"Es wäre erstrebenswert, mehr Turnierkämpfe zu haben und anders zu trainieren"

Boxen
Helmut Ranze, Sportdirektor und Bundestrainer im DBV

"Heute kann ein Trainer kann nicht mehr das gesamte Aufgabengebiet des sportlichen Entwicklungsprozesses erfüllen, wie es früher von ihm gefordert wurde. Damals reichten seine Aufgaben von Pfarrer, Beichtvaterersatz, guten Onkel, Peitschenknaller, Motivator bis hin zum Universalgenie".

AUFGABENBEREICHE - ARBEITSINHALTE

Herr Ranze, Sie fungieren im DBV als Sportdirektor und Bundestrainer. Wie sieht Ihre Arbeit aus ?

Mir obliegt die leistungssportliche Entwicklung der Athleten im DBV, also in erster Linie die Planung und Koordination der unterschiedlichen Stützpunkte und der verschiedenen Alters - und Kaderbereiche. Die Koordination des sportlichen Verbundssystems schließt die Landesverbände, ihre Leistungszentren und entsprechende Vereine und Talentzentren ein. Neben den verbandsinternen Aufgaben kümmere ich mich um die Zusammenarbeit mit verbandsübergreifenden Institutionen. Dazu gehören die Olympia-Stützpunkte, die Deutsche Sporthilfe, der DOSB und wissenschaftliche Einrichtungen wie das Institut für angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig und natürlich die öffentlichen Zuwendungsgeber in unserem föderalen System.

Sie haben die strukturellen Aufgaben beschrieben; wie sehen die inhaltlichen Aufgaben aus?

Hauptaufgabe ist die Vorgabe der allgemeinen und individuellen Trainingsschwerpunkte auf der Grundlage der Auswertung von Wettkämpfen, Test- und Diagnostikverfahren, sowie die Vermittlung einer Ausbildungs- bzw. Trainingsphilosophie. Im Einzelnen arbeite ich an der Organisation der Trainings- und Wettkampfmaßnahmen, kümmere mich z. T. um die Finanzierung und mache die fachspezifische Koordination.

TRAININGPHASEN - PERIODISIERUNG

Bei meiner Besichtigung des OSP habe ich nur zwei Athleten beim Training gesehen. Wo sind die anderen ?

Normalerweise ist hier am OSP Hochbetrieb. Ende Mai haben die meisten Athleten den ersten Teil der internationalen Wettkampfserie bereits beendet. Sie gehen in eine Regenerations-Pause, um danach in Richtung Weltmeisterschaft aufgebaut zu werden. Diese Phase dient der Wiederherstellung der Leistungsbereitschaft und -Fähigkeit durch aktive und passive Regenerationsmaßnahmen, sowie Ausgleichstraining.

Arbeiten Sie im Boxen noch nach dem Prinzip der Peridisierung ?

Wir versuchen uns an die Prinzipien der Periodisierung zu halten, aber das wird immer schwieriger. Wir müssen viele Kompromisse zwischen unseren Vorstellungen einer Trainings- und Wettkampfplanung und den Anforderungen an die Spitzenathleten schließen. In unseren föderalen Strukturen müssen sie vielfältigen Interessenlagen gerecht werden: Die Athleten werden bei ihrem Heimatverein, dem Landesverband und ihrem Bundesliga-Verein eingebunden. Zusätzlich möchte die Bundeswehr als Arbeitgeber ihre Athleten bei den Militär-Weltmeisterschaften und bei der ein und anderen Veranstaltung präsentieren. In dieser sportlichen "Gemengelage" muss der Spitzenverband seine leitungssportlichen Prioritäten durchsetzen um auf internationalem Niveau konkurrenzfähig zu sein.

BOXEN ALS KAMPFSPORT - BEDEUTUNG DER PSYCHE

Lassen Sie uns über die Sportart Boxen sprechen. Boxen wird als Kampfsportart geführt - reicht das als Beschreibung ?

Der Begriff Kampfsportart allein ist für die Beschreibung des Boxens aus meiner Sicht nicht ausreichend. Einen Boxkampf auf hohem Niveau erfolgreich zu gestalten stellt eine komplexe Aufgabe dar. Boxen ist eine Komposition von vielen Aktionen und Handlungen, die sowohl auf physischen als auch psychischen Faktoren, strategisch taktischen Handlungen, sowie technischen Fertigkeiten aufbauen.

