"Beim Hockey spielen die Grundlagenausdauer und die Regenerationsfähigkeit eine große Rolle."

Hockey
Markus Weise, Bundestrainer Herren

Während seiner Jugend und des BWL-Studiums spielte Markus Weise aktiv Hockey beim TSV Mannheim und machte die A-Trainer-Lizenz des Deutschen Hockey Bundes. Seit 1991 betreut er als Trainer verschiedene Damen- und Herren Mannschaften in der Bundesliga und beim Deutschen Hockey Bund (DHB). Als Cheftrainer zeichnet er für drei Olympiasiege mit der Damen- (2004) bzw. Herren-Mannschaft (2008, 2012) verantwortlich und gehört damit zu den erfolgreichsten Trainern Deutschlands. Wir trafen ihn beim Vorbereitungslehrgang auf die Champions-Trophy und sprachen über seine Erfahrungen als Trainer und den Neuaufbau eines Teams für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro.

OLYMPIA-TEAM - NEUAUFBAU

Herr Weise, im Sommer konnten Sie den zweiten Olympiasieg mit den Hockey-Herren feiern. Mit wie vielen Spielern gingen Sie in die olympische Saison und wie viele haben danach aufgehört?

Im Frühjahr 2012 sind wir mit 32 Spielern in die Vorbereitungen eingestiegen und davon wurden 18 - 16 Turnier- plus zwei Ersatzspieler - für die Olympischen Spiele nominiert. Nach diesem Olympiazyklus sind sechs Spieler aus der Nationalmannschaft zurückgetreten.

Dann stehen Sie - wie vor den Olympischen Spielen Peking 2008 und London 2012 - vor einem Neuaufbau. Wie gehen Sie damit um?

Dieser Situation eines Neuaufbaus begegnen wir immer nach großen Turnieren, denn das gleiche Team gibt es aus meiner Erfahrung kein zweites Mal. Da ich auf die Entscheidung eines Spielers, weiterzumachen oder aufzuhören, keinen Einfluss habe, verabschiede ich mich innerlich mit dem Schlusspfiff eines Turniers von meiner Mannschaft.

Ist es nicht frustrierend, wenn ein erfolgreiches Team nach einem Höhepunkt zerfällt?

Nein, denn einerseits bleiben der Nationalmannschaft viele gute Spieler erhalten und andererseits rücken ein paar interessante Athleten nach. Für mich als Coach und Trainer ist es eine große Herausforderung, ein neues Team zu entwickeln. In diesem Prozess muss man Fragen beantworten wie: "Was passiert mit denen, die dabei bleiben, was wollen sie noch, was wollen diejenigen, die dazukommen, kann man ein weiteres Mal die Teamdynamik im Erfolgssinne beeinflussen?". Das ist das Spannende an meiner Arbeit und ich weiß vorher nicht, was dabei herauskommt.

INTEGRATION DES NACHWUCHSES

Dieser Schritt vom Nachwuchs zu den aktiven Erwachsenen (Herren und Damen) gilt allgemein als schwierig. Warum schaffen ihn die Hockey-Spieler besser als andere Sportler?

Im Amateursport Hockey können die U21-Spieler auch immer Bundesliga spielen. Damit bieten wir unseren Spielern - anders als in anderen Profisportarten - Möglichkeiten, in der höchsten deutschen Liga Erfahrungen zu sammeln. Außerdem gibt es bei uns wenige Ausländer, weil Hockey in Deutschland keine Profi-Sportart und wenig Geld im System ist. Den Einfluss des Geldes sieht man z.B. in Holland. Dort können Hockeyspieler deutlich mehr Geld verdienen und dadurch ist die halbe Liga mit ausländischen Spielern besetzt.

Und in welche Richtung führt der deutsche Hockeyweg?

