"Als Trainer bin ich Teil der Gruppe und gehe den Weg mit meinen Athleten."

Ingo Steuer - Trainer des deutschen Eiskunstlaufpaares Aljona Savchenko/Robin Szolkowy

Ingo Steuer sammelte mit Mandy Wötzel von 1985 bis 1998 viele internationale Titel im Eiskunstlaufen und gehörte bereits in den 1980er Jahren zur Weltklasse der Paarläufer. Bereits vor dem Ende seiner aktiven Laufbahn begann er, als Trainer und Betreuer deutscher und internationaler Top-Eislaufpaare zu arbeiten. Wir trafen Ingo Steuer nach den Olympischen Winterspielen in Vancouver während der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften 2010 in Chemnitz.

ERFAHRUNGEN AUS DER PRAXIS UND THEORIE

Herr Steuer, Sie haben in wenigen Jahren eine beachtliche Trainer-Karriere hingelegt. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Eigentlich wollte ich ursprünglich gar nicht Trainer werden, denn bis 2004 bin ich noch mit Mandy Wötzel aktiv gelaufen. Aber bereits 2001 baten mich einige Eiskunstlaufpaare um Hilfe und so geriet ich mehr zufällig als geplant in die Trainerlaufbahn hinein.

Woher haben Sie Ihre sport- und trainingswissenschaftlichen Erkenntnisse?

Als Basis für mein Wissen dienen eine sehr intensive Ausbildung zum Eisläufer und meine aktive Laufbahn. Außerdem habe ich im Verlauf meiner Karriere Sport studiert (ohne Abschluss) und später mit den C-, B- und A-Lizenzen den üblichen Werdegang für Trainer durchlaufen.

Haben Ihnen die Ausbildungen neues Wissen vermitteln können?

Auf diese Frage zu antworten, fällt mir schwer, denn die meisten Inhalte der Trainerausbildung durch- und erlebt man als Leistungssportler in einer ganz besonderen Qualität. In diesem Punkt bin ich noch heute meinen früheren Trainern und deren kompetenter Anleitung zu Dank verpflichtet ...

PROFESSIONELLE EINSTELLUNG DER SPORTLTER

Warum kommen die Eisläufer in Ihre Trainingsgruppe?

Aljona und Robin und die anderen Paare sind hierher gekommen, weil sie mit mir arbeiten wollen und weil sie die Intensität und Qualität des Trainings schätzen. Für mich als Trainer ist es ein Geschenk, wenn man mit Juwelen wie Aljona und Robin arbeiten darf. Die Sportler wissen, dass sie sich finanziell in das Training einbringen müssen und dass wir hohe Ansprüche haben. Daher gehen sie mit einer anderen Einstellung zu Werke und sagen: "Ich investiere in gutes Training und ich will mich voll reinhängen!".

Müssen die Sportler "nach Ihrer Pfeife tanzen"?

Meine Sportler fasse ich nicht nur mit Samthandschuhen an. Alle wissen, dass sie meine Regeln beachten müssen und wer das nicht macht, darf gehen. Das hört sich vielleicht rigoros und hart an, aber als Trainer bin ich Teil der Gruppe und gehe den Weg mit meinen Athleten. Für mich ist diese Einstellung nötig, um mit dem Sport etwas zu erreichen, und das wirkt sich positiv auf die Leistungsentwicklung der Sportler aus.

ZUSAMMENARBEIT MIT INTERNATIONALEN EISLAUFPAAREN

Sie arbeiten mit internationalen Paaren. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Als Trainer hatte ich schon Engagements in Amerika und Kanada und habe gesehen, wie dort gearbeitet wird. Durch diese Kontakte hatten wir bis letztes Jahr noch ein kanadisches Paar in der Trainingsgruppe. Seit zwei Jahren trainiere ich mit drei Paaren aus unterschiedlichen Nationen, die ihren Standort in Chemnitz haben. Diese Kooperationen wurden mit Aljona und Robin abgesprochen, denn sie sind das Top-Paar und die Trainingspartner müssen zu ihnen passen.

Auf welche Nationalitäten fiel die Wahl und wie trainieren Sie mit ihnen?

Die Ukrainer hatten um Hilfe gebeten, und der Mann war vorher Aljonas Paarlaufpartner. Und dann haben wir noch ein Schweizer Paar, das bereits im Juniorenalter hierher kam. Jedes der Paare hat seine eigenen Trainingsstunden auf dem Eis, sodass jeder meine Arbeit zu 100 Prozent genießen kann. Untereinander gibt es ein freundschaftliches Miteinander, sonst hätten wir die Kooperationen auch nicht eingehen können.

