"Nicht alle theoretischen Erkenntnisse lassen sich 1-zu-1 auf die Praxis des Kampfsports übertragen."

Frank Wieneke
Wissenschaftlicher Referent an der Trainer-Akademie des DOSB in Köln

Frank Wieneke ist seit 37 Jahren im Judo als Leistungssportler, Bundestrainer und seit 1. Januar 2009 als wissenschaftlicher Referent an der Trainerakademie in Köln aktiv. Wir trafen ihn an seinem neuen Arbeitsplatz und unterhielten uns über seine Erfahrungen aus der Sport-Praxis und über die Sportwissenschaft.

SPORTLICHER LEBENSLAUF - PRAXIS UND THEORIE

Herr Wieneke, Ihr Lebenslauf wurde bisher von sportlichen Inhalten bestimmt. Wie hat sich dieser Weg ergeben?

Meine Leidenschaft für Judo fing schon im Alter von 8 Jahren an und sie hat sich während meiner Jugend immer weiter verstärkt und mich als Person geprägt. Nach dem Abitur hatte ich ein Vermessungsingenieur-Studium (Geodesie) in Hannover begonnen. Aber nach dem Olympia-Sieg 1984 habe ich erkannt, dass ich auch beruflich einen sportlichen Weg einschlagen will und habe ein Sport-Studium an der Deutschen Sporthochschule in Köln begonnen.

D.h., während Ihrer aktiven Laufbahn haben Sie ein Sport-Studium absolviert. Welche Erkenntnisse haben Sie dabei gesammelt?

Durch das Studium konnte ich meine persönlichen Erfahrungen aus der Praxis überprüfen. Die praktischen Inhalte des Sport-Studiums haben mir einerseits neue Impulse für mein Training und die Wettkämpfe gegeben. Andererseits habe ich bei der Arbeit im Schulsport festgestellt, dass mein Anspruch und meine Ziele als Trainer eher im Leistungssport liegen.

Zusätzlich zu Ihrem Sport-Studium begannen Sie die Ausbildung bei der Trainer-Akademie. Warum haben Sie diesen Weg gewählt?

In meinen Augen reicht der Abschluss als Diplom-Sportlehrer nicht, um als Trainer im Leistungssport zu arbeiten. Daher entschloss ich mich, mein allgemeines sportwissenschaftliches Wissen zu erweitern und ein 1,5-jähriges Direkt-Studium an der Trainer-Akademie zu absolvieren. Die Ausbildung zum Diplom-Trainer ist die höchste Ausbildung im deutschen Sport und damit stehen den Absolventen alle beruflichen Möglichkeiten im Trainerwesen offen.

AUSBILDUNG AN DER TRAINERAKADEMIE

Welche Bedeutung hat dieser Ausbildungsgang für Sie?

Für mich war der Besuch der Trainer-Akademie nicht nur eine theoretische Weiterqualifizierung, sondern eine menschliche Bereicherung. An der Trainer-Akademie trifft man viele interessante Leute (ehemalige Aktive und Trainer) aus anderen Sportarten und kann sich mit ihnen austauschen.

Wie schätzen Sie Ihre persönlichen Erfahrungen in Bezug auf die Erkenntnisse aus Ihren Ausbildungen ein?

In der Rückschau habe ich für mich selbst ein individuell-passgenaues und judo-spezifisches Training entwickelt, meine Grenzen als Sportler kennengelernt und viele praktische Erfahrungen gesammelt. Auf der Basis meines praktischen Wissens habe ich die Ausbildungen absolviert und musste den Wissenschaftlern teilweise widersprechen. Denn nicht alle theoretischen Erkenntnisse lassen sich 1-zu-1 auf die Praxis des Kampfsports übertragen, erst recht nicht, wenn sie nicht sportartspezifisch einsetzbar sind.

WICHTIGKEIT DER WISSENSCHAFT FÜR DIE PRAXIS

War Ihre wissenschaftliche Ausbildung dann "für die Katz"?

Nein, beide Bereiche sind wichtig! Wenn man als moderner Trainer im Leistungssport erfolgreich arbeiten will, sollte man unbedingt das neueste wissenschaftliche Know-how in die praktische Arbeit mit den Athleten einfließen lassen können. Außerdem hat die Wissenschaft mich dabei unterstützt, meine eigenen Erfahrungen zu reflektieren und die richtige Mischung für die Arbeit als Trainer zu finden.

