"Wir wollen unseren vielfältigen, interessanten Sport bekannter machen."

Moderner Fünfkampf
Kim Raisner, Bundestrainerin Frauen

Kim Raisner stieg 1983 mit 10 Jahren in den Modernen Fünfkampf ein und war bis 2005 als Athletin bei Welt- und Europameisterschaften und Olympischen Spielen erfolgreich. Kurz nach Ende ihrer aktiven Laufbahn nahm sie die Aufgabe als Landestrainerin in Potsdam (bis 2008) an. 2006 wurde sie in das Amt als Bundestrainerin berufen und ist für die hervorragenden Leistungen der Modernen Fünfkämpferinnen verantwortlich.

EINSTIEG IN DIE TRAINERARBEIT

Mit welcher Einstellung sind Sie in die Arbeit eingestiegen und wie gelang die Ansprache der Sportler ?

Ich wollte es einfach probieren und habe mit den Athleten über ein respektvolles Verhältnis und die Arbeit, bzw. meine Einstellung als Trainerin gesprochen. Irgendwie ist der Einstieg reibungslos gelungen, denn zum einen war ich die Wunschkandidatin und die Sportler haben gut mitgezogen.

Manche der heute von Ihnen betreuten Athletinnen waren früher Konkurrentinnen. Wie schaffen Sie es, das richtige Maß an Nähe bzw. Distanz zu halten ?

Mit Lena Schöneborn und Eva Trautmann war ich noch zusammen in der Nationalmannschaft. Aus der Zeit kennt man die gegenseitigen Stärken und Schwächen sehr genau. Für mich war diese Situation schwierig, gerade in der ersten Zeit. Auch als Landestrainerin, mit Kindern, mußte ich meine Grenzen herausfinden und mich als Trainerin durchsetzen.

Wie haben Sie das Trainersein mit Jüngeren erlebt ?

Mit Jüngeren, die mich nicht mehr als Sportlerin kennen, fällt mir das Trainer-Sein leichter. Bei denen gibt es eine gewisse Distanz und da gelingt es mir besser, als Trainerin hart durchzugreifen. Insgesamt fand ich diese Situation, auf der anderen Seite der Trainer-Athleten-Beziehung zu stehen, gewöhnungsbedürftig.

ANFORDERUNGEN DES MODERNEN FÜNFKAMPFS

Gibt es athletische Eigenschaften, die im Modernen Fünfkampf hervorstechen ?

In Bezug auf die athletischen Eigenschaften lassen sich zwei Gruppen beschreiben: Auf der einen Seite haben wir - so nennen wir sie - die "Organ-Tiere". Diese Athleten sind organisch sehr, sehr gut trainiert und haben ihre Stärken in den ausdauerbetonten Disziplinen. Und dann gibt es die Techniker, die eher in den technischen Disziplinen gut sind.

Welche Disziplinen zählen Sie zu den technischen ?

Organisch sind Schwimmen und Laufen. Und zu den technischen Disziplinen zählen wir Fechten und Schießen. Eigentlich müßte Reiten den technischen Disziplinen zugeschlagen werden, aber durch die Arbeit mit einem Lebewesen, dem Pferd, paßt diese Sportart nicht so gut in besagte Kategorie. Aber gerade in den letztgenannten Diziplinen spielt auch die Erfahrung eine wichtige Rolle.

Welche Fähigkeit stellt für Sie die Grundlage des Modernen Fünfkampfs dar ?

Unsere Sportart erfordert in erster Linie eine gute Ausdauer. Ohne diese Grundlage, die man für alle Disziplinen braucht, geht es nicht. Selbst wenn wir Fechten vorher als technische Sportart eingestuft haben, so erfordert ein Fechtpool mit 35 Gefechten eine gute Ausdauer. Beim Fechten braucht der Athlet Gewandheit, Geschicklichkeit, Raffinesse oder Lockerheit - aber diese Eigenschaften verpuffen schnell, wenn man eine zu geringe Ausdauer mitbringt.

TRAININGSINHALTE UND TRAININGSPLANUNG

Lassen Sie uns über die Trainingsplanung sprechen. Arbeiten Sie nach dem Prinzip der Periodisierung ?

Ja, wir arbeiten in Perioden und setzen Schwerpunkte in der Trainings- und Wettkampfplanung. Ab Oktober gehen die Athleten ins Winter-Training und die Höhepunkte planen wir für den Sommer. Die Athleten wissen anhand dieser Pläne, wie das Jahr strukturiert ist und was sie erwartet.