Welche psychischen Faktoren sind im Boxen von Bedeutung ?

Boxen stellt besondere Anforderungen an die Konzentrationsfähigkeit und - ausdauer und die mentale Stärke eines Athleten. Wichtig sind beispielsweise auch der Umgang mit dem Vorstartzustand und die Entspannungs- und Anspannungs-Phasen innerhalb des Kampfes und bei der einminütigen Rundenpause. Außerdem spielt die Entwicklung der Persönlichkeit für die Erfolge im Ring eine große Rolle. In meinen Augen ist die Persönlichkeit ebenso wichtig wie taktisches Verhalten, technisches Können und koordinative und konditionelle Fähigkeiten.

Welche Eigenschaften und Fähigkeiten sind im Boxen notwendig?

Auf jeden Fall braucht ein Boxer Selbstvertrauen, Behauptungswillen und Risikobereitschaft. Neben einer wirkungsvollen Ausstrahlung und Körpersprache im Ring, sind Dinge wie Antizipationsvermögen und Zweikampfintuition entscheidend. Ein Boxer muß fühlen, was im Ring passiert, er muß einen Kampf lesen können und seine Erkenntnisse in Sekundenbruchteilen umsetzen können. All das erfordert ein Höchstmaß an kognitiven Eigenschaften und Fähigkeiten.

WECHSEL DER AMATEURE ZU DEN PROFIS

Wie gehen Sie damit um, wenn ihre Amateure zu den Profis wechseln ? Wie lange gibt es dieses Problem schon ?

Zu "verdanken" haben wir dieses Problem Henry Maske und dem von ihm ausgelösten Boom. Der hat das Profi-Boxen bei den ganzen Fernsehanstalten populär gemacht. Für unseren Verband wurden die Wechsel ins Profilager deshalb ein Problem, weil Profi-Boxer - im Gegensatz zu Profis aus anderen Sportarten - keine olympische Startberechtigung mehr bekommen. Und diese Situation geht bei uns direkt ins Geld, denn für den Erhalt der Fördermittel müssen wir zum Nachweis der Förderungswürdigkeit Erfolge bei Olympischen Spielen oder Amateur-Weltmeisterschaften erringen. Zahlreiche, von uns ausgebildete Boxer wurden Weltmeister im Profi-Boxen, nur bekommen wir das in keinster Weise bei der Verteilung der Fördermittel anerkannt. Wenn z.B. ein Athlet ein Jahr vor Olympia ins Profi-Lager wechselt, dann sind wir die Leidtragenden; obwohl wir jahrelang eine sehr erfolgreiche Arbeit gemacht haben, verlieren wir mit dem Athleten die finanzielle Zuwendung.

Was sollte sich in dem Bereich ändern ?

Es geht um Mechanismen, die in anderen Sportarten selbstverständlich sind und im Sinne eines Regelkreises funktionieren: Die einen produzieren die Talente, die anderen profitieren davon und geben aber wieder etwas zurück und ermöglichen so mit den Talentnachwuchs im Boxen.

FRAUEN-BOXEN

Welche Chancen hat das Frauen-Boxen in der Zukunftsplanung des Box-Verbands ?

National steckt das Frauen-Boxen noch in den Kinderschuhen. Noch haben wir kein durchgängiges Wettkampfsystem, ohne daß sich junge Mädchen oder Damen nur schwer systematisch entwickeln können. Der DBV kann im Frauen-Boxen nur sehr wenig tun, weil es noch nicht olympisch ist und daher die Fördermittel fehlen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Frauen-Boxen ?

Meine Erfahrungen rühren mehr vom Hörensagen, denn Frauen-Boxen gehört nicht zu meinem Arbeitsbereich. Mädchen und Frauen, die sich dem Boxen verschrieben haben, gehen mit sehr viel Konsequenz und Enthusiasmus ans Training und sind bereit, viele Entbehrungen auf sich zu nehmen. Wenn sie die Möglichkeit bekommen, trainieren sie professioneller als mancher Mann.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. & Ranze, H. (2007). Es wäre erstrebenswert, mehr Turnierkämpfe zu haben und anders zu trainieren. Leistungssport 37 (4), S.11-15

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