"Fechten ist eine Kampfsportart, aber sie erfordert viel Kopfarbeit."

Vilmos Szabo
Bundestrainer Säbelfechten Herren des Deutschen Fechter-Bundes

Vilmos Szabo wuchs in Rumänien auf und war von 1977 bis 1997 als Säbelfechter aktiv. Als Fechter nahm er an drei Olympischen Spielen teil und absolvierte ein Sportstudium mit zweijähriger Spezialisierung im Fechten. Gemeinsam mit seiner Frau, der erfolgreichen Florett-Fechterin Reka Szabo, kam er 1993 nach Deutschland. Seither arbeitet er als Trainer beim TSV Bayer Dormagen und wurde 2008 Bundestrainer Säbelfechten Herren.

ENTWICKLUNG - VIDEOBEWEIS

Herr Szabo, Fechten spielt schon lange eine große Rolle in Ihrem Leben. Gab es seit Ihrer aktiven Zeit einschneidende Veränderungen im Säbelfechten?

Vor 15 oder 20 Jahren war Säbelfechten mehr Zirkus als Sport und mehrere Schiedsrichter mussten die Entscheidungen treffen. Damals gab es immer Diskussionen und fragwürdige Urteile. Aber seit der Einführung der elektrischen Anzeige zu den Olympischen Spielen 1988 ist viel mehr Bewegung in unsere Disziplin gekommen und die Treffer werden direkt angezeigt.

Gab es besondere Maßnahmen zur Verminderung von Fehlurteilen?

Fehler oder Fehlurteile wird es im Sport immer geben. Zur Verminderung dieser Probleme nutzen wir im Fechten seit zwei Jahren den Videobeweis. Dazu werden alle Gefechte auf internationalem Niveau gefilmt. Bei strittigen Situationen darf der Fechter während eines Gefechts den Videobeweis anfordern, den der Obmann dann durchführt. Diese Möglichkeit hat den Ablauf der Gefechte verändert. Manchmal fragt man sich als Beobachter: "Haben die denn keinen Fernseher zu Hause?", wenn die Überprüfung der Szenen länger dauert (Lachen).

AMBITIONEN - ZIELE

Mit welchen Ambitionen reisen Sie zu internationalen Turnieren?

Mit Nicolas Limbach (25 Jahre) haben wir momentan die Nr. 1 der Weltrangliste in unseren Reihen. Aufgrund seiner Erfolge im Weltcup besitzt er Chancen auf Medaillen bei großen Turnieren. Seine Leistungen machen uns stolz und geben Bestätigung für unsere Arbeit. Aber wir dürfen nicht stehen bleiben und möchten die Erfolge als Motivation für die anderen Fechter und die ganze Mannschaft nutzen.

Welche Ziele haben Sie mittelfristig für die Mannschaft der Säbelfechter?

Wir möchten mit der Mannschaft zu den Olympischen Spielen 2012 - das ist unser großes, mittelfristiges Ziel! Dort können acht Mannschaften teilnehmen und wir müssen uns gegen die schwierige Konkurrenz aus Europa durchsetzen. Mitte April 2011 beginnt die Qualifikation und sie wird ein Jahr dauern.

LEHRGÄNGE - KONZENTRATION UND TEAMBUILDING

Welche Vorteile haben Lehrgänge in einer Sportschule?

An den Stützpunkten kommen die Athleten meistens nur zum Training und gehen dann nach Hause. In einer Sportschule verbringen wir den ganzen Tag im Training miteinander und unternehmen neben den anstrengenden Einheiten noch andere Dinge - wie Golfspielen, Ins-Kino-Gehen oder ein Abendprogramm - gemeinsam. Das stärkt den Teamgeist und bringt eine gute Atmosphäre in unsere Trainingsgruppe.

Wie ist das Trainingsprogramm während der Lehrgänge strukturiert?

In der Vorbereitung versuchen wir eine gute Mischung zwischen intensivem Training und Regeneration zu finden. Bis letzte Woche hatten wir ein straffes Programm und ab dieser Woche machen wir mit Blick auf die WM weniger. Jetzt zum Ende wurde in einem Rhythmus von 2-1-2-1, d.h. von zwei Trainingseinheiten an einem Tag und einer am nächsten Tag, trainert. An den Tagen mit nur einem Training haben wir andere Dinge unternommen.