Können Sie uns einen Wochentrainingsplan von Lena Schöneborn erläutern ?

Dem Wochenplan ist so aufgebaut, daß wir zwischen zwei bis vier Disziplinen pro Tag trainieren. Pro Woche geht Lena Schöneborn z.B. fünf- bis sechsmal laufen, drei- bis viermal schwimmen und reitet zwei - zeitweise auch dreimal reiten. Dreimal wöchentlich steht Schießen auf dem Programm. Für den Combined läuft sie und macht mindestens zweimal pro Woche ein ein kombiniertes Training - einmal härter, einmal lockerer. Außerdem absolviert sie noch ein Schießtraining, bei dem die Technik im Vordergrund steht. Beim Fechten trainiert Lena zweimal wöchentlich Pool und absolviert zwei Lektionen bei ihrem Fecht-Trainer Bernd Uhlig.

Wie sehen Ihre Planungen für die nächsten Jahre aus ?

In den nächsten Jahren wollen wir das Ziel Olympische Spiele 2012 London konkret angehen. Dazu planen wir, die Sportler in den beiden vorangehenden Jahren stärker zusammenzuführen. Das Bundesleistungszentrum (BLZ) ist in Berlin und hier befinden sich die meisten Kader-Athleten. In Berlin und Potsdam bieten sich gute Studien-Möglichkeiten und außerdem ist die Sportfördergruppe in Berlin stationiert. Am BLZ haben wir optimale Bedingungen, die wir dafür nutzen werden, einmal im Monat innerhalb eines Lehrgangs zusammen zu trainieren.

ZUKUNFT DES MODERNEN FÜNFKAMPFS

Worauf wollen in der Zukunft des Modernen Fünfkampf Wert legen ?

Wir sind eine kleine Sportart, die für ihre Größe - gemessen an der Zahl ihrer Aktiven - bereits sehr, sehr erfolgreich war und ist. Jedoch dürfen wir nicht stehen bleiben und müssen daher die Talente verstärkt pflegen. Und bisher denke ich, ist unsere gezielte Nachwuchsarbeit unser Erfolgsrezept. Wir gehen auf die Sportler ein und arbeiten sehr individuell. Gerade in höheren Bereichen ist es notwendig, auf persönliche Stärken und Schwächen zu achten und direkt mit dem Athleten zu arbeiten.

Wodurch kann der Moderne Fünfkampf mehr Aufmerksamkeit erhalten ?

Es wäre schön, wenn wir Lenas Erfolg von den Olympischen Spielen in Peking dauerhafter nutzen könnten, damit von einer EM und einer WM mehr berichtet wird.

"Das Interesseante am Modernen Fünfkampf ist die Vielseitigkeit."

Interview mit Kim Raisner (KR) und Lena Schöneborn (LS)

VIELFALT DER TRAININGSINHALTE

Der Moderne Fünfkampf vereint mehrere unterschiedliche Disziplinen. Finden Sie es langweilig, nur eine Sportart zu betreiben ?

LS: Früher habe ich Tennis gespielt und das empfand ich nicht als langweilig. Aber seitdem ich den Fünfkampf betreibe, bei dem verschiedene Sportarten zu einer kombiniert werden, könnte ich nicht wieder zu einer Einzelsportart zurückkehren. Mit nur einer Sportart würde mir schneller langweilig. Das Interessante am Modernen Fünfkampf ist die Vielseitigkeit und dadurch merkt man den Trainingsaufwand nicht...

KR ... und man hat unterschiedliche Erlebenswelten: Beim Laufen ist man an der frischen Luft und beim Schwimmen im Wasser. Beim Reiten läßt mich sich auf das Lebewesen Pferd ein und beim Kampfsport Fechten setzt man sich mit verschiedenen Gegnern auseinander. Und für das Schießen braucht man Konzentration und Technik. In Verbindung mit dem Laufen - dem neuen Format des "Combined" erhält das Schießen eine andere Bedeutung-Gewichtung zu. D.h. im Modernen Fünfkampf werden von Disziplin zu Disziplin jeweils andere Anfordungen an den Sportler gestellt - das macht unseren Sport so interessant.

Sie haben gesagt, im Modernen Fünfkampf "merkt man den Trainingsaufwand nicht". Woher kommt dieser Eindruck ?