Bei uns geht die Tendenz dahin, und das finde ich clever, talentierte deutsche Spieler frühzeitig langfristig an den Verein zu binden. Zusätzlich zum Coaching versucht man, sich im Sinn einer Ausbildung oder eines Studium um eine berufliche Perspektive zu kümmern. Diese Möglichkeiten sind für unsere Spieler sehr interessant und dann spielt Geld eine geringere Rolle.

Was passiert mit Spielern, die kurz vor dem höchsten Niveau stehen, es aber noch nicht ganz in den A-Kader geschafft haben?

Spieler, die den direkten Sprung von der U21- in die A-Mannschaft nicht schaffen, binden wir weiter in unsere Maßnahmen wie Arbeitslehrgänge ein und unterstützen sie beim Aufbau ihrer Leistung durch Trainingspläne und die Teilnahmemöglichkeit beim dezentralen Stützpunkttraining. Sie werden eine gewisse Zeit im System belassen und müssen auf ihre Chance warten. Beispielsweise bekommen einige Jungs bei der diesjährigen Champions-Trophy in Melbourne (Australien) ihre Chance in der A-Mannschaft. Aber nach einer Weile entscheiden wir, ob sie weiter im System bleiben oder gehen müssen.

LEISTUNGSDIAGNOSTIK - TESTBATTERIE

Welche Rolle spielt das Thema Leistungsdiagnostik für die Auswahl Ihrer Spieler?

Wir machen eine relativ umfangreiche Leistungsdiagnostik, die in verschiedene Bereiche unterteilt wird.... Das ist die Kerngruppe, die unser Training in Abhängigkeit von der diagnostischen Datenlage und des Saisonverlaufs steuert. In den letzten Jahren lagen wir hier so gut wie 100-prozentig richtig, weil die Spieler in den Turnieren ihre beste Leistung abrufen konnten und praktisch verletzungsfrei blieben.

Was bringen Ihnen die Daten aus der Testbatterie?

Durch die Tests haben wir harte bzw. objektive Daten und wissen, wie fit die Spieler sind. Wenn die Spieler der Mannschaft im Schnitt beim Ausdauer-Feldstufentest an der 4-mmol-Laktatschwelle eine Leistung von 4,1 m/s bringen, weiß ich, dass die Mannschaft ihre Hausaufgaben gemacht hat und die Wahrscheinlichkeit steigt, ein Turnier gewinnen zu können. Diese Daten lassen einen Rückschluss über unsere Arbeit mit den Athleten zu und geben ein Signal über den Zustand der Spieler an die Mannschaft, sodass wird - was auch wichtig für die Psyche ist - auf die physischen Fähigkeiten bei einem Turnier absolut vertrauen können.

TRAINING AN STÜTZPUNKTEN

Wer betreut die Hockey-Spieler bei dem Spezialtraining an den Stützpunkten?

Die kleinen Trainingsgruppen arbeiten mit Top-Spezialisten, die in der Regel aus der Leichtathletik kommen. Ein qualitativ hochwertiges Sprint- und Krafttraining macht einen extrem großen Unterschied und darauf lege ich größten Wert. Theoretisch könnte ich auch einen Zettel ausfüllen, die Spieler in eine "Mukibude" schicken und dort den Zettel abarbeiten lassen. Aber so läuft es nicht, so erreicht man keine hohe Qualität!

Bringt die gezielte Betreuung der Spieler an den Stützpunkten weitere Vorteile?

Jeder Stützpunkttrainer kennt die individuellen Trainingspläne, reagiert aber auch situativ. Wenn nötig, passt er den Plan individuell an oder gibt der ganzen Gruppe Aufgaben, die der aktuellen Vorbelastung oder dem Zustand der Spieler entsprechen. D.h., neben Technikkorrekturen beachten die Spezialisten den Gesamtbelastungszustand und sprechen die Trainingsinhalte mit den Sportlern ab.

VERTRAUEN - MOTIVATION

Der Ansatz des Kleingruppentrainings hat einen besonderen Reiz, eine Mischung aus Gruppen- und individellem Training ...

