„Im optimalen Fall ergibt sich eine Art gemeinsamer Tanz nicht auf, sondern mit dem Pferd.“

Voltigieren
Ulla Ramge, Bundestrainerin im Deutschen Olympiadekomitees für Reiterei (DOKR)

Ulla Ramge begann im Alter von 6 Jahren mit Voltigieren und feierte Erfolge im Team und im Einzel. Inzwischen besitzt sie die Trainer A-Lizenz, ist nationale und internationale Voltigier-Richterin, Chefstewart der Fédération Equestre Internationale (FEI) und engagiert sich persönlich für die Entwicklung des Spitzenvoltigiersports. Von 1990 bis 2002 arbeitete Ulla Ramge als Landestrainerin in Westfalen und fungiert seit 2002 als Bundestrainerin Voltigieren. Neben Ihrem Engagement im Reitsport arbeitet die gelernte Apothekerin als Seminarleiterin und Kommunikationstrainerin.

ENTWICKLUNG - VERÄNDERUNGEN

Welche Entwicklungen gab es im Voltigieren?

Einerseits haben sich die Leistungen gesteigert, andererseits wurden die Altersgruppen und -beschränkungen verändert. Zu meiner aktiven Zeit war Voltigieren ein reiner Jugendsport, im Einzel war mit 21 und in der Gruppe sogar mit 18 Jahren Schluss.

Welche Änderungen gab es noch?

Seit der Reglement-Änderung von 2005 haben wir einen Junioren- und Senioren-Bereich. Die Junioren haben jedes Jahr eine Europameisterschaft. Die Senioren haben jedes zweite Jahr Weltmeisterschaft und dazwischen eine Europameisterschaft. 2008 wurde das Einzel-Voltigieren im Junioren-Bereich für Damen und Herren eingeführt. Und seit 2009 gibt es den „pas de deux“ – das Zweier-Volitigieren im Senioren-Bereich.

Welche Kader und Disziplinen betreuen Sie?

In den letzten sechs Jahren habe ich vier Disziplinen dazubekommen Wir haben ca. 90 Athleten im Kader. Die setzen sich aus 36 Einzel-Voltigierern und aus sieben bis acht Teams zusammen. Auch die Anzahl der Athleten hat sich mehr als verdoppelt. Die Betreuung aller Disziplinen bei den Junioren und Senioren übernehme ich größtenteils alleine. Aber Ziel ist es, bis zum WM-Jahr 2012 einen ständigen Disziplin-Trainer zu installieren.

ANPASSUNG DER STRUKTUREN – NEUES MODELL

Wie ist das sonst organisiert?

Klassischerweise haben wir in den Reitsport-Disziplinen jeweils einen Trainer für Junioren, einen für Junge Reiter von 18 bis 21 Jahren und einen Chef-Trainer für die Senioren. Für unseren Bereich Voltigieren sind wir übereingekommen zu sagen „wir wollen gemeinsam alle Bereiche betreuen“ – das ist ein alternatives Modell.

Was soll dieses neue Modell bringen?

Da unsere Disziplin noch klein ist, aber große Entwicklungsschritte in kurzer Zeit vollzieht, können oder müssen wir strukturell nachlegen und nach schlauen Lösungen suchen. Dieses neue Modell hat mehrere Vorteile. Mit der durchgängigen Betreuung glauben wir, den Übergang von den Junioren zu den Senioren flüssiger gestalten zu können. Normalerweise ergeben sich bei diesem Schritt die größten Schwierigkeiten; das ist quasi wie eine Klippe.

Und wie wollen Sie die Sportler über diese Klippe hinwegführen?

Dieses Modell beinhaltet eine gemeinsame Förderung durch Chef- und Disziplin-Trainer von Anfang an. Der Vorteil ist, dass ich als Cheftrainer die jungen Athleten früher kennenlerne und schon eine Vertrauensbasis aufbauen kann. Weiterhin arbeiten wir an einer konstanten und längerfristigen Leistungsentwicklung, die die Junioren- und Senioren-Zeit einschließt. Während dieser gesamten Zeit profitieren alle Athleten von unserer beider Kompetenzen. Wie gesagt, haben wir schon gute Erfahrungen mit diesem Modell gemacht.

UMSTIEG VON JUGEND IN DEN SENIORENBEREICH

Was passiert mit erfolgreichen Junioren, wenn sie in den Senioren-Bereich wechseln?

Manchmal stehen die ehemaligen Top-Junioren wie vor einer Wand. Der Unterschied im Leistungsniveau zwischen Junioren und Senioren ist auf nationaler Ebene schon riesig und international ist die Differenz noch mal größer. Im Junioren-Bereich bewegen sich junge Athleten in einer Art geschütztem Raum – die Anforderungen sind begrenzt und die Konkurrenz ist überschaubar.

