darüber legten wir folgende Bereiche fest: "Was ist die Verantwortung jedes Einzelnen, was erwarten wir gegenseitig von jedem Einzelnen und wie wollen wir in Zukunft den Prozess der Zusammenarbeit gestalten?".

UMGANG MIT MÜNDIGEN ATHLETEN

Was bedeuteten die Ergebnisse dieser "Verhandlungen" für Sie und Ihre Arbeit?

Durch die langwierigen, schwierigen Auseinandersetzungen wurde mir vor Augen geführt, dass ich meinen Umgang den erwachsenen Menschen, die z.T. schon eine Ausbildung absolviert hatten, anpassen und sie mehr in Entscheidungsprozesse einbinden musste. Inzwischen arbeiten wir viel harmonischer zusammen und diese Dynamik hat uns gestärkt. Heute hat jeder das Gefühl, er ist ein Teil des Teams, hat an der Entwicklung mitgewirkt und kann sich mit dem Endprodukt identifizieren, auch wenn er vielleicht am Ende bei den Olympischen Spielen nicht die Deutschen Farben vertreten darf.

Was können Sie anderen Trainern aufgrund dieser Erfahrungen mit auf den Weg geben?

Als Trainer war ich Teil einer spannenden Entwicklung, aus der ich Vieles gelernt habe: Hin und wieder sollte man sich zurücknehmen und in der Lage sein, auf einen Sportler, auf den Menschen einzugehen. Dabei sollte man authentisch bleiben und erkennen: "Ein Trainer ist auch nur ein Mensch mit Stärken und Schwächen". Als Trainer trage ich eine große Verantwortung für "meine" Athleten und muss u.a. auf das Miteinander und die Entwicklung von Wertvorstellungen eingehen.

Vielen Dank für das offene und kritische Gespräch. Wir wünschen Ihnen alles Gute für sich und Ihre Laser-Segler.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2012). "Segeln erfordert eine Ganzkörperleistung." Leistungssport, 42 (5), S. 58-62.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
http://philippka.de/index.php?id=148
www.leistungssport.net