FECHTEN - KAMPF MIT KOPF

Warum ist die besagte Mischung wichtig?

Fechten ist eine Kampfsportart, aber sie erfordert viel Kopfarbeit. D.h., wir trainieren zwar sehr viel, aber bei einem ausgewogenen Training stimmt die Balance zwischen Ganz-kaputt-Machen und Frisch-Sein. Daher sind auch Pausen wichtig.

In welchem trainingswissenschaftlichen Bereich arbeiten Fechter?

Säbelfechter arbeiten hauptsächlich im Schnellkraft-Bereich. Während eines Gefechts muss ein Fechter viele explosionsartige Antritte vollziehen, sehr kurze Distanz überwinden und viele Richtungswechsel vollziehen. Diese schnellen Bewegungen und das Springen sind in unserer Disziplin wesentlich stärker ausgeprägt als im Degen und Florett, bei denen öfter gewartet und mit viel mehr Geduld gefochten wird.

Gibt es ein Anforderungsprofil für Säbelfechter?

Unsere Disziplin ist so komplex, dass wir kein klares Profil für Säbelfechter entwickeln können. Die Anforderungen beinhalten alles: physische, technische und psychische Bestandteile. Unsere Fechter haben individuelle Leistungsprofile und wir können etwaige Schwächen durch Stärken in anderen Bereichen kompensieren.

MASSNAHMEN IM TRAINING

Was bringen diese Lektionen in Bezug auf ein Turnier noch?

Mit den Lektionen können wir die Fechter auch auf ihre Gegner vorbereiten und spezielle Situationen üben, wo sie Schwierigkeiten haben. Außerdem nutzen wir die Lektionen zur individuellen Weiterentwicklung. Zwar weiß jeder ungefähr, was er zu verbessern hat, aber diese Dinge überprüfen wir in den Lektionen und manchmal auch mit Videoanalysen.

Welche Rolle spielen Videoanalysen für Ihre Arbeit?

Videoanalysen helfen uns und wir nehmen viele Gefechte auf. Nur haben wir während der Trainingslager nicht immer die Zeit, alles anzusehen und darüber zu reden. Wir bekommen auch Aufnahmen von allen Turnieren und können diese gezielt einsetzen. Alle diese Hilfsmittel sind gut, aber ich vertraue immer noch am meisten auf meinen eigenen Eindruck und mein Fecht-Gedächtnis.

FECHTGEDÄCHTNIS - GEGNERANALYSE

... was gibt dieses Gedächtnis her?

Darin ist fast alles gespeichert, was ich im Fechten als Aktiver und Trainer erlebt habe. Ich kann den Jungs noch Situationen von vor fünf Jahren erzählen, an die sie selbst sich kaum noch erinnern können. Wenn ich da bin und Gefechte ansehe, sehe ich die Dinge sofort und vergesse sie auch nicht ...

... das hört sich nach einem perfekten Fechter-Hirn an ...

... das muss so sein, das geht nicht anders! Wenn man so will, ist es Expertenwissen: Der Gegner weiß viel über dich und du musst viel über ihn wissen. Es gehört zur Vorbereitung, dass man sich mit seinem Gegner und dem Gefecht intensiv befasst. Das sind Informationen, die man im Kopf haben sollte und die man nicht alle aufschreiben kann.

Kennen Sie alle Gegner und wissen Ihre Athleten über die gesamte Konkurrenz Bescheid?

Jeden einzelnen Fechter kenne ich nicht, aber jedes Land richtet sich nach einer eigenen Schule und damit finden sich bei Fechtern aus dem selben Land immer ähnliche Ansätze. Die Russen, Franzosen und die Ungarn haben eine Art nationalen Stil. Zusätzlich kennen wir viele Gegner von klein auf, wenn sie in der Jugend schon internationaleTurniere gefochten haben.

TRAINER -AKZEPTANZ UND VERHALTEN

Sind Sie als Trainer eher streng oder arbeiten Sie auf freundschaftlicher Basis mit Ihren Athleten?