Während ein Jugendlicher in seinem Bereich Spitze war, startet er beim Einstieg in die Senioren-Klasse wieder ganz unten. Dort steigen die Anforderungen fast ins Uferlose, die Konkurrenz ist massiver und die Senioren haben z.T. viel mehr Erfahrung und sind international bekannte Größen ...

... wie schafft ein junger Athlet diesen Umstieg?

Diese Situation muss ein junger, ambitionierter Athlet erst einmal begreifen und sich in den Senioren-Bereich hineinfinden – wie gesagt, das ist mental eine Klippe. Und für diese Phase braucht ein Athlet Zeit, Energie und Unterstützung beim Überwinden.

Können sie diese Schwierigkeiten puffern?

Auf die beim Wechsel in den Senioren-Bereich anstehenden Schwierigkeiten können wir die Sportler mit dem neuen Modell langfristig vorbereiten. Dabei geht es um den Umgang mit den Anforderungen, der neuen Atmosphäre, der Erwartungshaltung und der Konkurrenz. Den bisher in ihrem Bereich hocherfolgreichen Jugendlichen muss bewusst sein, dass sie sich persönlich und sportlich stetig weiterentwickeln müssen, um eine Chance zu haben. Bei dieser Entwicklung unterstützen wir sie – und zwar auch dann, wenn sie noch nicht sofort vorderste Platzierungen erreichen.

ZUSAMMENARBEIT DER TRAINER

Was bedeutet diese Veränderung für das Heimtraining und die Trainer?

Die Voltigierer trainieren von klein auf bei ihren Heimtrainern und wenn ihre Leistung es erfordert, wechseln sie zu einem anderen Trainer. Die D-Kader werden durch die Landestrainer betreut, mit denen ich in engem Kontakt stehe. Ab C-Kader beginnen wir mit der zusätzlichen Betreuung. Der C-Kader wird jeweils anlässlich der Deutschen Junioren-Meisterschaft berufen. Die Athleten bleiben bei ihrem Heimtrainer und unsere Betreuung findet zwar regelmäßig, aber nur punktuell und in Kooperation mit den persönlichen Trainern statt.

Was bringt den Junioren der Kontakt mit den Top-Trainern und dem Verband?

Ich bin mir sicher, dass ein früher, regelmäßiger Kontakt eine große Motivation bewirkt. Als Bundestrainerin bringe ich die Erfahrungen aus dem Hochleistungssport mit – das macht bei den Junioren Eindruck und motiviert sie. Momentanes Ziel ist die Junioren-EM, die dieses Jahr zusammen mit der Senioren-EM in Le Mans (Frankreich) stattfindet. Beim Kontakt mit den Top-Leuten können wir ihnen vermitteln „so sieht es in der Spitze aus und es lohnt sich, daraufhin zu arbeiten“. Das ist authentisch und dadurch können wir die Talente zielstrebiger an die Spitze heranführen.

FASZINATION VOLTIGIEREN

Lassen Sie uns über sportliche Inhalte sprechen. Was macht die Faszination des Voltigierens aus?

Ich finde die Kombination Pferd, Voltigierer und Longen-Führer einzigartig. Höchstleistungen sind nur in der perfekten Kombination möglich und es stellt eine große Herausforderung dar, das passende Trio zu finden. Die Drei müssen im Einklang funktionieren. Insbesondere sollte der Voltigierer jede seiner Bewegungen perfekt mit dem Pferd verbinden. Diese Aufgabe ist im Pferdesport einzigartig. Bei den anderen Disziplinen wird das Pferd direkt vom Reiter gelenkt, während beim Voltigieren der Longenführer aus acht Metern Entfernung einwirkt.

Ein Pferd ist das Bindeglied zwischen Longenführer und Voltigierer. Wie sollte es diese Aufgabe ausführen?

Der Job des Pferdes ist, den Voltigierer zu tragen und sich gemeinsam mit ihm in der Bewegung und den Schwebephasen seines Gangablaufs auszubalancieren. Voltigierer und Pferd sollen dabei in einen Einklang der Bewegung kommen. Im optimalen Fall ergibt sich eine Art gemeinsamer Tanz oder ein Turnen nicht auf, sondern mit dem Pferd ...

... das hört sich nach einer besonderen Leistung an ...

... dieses In-Harmonie-Kommen ist die große Herausforderung und das macht die Spitzenleistung aus. Ein harmonischer Bewegungsfluss beim Voltigieren sieht einfach schön aus. Als Zuschauer wünscht man sich, dass es immer so weiter geht – das ist das Höchste der Gefühle!

Vielen Dank für die Einblicke in die Kunst des Voltigierens. Wir wünschen alles Gute mit ihrem neuen Modell und werden die Fortschritte beobachten.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2011). „Im optimalen Fall ergibt sich eine Art gemeinsamer Tanz nicht auf, sondern mit dem Pferd.“ Leistungssport, 41 (5), S. 55-58.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
www. philippka.de/index.php?id=148
www.leistungssport.net