"Der Spielaufbau sollte zur Persönlichkeit passen"

Larry Stefanki
Tennis-Trainer von Fernando González (Chile)

Frank Wieneke ist seit 37 Jahren im Judo als Leistungssportler, Bundestrainer und seit 1. Januar 2009 als wissenschaftlicher Referent an der Trainerakademie in Köln aktiv. Wir trafen ihn an seinem neuen Arbeitsplatz und unterhielten uns über seine Erfahrungen aus der Sport-Praxis und über die Sportwissenschaft.

Larry Stefanki (USA) absolvierte ein Studium in Berkeley, Kalifornien, und spielte von 1979 bis 1988 auf der ATP-Tennis-Tour. Danach wechselte er die Seiten und wurde ein international anerkannter Trainer. Der heute 51-jährige Tennis-Experte nutzt sein praktisches und theoretisches Know-How, um Top-Spieler verschiedener Nationalitäten erfolgreich zu betreuen.
Wir trafen Larry Stefanki, der nur äußerst selten Interviews gibt, sondern lieber die Spieler und ihre Leistungen für sich sprechen läßt, beim ATP-Turnier in München. Wir sprachen über seine persönllichen Erfahrungen, seine Arbeit als "Travelling-Coach" und seine Tennis-Philosophie.

TENNIS - PHILOSOPHIE UND LEISTUNG

Was ist Tennis für Sie ?

Für mich ist Tennis wie ein Puzzle, ein Schachspiel oder eine Zwiebel. Ich benutze solche Analogien gerne, wenn es um die Entwicklung eines Spielers geht. Der Vergleich mit einer Zwiebel trifft die Sache deshalb gut, weil ein Tennisspieler viele Jahre einer Entwicklung durchlaufen muß. D.h. je nach Größe der Zwiebel, gibt es mehr oder weniger Schichten. Ähnliches gilt für ein Puzzle: Wenn man es vollenden will, braucht man alle Teile. Mich interessiert die Vollendung eines Puzzles.

Streben Tennisspieler nach Perfektion ?

Das Wort Perfektion paßt nicht so gut zum Tennis, schließlich handelt es sich nicht um eine Mathematikaufgabe oder eine exakte Antwort auf ein Problem. In dem Streben nach Fortschritt unterscheiden sich die Spieler stark - manche der Top-Spieler sind nie zufrieden und arbeiten stetig an ihrer Weiterentwicklung.

Gibt es für Sie die 100 Prozent an Leistung?

Ein Spieler kann nur sein Bestes zu einem gewissen Zeitpunkt geben. Geht man von den Beispielen des Puzzles, Schachspiels oder der Zwiebel aus, so gibt es unterschiedliche Teile oder Schichten. Manche können sich negativ auswirken - wenn z.B. die Art wie ein Spieler trainiert wurde oder seine Technik mangelhaft ist, können sich solche Teile als großes Hindernis bei der Entwicklung herausstellen.

TRAINING UND ENTWICKLUNG

Auf welche Teile legen Sie bei dem Entwicklungsprozess denn besonderen Wert ?

Im frühen Stadium muß eine gute Basis aus Technik, guter Beinarbeit und dem Bewußtsein, daß man sich auf eine langen Weg einläßt, gelegt werden. Bei der Entwicklung einer Tenniskarriere handelt es sich in meinen Augen um einen langjährigen Prozess. Leider sehe ich immer mehr ziel- oder ergebnisorientierte Leute, die schnell gewinnen wollen, aber dabei den Blick für das große Ganze, den Prozess verlieren.

Schon im Training wird das Augenmerk oft auf Ergebnisse gelegt...

... ein Spieler muß frei trainieren, Fehler machen und sich ausprobieren (dürfen), sonst entwickelt er sich nicht weiter. Bei dieser Entwicklung sollten Ergebnisse erstmal in den Hintergrund treten.

ZUSAMMENARBEIT MIT FERNANDO GONZALEZ

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Fernando González ?

Als Fernando González vor gut 2 Jahren meine Hilfe erbat, war er 25 Jahre und Nr. 19 auf der ATP-Weltrangliste. Er sagte: "Ich möchte meinem Spiel mehr bzw. neue Dimensionen geben, ans Netz gehen, Slice spielen (können) und an meiner Rückhand arbeiten. Bisher war ich immer der Typ mit der Riesen-Vorhand, aber ich will nicht mehr immer das selbe spielen. Ich kann auch nicht mehr jeden Ball umlaufen, damit ich die Vorhand einsetzen zu können".

Wie weit sind Sie in ihrem Trainings-Prozess mit Fernando bisher gekommen ?