LS Der Eindruck ensteht dadurch, daß wir in unserer Sportart eine Disziplin nach der anderen trainieren. Man wird immer wieder anders gefordert und spürt eine andere Ermüdung. Im Modernen Fünfkampf bekomme ich eine Menge von Trainingsstunden zusammen, die ich mir in einer Einzelsportart kaum vorstellen kann. Jede Sportart fordert mich anders und manche Disziplinen mag ich lieber als die andere. Je nachdem, was auf dem Programm steht, machen die mehr oder weniger Spaß - insgesamt ist die Bandbreite unseres Training so vielfältig, daß es immer interessant bleibt.

Die Vielfalt der Disziplinen erfordert eine umfängliche Trainingsplanung. Wie viele Disziplinen trainieren Sie am Tag ?

KR Generell machen wir mindestens eine Disziplin pro Tag und höchstens fünf. Wenn wir Training in fünf Sportarten durchführen, bedeutet das mehr Aufwand als ein Wettkampf. Im Wettkampf schwimmt man 200m und läuft 3000m. Im Training sind die Umfänge für diese Disziplinen wesentlich größer, so daß man nur selten alle Sportarten an einem Tag ansetzt. Meistens werden drei bis vier Disziplinen pro Tag trainiert.

DISZIPLIN REITEN

Zum Reiten und seiner Organisation habe ich eine Frage: Bekommen die Reiter ein Pferd zugeteilt, das sie noch nie vorher gesehen haben ?

KR Der Veranstalter stellt für 36 Athleten 18 Pferde zur Verfügung, so daß jedes Pferd zwei Umläufe hat. Wenn man auf den Reitplatz kommt, besichtigt man als erstes den Hindernis-Parcour. Danach werden alle Reiter und Pferde in einer Reihe aufgestellt.

Wie baut man ein Verhältnis zu dem Pferd auf ?

KR Dafür haben wir das kurze Abreiten und die Zeit vor dem Springen. Als weitere Information erhalten wir Informationen zu den Pferden auf Papier. Alle müssen vorher schon mal den Parcour gesprungen sein und daran kann man erkennen, welches Pferd wo verweigert hat oder wo eine Stange gefallen ist.

LS Man erhält lediglich einen kleinen Eindruck, darf aber nicht zuviel darauf geben. Ich finde es ganz gut, wenn man unbefangen rangeht und sich auf sein eigenes Gefühl verläßt.

Seit wann reiten Sie und wie oft gehen Sie pro Woche zum Reitraining ?

LS Ich habe 2001 angefangen und reite seit 2003 regelmässig. Für eine Fünfkämpferin reite ich mit drei Trainings pro Woche relativ viel. Aber wenn man im Schwimmen oder Laufen trainiert, verbessert man sich normalerweise und kann seine Leistung eigenständig abrufen. Beim Reiten verbessere ich meinen Reitstil und sammele Erfahrung, bin aber trotzdem in letzter Konsequenz vom Pferd abhängig.

"Eigentlich brauche ich Druck, um gute Leistungen zu bringen."

Interview mit Lena Schöneborn

DOPPELBELASTUNG LEISTUNGSSPORT UND AUSBILDUNG

Sie studieren an der Fachhochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR) und betreiben mit dem Modernen Fünfkampf einen zeitaufwändigen Leistungssport. Wie schaffen Sie es, beidem gerecht zu werden?

In den letzten Wochen war mein Pensum HWR sehr anstrengend, was schade war, weil ich bei der Europameisterschaften in Leipzig anfangen mußte zu lernen. Normalerweise ist eine WM mein einziger Höhepunkt und bei den EM habe ich oft nicht teilgenommen. Neben den Wettkämpfen muß ich noch die Prüfungen an der Uni einplanen. Die WM liegt meistens in den Semesterferien, wo ich ohne Zeitdruck und total entspannt antreten kann.

Ich stelle mir das außerordentlich schwierig vor, Ihre vielen Trainingseinheiten und das Studium unter einen Hut zu bringen.

Manchmal ist es schon schwierig. Aber andererseits ist das Studium auch eine Ablenkung vom Sport und ich kann perfekt zwischen den beiden Bereichen hin und her switchen. Wenn ich mich nur die ganze Zeit mit Sport beschäftigen würde, wäre das zu stupide und ich würde mir viele Gedanken machen. So kann ich beim Sport entspannter sein, weil ich noch andere Dinge zu tun hab. Ich glaube, daß die Doppelbelastung in dem Sinne von Vorteil sein kann.

In welchem Tempo durchlaufen Sie das Programm an der Fachhochschule ?