Welche Erkenntnisse aus der Wissenschaft sind für Sie einsetz- oder nutzbar?

Auch wenn ich als Praktiker der Theorie teilweise kritisch gegenüber stehe, so waren und sind viele trainingswissenschaftliche Aspekte für meine Arbeit als Trainer und heute als Referent sehr nützlich. Beispielsweise hat die Wissenschaft mir klar gemacht, welche kinematischen und hormonellen Verschiebungen z.B. der Muskelkater bewirkt - es dauert über eine Woche, um das physiologische Gleichgewichtsmilieu wiederherzustellen. Ein Trainer sollte daher die letzten beiden Wochen vor einem großen Wettkampf so gestalten, dass das Training Spaß macht, die Athleten Energie aufbauen und auf keinen Fall Muskelkater produziert wird.

ARBEIT UND ZIELE ALS TRAINER

Sie haben von Ihrem Anspruch gesprochen. Welche Ziele hatten Sie als Trainer?

Als Trainer hatte ich immer den Wunsch oder das Ziel, an einem Olympia-Sieg als Heimtrainer mitzuarbeiten. Insofern entsprach die Zielvereinbarung des DOSB mit seinen erfolgsorientierten Vorgaben meinen Vorstellungen und ich empfand die Ziele als Herausforderung.

Während Ihrer Zeit als Bundestrainer konnten Sie viele Erfolge Ihrer Athleten feiern. Welche Erfahrungen haben Sie in dieser Zeit gemacht?

Je länger ich Trainer war, desto mehr habe ich gemerkt, welche Rolle die Individualität des Menschen in der Betreuungsarbeit spielt. Sich als Trainer auf jeden einzelnen Athleten einzustellen, ist nicht einfach und erfordert einen persönlichen und intensiven Einsatz.

TRAININGSAUFBAU UND - INHALTE

Wie sieht das allgemeine und spezifische Judo-Training in Bezug auf die athletische Ausbildung aus?

Für einen erfolgreichen Judoka gehört ein Ausdauer-Training grundsätzlich in den klassischen Trainingsaufbau. Ein modernes Training verbindet die Grundlagenausdauer mit einem speziell auf die Sportart abgestimmten Intervalltraining. Denn einerseits erfordern die Wettkämpfe mit mehreren Runden ein gehöriges Maß an Ausdauer, andererseits verbessert sich damit die Regenerations- und Konzentrationsfähigkeit eines Judokas.

Welche Rolle spielt Krafttraining für die Kampfsportart Judo?

Krafttraining ist ein wichtiger Bestandteil unseres Trainings. Aber man muss unterscheiden zwischen einem auf Judo abgestimmten Krafttraining und einem, das ein Gewichtheber oder ein Leichtathlet durchführt.

Warum legen Sie so viel Wert auf Krafttraining?

Krafttraining sehe ich in zweierlei Hinsicht: zum einen soll es die allgemeine Kraft verbessern, um den gesamten Trainingsumfang eines Judoka besser tolerabel zu machen, zum anderen dient Krafttraining der Verletzungsprophylaxe. Wer heutzutage kein Krafttraining in die Trainingsplanung integriert, lässt jede Menge Leistungspotenzial brach liegen.

GEWICHTMACHEN IM JUDO

Wie funktioniert sinnvolles "Gewichtmachen" aus Ihrer Sicht?

Dazu gibt es eine Regel: "Fett verbrennen im Feuer von Kohlenhydraten", soll heißen, eine Nulldiät ist im Leistungssport nicht angebracht. Ein Leistungssportler kann pro Woche ca. 1 bis maximal 1,5 kg Körperfett abnehmen. Das bedeutet, dass er 7.000-10.500 kcal einsparen muss. Es erfordert große Disziplin, gleichzeitig abzunehmen und gezielt zu trainieren. In der Realität werden die letzten 2-3 kg Gewicht über Flüssigkeitsverlust abgenommen. Erfahrene Sportler rechnen zurück und reduzieren ihre Energiezufuhr bereits 2-3 Wochen vor dem Wettkampf.