Seine Fähigkeiten, bzw. Möglichkeiten hat er bei den Australian Open 2007 gezeigt. Dort gewann er gegen vier Top-Spieler - Lleyton Hewitt, James Blake, Rafael Nadal und Tommy Haas - und machte durchschnittlich nur fünf ungezwungene Fehler pro Match. Nach dem Turnier meinte er, dieses Niveau nie wieder erreichen zu können, anstatt sich zum Ziel zu nehmen, weitere Matches und Turniere in diesem Zustand zu spielen.

PERSÖNLICHKEIT UND SPIELWEISE

Spiegelt sich eine Persönlichkeit in der Spielweise wider ?

Ich denke schon. Man wird mit einer bestimmten Anlage geboren - sei es aggressiv, defensiv oder eine Mischung aus den Eigenschaften. Daher sollte der Spielaufbau zur Persönlichkeit passen. Meines Erachtens erfordern Top-Leistungen die Identifikation der Person mit seiner Art zu spielen. Wer alles nur ein bißchen kann, erreicht nur Mittelmaß.

Wie kann ein Spieler erfolgreich in der Weltklasse mitspielen?

Die Top-Spieler passen sich schnell an Dimensionen wie Höhe und Geschwindigkeit an. Daher sollte man unterschiedliche Geschwindigkeiten, Winkel und Flugbahnen benutzen, anstatt mit konstantem, eindimensionalem Spiel den Gegner in den Schlag zu bringen. Deshalb glaube ich an die Wirksamkeit des Slice, der flach abspringt und den ein Spieler anheben muß.

VARIABILITÄT IM TENNIS

Wie sprechen Sie die Variabilität bei ihren Spielern an ?

Ich rede über Dimensionen, die Geometrie des Tennisplatzes und was man in diesem Rahmen tun kann. Die meisten Spieler werden so von Geschwindigkeit vereinnahmt, daß ihnen Gedanken an Dinge, die man mit dem kleinen, gelben Filzball in dem Viereck anstellen kann, fremd sind.

Bisher haben wir Variabilität unter technisch-taktischen Aspekten betrachtet. Welche Voraussetzungen braucht ein Spieler noch dazu ?

Das variable Spiel stellt eine andere Qualität dar - es erfordert vor allem ein besseres Erkennen. Leider geht dieses Erkennen, das Lesen des Gegners, seiner Aktionen und Bewegungen, beim modernen Tennis verloren.

ANTIZIPATION UND ERKENNEN

Sie sprechen vom Erkennen einer Spielweise. Welche Rolle spielt die Antizipation ?

Erkennen von Situationen ist mehr als die Antizipation eines einzelnen Schlages. Beim Antizipieren richtet der Spieler die Aufmerksamkeit auf den Gegner und versucht die Schlagrichtung frühzeitig zu erkennen. Die Antizipation ist aber nur ein kleiner Teil eines Ballwechsels und dieser wiederum nur ein Teil einen ganzen Geschehens. Beim Erkennen einer Spielweise geht es um die Wahrnehmung des gesamten Geschehens.

Wie vermitteln Sie dieses Erkennen ?

Ich frage die Spieler nach den Situationen und danach, welche, bzw. wie viele ihrer Schläge wirkungsvoll waren. Erkennen heißt, das Spiel mental mitzuspielen. Auch diesen Aspekt des Tennisspiels, das Strategische, vernachlässigen die heutigen Spieler....

... Tennis als Schachspiel ?

... es geht auch darum zu erkennen, welche Mentalität der Gegner hat, wie er spielt, welche Schläge er beherrscht und wie er sich auf dem Platz bewegt. Das Erkennen als Information zu nutzen, ist kein Glück, sondern eine Kunst, die man im Tennis sehr wirkungsvoll einsetzen kann. Wenn man das Spiel spielen will, sollte man das-Früh-Sehen und -Reagieren beherrschen. Aber das ist ein Bereich des Spiels, der oft, vor lauter Technik- und Schlagtraining vergessen wird.

PROZESS DES UMLERNENS

Sagen wir, Sie erklären einem Spieler einen Schlag und er hört und versteht sie. Wie schaffen Sie es, daß er Veränderungen wahrnimmt ?

Der Prozess des Lernens oder Umlernen braucht Zeit und viele Wiederholungen. Wenn ein Spieler die Veränderung merkt, wird er fast euphorisch. Fernando sagt dann: "Das kann doch nicht so einfach sein !" Aber das ist der Trick, die Handlungen ökonomisch und effektiv durchzuführen.

