"Nicht ich habe den Mädels erklärt, was sie erreichen können, sie haben es selbst entschieden"

Hockey
Markus Weise, Bundestrainer Herren im DHB

Markus Weise arbeitet seit 1995 für den Deutschen Hockey-Bund. Er betreute verschiedene Nachwuchsteams des DHB und war Assistenztrainer von Bernhard Peters beim Herren-Weltmeister-Team von 2002. 2003 übernahm er die Damen und erreichte mit dem Olympiasieg 2004 seinen größten Erfolg als Trainer. Im November 2006 wurde er zum Bundestrainer der Herren berufen. Als Trainer konnte Markus Weise vielfältige Erfahrungen mit weiblichen und männlichen Teams aus unterschiedlichen Alters- und Leistungsklassen machen. Daher ist er prädestiniert für ein Gespräch über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Leistungssport.

KONKURRENZ UND TRAININGSUMFÄNGE IM VERGLEICH

Wir möchten über die Unterschiede zwischen Frauen und Männern im Hockey sprechen. Wie groß ist die Konkurrenz auf dem höchsten Leistungsniveau?

Bei den Hockey-Frauen haben wir eine sehr überschaubare Konkurrenzsituation. Zu meiner Zeit als Bundestrainer Frauen gab es lediglich etwa 25 Top-Spielerinnen. Dadurch kommen Frauen leichter in die Nationalmannschaft und bleiben auch länger im Team. Im Männer-Bereich ist die Konkurrenz viel, viel größer und der Druck ist höher.

Unterscheiden sich die Trainingsumfänge der Nationalmannschaften ?

Um international mithalten zu können, müssen Männer wie Frauen zweimal am Tag trainieren. Insofern sind die Trainingsumfänge gleich hoch. Statt an der Umfangsschraube weiter zu drehen, müssen wir die Qualität der Trainingsarbeit steigern. Unsere Hockey-Spieler sind keine Profis und müssen eine Ausbildung, sprich Studium oder Lehre, mit einem sehr umfangreichen Trainingsprogramm unter einen Hut bekommen.

Kommen wir zu den körperlichen Fähigkeiten, der Fitness. Wie fit sind die deutschen Hockeyspieler ?

Generell ist die Fitness im Hockey ein wichtiges Kriterium. Um international konkurrenzfähig zu sein, müssen die Spieler - Männer wie Frauen - super-fit sein, denn die Nationalmannschaften müssen z.T. gegen Profis antreten. Auf internationalem Niveau, gegen Mannschaften wie Australien, Korea oder die Niederlande, entscheidet die Fitness über den Ballbesitz, die Zweikampfbilanzen und die Spielanteile.

FRAUEN UND FITNESS

Sieht man Hockey-Frauen die Fitness an ?

Bei Frauen wird schnell geurteilt "die sieht ja total unfit aus". Aber wenn man vom weiblichen Aussehen auf die Fitness schließt, macht man schnell einen Fehler. Es gibt Spielerinnen, die eine nicht ganz optimale Verteilung des Körperfetts aufweisen - z.B. mehr Oberweite oder mehr Hüfte - aber wenn es um die Beine und die Laufarbeit geht, können sie ohne Ende laufen. Da verbietet es sich zu sagen "die ist unfit". Außerdem zeigen die Werte aus der Leistungsdiagnostik, daß auch solche Spielerinnen einen durchschnittlichen Fettwert von deutlich unter 20 Prozent aufweisen, obwohl man von außen betrachtet anderes vermuten würde.

Laufen und Ausdauer sind aber nur Teile der Fitness. Worauf kommt es noch an ?

Es kommt darauf an, welche Parameter man betrachtet. Im Leistungssport messen wir ja viele Dinge, die eine Aussage über die Fitness eines Athleten machen. Jedoch gibt es in Spielsportarten Faktoren der Fitness, die kaum messbar sind. Dazu gehören u.a. die Koordination, die Ballbehandlung bei hoher Geschwindigkeit oder die Spielauffassung. Entscheidend im Spielsport ist nicht die 30-m-Sprintzeit, sondern die Handlungsschnelligkeit des Spielers auf dem Feld.

Heißt das, dass man mangelnde Fitness kompensieren kann ?