Wahrscheinlich liege ich irgendwo dazwischen. In meinem Job muss ich oft Stärke beweisen, mich durchsetzen und zugleich akzeptiert werden. Das betrifft nicht nur den Umgang mit den Fechtern, sondern alle meine Aufgaben als Bundestrainer. Insgesamt glaube ich, dass ich mit jungen Sportlern gut zurecht komme. Dabei kommt die Art und Weise auch auf die Situation an - manchmal ist Härte und Geradlinigkeit gefordert, andere Male braucht man andere Methoden.

Wie erreichen Sie Akzeptanz bei den Sportlern und in ihrem Umfeld?

Als Trainer wird man automatisch akzeptiert, wenn die Ergebnisse stimmen. Das bedeutet indirekt "was wir hier machen, ist gut" und ebnet den Weg. Viel wichtiger, als Stärke zu zeigen, ist, dass man sicher ist bei dem, was man sagt und tut. Trotzdem sollte man als Trainer die Dinge mit den Athleten absprechen. Sie haben oft eine Meinung, die sich von der des Trainers sehr unterscheiden kann. Allein diese Tatsache führt manchmal zu Diskussionen über unterschiedliche Möglichkeiten, bestimmte Ziele zu erreichen.

Das hört sich an, als hätten Sie eine ganz klare Vorstellung und ein Programm für Ihre Fechter.

Selbstverständlich haben wir für unsere Vorbereitung und das Training ein Programm und verfolgen unsere Ziele. Aber wenn ich merke, dass meine Sportler z.B. müde sind, dann lasse ich das Programm sein und wir machen andere Sachen. D.h., manchmal ist mein Programm sehr flexibel ...

LEISTUNGSDIAGNOSEN - MESSUNGEN

A propos Test: machen Sie mit Ihren Athleten Leistungsdiagnostiken?

Ja, Leistungsdiagnostiken haben wir gemacht, aber nur zur Information. Aber außer dass ich anhand der Daten erkennen kann, ob einer gut vorbereitet ist oder nicht, bringt mir das nichts. Meistens kann ich sehen, ob einer z.B. ein wenig schneller läuft als der andere. Fechten ist so komplex, dass Leistungsdiagnostiken uns mehr Zeit kosten, als dass sie viel helfen.

Haben Sie während Ihrer aktiven Zeit Erfahrungen mit solchen Messungen gemacht?

Als Fechter war ich physisch immer der Stärkste und konnte schnell laufen, so weit und hoch springen wie kein anderer. Aber dafür konnte ich mir nicht viel kaufen. Sicher hat ein körperlich gut trainierter Fechter einen Vorteil, aber gegen einen, der klüger fechtet, reichen die physischen Vorteile nicht.

WÜNSCHE UND ZIELE FÜRS FECHTEN

Säbelfechten ist eine interessante Sportart. Bekommen Sie entsprechende öffentliche und mediale Anerkennung?

Leider ist unsere Disziplin in den Medien fast nicht existent. Allerdings wurde während der Heim-EM im Juli 2010 in Leipzig über uns berichtet. Da bekamen wir durch einige Interviews und Artikel in der Zeitung ein wenig mehr mediale Präsenz. Das war gute Werbung für das Fechten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Fechtsports?

Im strukturellen Bereich, von Seiten des Verbandes, könnte das Fechten beim IOC und bei der Fédération Internationale d'Escrime (FIE) mehr Unterstützung gebrauchen. Außerdem wäre es schön und hilfreich, wenn z.B. ehemalige Top-Fechter sich ehrenamtlich für das Fechten auf nationalem und internationalem Niveau einbringen würden. Mit meinem Job als Bundestrainer, als Trainer in Dormagen und mit der Entwicklung meiner Säbelfechter bin ich, was die inhaltlichen Bereiche betrifft, ziemlich zufrieden. In diesem Bereich würde ich gerne weitere sportliche Erfolge mit meinen Fechtern feiern können und neue Generationen für das Fechten begeistern.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2010). "Fechten ist eine Kampfsportart, aber sie erfordert viel Kopfarbeit." Leistungssport, 40 (6), S. 51-54.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
www.philippka.de/front_content.php?idcat=85&r1=
www.leistungssport.net