"Erfahrungen sind in unserem Sport wichtiger als ein noch so perfektes Training."

Thomas Huber
Extrem-Kletterer

Thomas Huber (43) bildet mit seinem jüngeren Bruder Alexander (41) die "HuberBuam". Zusammen gehören sie zur Weltspitze der Bergsteiger. Nachdem sie in der Jugend an Kletterwettkämpfen teilnahmen, haben sie sich in den letzten Jahrzehnten auf Kletter-Projekte spezialisiert, die sie in verschiedenen Disziplinen des Bergsteigens durchführen.

WERDEGANG DER HUBERBUAM

Herr Huber, wie sind Sie zum Klettersport gekommen und wie lief Ihre Entwicklung ?

Die Neugier fürs Klettern wurde bei meinem Bruder Alexander und mir durch unseren Vater geweckt. Er ist bis heute ein leidenschaftlicher Bergsteiger und mit ihm lernten wir den Sport in der Natur kennen. Es gab nichts anders als Klettern in unseren Köpfen und an jedem Fels haben wir Routen gesehen und wollten dort hochsteigen. Ich betone das deshalb, weil heute Klettern oft als Leistungssport - wie Radfahren, Laufen, Leichtathletik, Skifahren, etc. - angesehen wird.

Wie schätzen Sie Ihren Werdegang und die Erfolge rückblickend ein ?

Anfangs waren wir noch begeisterte Wettkampfkletterer, haben es aber relativ früh aufgehört, weil wir uns für Erstbegehungen begeistert und das Abenteuer gesucht haben. Über unsere Faszination und die Motivation für Bergtouren sind wir relativ schnell gut geworden. Dabei ist es uns gelungen, Sponsoren zu bekommen und das Klettern professionell zu betreiben.
Bei unseren Expeditionen erleben wir viele Dinge, wovon wir in unseren Vorträgen berichten können. Diese Erlebensqualität geht im Leistungssport total verloren, weil lediglich die reine Leistung zählt und andere Inhalte außer Acht gelassen werden. Unser Spitzensport hat weniger mit der höchsten körperlichen Leistungsfähigkeit zu tun als mit der Suche nach den absoluten Grenzen des Machbaren.

TRAINING UND VORBEREITUNG

Wenn man sich die Situation am Berg oder bei einer Expedition vor Augen hält, dann müssen die Teilnehmer extrem fit sein. Wie erreichen Sie die nötige Fitness ?

Grundsätzlich haben wir einen wirklich guten körperlichen Trainingszustand und bereiten uns speziell auf unsere Projekte vor. Aber die Leistungen in der Weltspitze des Bergsteigens resultieren zu einem großen Teil aus unseren Erfahrungen und dem Wissen vom Klettern.
Diese Erfahrungen sind in unserem Sport wichtiger - oder gar entscheidender - als ein noch so perfektes Training. Und irgendwie baut sich bei mir am Berg eine scheinbar unbegrenzte Kondition auf. Wahrscheinlich liegt es an der Motivation Berg, der Kraft des Berges, die mir soviel Energie verleiht, daß ich dort alles geben kann.

Wie sah die Vorbereitung zum Speed-Klettern für den Film "Am Limit" aus ?

Dieses Projekt führten wir an der 1000 m hohen Südwand des El Capitan (Yosemite-Valley, USA) durch. Wir wollten den bestehenden Speed-Rekord über die bekannteste Route, "The Nose", knacken.
Dafür habe ich intervallmässige Treppenläufe an einer Sprungschanze, (Kälbersteinschanze in Berchtesgaden) trainiert. Diese Art des Trainings spiegelt ungefähr das Belastungsprofil wider, das ich während der Route erlebt habe. Auch das war ein Erfahrungswert, den mir kein Trainer gesagt hat, sondern den ich bei der ersten Besteigung gesammelt hatte. Damals stellte ich meine Defizite fest und habe mir überlegt, wie ich diese mittels Training positiv beeinflussen kann.

EIGENHEITEN UND SELBSTÄNDIGKEIT

Was unterscheidet die HuberBuam von anderen Bergsteigern und warum sind Sie so erfolgreich ?

Unser Erfolg und die Anerkennung in der Öffentlichkeit beruht darauf, daß wir neue Wege gehen und immer wieder außergewöhnliche Projekte entwickeln. Als Extrembergsteiger nutzen wir unterschiedliche Disziplinen für unsere Touren und dokumentieren unsere Erfahrungen, so daß sogar ein Städter über das geschriebene Wort, bzw. über unsere Vorträge sie miterleben kann.

Sie hatten gesagt, daß bei Ihnen "eine gute Grundlage in der Jugend gelegt wurde". Können Sie diese Aussage näher beschreiben ?

In unserer Jugend haben wir die Trainingspläne der Kader-Trainer durchgeführt und Systemwand-Training gemacht. Alexander und ich haben dadurch einerseits die besagte gute Grundlage und andererseits ein wertvolles Hintergrundwissen für ein selbständiges, variables Training erhalten.
Wenn man so will, haben wir uns seither immer mehr verselbständigt - sei es mit dem Training als auch bei unseren Bergtouren. Mittlerweile baue ich das Training anders auf und setze meinen Erfahrungsschatzes zielgerichtet ein.

Haben sich Ihre Ziele, bzw. die Projekte im Laufe der Jahre verändert ?

Früher hatten wir mehr Sportkletterziele, aber unsere Ziele werden sich mehr auf große Wände verlagern. Alexander und ich wollen in jedem Bereich Spitzenleistungen bringen und wir suchen Bergtouren, die noch keiner gemacht hat und wo wir unsere Erfahrung ausspielen können. Wir werden auch in Zukunft neue Wege, neue Geschichten finden, die uns faszinieren...