AUFGABEN ALS CHOREOGRAPH UND TRAINER

Wer entwirft die Programme und die Choreographie für Ihr Paar?

Das mache alles ich. Ich entwerfe die Choreographie, suche die Musik aus und baue die Programme zusammen. Den Entwurf einer Kür erarbeite ich an meinem Laptop und dann wird sie gemeinsam mit den Läufern Schritt für Schritt auf dem Eis umgesetzt.

Hat es Vorteile, wenn Sie als Trainer und Choreograph aktiv sind?

In erster Linie bedeutet es, dass ich neben meiner Aufgabe als Trainer zusätzliche Arbeit habe. Allerdings hat man bei dieser Kombination von Aufgaben dann weniger Stress bei der Arbeit mit den Sportlern. Sie bekommen die Choreographie von mir und dann kann ich die Entwicklung des Programms als Trainer und Choreograph direkt beeinflussen.

Wie wirkt sich diese Aufgabenkombination in der täglichen Arbeit mit den Paaren aus?

Als Trainer und Choreograph kann ich sofort beides, die Läufer und das Programm, korrigieren - und das jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Ein "handelsüblicher" Choreograph, der eine oder zwei Stunden pro Woche oder einmal zu Beginn der Saison kommt, baut die Kür zusammen und ist dann weg. Ich dagegen kann jederzeit Einfluss nehmen und das ist sehr praktisch für unser Team. Nur für mich bedeutet es eine unheimlich hohe Belastung, mir ständig neue Kreationen einfallen zu lassen und die Umsetzung auf dem Eis zu perfektionieren.

ENTWICKLUNG VON CHOREOGRAPHIEN UND KÜREN

Lassen Sie uns über die Entwicklung einer Choreographie sprechen. Wo und wie entsteht sie?

Eine Choreographie entsteht im Kopf auf dem Eis, während die Musik läuft. Musik und Küren müssen an jedes einzelne Paar angepasst werden, denn z.B. könnten die Schweizer nie das Programm von Aljona und Robin zu deren Musik laufen.

Hm, dann fängt der Aufbau einer neuen Kür mit der Suche nach einer passenden Musik an. Wie finden Sie die Musik und welche Schritte folgen, bis die Kür steht?

Ideen für Küren sammle ich, indem ich Filme, Berichte und Dokumentationen anschaue. Sobald sich eine Idee konkretisiert, suche ich nach Musikrichtungen, die zu den Paaren, ihren Fähigkeiten und ihrem Laufstil passen. Im nächsten Schritt überlege ich mir, wie ich eine Musik für eine Kür schneiden kann. Dann kommt der erste Test in der Halle, denn im Büro klingt eine Musik ganz anders, und es ist immer so ein Lottospiel, wie es sich anhört. Im letzten und entscheidenden Schritt müssen die Sportler die Musik und die Ideen annehmen.

Und wie geht es weiter, wenn die Musik und die Ideen "akzeptabel" sind?

Mit Aljona und Robin habe ich das Glück, dass sie die Ideen, die ich ihnen erkläre und zeige, nahezu 100-prozentig umsetzen können. Es ist einfach fantastisch, wie sie meine Vorstellungen aufnehmen und auf dem Eis weiterentwickeln. Da sieht und merkt man, dass wir uns super ergänzen.

PREISRICHTER UND PROGRAMME

Welche Rolle spielen die Bewertungen der Preisrichter bei dem Aufbau eines Programms?

Die Bewertungen und die Punkte für die Elemente und die Verbindungen spielen eine große Rolle. Unsere Stärke sind die Verbindungen zwischen den einzelnen Elementen einer Kür und danach bauen wir auch unsere Programme auf. In diesem Bereich sind wir besser als die Konkurrenz, aber manchmal gelingt das eine oder andere Element nicht zu 100 Prozent, weil es aus vielen schwierigen Verbindungen heraus entsteht.

Wie handhaben Ihre Konkurrenten die Bestandteile ihrer Küren?

Bei anderen Paaren entstehen die Elemente nicht aus den Verbindungen, sondern sie reihen eher ein Element an das nächste. In dieser Beziehung sind wir der Konkurrenz läuferisch einen Schritt voraus, wobei in dieser Hinsicht vor allem die chinesischen Paare sehr viel von uns kopiert haben. Unsere Vorgehensweise entspricht auch mehr dem neuen Wertungssystem, wo die Betonung auf die Verbindungen gelegt wird. Aber leider - und da kommen wir wieder zu den Preisrichtern - wird die Bewertung im Eiskunstlaufen subjektiv vorgenommen und da stehen (noch) die Elemente im Vordergrund.