Was folgt danach ?

Als Coach frage ich sofort nach einem solchen Erleben: "Du kannst die Bewegung, aber kannst Du sie 100-mal wiederholen ?". In der Beziehung lasse ich nicht locker - vielleicht ist es das, was Fernando mit der "Energie im Training" beschreibt. Anschließend geht es darum, das Gefühl zu so zu verinnerlichen, daß man es bei jedem einzelnen Schlag reproduzieren kann. Das ist Tennis - Ausführen und wiederholen... um den intensiven Lern- oder Umlern-Prozess durchstehen zu können braucht ein Spieler Freude und Engagement.

ZUSAMMENARBEIT MIT JOHN MCENROE

Zu Beginn Ihrer Trainer-Karriere haben Sie John McEnroe trainiert...

... John McEnroe wollte nochmals an alte Leistungen anknüpfen. Zuerst habe ich John vor den Kopf gestossen und ihm gesagt, weder wolle ich ihn betreuen, noch halte ich ihn für fit genug. Meine Einschätzung motivierte ihn erst recht und John überredete mich, mit ihm zu arbeiten. Da wir uns seit der Zeit der Junioren-Turniere kannten, wußte ich, wie man ihn ansprechen mußte.

Gibt es zu John McEnroe und seinem Stil etwas Besonderes zu berichten ?

John war nicht nur ein genialer Tennisspieler, sondern er war der Inbegriff meiner Überzeugungen. Das betrifft die Biomechanik, die Beinarbeit und die Balance und das mentale Spiel. Sein Erkennen des Spiels, sein Spielaufbau und seine Antizipation waren einzigartig. Er spielte Tennis wie Schach und beherrschte seine Gegner, indem er die Geometrie des Platzes voll ausnutzte.

AUSBILDUNGEN - EIGENE ERFAHRUNG ALS SPIELER

Welche Ausbildungen haben Sie absolviert und woher stammen Ihre Auffassungen ?

Ich habe einen "Master in Kinesiology" von der University of California, Berkeley, was etwa dem Sportstudium in Deutschland entspricht. Mit 22 Jahren graduierte ich und ging als Tennis-Profi auf die ATP-Tour. Bei den Turnieren in Europa auf dem ungewohnten Sand gewann ich 6 Monate kein Einzel, wogegen es im Doppel wesentlich besser lief.

Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen ?

Irgendwie merkte ich, daß etwas nicht stimmte, daß ich mit den Jungs nicht konkurrieren konnte. Zwar konnte ich "wie ein Hirsch rennen", aber nicht gewinnen. Zu Hause habe ich dann einen 80-Jährigen Trainer um Hilfe gebeten und dann ging es an die Arbeit. Aus dieser Zeit schöpfe ich noch heute meine Erfahrungen und mein Wissen für das Coaching.

Wie haben Sie den Prozess empfunden ?

Zu dieser Zeit empfand ich diesen Neu-Aufbau als herabwürdigend, schwierig und erniedrigend. Schließlich war dachte ich: "Ich bin ein Spieler, ein Profi !" - nur gewinnen konnte ich nicht auf der Tour und mußte noch viel lernen. An diesem Beispiel sieht man, das die Entwicklung im Tennis ein Prozess ist, den man lieben, leben, erleben und durchleben muß. Das ist nichts, was man konsumieren oder kaufen könnte !

UMSTIEG VOM SPIELER ZUM COACH

Wie verlief Ihr persönlicher Weg vom Spieler zum Coach ?

Als Spieler war ich sicher nicht der netteste Typ. Ich galt als harter Wettkämpfer, was sicher an meiner Erziehung und meinem Ehrgeiz lag. Nach dem Profi-Tennis hatte ich einige Jahre damit zu tun, meine Karriere zu verarbeiten. Während ich als Athlet egoistisch war, mußte ich in der Rolle als Coach einige Anpassungen machen.

Was bedeutet Ihnen die Arbeit als Coach heute ?

Als Coach begleitet man einen Prozess, einen Aufbau von Leistung. Ich gebe einem Spieler Wissen weiter und er nutzt dieses für den sportlichen Erfolg. Der sportliche Aspekt geht mit der menschlichen Entwicklung einher - wenn ich als Coach diesen Prozess erfolgreich begleiten darf, bringt mir das große Befriedigung und wirkt wie eine Belohnung für die intensive Arbeit mit einem Spieler.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. & Madsen, Ø. (2008). Wir wollen Weltklasse sein. Leistungssport 38 (3), S. 13-16.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
www.philippka.de/front_content.php?idcat=85&r1=
www.leistungssport.net