... was ist das Neue an Ihren Bergtouren ?

Ein Beispiel war mein Projekt an den Drei Zinnen, das eine sehr große Ausdauer-Fähigkeit und einen Wechsel zwischen Klettern und Base-Jumping verlangte. Oder: Der Route Eternal Flame am Nameless Tower konnten wir die erste Rotpunktbegehung abringen - und das bei einem Schwierigkeitsgrad von 9+ auf über 6000 Meter!!

FITNESS ALS LEBENSVERSICHERUNG

Warum ist eine möglichst große Fitness entscheidend ?

Im Bergsteigen sind wir Grenzgänger, d.h. wir sind oft zwischen Leben und Tod unterwegs. Bei gefährlichen, komplizierten oder harten Routen reicht es nicht, top-trainiert zu sein - das ist lediglich die Grundvoraussetzung für Extremtouren. In diesem Bereich ist der mentale Faktor des Leistungsbergsteiger der wichtigste Parameter für Erfolg oder Niederlage.

Wie kann man sich mental auf Extremsituationen einstellen ?

Als Bergsteiger begeben wir uns oft in extreme Situationen und dafür habe ich einen Leitsatz: "In dem Moment, wo Du weißt, daß Du in einer lebensbedrohlichen Situation bist, bist Du sicher unterwegs". Gefährlich ist Bergsteigen in meinen Augen nur dann, wenn man glaubt, sich auf vermeintlich sicherem Terrain zu bewegen.

Gibt's beim Bergsteigen Routine ?

In der Routine liegt die größte Gefahr beim Klettern. Während man im Leistungssport ein Rennen oder einem Wettkampf verlieren kann, haben Fehler, mangelnde Sensibilität oder Routine bei uns gravierende oder gar fatale Konsequenzen. Im Bergsteigen könnte in manchen Projekten schon eine Unaufmerksamkeit den Tod bedeuten ! Diese Tatsache ist bedrohlich und deswegen hat unser Sport mehr mit Emotionen zu tun als mit trainingswissenschaftlichen Begleitungen.

ROUTEN UND "LEBENDE WÄNDE"

Legen Sie die Route an einem Berg schon vorher fest oder machen Sie das erst vor Ort ?

Bereits in der Vorbereitung zu Hause sammelt man Bilder aus Magazinen und dem Internet. Anhand dieser Bild überlegt man "wo könnte man durch, wo sind die Gefahren am besten zu kalkulieren?". Große Wände haben sehr viel mit Risikomanagement zu tun: Sie sind teilweise bis 3000 m hoch, haben ein Einzugsgebiet von Gletschern und Seracs (Gletscherabbrüche). Insofern gibt es viele Dinge, die man vor Ort erkunden und entscheiden muß.

Wozu brauchen Sie diese Informationen über eine Wand ?

Es gehört zum Projekt, daß wir die Tageszeit und den Ablauf unserer Route genau planen, um die Gefahren einer Wand zu umgehen. Manchmal muß man den ganzen Tag warten, um erst bei Nacht z.B. eine Traversierung in einer Gefahrenzone machen zu können. Um in gefährlichen Wänden überleben zu können, braucht man viel Erfahrung, ein großes Know-How und muß sehr schnell sein. Risikomanagement heißt für uns, daß wir eine Wand bis ins kleinste Detail im Vorfeld kennen lernen. Im Laufe der Vorbereitung wird eine Route immer mental präsenter.

Ist diese Art der Vorbereitung auch für schwierige Routen im Sportkletterbereich einsetzbar?

Im Sportklettern sind andere Faktoren für einen erfolgreichen Durchstieg entscheidend. Zuerst trainiere ich jeden einzelnen Kletterzug. In der zweiten Phase präge ich mir über die Visualisierung Zug um Zug einer Route ein. Wenn man dann jeden einzelnen Griff und jeden Schritt an der Wand von der Vorstellung in die Wirklichkeit physisch umsetzt und mental voll auf seine Aktionen fokussiert ist, klettert man im Hier-und-Jetzt - und das führt meist unweigerlich zum Erfolg!

PLÄDOYER FÜR BERGSTEIGEN

Was macht Bergsteigen so interessant ?

Bergsteigen ist die natürlichste Sportart, die es gibt und die Faszination hält ein Leben lang an. Der Mensch - jeder Junge und jedes Mädchen - erklimmt alle möglichen Objekte, seien es Bäume, Wände oder Felswände. Klettern ist in meinen Augen ein menschlicher Instinkt und gehört zu den ursprünglichsten Bewegungsformen des Menschen. Und daraus hat sich eine Sportart entwickelt, die einen großen Sprung nach vorne machen wird.

Ihr Plädoyer für Klettern klingt sehr überzeugend...

... Klettern ist eine unglaubliche Sportart, bei der man sich selber entdecken kann. Man lernt seine Stärken und Schwächen kennen, entwickelt eine "elementare Persönlichkeit", lernt Selbstvertrauen und hinterfragt sich als Wesen im Einklang mit der Natur.
Gerade in Umfeld der Natur erfährt man einerseits, wie schwach und zerbrechlich der Mensch in den übermächtigen Elementen sein kann. So spürt man an gewissen Tagen die erbarmungslose Gravitation der Erde. Andererseits gibt es Momente, in denen man die Leichtigkeit einer Feder am eigenen Körper erleben kann.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2010). "Erfahrungen sind in unserem Sport wichtiger als ein noch so perfektes Training." Leistungssport, 40 (3) S. 20-24.

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