"Die beiden Disziplinen sind vom Wesen, den Trainings, den Belastungen und den konditionellen Fähigkeiten komplett unterschiedlich."

Nordische Kombination
Hermann Weinbuch, Cheftrainer Herren

Hermann Weinbuch gehörte als Aktiver mit dem Gewinn von drei Weltmeistertiteln (1985 Einzel und Team, 1987 Team) und des Gesamt-Weltcups (1985/1986) zu der erfolgreichsten deutschen Wintersportlern. Danach absolvierte er das Diplom-Trainer-Studium an der DOSB-Trainerakademie in Köln und gehörte 1989 zu den ersten Absolventen. Seit 1996 arbeitet er als Bundestrainer und konnte mit Athleten wie Ronny Ackermann und Eric Frenzel an die Erfolge der Nordisch Kombinierten anknüpfen. Wir trafen Hermann Weinbuch und sein Trainer-Team beim Weltcup in Schonach und sprachen über seine Aufgaben als Cheftrainer im DSV.

BELASTUNGEN ALS CHEFTRAINER

Herr Weinbuch, Sie wollten Ihr Amt als Cheftrainer der Nordischen Kombinierer vor einiger Zeit niederlegen. Wie kam es dazu ?

Ja, ich wollte vorletztes Jahr aufhören. Zwar erfüllt mich mein Beruf, denn ich wollte immer Trainer werden und es macht mir Riesenspaß; aber die Ansprüche an einen Betreuer im modernen Leistungssport sind mit einem Familienleben nur schwer in Einklang zu bringen. Für die Aufgaben ist man sehr viel unterwegs und auf Dauer kostet es extrem viel Kraft, immer Leistung auf Top-Niveau zu bringen und die Verantwortung zu tragen.

Was bedeuten diese Erkenntnisse für Sie ?

Insgesamt bin ich schon lange, seit 1997, als Bundestrainer tätig. Das sind jetzt 16 Jahre und wenn ich noch bis zu den Olympischen Spielen Sotschi weitermache, 17 Jahre !! Das ist eine "brutal lange Zeit", um immer wieder Athleten in der Weltspitze zu bringen, mit ihr zu konkurrieren und Erfolge zu erreichen. Heutzutage merke ich, daß es mir oder der ganzen Familie gut tut, wenn mein Leben etwas ruhiger wäre.

ABSPRACHEN DER TRAINER - ATHLETEN

Wie erreichen Sie diese Abstimmung unter den Trainer-Experten ?

Grundsätzlich müssen wir als Trainer "die gleiche Sprache sprechen" und die gleiche Philosophie von einem Sprung, bzw. der Technik haben. Diese Aspekte werden in Vorhinein abgeglichen und ich nehme nur Leute ins Trainer-Team, die eine ähnliche Denkweise vom Springen haben. Während des Wettkampfs sind wir über Funk verbunden und tauschen uns zu jedem Sprung sofort aus. Da müssen alle alles mithören und überlegen, ob zusätzliche Informationen helfen. In dieser Situation gilt es, schnell und zielgerichtet zu arbeiten und den Athleten nach Bedarf zu unterstützen.

Gibt es neben Videoaufnahmen weitere Möglichkeiten der Beurteilung beim Skispringen.

Eine Möglichkeit ist das persönliche Auge und Erfahrung eines Skisprungexperten. Aus meiner Zeit und während der Trainerkarriere habe ich so viele Sprünge im Gedächtnis, daß ich jeden neuen Sprung mit den individuellen Fähigkeiten eines Springers und meinen Eindrücken abgleichen kann. Auf Seiten der Wissenschaft hilft uns das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT). Mit dem IAT haben die Skispringer ein Technik-Leitbild entwickelt, das eine Weltstandsanalyse mit den zehn besten Springer der Welt beinhaltet.

ATHLETEN - TYPEN

Wie würden Sie die Charaktere in den einzelnen Sportarten beschreiben ?