... und es ist wichtig für die Spieler, weil wir damit Vertrauen aufbauen. In der Mannschaft muss für jeden einzelnen Spieler klar sein: "Wenn du heute morgen zum Stützpunkttraining gehst, dann trainieren alle anderen auch". Diese Art von Kleingruppentraining ist ein wichtiger Baustein für einen Mannschaftssport, der eine Mischung aus gegenseitiger Verpflichtung der Spieler, Vertrauen untereinander und Motivation bewirkt.

Sie sprechen über Vertrauen und Motivation der Spieler. Wie gehen Sie mit ihnen als Coach um?

Für einen Coach ist es eine Kernaufgabe, einen Zugang zu den Spielern finden. Der kann bei jedem Spieler anders sein, d.h., es geht schon los, wie man eine Person anspricht. In meiner Funktion gebe ich viele Dinge vor, aber auf dem Feld müssen die Spieler selbst entscheiden und Verantwortung tragen. Ich bin jedoch auch am Input der Spieler interessiert, denn ich betrachte unsere Zusammenarbeit nicht als Einbahnstraße, sondern eher als hockeysportliche Auseinandersetzung zwischen Trainer(n) und Spielern.

ZUSAMMENARBEIT - UMGANG MIT SPIELERN

Was verstehen Sie unter "hockeysportlicher Auseinandersetzung"?

Der Trainerstab hat nicht das alleinige Wissen oder einen Dominanzanspruch nach dem Motto: "Wir geben die Richtung vor und die Spieler müssen marschieren". Nein, wir betrachten die Spieler als Experten, fordern sie zum Mitarbeiten und Mitdenken auf und integrieren sie in den Entwicklungsprozess. Schließlich müssen die Spieler Entscheidungen auf dem Spielfeld selbst treffen und bekommen auch die Freiräume dafür.

Können die Spieler frei von der Leber weg spielen oder gibt es Regeln bzw. eine Spielstruktur?

Es gibt das Spielsystem mit taktische Ansagen, bestimmte Handlungsprinzipien und die Spielsituation als "Grenzen" des Handlungsspielraumes. Die Spieler sollen den Handlungsspielraum für eigene Entscheidungen nutzen, die manchmal auch gegen die Prinzipien und Ansagen verstoßen können, wenn die Spieler einen guten Grund haben.

KOMMUNIKATION - WERTE

Ich habe den Eindruck, dass Sie eine besondere Kommunikation mit Ihren Spielern hegen. Wie kommt es dazu?

In der Nationalmannschaft arbeiten wir mit einer Grundphilosophie, bei der der Umgang mit Werten eine besondere Rolle spielt. Diese Werte vermitteln wir den Spielern und sie werden in der Mannschaft gelebt. Das führt dazu, dass sich unsere spielerischen, taktischen und konditionellen Wettbewerbsvorteile eher umsetzen lassen oder wirkungsvoll werden.

Was bringt die Vermittlung von Werten für die Hockeymannschaft?

Durch die Wertevermittlung erreichen wir alle - vom einzelnen Spieler über die Mannschaft bis zu dem gesamten Konstrukt der Nationalmannschaft. In einem schleichenden Prozess regen wir u.a. die mentale Stabilität und die Teamdynamik an. Letztlich ist das Ziel aller unserer Maßnahmen, die Mannschaft und ihre Teamdynamik so zu stimulieren, dass das Team zu einer Einheit zusammenwächst. Wenn das gelingt, kann die Mannschaft als Einheit alle Widerstände überwinden. Das haben wir bei den Olympischen Turnieren erlebt.

Danke für die Einblicke in Ihre erfolgreiche Arbeit. Wir wünschen Ihnen ein gutes Händchen beim Aufbau der Herren-Nationalmannschaft für die nächsten Olympischen Spiele!

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2013). "Beim Hockey spielen die Grundlagenausdauer und die Regenerationsfähigkeit eine große Rolle." Leistungssport, 43 (1), S. 74-78.

www.dosb.de/de/leistungssport/publikationen/zeitschrift-leistungssport/
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