Werte wie Fettgehalt oder Laktatwerte haben sicher für die Trainingssteuerung eine Bedeutung und daran kann ich als Trainer eine Leistungsentwicklung ablesen. Aber letzten Endes ist die Spielleistung das entscheidende Kriterium. Daher muß man als Trainer die ganzen Messwerte, Fitnessdaten und das Spielerische - bei Männern und Frauen - in die richtige Relation bringen.

TEAMBILDUNG BEI FRAUEN

Gibt es da Unterschiede bei der Teambildung bei Frauen und Männern ?

Die Frauen sind in der Zeit bis zu den Olympischen Spielen in Athen ein starkes Team geworden, weil sie gelernt haben, sich zu vertrauen. In der Vorbereitungszeit wusste jede Spielerin von der anderen "wenn ich gerade Training mache, dann trainieren meine Team-Kolleginnen auch". Das ist mit die beste Team-Bildungs-Maßnahme, die man überhaupt machen kann.

Verstehe ich Sie richtig - die Spielerinnen haben alleine trainiert und das soll der Teambildung helfen ?

Ja, die Spielerinnen hatten ihre Hausaufgaben und sollten zwischen den Lehrgängen alleine weitertrainieren. Wenn in einer Mannschaft alle mitziehen, dann entsteht ein tiefes Vertrauen und das ist eine der Grundsäulen für ein gutes Team. Diese Form des Vertrauens kann nicht im Klettergarten oder beim Zelten im Wald erreicht werden. Das war für mich eine Schlüsselerfahrung bei den Frauen.

Wie verliefen dann die Olympischen Spiele für die Frauen-Nationalmannschaft ?

In der Gruppen-Phase hatten wir unseren ersten Erfolg mit dem Sieg gegen Australien. Das war für die Mannschaft ein Aha-Erlebnis. Aber die nächsten Spiele gingen "in die Hose", sodass wir mit dem letzten Gruppenspiel Gruppen-Letzter oder - mit einem Sieg - Gruppen-Erster werden konnten. Und da hat sich gezeigt, dass die Frauen ein großes Grundvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit hatten - wir gewannen 3:2 gegen Korea und waren damit im Halbfinale.

D.h. die Mannschaft hat sich während des Turniers noch weiter entwickelt ?

Für mich als Trainer war es erstaunlich, wie sich diese Mannschaft entwickelt und welche Qualitäten sie an den Tag gelegt hat. Nach dem Erreichen des Halbfinales haben alle gesagt "da kann ja wirklich was laufen, jetzt wollen wir es wissen, was noch geht". Diese Qualität, dieser Wille ist im Turnier entstanden. Die Mannschaft hat mit viel Glück das Halbfinale im Sieben-Meter-Schießen gewonnen und im Finale die holländische Mannschaft geschlagen. Unser Team war mit dem Olympiasieg auf dem Höhepunkt der Leistungsfähigkeit und Teambildung angekommen.

TEAMBILDUNG BEI MÄNNERN

Wie verlief die Entwicklung beim Männer-Team bis zur WM 2002 in Malaysia ?

In zweierlei Hinsicht war das damalige Männer-Team eine Ausnahme-Mannschaft: Wir hatten eine Super-Mischung von herausragenden Hockeyspielern und Charakteren, die sich durch extrem harte Arbeit auszeichneten. Diese Mannschaft verlor von Anfang an kaum mal ein Spiel und bestand aus dem Grundgerüst der Mannschaft, die bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000 nur Fünfter wurde. Das Resultat war eine Enttäuschung und die Spieler wollten es unbedingt wieder gut machen. Die waren total motiviert und so sind sie bei der WM auch aufgetreten.

Funktioniert eine Mannschaft wie ein soziales Gefüge, wie eine Familie ?

Eine Mannschaft ist eine Gemeinschaft, bei der es immer Tendenzen von Auseinanderfallen bzw. Gruppenbildung gibt. Dessen sollte man sich als Trainer bewusst sein und die Spieler auf ein gemeinsames Ziel einschwören. Dieses Verbundenheits- oder Wir-Gefühl sollte die Basis für das Training und die Länderspiele sein. Zwar werden sich innerhalb eines Teams - bei Frauen und Männern - immer einzelne Grüppchen bilden, aber als Trainer kann man die Durchlässigkeit der Gruppen beeinflussen.

Autorin:
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle:
Pfaff, E. & Weise, M. (2008). Nicht ich habe den Mädels erklärt, was sie erreichen können, sie haben es selbst entschieden. Leistungssport 38 (1), S.36-39.

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