"Wenn wir uns weiterhin in der Weltspitze bewegen wollen, müssen wir uns strukturell und finanziell moderner aufstellen !"

Christa Thiel, Vize-Präsidentin Leistungssport im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV)

AUFGABEN IM DOSB-LEISTUNGSSPORT

Frau Thiel, seit Dezember 2010 sind Sie Vize-Präsidentin Leistungssport im DOSB. Welche Themen wollen Sie vorrangig angehen?

Ganz allgemein möchte ich die Strukturen im Nachwuchsleistungssport zu verbessern helfen. Zum einen betrifft das die Eliteschulen des Sports, die wir brauchen, um jugendliche Leistungssportler in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Dieses Thema hat durch die G-8-Reformen an Wichtigkeit gewonnen. Zum anderen steht eine verbesserte Unterstützung bei der dualen Karriere für Leistungssportler auf der Agenda.

Und welche Themen wollen Sie strukturell verbessern?

Auf Seiten der Struktur möchten wir, d.h. der Präsidialausschuss Leistungssport, die Traineroffensive "Ohne Trainer keine Medaillen", die 2005 vom DOSB initiiert wurde, weiterbringen. Unsere Trainer und die Stützpunkte stellen die Basis für unseren Leistungssport und die Athleten dar und diese gilt es, an zukünftige Herausforderungen anzupassen.

Was sollen diese Maßnahmen für den Leistungssport bringen?

Im internationalen Vergleich verliert Deutschland zusehends an Boden. Wenn wir uns weiterhin in der Weltspitze bewegen wollen, müssen wir uns strukturell, finanziell und auf Seiten der Fördersystematik neu bzw. modern(er) aufstellen. Ich meine, wir müssen "eine Schippe drauflegen" und ich möchte mich dafür einsetzen.

SPORTLICHE ERFAHRUNGEN - STUDIUM

Bevor wir weiter über ihr ehrenamtliches Engagement reden, möchten wir über Ihre eigene sportliche Vergangenheit sprechen. Welche sportlichen Erfahrungen haben Sie gemacht?

Im Alter von 12, 13 Jahren habe ich mit Tennis angefangen. Es hat mir ausgesprochen viel Spaß gemacht und ich war auch ehrgeizig. Im Sommer bin ich gleich nach der Schule auf den Tennisplatz und habe mit 16, 17 Jahren jeden Tag mehrere Stunden gespielt und systematisch trainiert. Während des Studiums bin ich in allen Weihnachts- und Osterferien zum Skifahren gegangen. Auch diesen Sport habe ich mit Leidenschaft bis zum Ende des Studiums betrieben.

Was haben Sie studiert und wie verlief Ihr Einstieg ins Berufsleben?

Der erste Studiengang war die Juristerei, die habe ich mit dem 1. und 2. Staatsexamen in Mainz abgeschlossen. Danach habe ich, ebenfalls in Mainz, noch Volkswirtschaft studiert. Bis ich als junge Anwältin genügend Mandanten hatte und etabliert war, hat es einige Zeit gedauert. Damals hatten Anwältinnen noch Seltenheitswert, der Anteil lag bei gerade mal 7 Prozent.

Wie ging es mit Ihrer sportlichen Karriere weiter?

Durch meinen Mann bin ich zum Tanzen gekommen. Er war früher ein Latein- und Standard-Tänzer der Spitzenklasse und war auch als Trainer einige Zeit aktiv. Er hatte dann den Mut, mit einer (tänzerischen) Anfängerin wieder zu starten. Wir wurden (wegen seiner Leistung) auf Anhieb Hessen- und Süddeutscher Meister und waren bei der Deutschen Meisterschaft im Finale. Der Sport machte uns sehr viel Spaß, aber nach fünf Jahren haben wir es dann mit täglichem Training und Turnieren "gut sein lassen".

EHRENAMTLICHES ENGAGEMENT

Was passierte nach dem Ende Ihrer aktiven Sportkarriere?

Die Frauen-Vollversammlung im DOSB wählte mich 1998 zur Vorsitzenden des Bundesausschusses. Als Anwältin der Frauen habe ich fachliche und sachliche Themen in den Vordergrund gestellt. Bei meiner ersten Konferenz der Spitzenverbände haben wir z.B. hinterfragt, welche Verbände Frauen im Präsidium hatten und welche nicht. Das war damals so aktuell wie heute!

Im Lauf der Zeit haben Sie weitere Ehrenämter übernommen. Wie kamen Sie zu diesen Aufgaben?

Bald nach der Wahl zur Frauen-Vorsitzenden benannte mich der DSB für die World Anti Doping Agency (WADA), die 1999 eine Frau für ihr "Legal Committee" suchte. Bei dieser Aufgabe konnte eine gewisse juristische Kompetenz hilfreich sein, weshalb ich den Schritt wagte.

DEUTSCHER SCHWIMM-VERBAND - PRÄSIDENTIN

Beim Deutschen Schwimm-Verband wurden Sie auch zuerst in eine juristische Funktion berufen ...

Der DSV hatte 1999 eine Vakanz im Präsidium und der Präsident und der Generalsekretär des Verbandes fragten mich, ob ich Vizepräsidentin werden wollte. Im November 2000 wurde ich kommissarische Präsidentin und dann im März 2001 zur Nachfolgerin des zurückgetretenen Präsidenten gewählt.

Der DSV macht durch herausragende Erfolge und Kontroversen Schlagzeilen in der Öffentlichkeit ...

Ja, beim DSV ist immer etwas los. Gerne würde ich die Probleme gegen sportliche Erfolge eintauschen. Aber in einem Sportverband mit fünf Disziplinen und einem großen Reservoir an Breiten- und Leistungssportlern muss man vielfältigsten Interessen gerecht werden. Insofern bin ich stolz darauf, dass wir Krisen gemeinsam überwinden konnten und den Verband für die Zukunft aufstellen können.

KONTAKT ZUM LEISTUNGSSPORT

Haben Sie als Ehrenamtliche noch einen direkten Bezug zu "ihren Sportlern"?

Als ehemalige ambitionierte Sportlerin halte ich mich zumindest über die Ergebnisse der verschiedenen Sportarten auf dem Laufenden. Früher habe ich viele Wettkämpfe besucht und bin sogar in Trainingslagern aufgekreuzt. Diese Erfahrungen und das Wissen um den hohen Einsatz der Leistungssportler sind nach wie vor eine wichtige Grundlage für meine ehrenamtliche Arbeit. Daher freue ich mich auf jede Gelegenheit, "unsere Sportler" bei Training und Wettkämpfen erleben zu können. Da ich noch meine Anwaltskanzlei "pflegen" muss, ist leider die Zeit etwas begrenzt. Glücklicherweise haben die Sportler dafür Verständnis.

Wir wünschen Ihnen viel Elan, Energie und alles Gute für Ihre vielfältigen Ehrenämter!

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2012). "Wenn wir uns weiterhin in der Weltspitze bewegen wollen, müssen wir uns strukturell und finanziell moderner aufstellen !".
Leistungssport, 42 (1), Beilage S. 22-23.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
http://philippka.de/index.php?id=148
www.leistungssport.net