Bei den Skispringern gibt es z.B. viele, die risikobereiter sind, schnelle Autos lieben und nicht unbedingt jeden Tag 5 oder 6 Stunden trainieren (wollen). Sie leben von ihrer Spontaneität und auf bayerisch würde man ihre Einstellung zum Springen so beschreiben: "ich bin a verreckter Hund und hau mich jetzt da runter". Dagegen ist ein Langläufer vom Wesen her zielstrebig, fleissig, ruhig und beständig. D.h. von der physischen und vor allem der mentalen Seite sind die Einzelsportler, bzw. unsere Disziplinen konträr.

Wie ticken Ihre Athleten und was bedeutet das für die Betreuung ?

Meistens haben wir es in der Nordischen Kombination mit "Mischtypen" zu tun, die individuelle Tendenzen zeigen, sich aber nicht direkt einer Kategorie zuordnen lassen. Die Unterschiede fangen schon damit an, ob sie (mehr) vom Langlaufen oder Springen kommen oder sie beide Disziplinen verkörpern. Wenn man so will, gibt es (mindestens) drei verschiedene Typen und alle drei können in unserem Sport erfolgreich sein. Das macht die Arbeit mit den Athleten auch so interessant, da ihre Talente sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können...

STÄRKEN - SCHWÄCHEN - INDIVIDUELLE TRAININGSINHALTE

Wie gehen Sie mit den Stärken und Schwächen um ?

In der Nordischen Kombination gibt es viele Athleten mit einer größeren Schwäche, die immer ein leistungslimitierender Faktor sein wird. Aber wir versuchen eine Gratwanderung, indem wir die Schwächen verbessern (wollen), ihnen nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken.

Wonach wägen Sie die entsprechenden Trainingsinhalte ab ?

Wir müssen entscheiden, in welchem Bereich wir einen Athleten schneller und effektiver entwickeln für das ganze Jahr. Außerdem passen wir die Trainingsinhalte auf die individuellen Bedürfnisse - u.a. ihre Stärken und Schwächen - der Athleten an. Da jeder Einzelne anders belastbar ist, d.h. einen anderen Trainings- und psychischen Zustand hat, ist es sehr spannend, die Kombination von Trainingsinhalten effektiv zu steuern.

LEISTUNGSSPORT UND MEDIALE DARSTELLUNG

Sie schilderten die Freude an Ihrem Beruf, ein vertrauliches Verhältnis zu Ihren Trainer-Kollegen und eine gewisse Zurückhaltung als Cheftrainer. Was passiert, wenn die Erfolge ausbleiben und wie reagieren Medien ?

Um in der Weltspitze mithalten zu können, müssen wir unsere Arbeit stetig hinterfragen, immer neue Impulse setzen und uns - das betrifft alle, Athleten, Betreuer und Trainer - weiterentwickeln. In dem Prozess können die Ergebnisse auch mal hinter den Erwartungen zurückbleiben. In solchen Phasen ist die Öffentlichkeit schnell bei der Hand, kritisiert die Resultate und stellt die Leistungen des gesamten Teams in Frage. Da vermisse ich manchmal den Respekt für unsere intensive-komplexe Arbeit, die wir leisten.

Welche Reaktion würden Sie sich in der Situation wünschen ?

In meinen Augen urteilt man hier oft zu schnell und nicht kompetent genug. Diese Kritik bringt die Arbeit im Leistungssport in einen Zwiespalt: einerseits arbeiten wir an einer langfristigen Leistungsentwicklung, andererseits sollen wir schnell Erfolge produzieren. Ich wünsche mir, daß man den Athleten und Trainern mehr Vertrauen schenkt und zu hinter der Arbeit steht. So eine Haltung würde unsere Entwicklung stärken und weniger erfolgreiche Phasen überstehen helfen.

Vielen Dank für die informativen Gespräche. Wir wünschen Ihnen und Ihrem Team weiterhin viel Erfolg im Weltcup und auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Sotschi 2014 !!

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2013). "Die beiden Disziplinen sind vom Wesen, den Trainings, den Belastungen und den konditionellen Fähigkeiten komplett unterschiedlich." Leistungssport, 43 (2), S. 50-54.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
http://philippka.de/index.php?id=148
www.leistungssport.net