Wie schätzen Sie die Leistungsfähigkeit Ihres Top-Paares ein?

Wenn die Preisrichter von einer Leistung - wie z.B. bei der "Out-of-Africa"-Kür in Kanada - überzeugt sind, erreichen wir die Höchstnote 10, welche es vorher noch nie gab. Bei manchen Wettkämpfen haben wir mit bis zu 25 Punkten Abstand gewonnen. Nur gehen wir mit unserem Laufstil immer auch ein Risiko ein. Aber das Risiko gehen wir bewusst ein, weil die beiden in der Lage sind, wunderschöne und künstlerisch wertvolle Küren zu laufen.

Warum ist es wichtig, dass eine Kür von Anfang an gut läuft?

Heutzutage muss eine Kür schon im September rund laufen, weil die Qualifikationen für die Grand-Prix-Serie beginnen. Und dann gibt es noch die Preisrichter. Wenn sie zu Beginn der Saison einen schlechten Eindruck von einer Kür haben, bleibt die Bewertung so in den Köpfen haften.

EISLAUFTRAINING - FRÜHER UND HEUTE

Wie haben sich die Trainingsinhalte eines Saisonaufbaus mit der Zeit entwickelt?

Heutzutage trainieren wir weniger als früher. Zu meiner Zeit waren wir täglich 5 bis 6 Stunden auf dem Eis und haben zusätzlich Ballett- und Athletik-Training gemacht. Wir waren den ganzen Tag in der Eishalle und haben von früh bis abends trainiert. In den letzten Jahren geht die Tendenz zu weniger, aber qualitativ besserem Training. Am Vormittag machen wir einen Block hoch-konzentrierten Trainings, dann haben die Läufer Pause zum Regenerieren. Abends gehen wir noch einmal für die zweite Trainingseinheit aufs Eis.

Unterscheiden sich die eislaufspezifischen Inhalte von denen früherer Jahre?

Früher haben wir auch schon mal eine Stunde mit dem Training eines Sprungs verbracht oder eine Stunde ein spezielles Element geübt. Dieses spezifische Training hat sich aufgrund der Erfahrung der Läufer insgesamt verringert. Heutzutage arbeiten wir in kürzeren, intensiveren Blöcken und kombinieren die Elemente aus den Küren auf dem Eis.

Die Geräte in der Eishalle sehen nach Turnen aus.

Genau, geturnt haben wir auch, aber das haben wir lange nicht mehr gemacht. Ein Eiskunstläufer beherrscht jede Sportart, aber keine richtig (lacht). Wir haben viele Ausgleichsportarten betrieben, dazu gehören z.B. Schwimmen, Radfahren, Tennis, Turnen oder Disziplinen aus der Leichtathletik wie Hochsprung, Weitsprung, Kugelstoßen.
Vielfältige Bewegungserfahrungen sind eine Grundvoraussetzung für das Eislaufen und wir müssen den Körper bis ins kleinste Detail kennen(-lernen). Außerdem brauchen wir viel Mut, um uns kreativ auf dem Eis zu bewegen.

FAZIT UND NEUE ZIELE - OLYMPIA 2014

Wenn Sie ein Fazit der Zusammenarbeit ziehen sollten - wie würde dieses heute aussehen?

Wenn man bedenkt, dass wir 2003 bei Null angefangen haben und welche Entwicklung dieses Paar genommen hat, macht mich das schon stolz und zufrieden. Am Anfang haben wir in kleinen Schritten gedacht und geplant. Im ersten Schritt wollten wir besser werden als die anderen Paare in Deutschland. Mit den Erfolgen und der Erkenntnis, dass Aljona und Robin international ständig konkurrenzfähiger wurden, wuchsen die Ansprüche stetig. In Vancouver haben wir es nicht geschafft, weil wir Fehler gemacht haben, wo es vorher geklappt hatte.

Welche Konsequenzen ziehen Sie und Ihr Paar aus dem Gewinn der Bronze-Medaille?

Die Bronze-Medaille hat etwas Gutes, denn wir haben uns gemeinsam entschieden, noch vier Jahre bis zu den Olympischen Spielen 2014 in Sotchi zu laufen. Weil uns Gold verwehrt geblieben ist, haben wir Ehrgeiz entwickelt und wollen es noch einmal probieren. Auch wenn das ein sehr, sehr langer und harter Weg ist, haben wir uns nach der Bronze-Medaille sofort dafür entschieden.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2010). "Als Trainer bin ich Teil der Gruppe und gehe den Weg mit meinen Athleten." Leistungssport, 40 (3) S. 25-30.

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