Warum ist es wichtig, das "Gewichtmachen" physiologisch sinnvoll vorzunehmen?

Die meisten Judokas haben durch das Aufbau-Training ein höheres Gewicht und müssen abnehmen, um in ihrer Gewichtsklasse starten zu können. Dabei kann es jedoch zu einem Substanzverlust kommen oder es besteht die Gefahr einer Dehydratisierung (Entwässerung). In beiden Fällen büßt der Athlet Leistungsfähigkeit ein, die er sich in wochen- und monatelangem Training aufgebaut hat. Außerdem bedeuten andauernde Gewichtsschwankungen physiologischen und psychischen Stress für den Athleten.

ROLLE DER GEWICHTSKLASSEN

Kann ein Athlet nicht einfach mit dem Gewicht starten, das er im Training hat?

Eine Gewichtsklasse betrifft nicht nur das eigene Körpergewicht, sondern auch das des Gegners. Im Laufe der Jahre pendeln sich die Athleten in ihrer Gewichtsklasse ein, die auch von der Größe und Muskelbeschaffenheit des Athleten abhängig sind. Wenn der Trainer allerdings merkt, dass die Trainings- und Wettkampfleistungen aufgrund der Gewichtsschwankungen nicht mehr übereinstimmen, sollte die Gewichtsklasse gewechselt werden. Bis sich ein Judoka in der höheren Klasse eingewöhnt hat, dauert es jedoch ca. 1-2 Jahre.

Welche Aspekte machen - neben dem tatsächlichen Gewicht - den Unterschied zwischen den Klassen aus?

In den verschiedenen Gewichtsklassen werden unterschiedliche Techniken angewendet und das Körpergefühl ist ein anderes. Schließlich macht es einen Unterschied, ob man z.B. mit einem Gegner bis 60 kg einen Wurf ausführt oder in der Klasse bis 100 kg kämpft.

TRAINING IN ASIEN

Können Sie die Unterschiede genauer beschreiben?

In Asien, z.B. Japan oder Korea, kommen rund 100 Judokas zum Training, während wir in Deutschland mit einer wesentlich überschaubareren Anzahl von Athleten trainieren - wir kommen auf 15 bis 30 Athleten pro Trainingseinheit, die sich auf sieben Gewichtsklassen verteilen.
In Deutschland führen wir Trainingseinheiten von 1,5 bis maximal 2 Stunden Dauer durch. Begründet werden diese kürzeren Einheiten damit, dass die Koordination und die Technik nachlassen und/oder dass der Sportler sich verletzen könnte. Dagegen sind die japanischen Judokas grundsätzlich mindestens 2,5 Stunden in der Halle, es kann aber auch passieren, dass in Japan 3 bis 4 Stunden am Stück trainiert wird.

Wie kommt man als Athlet mit dieser Situation zurecht?

Als deutscher Judoka steckt man so in seinem Trainingstrott, dass man in Japan schon eine Art Kulturschock erlebt. Am Anfang habe ich gedacht "2,5 oder mehr Stunden Training - das geht ja gar nicht, das halte ich ja nicht durch". Als erstes fährt man die Intensität zurück, um die Anzahl der Stunden durchzuhalten. Nach ca. 1,5 bis 2 Stunden setzt dann eine Phase ein, wo man sagt "mir ist alles egal, ich trainier' jetzt einfach".

Welche Auswirkungen hat diese Art von Training auf die Athleten?

Aufgrund dieser Trainingsstruktur verkörpern die Japaner auch eine andere Art von Judoka. Sie sehen nicht so athletisch aus wie z.B. deutsche Athleten, aber ihre Technik ist brilliant. Auf der Grundlage ihres Trainings eignen sie sich einen kräftesparenden Kampfstil an, denn sie lernen - nachdem die Kraft verbraucht ist - mit einer ökonomischen Technik zu gewinnen.

Autorin
Eva Pfaff, mail: eva-pfaff@web.de

Quelle
Pfaff, E. (2009). "Nicht alle theoretischen Erkenntnisse lassen sich 1-zu-1 auf die Praxis des Kampfsports übertragen." Leistungssport, 39 (6) S. 53-57.

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