Das Grundstudium habe ich ganz normal gemacht, aber das war anstrengend. Da hatte 28 Wochenstunden im Semester und 9 Prüfungen. Danach bin ich zu dem Schluß gekommen, daß ich so nicht weitermachen kann, und habe weniger Kurse belegt. Außerdem habe ich vor den Olympischen Spielen 2008 ein Semester auf zwei aufgeteilt und konnte mich so gezielter auf Peking vorbereiten.

OLYMPISCHE SPIELE IN PEKING 2008

Mit welchen Gedanken sind Sie in die Olympischen Spiele gegangen ?

Während der Vorbereitung waren die Spiele wie jeder andere Saison-Höhepunkt auch. Vor Ort, hat sich die Sichtweise leicht geändert. Als Britta Steffen und Britta Heidemann Gold gewonnen hatten und mit der Medaille ins Deutsche Haus kamen, dachte ich schon: "Oh, wie schön wäre das !" Und wenn man dann auf den eigenen Wettkampf wartet, steigt die Anspannung und man will loslegen. In der Zwischenzeit fängt man an zu Denken und zu träumen, wenn man die anderen Medaillengewinner sieht. Das ist mir aber erst im Nachhinein bewußt geworden. Während des Wettkampfes habe ich die Bedeutung nicht so wahrgenommen, weil ich viel zu sehr auf die einzelnen Disziplinen fokussiert war. Nur beim Laufen ist mir die Atmosphäre aufgefallen - wir sind vor 40.000 Zuschauern im Olympia-Stadion gelaufen und diese Kulisse war phantastisch !!

Das Laufen war die letzte Disziplin und der Höhepunkt Ihres Wettkampfes in Peking. Nach dem Reiten lagen Sie in Führung - wie kamen Sie mit der Nervosität und dem Druck zurecht ?

Zum Schluß hin war ich extrem nervös. Beim Reiten habe ich die Nervosität ein bißchen gespürt, aber das hat mich eher motiviert im Sinne von: "Ich werde mir vom Pferd keinen Strich durch die Rechnung machen lassen". Das Warten zwischen dem Reiten und dem Laufen war ziemlich nervenaufreibend und da habe ich mir vorher schon die Ziellinie herbeigewünscht.

Wie haben Sie den Druck erlebt ?

Eigentlich brauche ich Druck, um gute Leistungen zu bringen. Bei unbedeutenden Wettkämpfen fällt es mir auch schwer, mit der Konzentration dabei zu bleiben. Aber das war eine spezielle Situation bei den Spielen.

UMGANG MIT LEISTUNGSDRUCK

Sie sagen, daß Sie Druck im Wettkampf brauchen. Wie schaffen Sie es, Ihre optimale Leistung zu bringen?

Einerseits versuche ich, mich ausschließlich auf die Technik zu konzentrieren, damit die Energie sinnvoll umgesetzt wird. Andererseits spüre ich den Druck am Hungergefühl - am liebsten würde ich am Wettkampftag nichts essen. Deshalb esse ich am Tag vor dem Wettkampf mehr und versuche so, Energie aufzutanken. Während des Wettkampfes greife ich dann zu Energieriegeln, Babynahrung oder Bananen.

Können Sie uns die Beanspruchung während eines Wettkampftages schildern ?

Vor einem Wettkampf merkt man eine gewisse Anspannung im Körper, was ich aber nicht aktiv beeinflusse - die Nervosität gehört dazu. Ein Wettkampftag ist sehr stressig, denn er fängt mit Fechten an und in den Gefechten kann man gleich Adrenalin abbauen. Danach folgt das Schwimmen. Durch die Anpannung von 2,5 Stunden Fechten und dem Schwimmen bekomme ich oft Kopfschmerzen. Deshalb lege ich mich - falls möglich - einfach hin, klinke mich aus dem Wettkampf aus, und schalte ab. Das ist für mich die beste Medizin und so kann ich mich kurzfristig entspannen.

Welche Disziplinen sind für Sie psychisch am anstrengensden ?

Früher war das Schießen anstrengend, weil ich die Nervosität nicht so gut kanalisieren konnte. Heutzutage empfinde ich Reiten und Fechten als psychisch belastend. Beim Fechten geht es Mann-gegen-Mann und da spielen Technik und Power eine Rolle. Reiten an sich ist körperlich nicht so belastend, aber die Ungewissheit und daß man als Athlet quasi ausgeliefert ist, strengt mich psychisch an.

Autorin:
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle:
Pfaff, E. (2009). "Wir wollen unseren vielfältigen, interessanten Sport bekannter machen." Leistungssport, 39 (5) S. 32-37.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
www.philippka.de/front_content.php?idcat=85&r1=
www.leistungssport.net